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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
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37 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
19.07.2020 1.726
 
Besten Dank wieder an alle fleißigen Kommentarschreiber, die mir mit ihren Worten nach dem letzten Update eine Freude gemacht haben! :-)
Ich wünsch euch und natürlich auch allen anderen Lesern viel Spaß mit den neuen Kapitel.
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Die nächsten Tage fließen wie ein zäher Ölstrom dahin. Timo sitzt das Bedürfnis sich zu entschuldigen in den Knochen wie ein verschleppte Erkältung, doch er kann nicht. Er darf Viktors Zukunft nicht weiterhin gefährden. Das erlaubt er sich einfach nicht. Viktor soll sich verdammt noch mal auf den Sport konzentrieren und nicht wegen irgendeiner dahergelaufenen Schwärmerei alles aufs Spiel setzen. Das ist doch komplett bescheuert! Außerdem kann Timo in keiner Weise nachvollziehen, was Viktor an ihm findet. Wie kann sich überhaupt jemand in einen Versager wie ihn verlieben? Und dann auch noch jemand, der so großartig ist wie Viktor...

Die negativen Gedanken sind wie ein Strudel, der um Timos Herz zirkuliert und es in die Tiefe zu ziehen droht. Dass zwischen ihm und Viktor totale Funkstille herrscht, macht es nur noch schlimmer. Timo hat den abrupten Kontaktabbruch ja eigentlich einkalkuliert. Was er jedoch nicht hat einkalkulieren können, war der verheerende Effekt, den dieser Kontaktabbruch auf ihn selbst haben würde. Mit niemandem hat er so viel via Whatsapp gechattet wie mit Viktor. Mit niemandem hat er überhaupt so viel Zeit verbracht wie mit Viktor! Vielleicht früher mal mit Nick und Till, aber die Zeiten sind längst vorbei. Zwar versteht sich Timo wieder deutlich besser mit Nick, aber Nick ist derzeit meistens irgendwo mit Carolin unterwegs. Im Tanzsaal, in der Stadt, im Kino, in einem Café, … Die beiden wollen verständlicherweise ihre neue Zweisamkeit genießen. Und Timo kann gerade kaum etwas weniger gebrauchen als ein frisch verliebtes Pärchen!
Till wiederum ist zu einer Ausgeburt der Unerträglichkeit mutiert. Er ätzt jeden an, der es auch nur wagt, ihn anzugucken und hält die Nase so hoch, dass es peinlich mitzuerleben ist. Dieser unendliche Trotz, diese Verbohrtheit, diese noch immer in Tills Kopf vorherrschenden, völlig antiquierten Denkmuster: Einsteiner vs. Sportler. Alle vs. Till. Es kann nur einen Gewinner geben, und Till stellt sich selbst als denjenigen dar, der als Einziger seinen Prinzipien treu geblieben ist. Als ob der Rest der Welt kein Rückgrat hätte. Als ob all seine Freunde ihn schallend lachend verraten hätten.

Lächerlich ist das!

Till ist einfach ein egozentrischer Scheißkerl, auf den Timo immer noch total sauer ist. Aber den Glauben daran, dass Till sich je bei ihm entschuldigt, hat Timo mittlerweile aufgegeben. Er weiß auch gar nicht, ob er je in der Lage dazu wäre, Till wieder zu vertrauen. Zwischen ihnen liegt so viel im Argen... Till hat ihn mit fiesen Spitzen angetrieben und als Timo sagte, er kann nicht schwimmen, hat Till ihn eiskalt über die Planke gehen lassen. Frei nach dem Motto: Du wirst's schon lernen, wenn du musst!

Till wäre nie für Timo stehen geblieben. Er hätte nicht mal im Traum darüber nachgedacht. Aber Till ist ja auch nicht so idiotisch in Timo verliebt. So eine Aktion bringt nur Viktor. Dabei könnte Viktors Leben so perfekt sein!

