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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
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Dieses Kapitel
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11.06.2020 1.578
 
Vor dem Fenster hat sich der Herbst nieselnd einquartiert.

Timo tut es im Herzen weh, wenn er von seinem Platz im Behandlungszimmer aus zur Seite linst und einen Blick auf den wolkenverhangenen Himmel und die triste Straße erhascht. Denn er weiß, dass Viktor dort draußen steht, bestenfalls im Schutze eines Hauseingangs, und auf ihn wartet. Er hat es tatsächlich geschafft, Hauser davon zu überzeugen, das Training heute etwas früher beenden zu dürfen, um Timo abzuholen. Ein Wunder, dass Hauser das erlaubt hat. Nach der Aktion, die Viktor sich bei den Jugendmeisterschaften geleistet hat und die ihrer Schule einen sicheren ersten Platz gekostet hat, wirkte Herr Hauser ziemlich angesäuert. Timo kann es ihm nicht verübeln. Auch in ihm steigt die blanke Wut auf, wenn er Viktor sieht. Und an der Seite dieser Wut steht immer die Verzweiflung.

Warum kann Viktor nicht wenigstens ein klitzekleines bisschen erfolgsorientierter sein? Er hätte einfach laufen und gewinnen sollen. Aber dann wäre Timo heute nicht hier, bei einem Erfurter Jugendpsychologen, der seine Praxis in einem ordinären Wohnhaus hat, sieben Bushaltestellen vom Internat entfernt. Abgesehen von einem schlichten Schild neben der Türe, weist nichts darauf hin, dass in diesen vier Wänden Gespräche stattfinden, die Timo bekehren sollen. Oder heilen. Oder zumindest irgendwie helfen...

„...dann sehen wir uns nächsten Montag, Timo“, beendet der stabil gebaute Mann mit allmählich ergrauendem Haar nun die Therapiestunde, in der Timo deutlich dargelegt hat, warum er eigentlich hier ist: Weil er zu langsam ist. Und weil er alles in seiner Macht Stehende dafür getan hat, dies zu ändern.

„Montag schon?“

„Ja, zwei Mal die Woche, zur gleichen Uhrzeit.“

„Okay...“ Timos Aufmerksamkeit springt erneut zum Fenster hinaus, während er aufsteht und sich zähneknirschend damit arrangiert, in wenigen Tagen erneut hier sitzen zu müssen. Er will nicht reden. Er will nur, dass er wieder erfolgreich wird. Mit knappen Worten bringt er die Verabschiedung über die Bühne, pflückt auf dem Weg zur Haustüre seine Jacke vom Kleiderständer und zieht den Reißverschluss bis oben zu, um sich vor dem untypisch kalten Herbst zu schützen, der draußen waltet.
Als Timo die Haustüre aufzieht, entdeckt er Viktor sogleich. Jener steht schräg gegenüber vor einem Hauseingang, im Schutze eines kleinen Vordachs. Als er Timo erblickt, setzt er sich lächelnd in Bewegung, checkt die Straße und hechtet hinüber, als sich eine günstige Gelegenheit bietet.

„Und?“, begrüßt er Timo, der den Weg zur Bushaltestelle um die Ecke eingeschlagen hat und kühl mit den Schultern zuckt.
„Ja, mal abwarten, ne?“ Offen gestanden hat Timo nicht die blasseste Ahnung, was ihm diese Therapiegespräche bringen sollen. Eigentlich ist er in der heutigen ersten Sitzung nur ganz unvoreingenommen gefragt worden, warum er denn hergeschickt worden sei. Dass seine Ernährung völlig aus dem Ruder geraten ist, hat Timo dabei bewusst für sich behalten. Stattdessen hatte er vieles Andere zu sagen – über seine Ziele, über die Leichtathletikmannschaft und über seine Schlafprobleme –, aber seine Schwierigkeiten mit dem Essen, die hat er unter den Teppich gekehrt. Höchstwahrscheinlich hat dieser seltsame Kinder- und Jugendpsychologe aber im Vorfeld ohnehin schon alle wichtigen Informationen auf dem Silbertablett serviert bekommen von Frau Stocker...

