Wo ist Anja?

von ruawei
GeschichteDrama, Romanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
06.05.2019
06.06.2019
13
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Diesmal gehts um Anja - obwohl sie gar nicht da ist!
Viel Spaß beim Lesen, Reviews sind wie immer willkommen!

ruawei


"Guten Morgen!", schmetterte Polizeiobermeister Reimund Girwidz und betrat polternd das Wolfratshauser Polizeirevier. Er blieb vor dem Fenster am Empfang stehen, hinter dem Polizeimeisterin Rebecca Jungblut saß und bereits eifrig den PC bediente, "ich muss sofort Frau Kaiser sprechen. Es geht um meine Personalakte. Ich möchte noch einmal über diese Beurteilung ...!"  -  "Die Polizeirätin hat angerufen, sie verspätet sich heute etwas", unterbrach ihn seine junge Kollegin. "So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben. Da war der Chef immer als Erster da", ärgerte sich Girwidz. Zu meiner Zeit, dachte er dann wehmütig, war er doch selbst bis vor einiger Zeit Polizeirat und Leiter dieses Reviers, aber nach einer aus dem Ruder gelaufenen Ermittlung mit anschließender Trunkenheitsfahrt waren ihm sein goldener Stern aberkannt, er zu einem gewöhnlichen Streifenpolizisten degradiert und ihm auch noch diese Schnepfe, diese Sabine Kaiser, als neue Reviervorsteherin vor die Nase gesetzt worden.  "Aua ...! Mensch, Riedl!", schrie Girwidz dann aus vollem Hals und rieb sich sein schmerzendes Hinterteil. "Guten Morg ...!" Polizeimeister Martin Riedl hatte eilig die Eingangstür geöffnet und diese Girwidz, der dahinter stand, immer noch seelische Wunden leckend, in den Rücken gestoßen. "Ja, wenn Sie jetzt auch immer so früh kommen neuerdings. Als Chef war´n Sie immer der Letzte am Morgen!", verteidigte sich Riedl. "Ist die Kaiser noch gar ned da, weil ihr Auto ned auf dem Parkplatz steht?" fragte er dann die Polizistin erleichtert und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der fiese Gegenwind hatte ihm auf dem Weg mit dem Fahrrad schwer zu schaffen gemacht und drum hatte er sich verspätet. Rebecca sah ihn freundlich an und schüttelte den Kopf.
Die Türe ging wieder auf. "Morgen!" brummte Polizeiobermeister Franz Hubert, ging an den immer noch diskutierenden Riedl und Girwidz vorbei, linste vorsichtig um die Ecke und erblickte dann die offen stehende Türe vom Büro der Revierleiterin. "Is die Kaiser no ned da?", fragte er neugierig, froh, noch vor der Chefin das Revier betreten und damit eine erste Strafpredigt an diesem Tag umgangen zu haben. "Die Frau Polizeirätin verspätet sich!", informierte ihn sein ehemaliger Vorgesetzter und neuer Streifenkollege Girwidz, und die Häme war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Hubert stiefelte schulterzuckend weiter in ihr Büro und ließ sich schwerfällig auf seinem Stuhl nieder. Er starrte aus dem Fenster und seine Gedanken kreisten um den gestrigen Tag, und unweigerlich um seine Ex-Frau Anja Licht.
Ihre Scheidung lag schon Jahre zurück, aber er war nie wirklich darüber hinweggekommen. Sie war und blieb die Liebe seines Lebens. Trotzdem hatte er das Auseinanderbrechen ihrer anfangs so glücklichen Ehe nicht verhindert und er wusste, dass er mit seinem häufigen Gegrantel einen guten Teil dazu beigetragen hatte. Wenn sie sich nach der Trennung trafen - was ziemlich oft vorkam, da Anja als Pathologin in der hiesigen Klinik zwangsläufig eng mit der Polizei zusammenarbeiten musste - hatten sie sich öfters nach kurzer Zeit gestritten, meist nur wegen Kleinigkeiten. Warum eigentlich? Vielleicht weil keiner zeigen wollte, dass er immer noch Gefühle für den anderen hegte, weil keiner zugeben wollte, dass sie mit der Scheidung einen Riesenfehler begangen hatten? Zumindest er konnte das von sich sagen. Und auch Anja schien ähnlich zu empfinden. Immerhin hatte sie ihn jedes Jahr zu seinem Geburtstag mit einem kleinen Geschenk überrascht, einem selbstgebackenen Kuchen, einer guten Flasche Wein etc., - die sie dann sogar meist zusammen geleert hatten. Anja war nach der Scheidung wieder Beziehungen mit anderen Männern eingegangen, während er solo blieb - und sich darauf beschränkte, Anjas neue Partner insgeheim mit Verwünschungen zu überhäufen. Vor allem dieser Arzt-Schnösel Ranzinger, Anjas Kollege aus der Wolfratshauser Klinik, war ihm ein besonderer Dorn im Auge gewesen. Glücklicherweise waren ihre neuen Liebschaften aber nie von allzu langer Dauer. Und auch ihre letzte Liaison endete schnell und tragisch, da ihr damaliger Freund, Ferdinand Rauchschwarz, hier in Wolfratshausen ermordet wurde und Anja sogar in den Kreis der Verdächtigen geriet. Hubert war mit der Aufklärung des Falls betraut - und setzte alles dran, ihre Unschuld zu beweisen. Während der Ermittlungen kamen sich die beiden Geschiedenen wieder näher. Doch nachdem der Mörder überführt war und Hubsi, wie ihn seine Ex-Frau immer noch nannte, sich schon Hoffnungen auf ein Wiederaufleben ihrer Beziehung gemacht hatte, hatte Anja ihm mitgeteilt, dass sie Wolfratshausen verlassen würde, um nach der ganzen seelischen Belastung durch den Mord und als Mordverdächtige irgendwo anders einen Neubeginn zu starten. Er hatte sie gehen lassen, wie damals bei der Scheidung, ohne wirklich um sie zu kämpfen - und fiel danach in ein tiefes Loch. Das war vor knapp neun Monaten.
Und gestern war wieder sein Geburtstag, und diesmal hatte Anja nichts von sich hören lassen. Hubert seufzte tief. Außer Riedl, der ihn herzlich beglückwünscht hatte, hatte keiner seiner Arbeitskollegen an seinen Ehrentag gedacht. Frustriert war er nach Dienstschluss ins Café von Barbara Hansen getrottet, um sich noch schnell ein Abendessen zu besorgen. Barbara hatte ihm überschwänglich gratuliert, immerhin eine von zweien, und er war dann bei ihr nach etlichen Gläsern Rotwein komplett versumpft. Und nachdem er heute Morgen auf ihrer Couch erwacht war, - nur in Boxershorts, seine müffelnde Uniform neben ihm auf dem Boden liegend -, musste er noch nach Hause spurten, um zu duschen und sich frische Dienstkleidung anzuziehen. Darum war er zu spät auf dem Revier erschienen.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken.
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