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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
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28.06.2020 2.061
 

Ticktack.
Er lauscht dem Ticken der Uhr, während er untypisch still da sitzt, gehen könnte und doch hier bleibt, weil ihn seine Gedanken umtreiben.
Ticktack.
Wieso hat er nicht früher reagiert?
Ticktack.
Er hat doch gemerkt, dass etwas nicht stimmt.
Ticktack.
Warum hat er also nicht ein Gespräch unter vier Augen gesucht?
Ticktack.
Und warum ist Timo nicht von sich aus auf ihn zugekommen?
Ticktack.
Hat er Timo denn nicht das Gefühl gegeben, ihm vertrauen zu können?
Ticktack.
Gibt er überhaupt irgendjemandem das Gefühl, ihm vertrauen zu können?
Ticktack.
Hat Sonja ihm etwa auch nie richtig vertraut und sich deshalb niemals wieder bei ihm gemeldet?

Unerwartet schwingt die Türe des Lehrerzimmer auf. Das Geräusch stoppt Sascha Hausers Gedankenfluss und lässt ihn reflexartig aufschauen.

„Ach, Sie sind noch da?“ Die Hand noch auf der Türklinke, betrachtet Frau Stocker verdutzt ihren Kollegen, der noch auf dem selben Platz sitzt, auf dem er vorhin schon gesessen hat, als die letzte Unterrichtsstunde längst vorüber war und sich sämtliche Kollegen ins Wochenende verabschiedet haben.

„Ja“, erwidert Sascha schwermütig und räuspert sich versteckt. Er sollte auch nach Hause gehen. Was macht es denn bitte für einen Eindruck, wenn er mutterseelenallein im Lehrerzimmer hockt und nichts tut?

„Und Sie machen ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.“

Genau so einen Eindruck macht es.

Wie schon an all den letzten Tagen, bemüht sich ein müdes Lächeln darum, Herrn Hausers Mundwinkel in die Höhe zu stemmen. Doch die aktuelle Lage lastet mittlerweile einfach zu schwer auf dem Sportkoordinator. Er ist einer, der die Zähne zusammenbeißen und sich durchkämpfen kann. Aber er ist keiner, der es schafft, Probleme ewig von sich wegzuschieben.
„Sieben Tage Regenwetter?“, wiederholt er und klingt dabei, als würde er sich selbst verspotten. „Wundert Sie das etwa?“ Er sollte solche Fragen nicht stellen. Das ist sonst auch nicht seine Art. Doch nun ist es zu spät. Die Türe hinter sich zuziehend, tritt Frau Stocker näher, stellt ihre Aktentasche auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes ab, zieht einen Stuhl zurück und nimmt Herrn Hauser gegenüber Platz.

„Nein.“

Wie sollte es sie auch wundern? Bislang hat ihn zwar noch keiner aus dem Kollegium auf Timo angesprochen, aber das ist auch gar nicht nötig! Sascha weiß auch so, dass er einen fatalen Fehler gemacht hat.
„Wie konnte ich das mit Timo nur so lange übersehen? Das fragen Sie sich doch auch. Das fragt sich jeder, der auch nur halbwegs bei Verstand ist. Es war so eindeutig...!“

Frau Stocker schlägt die Augen nieder, anstatt zu nicken; und Sascha Hauser verflucht sich innerlich ein weiteres Mal, weil er nicht früher das Gespräch mit Timo gesucht hat. Statt ständig Druck aufzubauen, hätte er mit dem Jungen reden müssen. Timo war immer ein guter Leichtathlet. Einer, der wusste, worauf es ankommt. Einer mit Teamgeist. Einer, der mit dem Herzen bei der Sache ist und sich die Dinge eben auch sehr zu Herzen nimmt. Herr Hauser hätte nicht nur versuchen sollen, Timos Leistung zu optimieren. Er hätte auch auf den Jungen zugehen müssen. Ihn fragen müssen, was ihm durch den Kopf geht. Da waren Gedanken, die Timo ausgebremst und in die Magersucht getrieben haben und Herr Hauser hat immer nur verlangt, dass Timo vorwärts kommt, anstatt zu überprüfen, warum das Getriebe hakt. Dabei kommt es doch nicht von ungefähr, wenn ein 15-Jähriger plötzlich Panikattacken im Stadion erleidet. Und es kommt auch nicht von ungefähr, wenn derselbe 15-Jährige zunehmend entkräfteter und ausgemergelter wirkt.

