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Einsamkeit

von Colaris
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Freundschaft / P16 / Gen
Beatrix Freia Crescent Mahagon Coral / Amarant
05.05.2019
01.02.2020
7
15.398
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05.05.2019 2.175
 
In Mitten der Nacht peitschte ein gewaltiger Sturm über die Häuser der Stadt Alexandria. Es brannte noch immer etwas Licht in den kleinen Fenstern, welche zur Straße zeigten. Freya sog die nach Regen riechende Luft ein und erschauderte etwas als sie den altbekannten Geschmack in ihrer Kehle wahrnahm. Wie sehr hatte sie den Regen doch die letzten Monate vermisst. Die Drachenritterin saß auf einem der Türme, starrte hinaus in die Dunkelheit. Immer wieder wurde sie von heftigen Windböen erfasst, die sie wohl am liebsten von dem Aussichtspunkt heruntergewirbelt hätten. Die junge Frau hielt sich fest, schlug die scharfen Krallen in das nasse Mauerwerk. Ihr Blick lag weiterhin auf den wenigen erleuchteten Fenstern der Stadt. Was mochten die Bewohner dieser Häuser wohl von dem Sturm halten? Waren die Einwohner Alexandrias solches Wetter etwa schon gewohnt? Freya schüttelte leicht den Kopf und lehnte sich zurück. Ihr Fell war nass vom Regen, das Wasser tropfte langsam an ihrem Körper hinab. Sie trug nichts weiter als ein kurzärmeliges T-Shirt und eine weite Pluderhose. Ihre Füße baumelten von dem Sims, bewegten sich leicht im Wind. Im Schloss herrschte noch ein reges Durcheinander. Anders war das merkwürdige Verhalten der Wachen nicht zu erklären. Ein kleines Lachen entkam ihrer trockenen Kehle. Hauptmann Steiner hatte seine Truppe nicht ansatzweise unter Kontrolle. Dagegen waren die Wächterinnen unter Beatrix gut organisiert und routiniert. Die beiden standen noch immer in ständiger Konkurrenz zueinander, auch wenn es hinter den Kulissen oft anders aussah. So wusste die junge Frau von der heimlichen Liebesbeziehung der beiden. Ein Schmunzeln glitt über ihre Lippen. Ein Geheimnis, welches gut bei ihr aufgehoben war. Eine starke Böe blies der Drachenritterin ins Gesicht. Mit leisem Seufzen erhob sie sich, sah noch einen Moment hinunter auf die Stadt zu ihren Füßen. Freya wandte sich zum Gehen und trat die ersten Stufen des Turmes hinunter. Sie hätte selbstverständlich auch springen können, jedoch hatte dies die letzten Tage zu Verwirrung bei den Wächtern geführt. So schlenderte die Rattendame langsam hinunter, traf dabei auf den Soldaten Weimar. Dieser salutierte sofort vor ihr und sprach laut: „Lady Crescent! Welch eine Ehre Sie hier anzutreffen! Weshalb sind Sie noch nicht zu Bett? Beschäftigt Sie etwas?“