Von Viktor kommt ein zustimmender Laut. Dann ein „Willst du?“, indessen er ein Päckchen Maoam aus seiner Jackentasche zieht. Timo schüttelt bereits den Kopf, bevor er die Süßigkeit überhaupt in Augenschein genommen hat.

„Sicher?“

Timos Gesicht wird so finster, dass es dem Himmel starke Konkurrenz macht. Viktor soll damit aufhören. Er soll verdammt noch mal damit aufhören, Timo zu lieben!

Bitte...

Schnaubend lehnt Timo erneut ab und vermeidet jeden weiteren Blickkontakt. Seine Knochen fühlen sich schwach und ausgehöhlt an. Durch seine Adern rinnt die pure Erschöpfung. Timo ist so müde von allem und jedem. Von der Schule, vom Sport, vom Essen, vom Nichtessen, vom Fressen und Kotzen und geliebt werden.
Er kann einfach nicht mehr.
Dieses Internat, diese Umgebung, diese Menschen um ihn herum – sie alle machen Timo fertig.

„Ich hab noch mal mit Frau Stocker gesprochen“, beginnt er ohne große Umschweife, als sie um die Straßenecke biegen. „Ich denke, es is' besser, wenn ich das Internat nach den Ferien verlasse.“

„Was? Aber warum?“ Viktor weicht alle Farbe aus dem Gesicht. Mit schnellen Schritten umrundet er Timo, der stur auf den Boden schaut und weitergeht, was dazu führt, dass Viktor rückwärts vor ihm herläuft und ihn mit Worten und Gesten aufzuhalten versucht.

„Haben deine Eltern Druck gemacht?“

„Nee.“

„Aber warum willst du dann so plötzlich vom Internat runter? Sag schon.“

Weil Viktor nach fruchtig-leckerem Maoam duftet und weil Viktor gerade gar nicht hier, sondern beim Training sein sollte! Aber Timo schafft es einfach nicht, diese Wahrheiten auszusprechen. Ihm ist ganz schwindelig von Viktors Nähe und Fürsorge, die er Versager nicht verdient hat. Seine eigene Unzulänglichkeit macht Timo so, so wütend.
„Na weil ich auf einem Sportinternat einfach nichts mehr zu suchen hab! Raff's doch endlich mal, Vik! Ich pack das mit dem Sprinten nicht mehr!“

„Ja, im Moment vielleicht nicht! Aber das ist doch nur 'ne Phase–“

„Die mir schon wie 'ne Ewigkeit vorkommt! Du würdest auch das Handtuch werfen, wenn deine Leistung dauerhaft im Keller wär!“

„Nein, ich würd' kämpfen! Du kannst nicht einfach aufgeben!“ Viktors Hand landet an Timos linkem Oberarm und entzündet Timos Aggressionen wie ein Funke ein offenes Fass Schießpulver.
„Ich hab nicht einfach aufgegeben! Wenn ich einfach aufgegeben hätte, hätt ich den Scheiß nich' am Hals, wegen dem ich jetzt beim Seelenklemper gelandet bin!“

Erbost tritt Timo zurück, um Viktors Hand abzuschütteln. Seine Brust hebt sich schnell, sein Herz haut schmerzhaft gegen Timos Rippen und auf seinem ausgemergelten Gesicht verglüht der feine Sprühregen. Viktor und er, sie wissen doch beide, dass Timo krank ist. Nicht nur ein bisschen, sondern so schwer, dass er nicht mal mehr selbst daran glaubt, je wieder in die Nähe eines normalen Essverhaltens zu kommen!

Viktor schluckt sichtbar. Dabei rutscht ihm ein nicht gerade unerheblicher Teil seines Optimismus vom Gesicht.
„So..so hab ich das nicht gemeint, Timo. Ich weiß doch, dass du–“

Ja, Viktor weiß viel zu viel und er wollte Timo zu keinem Zeitpunkt kränken mit seinen Worten. Timo macht das wahnsinnig! Viktor ist einfach zu gut für ihn, in jeglicher Hinsicht. Ohne Rücksicht auf Verluste knallt er Viktor deshalb ein „Sei doch einfach froh, wenn ich demnächst weg bin. Dann brauchst du auf niemanden mehr Rücksicht nehmen“ vor den Latz, ehe er ihn einfach stehen lässt.