Traurig lässt Timo die knochigen Schultern sinken. In seinem Magen liegt das Gulasch, was es heute zum Mittagessen gab, wie ein Geröllblock. Viktor fehlt ihm. Hat eine Leere hinterlassen, auf die Timo so nicht vorbereitet gewesen ist. Die er nie erwartet hätte. Die an ihm nagt wie Aasfresser an einem Kadaver und jede Erinnerung, jedes gemeinsame Lachen, jedes stupide Rumgealbere und jede noch so kleine Geste aus seinem Gedächtnis zerrt.
Bevor es dunkel in Timos Seele wurde, bevor das Blei in seine Beine geflossen ist und bevor das Hungern anfing, da ist oft er es gewesen, der Verabredungen eingestielt hat. Ein paar Kilometer zusammen laufen, ein paar Körbe zusammen werfen, ins Schwimmbad oder ins Kino gehen, einen Abstecher zur besten Döneria der Stadt machen oder einfach nur abhängen, Musik hören und sich über irgendeinen blöden Scheiß im Internet krank lachen.
Ja, damals hielt es sich noch die Waage.
Die Unterlippe zwischen die Zähne ziehend, kommt Timo nicht umhin, sich einzugestehen, dass er einst genauso aktiv auf Viktor zugegangen ist wie Viktor auf ihn. Timo weiß nur nicht, wie es von seiner eigenen Seite aus gemeint war. Bis vor Kurzem dachte er, er wüsste es haargenau. Doch nun, wo seine Augen Viktor bei jeder Gelegenheit suchen und Timo ein unstillbares Bedürfnis nach Viktors Gesellschaft verspürt, ist er sich nicht mehr so sicher. Sie sind doch bloß Freunde gewesen, nichts weiter.

Okay, Viktor hat sich verliebt. Aber Timo doch nicht! Er ist doch nicht schwul oder bi.

Oder?

Scheiße, er ist hochgradig verwirrt. Dabei hat er wahrlich genug Probleme. Viktor Müller sollte da nicht noch eins darstellen. Dummerweise reibt sich Timos Herz aber wund an dem Verbot, Viktor aus seinen Gedanken zu streichen. Es klappt einfach nicht. Es tut nur weh. Die ganze Zeit über tut es weh...


Als einer der letzten steht Timo schwerfällig von seinem Platz auf und bringt seinen nicht leer gegessenen Teller in die Küche hinüber. Die meisten Schüler haben den Speiseraum längst verlassen. Draußen hängt eine zementgraue Decke am Himmel, die sicher jeden Moment anfängt, Regen zu spucken. In der Küche stehen Rike und Aljona neben der Spüle und diskutieren über irgendeine Serie, statt den Abwasch zu machen, für den sie in dieser Woche eingeteilt sind. Timo kümmert es nicht. Ohne eine Miene zu verziehen, geht er schnurstracks zum Mülleimer hinüber, tritt mit der Fußspitze auf den Schalter und kippt dann den Rest seines Mittagessens in den großen Behälter. Nick und Caro sind längst weg und haben Timo mit dem Essen vertraut. So wie Viktor ihm vertraut hat. Timo hat das Vertrauen seiner Freunde im übertragenen Sinne in die Tonne gekloppt. Es tut ihm leid, wirklich sehr leid, aber er kann nicht. Essen macht alles nur schlimmer.

Und noch viel schlimmer macht es Till, der plötzlich hinter Timo steht, als dieser sich umdreht. Die Lippen zusammengekniffen und die Augenbrauen mürrisch verstrickt, wartet er darauf, seine Serviette und die spärlichen Reste seines Essens ebenfalls wegwerfen zu können. Wahrscheinlich ist Till mal wieder auf den letzten Drücker zum Essen erschienen, um Leuten aus dem Weg zu gehen. Entweder er isst auf dem Zimmer oder isoliert sich inmitten aller Anwesenden. Darin, Mauern mit arroganten Sprüchen hochzuziehen, war er schon immer Weltmeister. Nur selbstbewusst genug, um Timo in die Augen zu sehen, ist Till gerade mal wieder nicht. Stattdessen wechselt sein Blick rasch zwischen Timo und dem Mülleimer hin und her, der großzügig mit Timos Essen gefüttert wurde. Dann nimmt er seinen eigenen Teller ins Visier. Als wäre es schon beleidigend für Till, wenn er seine ehemaligen Freunde nur anschauen müsste...! Bei dem Gedanken spürt Timo die Wut gleich wieder in sich auflodern. Aber gerade, als er ein provokantes 'Schon scheiße, wenn man nich' über seinen eigenen Schatten springen kann und deshalb jeden verdammten Tag allein abhängen muss!' zum Besten geben will, entdeckt er die dunkelbraunen Flecken auf Tills Hoodie und seine Wut fällt mit einem matten Schmunzeln in sich zusammen:
„Das mit dem Essen übste wohl besser noch mal, Champ. Hast da alles voller Soße.“ Mit einem Nicken deutet Timo auf Tills linken Ärmel, der auf Höhe des Unterarms gleich an mehreren Stellen dunkelbraun besudelt ist, da er wohl ein paar Begegnungen mit dem Gulasch hatte.