„Timo hat aber auch von sich aus kein Sterbenswörtchen gesagt. Nie“, setzt Herr Hauser frustriert nach und fährt sich mit den Fingern der rechten Hand durchs Haar.

„Er hatte Angst.“ Die professionell-neutrale Stimmlage von Frau Stocker kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ihnen beiden bewusst ist, dass die Vertrauensbasis gefehlt hat.

„Ich weiß, aber die hätte er vor mir nicht haben dürfen.“ Es laut auszusprechen macht es noch unerträglicher für Sascha Hauser. Mag sein, dass er das Sportstudium mit einer sehr guten Note abgeschlossen hat und mag auch sein, dass er die nötigen Pädagogikseminare belegt hat, die ihm das Unterrichten gestatten. Aber er hat sein Wissen nicht in die Praxis umgesetzt. Er hat bei Timo auf ganzer Linie versagt. Wirklich eine traurige Bestleistung...

„Natürlich hätte er die nicht haben dürfen. Glauben Sie mir, ich hätte es auch begrüßt, wenn Timo sich Ihnen anvertraut hätte“, beginnt Frau Stocker und nimmt ihrem Kollegen mit den nächsten Worten eine beachtliche Last von den Schultern. „Leider hat Timo aber auch sonst keinem von uns genügend Vertrauen entgegengebracht, um frühzeitig auf seine Situation aufmerksam zu machen. Jetzt können wir nur noch alles daran setzen, Timo bei seiner Heilung zu unterstützen.“

Von Herrn Hauser kommt ein zaghaftes Nicken. Frau Stocker hat gewiss recht, doch als Timos Sportkoordinator sucht Herr Hauser die Schuld ganz klar bei sich. Mehr noch, seit er und der Rest des Lehrerkollegiums von Frau Stocker und Herrn Chung über Timos Essstörung informiert worden sind, hat Sascha ungewollt angefangen, sich selbst und seine Methoden ernsthaft infrage zu stellen. Dabei ist er bislang immer der aufrichtigen Überzeugung gewesen ist, seine Arbeit als Sportkoordinator bravourös zu erledigen. Wie sehr man sich doch täuschen kann...

„Darf ich Sie etwas fragen?“, kommt es ihm nun leicht nervös über die Lippen.

„Selbstverständlich.“

„Sind Sie der Meinung, dass ich die Leitung des Staffelteams abgeben sollte?“

„Herr Kollege–“

„Timo ist unter dem Druck, den ich maßgeblich zu verantworten hatte, krank geworden.
Till habe ich zum Kapitän ernannt, obwohl er überhaupt nicht für diesen Posten geeignet ist und offenbar auch gar kein Interesse daran hat, in das Kapitänsamt hineinzuwachsen. Im Gegenteil, er hält dermaßen an seinem Einzelkämpfertum fest, als hinge sein Leben davon ab!
Viktor – ach, natürlich sind Freunde wichtig, aber der Junge hätte bei den Meisterschaften laufen müssen. Stattdessen hat er nur Augen für Timo gehabt!
Und Cäcilia? Ich bin mir nicht sicher, ob ihr überhaupt was an der Staffel liegt. Ihr könnte morgen schon etwas Anderes wichtiger sein und dann seh ich sie nie wieder auf der Aschenbahn. Sie ist sich einfach selbst noch nicht im Klaren darüber, wie ernst sie den Sport nehmen will. Dabei hätte sie definitiv das Potential, die Staffel zu verstärken. Sie müsste sich nur richtig reinknien.“

Oder anders ausgedrückt: Das Staffelteam von Sascha Hauser ist eine wandelnde Katastrophe! Von den Jungs und Mädels, die bei den Wettkämpfen die Ersatzbank schmücken, will er gar nicht erst anfangen. Die sind engagiert und gut, aber kein Wettkampfmaterial. Das wissen sie und das weiß auch er. Niemand macht sich da Illusionen.