Die Angesprochene schmunzelte etwas und winkte ab, erwiderte ruhig und gelassen: „Nur nicht so förmlich, mein Bester. Ich genieße die ruhigen Stunden, bis wieder das Leben im Schloss erwacht.“ Der Soldat nickte verstehend und kratzte sich leicht am Hinterkopf. Es schien als wollte er noch etwas sagen. Die Drachenritterin hob eine Augenbraue an und sprach besonnen: „War dies alles?“ Der Mann rieb sich weiter das Haar, suchte scheinbar nach den passenden Worten. Endlich brachte er mit leichtem Stottern hervor: „I-Ich bewundere Sie, L-Lady Crescent. Wie Sie mit Ihrem Speer umgehen und die Beute erlegen. Ich hatte die Ehre Sie beim Verlassen des Schlosses damals zu beobachten. Wie sie da neben Generälin Beatrix gekämpft haben, das hat mich förmlich dazu inspiriert selbst mit einem Speer zu üben. Würden Sie mich bei Gelegenheit unterrichten? Oh ich hoffe ich trete Ihnen damit nicht zu nahe! Das ist nicht meine Absicht!“ Freya lachte gedämpft auf, schloss dann für einen Moment die Augen, hörte dem tobenden Sturm zu. Erst nach einigen Sekunden erwiderte sie trocken: „Wir könnten ein gemeinsames Training absolvieren nach der Lehre der alten Drachenritter. Ich muss dich jedoch warnen – wenn du nicht Hundert Prozent gibst, wirst du bereits nach der Aufwärmübung den Körper voller blauer Flecken haben.“ Weimar schluckte einmal laut, salutierte dann aber wieder und rief unangemessen laut: „Ich habe Sie verstanden, Lady Crescent! Ich werde alles geben und erst aufhören, wenn Sie das Training beendet haben!“ Die Drachenritterin zeigte ein kleines Lächeln, rieb sich dann etwas die Arme. Es war kalt geworden in der nassen Kleidung. Sie musterte den jungen Mann vor sich, nickte ihm dann vielsagend zu. Dieser errötete sogar leicht, rieb sich wieder den Hinterkopf und murmelte leise: „Schlafen Sie nun gut, Lady Crescent. Morgen findet schließlich die große Zeremonie statt. Ich kann die Hochzeit zwischen Prinzessin Garnet und Mister Tribal kaum erwarten.“ Die Rattendame sagte darauf nichts, trat nur die nächsten beiden Stufen hinab. Hinter sich konnte sie das leise Klappern der Rüstung hören, jedoch entfernte es sich. Freya nahm einen tiefen Atemzug, rieb sich dann wieder über die Arme. Ob ein Mensch überhaupt dazu in der Lage wäre ein Training nach den alten Drachenrittern zu absolvieren? Die junge Frau schüttelte leicht mit dem Kopf. Wahrscheinlich würde Weimar bereits nach der ersten Viertelstunde erschöpft zu Boden sinken.

Die Truppe rund um Hauptmann Steiner war nicht die fitteste. Anders sah es bei den Damen aus. Diese waren sehr gut durchtrainiert durch die harte Hand von Beatrix. Die Drachenritterin erschauderte etwas. Der Name alleine erzeugte einen Knoten in ihrem Magen. Freya hatte ihr offiziell verziehen, doch in ihrem Inneren brannte noch immer ein loderndes Feuer. Diese Frau war mit Schuld an der Ausrottung ihrer Art. Ihre blinde Loyalität gegenüber der Königin war erschreckend gewesen und hatte den systematischen Genozid erleichtert. Beatrix war sich ihrer Schuld bewusst. Bei jeder ihrer Begegnungen senkte sich ihr Kopf und ihre Stimme wurde leiser. Sie erschien fast schon unterwürfig. Ein Umstand, welcher Freya sauer aufstieß. Sanftheit und Fürsorge passten nicht in das Bild von einer stolzen Generälin, die nun nach dem Aufwachen aus ihrer Trance für die richtige Sache kämpfte. Die Drachenritterin schob den Gedanken an die braunhaarige Frau zur Seite und schlenderte weiter die Stufen hinunter. Am Fuße des Turmes angekommen schritt sie gemächlich durch den Regen, genoss sofort wieder das kühle Nass auf ihrem Fell. Die Rattendame hielt für einen Moment, ließ die Tropfen auf sich fallen. Ein Stückchen Heimat. Sie schüttelte sich leicht, trat dann in die große Vorhalle des Schlosses. Dort wuselte bereits eine bekannte Kochmütze herum. Quina trug mit zwei Küchenhelfern eine gigantische Torte in den Ballsaal, mahnte dabei seine Gehilfen: „Ihr müscht vorschichtiger sein. Wenn diescher Torte etwas geschieht bin isch dran! Für eine zschweite haben wir keine Zeit!“ Der Qu drängte sich in den nächsten Raum. Freya runzelte etwas die Stirn, strich sich dann eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ob Quina jemals schlief? Im Leben des Kochs gab es nur Essen. Bereits am Morgen wuselte er in der Küche herum und war stets bis spät in die Nacht hinein dort anzutreffen. Die Drachenritterin lächelte etwas ob der Gewohnheiten des Qus, stieg dann die Treppen hinauf in das erste Stockwerk. Dort befanden sich auch die Gästezimmer in den jeweiligen Fluren. Die Rattendame ließ sich Zeit, kam nach gut zehn Minuten zu ihrem Gemach.