„Hä?“, ertönt es gleich darauf hinter Timo, gefolgt von Schritten.

Timo wünschte, er könnte Viktor genau so effizient loswerden wie Essen. Zum Beispiel indem er rennt, bis nichts mehr geht, oder indem er kotzt, bis ihm die Sinne schweben. Aber Viktor ist leider immer noch da und stellt sich direkt neben Timo bei dem kleinen Bushäuschen unter.
„Wovon zum Teufel redest du?“

„Wovon ich rede?“ Viktor soll gefälligst nicht so dumm tun! Es regt Timo maßlos auf. „Wie oft willst du denn noch für mich stehen bleiben? Und wie viele Male willst du das Training noch für mich verkürzen? Jede Woche zwei Mal oder was? Ey, ich bin kein Baby mehr. Ich brauch nich' ständig deine Hilfe und du musst auch einfach mal an deine eigene Zukunft denken, Vik!“

Eine alte Dame, die mit Regenschirm und Pudel an der Leine auf dem Bürgersteig gegenüber vorbei spaziert, wirft ihnen aufgrund von Timos Lautstärke einen pikierten Blick zu. Timo geht das allerdings sonst wo vorbei. Er hat nur Augen für Viktor, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht.
„Aber..das tu ich doch!“, versucht er, sich zu verteidigen. Er kann überhaupt nicht nachvollziehen, woher Timos plötzlicher Ärger rührt. Überfordert verliert er sich deshalb in einer nutzlosen Geste, die Timo mit einem messerscharfen Blick niedermetzelt.
„Nee, tust du eben nicht! Du hättest den Einzellauf locker gewinnen können. Dafür hast du ein ganzes fucking Jahr trainiert, man! Und der Typ, der letztlich Erster geworden ist, ist 'ne schlechtere Zeit gelaufen als du in so ziemlich jedem Training!“

„Ist doch gut: Dann hol ich mir den Pokal nächstes Jahr. Wenn du auch wieder am Start bist.“

„Laber keinen Scheiß! Für mich gibt’s kein nächstes Jahr! Zumindest nich' als Teilnehmer.“

„Das weißt du doch jetzt noch gar nicht!“

„Und ob! Du willst doch nur, dass ich auf'm Internat bleib und dich dann anfeuern komm, weil du mich–“ liebst!

Timos ungesagtes, letztes Wort trifft Viktor wie eine Bombe, die alles Leben zwischen ihnen auslöscht. Einen kurzen Moment lang wird es totenstill. Gibt es keinen Verkehrslärm mehr, kein Motorenbrummen und kein Straßenbahnbimmeln in der Ferne.

Dann blinzelt Viktor bestürzt und schüttelt abwehrend den Kopf. Ganz so, als würde er es selbst nicht glauben wollen. Ein heiser gebrochenes „Du spinnst“, das keinerlei Überzeugungskraft besitzt, zwängt sich aus seiner Kehle und fällt wie ein abgeschossener Vogel zwischen ihnen zu Boden.
Über Timo schlägt daraufhin eine Sturmwelle der Reue zusammen. Ja, er spinnt. Er spinnt total. Er hat seinen besten Freund gerade so tief verletzt, dass dieser etwas tut, was er in all der Zeit, die sie sich jetzt schon kennen, noch niemals zuvor getan hat: Er dreht sich enttäuscht herum und läuft vor Timo davon.
Es tut Timo so leid, dass er instinktiv die rechte Hand nach Viktor ausstreckt, um ihn aufzuhalten. Doch alles, was seine Finger noch zu fassen bekommen, ist klamme Luft.

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Hallo ihr lieben Leser! Das war's fürs heute :-) Ich sage wieder Danke für all eure lieben Kommentare zum letzten Kapitel und hoffe, ihr hattet Spaß mit dem neuen Kapitel!? Timo hat den Bogen ganz schön überspannt, oder was meint ihr?
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