Auf Frau Stockers Gesicht schleicht sich ein sanftes Lächeln, das der Sportkoordinator in keiner Weise nachvollziehen kann. Es vermittelt ihm den Eindruck, als ob die Dinge nur halb so schlimm wären. Dabei hat es das Staffelteam zum ersten Mal seit Herrn Hausers Dienstbeginn am Sportinternat nicht geschafft, auch nur eine einzige Auszeichnung bei den Jugendmeisterschaften zu gewinnen. Und Frau Stocker sitzt allen Ernstes hier und lächelt? Es irritiert Herrn Hauser dermaßen, dass er die Stirn in kritische Falten legt und ein brüskiertes „Entschuldigung, aber haben Sie mir gerade nicht richtig zugehört?“ verliert.

„Doch, doch. Das habe ich“, entgegnet Frau Stocker postwendend. „Die Frage ist eher: Haben Sie sich richtig zugehört?“

Was soll das nun wieder heißen?
Noch verwirrter als zuvor, streicht sich Herr Hauser einmal übers stoppelige Kinn und sieht sein Gegenüber erwartungsvoll an.

„Sie kennen ihr Team, Herr Kollege“, erörtert Frau Stocker ihm daraufhin ihre Gedanken. „Ich wüsste nicht, wer unser Staffelteam wieder zu einem richtigen und auch erfolgreichen Team machen könnte, wenn nicht Sie. Sie wissen jetzt besser denn je, worauf es ankommt und wo sie bei Ihren Schülerinnen und Schülern ansetzen müssen. Sie kennen ihre Stärken und Schwächen. Das ist entscheidend. Denn damit kann man arbeiten, sowohl auf dem Sportplatz als auch jenseits des Sportplatzes. Und ich möchte Sie bitten, genau das auch zu tun.“

Die Worte berühren Sascha tief im Herzen. Dass man noch so viel Vertrauen in ihn setzt, hätte er gar nicht erwartet. Er hat mit Beschwerden gerechnet, sonst nichts.

„Vielleicht möchten Sie ja ein persönliches Gespräch mit Timo nachholen. Vielleicht finden Sie auch eine Möglichkeit, Timo trotz seiner Sportsperre wieder ins Team einzubinden? Das würde ihm auch weiterhin eine feste Struktur geben, und das halte ich für überaus wichtig in seiner momentanen Situation.“ Frau Stockers Tonlage lässt Herrn Hauser gleich wissen, worauf sie hinaus will.

„Sie meinen, Timo sollte nicht den ganzen Nachmittag unbeaufsichtigt sein.“ Zweifelsohne ist ihnen beiden klar, dass eine offizielle Sportsperre Timo nicht vom Sporttreiben abhält. Je mehr Zeit Timo alleine verbringt, desto größer ist das Risiko, dass er heimlich trainiert und dadurch seinem Körper noch mehr schadet. Und das muss unter allen Umständen verhindert werden.
„Das sollte kein Problem sein. Timo kann mir auf jeden Fall helfen. Zeiten messen, die Jüngeren trainieren und all solche Sachen.“ Auf die Timo garantiert keine Lust hat. Trotzdem hofft Herr Hauser, dass er den Jungen überzeugt bekommt. Auch Frau Stocker wirkt positiv gestimmt:
„Sehr gut. Timo braucht aktuell jede Hilfe, die wir ihm bieten können. Auch Ihre. Sport ist schließlich Ihr Fachgebiet, und Timo ist nicht der erste Sportler, der an einer Essstörung erkrankt ist.“