Sie drückte die Klinke hinunter und schob die schwere Holztür auf. Auch hier roch es durch das geöffnete Fenster nach Regen. Freya trat in das Zimmer, setzte sich dort für einen Augenblick auf das weiche Bett. Ihre Krallen bewegten sich langsam über das mit Federn ausgestopfte Kissen. Wie lange hatte sie nun schon nicht mehr auf einer Matratze geschlafen? All die Monate auf Reisen hatte sie alle Bequemlichkeiten des normalen Lebens vergessen lassen. Sie seufzte leise, ließ sich dann langsam hintenüber auf das Bett fallen. Es war nicht richtig. Die Gedanken schoben sich aneinander. Die Drachenritterin spürte es tief in ihrem zerstörten Herzen. Sie gehörte hier nicht her. Die scheinbare Harmonie machte sie allmählich krank. All die Festlichkeiten hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Noch immer gab es für Freya keinen Ort, welchen sie ein Zuhause nennen würde. Burmercia war zerstört, Cleyra genauso. Nun gab es nur noch von Menschen regierte Städte. Selbst in Treno mit seiner bunt gemischten Bewohnerschar war der größte Teil menschlich. Die Rattendame legte sich auf die Seite, starrte hinaus aus dem Fenster. Neben dem Bett ruhte der prunkvolle Speer, liebevoll auch Drachentöter genannt. Ihre Krallen griffen nach dem kalten Eisen des Stabes, glitten langsam über das Metall. Diese Waffe hatte ihr gute Dienste geleistet. An einigen Stellen war das Metall bereits angeschlagen von all den harten Kämpfen, die sie mit der Waffe geführt hatte. Freya nahm einen tiefen Atemzug und setzte sich dann wieder auf, umfasste ihre Arme mit den Händen. Weshalb nur fühlte sie sich so einsam und verlassen? Sir Fratley war gefallen unter der eisernen Klinge Beatrix'. Wie von selbst bewegte sich der Rattenschwanz, zeigte stolz die gelbe Schleife. Die Drachenritterin schauderte bei dem Anblick, legte die Finger schließlich um das Band und öffnete die Schleife. Es gab keinen Grund mehr sie zu tragen. Sie legte das Stückchen Stoff auf den Nachttisch, erhob sich dann von dem Bett. Das nagende Gefühl ließ nicht locker. Die Rattendame starrte hinaus in die Nacht, biss sich dann leicht auf die Unterlippe. Würde man sie vermissen, wenn sie nun einfach gehen würde? Dieser Gedanke einfach gehen zu können löste ein angenehmes Gefühl im Magen aus. Vielleicht brauchte die Drachenritterin nun etwas anderes als eine Stadt voller Menschen. Sie trat vor das Fenster, sah hinaus auf den Regen.

Eine unerwartet starke Sehnsucht überkam die stolze Drachenritterin. Ohne weiter nachzudenken wandte sich Freya um, suchte in dem Holzschrank nach einem grauen Umhang. Nur kurz streifte ihr Blick ihren roten Mantel, auf welchem sich das Wappen Burmercias befand. Ihre Krallen legten sich auf den Stoff, streichelten einmal sanft über die vier Felder. Sie ließ von dem Wimpel ab, legte sich nun den Umhang um die Schultern. Zum Schluss zog sie die Kapuze über ihren Kopf, schloss dann den Schrank wieder. Die Rattendame trat noch einmal an den Schreibtisch, suchte dort nach einem Blatt Papier und einer Feder. Schnell tunkte sie die Spitze in das Tintenfass, schrieb geschwind einige Sätze auf das Papier. Die Feder kam zum Liegen, tropfte noch leicht auf das Blatt. Freya verließ schließlich ihr Zimmer und ging zielstrebig in die Waffenkammer. Dort suchte sie eine Weile nach einem einfachen Speer, wurde schließlich fündig. Die leichte Waffe lag noch etwas unsicher in ihren Händen. Die Übung der nächsten Wochen würden ihr helfen damit zurechtzukommen. Die Drachenritterin zog den Umhang fester um sich und trat hinaus in den Regen. Sie bemühte sich keine der Wachen anzutreffen, setzte sich schließlich in das Boot, welches sie hinüber zur Stadt trug. Die Straßen waren wie leergefegt. Freya hielt den Speer fest in ihren Händen und ging die Hauptstraße entlang. In dem Pub brannte noch Licht. Ob sie darin wohl einige Partien Karten spielten? Tetra Master war ein beliebter Zeitvertreib in Lokalen und Kneipen. Die Rattendame schmunzelte etwas. Sie hatte die Regeln des Spieles nie wirklich verstanden. Mit diesen Gedanken zog sie an dem Pub vorbei, kam auf den großen Vorplatz vor der Zugbrücke.