Überrascht folgt Till Timos Blick und scheint sich im nächsten Moment vor sich selbst zu erschrecken. Zumindest zuckt er unverkennbar zusammen, knallt dann wie von der Tarantel gestochen seinen ungesäuberten Teller auf die Anrichte und raunzt ein „Oh, Gratulation! Du hast Augen im Kopf!“, ehe er aus der Küche türmt. Die Worte wollen Timo beißen, haben aber gar keine Zähne.

„Äh...? Hey, Till! Wirf wenigstens deine Serviette weg! Wir sind doch hier nicht deine Putzfrauen!“, beklagt sich Rike, der das klirrend laute Abstellen des Tellers genau so wenig entgangen ist wie Tills fluchtartiger Abgang.

„Das ist dem doch egal...“, mault Aljona und guckt Timo auffordernd an. „Los. Ihr teilt euch immerhin 'n Zimmer!“

Timo kann es nicht fassen. Till benimmt sich wie eine offene Hose und er muss das ausbaden?

„Damit endet's aber auch!“, stellt er angepisst klar und merkt an den erschrockenen Gesichtern der Mädchen, sich im Ton vergriffen zu haben. Ein genervtes Stöhnen verlierend, schüttelt Timo über sich selbst den Kopf. Dann gibt er sich einen Ruck, schnappt sich kurzerhand Tills Teller und will mit der darauf klebenden Serviette die letzten Nudelreste in den Müll befördern, da fällt es ihm auf: Die Soße auf Tills Teller, sie ist hell! Nicht dunkel wie die Flecken auf seinem Ärmel. Till hat die Sahnesoße zu den Nudeln gewählt, nicht die Gulaschsoße.

Komplett verwirrt leert Timo den Teller und reicht ihn dann an seine Mitschülerinnen weiter.
„Danke“, flötet Rike ganz angetan. „Du bist halt einfach einer von den Guten und weißt, was sich gehört! Das hab ich gleich gespürt, als ich dich zum ersten Mal gesehen hab!“

Timo muss sich ein Augenrollen verkneifen. Manchmal hat Rike so eine Art zu reden an sich, als würde sie einen Kitschroman zitieren. Es wird auch nicht besser, als sie ungehindert weiterquasselt:
„Und übrigens, Timo: Falls du es dir doch noch anders überlegen solltest wegen des Portraits für den Express, dann-“

Er hört ihr nicht zu, sagt lediglich „Nee“ und ist gleich darauf aus der Küche verschwunden. Till ist natürlich längst über alle Berge und Timos Blick fällt aus dem Fenster, auf den Hof hinaus, auf dem sich nur noch eine Hand voll Schüler aufhält. Vier spielen an einer Tischtennisplatte und einer sitzt am anderen Ende des Hofs auf der Lehne einer Bank. Die Kapuze seines grauen Hoodies tief ins Gesicht gezogen, die Füße auf der Sitzfläche, die Ellbogen auf den Knien und die Hände den schweren Kopf stützend.
Es ist Viktor.
Timo hätte ihn auch aus hundert Metern Entfernung erkannt, selbst wenn es absolut untypisch für Viktor ist, so allein da rumzusitzen und nichts zu tun. Lediglich seine Füße tippeln in einem unsteten Rhythmus über das lackierte Holz der Bank. In Timos Magen dehnen sich die paar Gabeln Gulasch mit Nudeln in Lichtgeschwindigkeit aus. Das schlechte Gewissen wirkt wie eine Injektion Wachstumshormone auf die mickrige Portion. Timo bleiben genau zwei Möglichkeiten: platzen oder kotzen. Die Entscheidung fällt ihm wahrlich nicht schwer. Während Timo auf direktem Wege das Jungenklo anpeilt, hofft er, Viktor ist wenigstens schlau genug, reinzukommen, sobald der Regen losgeht. Nicht, dass der Idiot sich noch erkältet und dadurch das Training verpasst.
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