„Nein, leider nicht“, stimmt Sascha zu. „Man denke da nur an Sven Hannawald oder Bahne Rabe.“
Der Medienrummel um diese Herren ist beiden Pädagogen gut im Gedächtnis geblieben. Nicht zuletzt, da Rabe tatsächlich infolge seiner Magersucht mit Mitte 30 verstorben ist. Bedauerlicherweise sind Hannawald und Rabe auch keine Einzelfälle. Allen voran in den so genannten ästhetischen Sportarten werden ständig Gerüchte laut und Rücktritte bekannt gegeben, so wie der der ehemaligen Olympiasiegerin Julia Lipnizkaja, die 2017 mit gerade mal 19 Jahren ihre Karriere aufgrund ihrer Essstörung aufgeben musste. Solche Meldungen hat Sascha immer wieder gelesen, im Radio gehört, über den Bildschirm flimmern sehen – und trotzdem wirkte die Thematik immer ganz, ganz weit weg. Dabei hatte er sie stets vor Augen, ob nun bei Wettkämpfen, im Studium oder bei all den Marathonläufen, an denen er in seiner Freizeit teilgenommen hat. Immer gab es da die Läufer, die aufgrund ihrer extremen Magerkeit besonders herausgestochen sind. Deren Körper zu sagen schienen, dass Fett nur unnötiger Ballast ist, den man sich als Läufer nicht leisten kann, wenn man es aufs Siegertreppchen schaffen will. Es ist die falsche Einstellung, die auf einen unbändigen Ehrgeiz trifft. Und es sind nicht nur Frauen, nicht nur Turnerinnen, Läuferinnen und Eiskunstläuferinnen, sondern auch Männer. Auch Boxer, Skispringer, Fußballer und Formel-1-Fahrer. Je länger Sascha darüber nachdenkt, desto mehr Schicksale fallen ihm ein. Dem Gesichtsausdruck von Frau Stocker nach zu urteilen, ergeht es ihr ähnlich. Einen Moment lang schauen sie sich einfach nur stillschweigend an, lassen die Dinge auf sich wirken und die Uhr ihr kontinuierliches Ticktack ausstoßen.

„Ich werde nächste Woche mit Timo sprechen“, bricht Herr Hauser dann entschlossen die Stille. „So wie ich ihn aber gerade einschätze, wird es mehr als nur ein Gespräch brauchen, bevor er auch nur darüber nachdenkt, mich freiwillig zu unterstützen. Timo hatte noch nie Interesse am Traineramt.“

„Ja, es wird sicher nicht leicht, aber sie schaffen das schon.“ Trotz Timos schlechter Verfassung legt Frau Stocker eine Zuversicht an den Tag, die auf jahrelanger Erfahrung mit Schülern und Lehrern beruht die Herrn Hauser sogleich überzeugt. Sein zustimmendes „Ja“ und seine Mimik sind entsprechend eingefärbt.

„Gut, dann werde ich mich jetzt noch mal auf den Weg nach Hause machen und den hier“, Frau Stocker beugt sich zu der kleinen Aktenablage hinüber, in der ein Schlüsselbund auf einem Stapel Hefte liegt, „nehm ich dieses Mal mit. Haben Sie ein schönes Wochenende, Herr Hauser.“

„Ihnen auch ein schönes Wochenende, Frau Stocker, und..danke.“ Für Ihr Vertrauen und Ihre Worte.

„Ach was.“ Mit einer Handbewegung winkt die Direktorin ab, schiebt ihren Stuhl an und nickt dann auffordernd in Richtung Türe. Sascha versteht auf Anhieb, hebt seine dunkle Sporttasche vom Boden auf und folgt Frau Stocker kurz darauf aus dem Raum. Das beständige Ticktack der weißen Plastikuhr, die an der Wand des Lehrerzimmers hängt, verstummt in der Sekunde, als Herr Hauser die Türe hinter ihnen schließt.


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Dieses Kapitel wollte ich unbedingt schreiben, da mir Herr Hausers Charakter in der Serie einfach zu unreflektiert mit Timo umgegangen ist. Was haltet ihr davon? Schreibt's gern in die Kommentare ;-)
Ich bedanke mich ganz herzlich bei euch fürs Lesen, Voten und Reviewen! ❤ Habt alle einen schönen Sonntag und falls bei euch jetzt die Ferien angefangen haben oder bald anfangen, dann habt alle eine entspannte Ferienzeit! :D Ich hab leider keine Ferien ;-;
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