Die junge Frau wollte gerade die Stadt verlassen, als eine Stimme hinter ihr sie aufhielt: „Wohin des Weges, Crescent?“ Die Angesprochene drehte sich nicht um, murmelte nur leise: „Was geht dich das an Coral?“ Der Hüne knurrte kaum hörbar. Er lehnte an einer Mauer, die Arme vor der Brust verschränkt. Der Mann erwiderte raunend: „Du schleichst dich einfach aus dem Schloss, nur mit einem schwachen Speer bewaffnet. Was soll ich davon bitte halten, Crescent?“ Die Drachenritterin schnaubte verächtlich, erwiderte leicht gereizt: „Lass das meine Sorge sein. Ich weiß was ich tue.“ Der Hüne drückte sich von der Wand und stellte sich ihr gegenüber, die Krallen an seiner rechten Hand funkelten gefährlich. Er baute sich zu seiner vollen Größe auf und sprach leise: „Weißt du das wirklich oder redest du dir das nur ein, Kanalratte? Morgen ist die große Zeremonie. Man wird dich vermissen.“ Freya verzog das Gesicht unter der Kapuze, schulterte nur ihren Speer. Sie ging ohne ein weiteres Wort zu verlieren an Mahagon vorbei. Die Rattendame war gerade dabei die Zugbrücke zu überqueren, als die Stimme des Rothaarigen erneut erklang: „Fliehe nicht vor dem Schmerz in dir, Crescent. Er wird dich verfolgen, egal wohin du auch gehst. Lass dich nicht von ihm zerstören.“ Die Drachenritterin biss sich auf die Unterlippe, schloss für einen kurzen Moment die Augen und schritt dann ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus aus Alexandria. Mahagon sah ihr nach, rümpfte leicht die Nase. Seine Worte waren nur ein Flüstern im Wind: „Viel Glück, Freya.“

Der Morgen im Schloss war hektisch, gerade zu wirr. Die große Zeremonie stand kurz bevor. Beatrix trat durch die langen Flure, begrüßte immer wieder Bedienstete und Soldaten. Sie pfiff leise eine Melodie, kam schließlich an der Holztür zum Halten. Die Sonne war bereits seit einigen Stunden aufgegangen und doch war noch nichts von der Drachenritterin zu sehen. Beatrix klopfte an die Tür, drückte sie dann langsam auf. „Verzeiht die Störung, doch ihr wart noch nicht beim Frühstück. Ich wollte nur sicher gehen, dass...“ In diesem Moment erkannte die Generälin, dass das Gemach leer war. Sie trat in die Mitte des Zimmers und sah sich um. Ihr fiel das Papier auf dem Schreibtisch auf, sie las schnell die Zeilen: „An Garnet und Zidane, an meine Freunde. Wenn ihr diesen Brief hier findet werde ich nicht mehr hier sein. Mein Herz schmerzt jeden Tag und auch wenn ich weiß, dass der Krieg zwischen den Rassen vorüber ist, bleibt ein bitterere Nachgeschmack zurück. Ich muss mich selbst wieder finden. Alleine. Ich werde irgendwann zurückkehren, doch solange ich fort bin, sucht bitte nicht nach mir. Bewahrt auf, was ihr von mir in Erinnerung behalten möchtet. Alles andere lasst ziehen. In Liebe – Freya.“
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