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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
Alle Kapitel
37 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
03.06.2020 2.291
 
Hallo ihr lieben Leser, lang ist's her. Die Wahrheit ist, ich hatte nicht nur keine Zeit, sondern war mit diesem Kapitel auch extrem unzufrieden. Letzteres ist nach wie vor Status Quo, aber bevor's hier gar nicht mehr weitergeht, lade ich das Kapitel jetzt einfach hoch.
Danke an alle, die zuletzt wieder Feedback hinterlassen haben :-) Ich hoffe, euch gefällt der neue Teil zumindest ein bisschen.
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Sie kriegen das wieder hin, haben sie ihm alle gesagt. Seine Eltern, Frau Stocker, Herr Chung, Viktor, Nick und sogar der Arzt, der Timo von Kopf bis Fuß durchgecheckt hat. Dass aber nicht die anderen, sondern einzig und allein Timo etwas an seinem Verhalten ändern kann, bleibt unerwähnt. Dabei wissen sie es mindestens genau so gut wie er...
Er muss anständig essen.
Er muss einsichtig sein.
Er muss diese bescheuerte Therapie machen.
Er muss dies und das und jenes!
Er muss so viel und kann doch gefühlt so wenig...

Überfordert starrt Timo in das Porridge, das in einer Schale vor ihm auf dem Tisch steht. Es ist kurz nach sieben in der Früh und er sitzt mit Nick, Viktor und Carolin an einem Tisch im Speisesaal. Frühstückszeit. Ihm dreht sich schon beim Anblick der riesigen Portion fast der Magen um, aber Nick und Viktor bestehen darauf, dass Timo mit ihnen gemeinsam isst. Das macht es nicht besser, denkt Timo insgeheim, obwohl er nachvollziehen kann, dass seine Freunde nur sichergehen möchten, dass er überhaupt isst. Rein zufällig hatte Caro an diesem Morgen dann auch schon vier Portionen Porridge mit Apfel und Zimt vorbereitet und drei Leute genießen bereits seit einigen Minuten ihr Frühstück, während Timo lediglich verhalten mit dem Löffel durch den blassen Brei schabt. Er war noch nie ein großer Fan von Porridge. Das Zeug strotzt doch nur so vor Kalorien! Trotzdem zwingt er sich nun einen Löffel rein, lässt ihn im Mund hin und her wandern, hört sein schlechtes Gewissen wie eine hysterische Furie kreischen und schluckt schweren Herzens. Es ist, als habe man ihn gezwungen, eine rohe Tierleber hinunterzuwürgen. Einfach widerlich! Wenn er fortan tagtäglich mit so einem gigantischen Frühstück startet und auch bei allen weiteren Mahlzeiten observiert wird, wird er zwangsläufig zunehmen – und zwar massenhaft. Und dann wird er nie, nie wieder auch nur in die Nähe einer schlanken, durchtrainierten Läuferfigur kommen. Die Albtraumvorstellung braut sich wie eine düstere Gewitterwolkenfront in Timos Kopf zusammen. Natürlich, er sollte mehr essen, aber doch nicht so was und dann auch noch unter Beobachtung? Ihm hat die Idee von Anfang an missfallen und er weiß auch, warum. Die anderen sollen sich einfach aus der ganzen Sache raushalten! Timo erträgt die Kontrolle von außen nicht. Sein ganzes Leben rinnt ihm durch die Finger und er kann sich nicht mal mehr an seinen selbst aufgestellten Essensregeln festhalten...

Betrübt hebt er den Blick und trifft dabei ausgerechnet auf Till, der wie bestellt und nicht abgeholt in der Türe zwischen Küche und Speisesaal steht, in der Hand ein zusammengeklapptes Käsebrot und das Augenmerk auf den Tisch seiner Freunde gerichtet.
Till ist nicht eingeweiht. Timo denkt ja gar nicht daran, Till von seinen Problemen zu erzählen und er glaubt auch nicht, dass Nick oder Viktor das getan haben. Denn zurzeit redet eigentlich keiner so wirklich mit Till. Oder eher: Till redet mit keinem, weil er immer noch der felsenfesten Überzeugung ist, im Internat gäbe es einen Krieg zu gewinnen. Dabei sind alle längst nach Hause gegangen und Till merkt nicht, dass er ganz allein an der Front steht und ins Nichts schießt.
Na soll er ruhig so weitermachen! Wenn es nach Timo geht, kann Till bis an sein Lebensende unsichtbare Dämonen abknallen.

Dies verdeutlichend, feuert Timo einen Killerblick sondergleichen in Tills Richtung und versteht nicht, warum Tills Adamsapfel daraufhin einen zuckenden Satz macht. Abrupt wendet sich der ehemalige Captain des Staffelteams ab und ist so schnell verschwunden als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Vielleicht kommt Till nicht damit klar, von Herrn Hauser aus dem Team geworfen worden zu sein? Die Information hat sich wie ein Lauffeuer an der Schule und im Internat verbreitet und Till benimmt sich seitdem wie ein tollwütiges Tier, das Arroganzschaum vorm Mund hat und jedem am liebsten an den Hals springen würde. Vor diesem Hintergrund ist sein kommentarloser Abgang noch unverständlicher. Wenn Timo ehrlich ist, hat er nicht die geringste Ahnung, was eigentlich in Tills Kopf vor sich geht. Sie beide haben ewig nicht mehr richtig miteinander gesprochen und mittlerweile wüsste Timo nicht mal mehr, wie und worüber er sich überhaupt noch mit Till unterhalten sollte – von dem warum ganz zu schweigen.

Unterm Tisch berührt jemand mit der Fußspitze Timos rechten Schuh und lenkt so seine Aufmerksamkeit zurück aufs Frühstück. Das Tischgespräch findet gerade zwischen Nick und Caro statt und dreht sich offenbar um eine Ballettaufführung, der Caro hörbar hinterher trauert:

„...aber die Karten waren natürlich sofort weg. Ich mein, klar, bei so einem kleinen Theater und dem Ensemble! Wenn ich nicht so knapp bei Kasse gewesen wäre, hätt' ich mir vorletzten Monat ja auch direkt 'ne Karte für die Aufführung gekauft. Weißt du ja.“

„Ja, ich erinner mich“, fängt Nick verständnisvoll Caros Blick auf. „Und jetzt kommt man wirklich nirgendwo mehr an Karten?“

„Keine Chance. Nicht mal auf ebay werden welche verkauft, dabei kriegst du da ja sonst alles...“

„Stimmt. Aber du hast ja bald Geburtstag...“

„Bald? Das dauert doch noch zwei Monate. Und was hat das überhaupt mit der Aufführung zu tun? Die ist übernächstes Wochenende.“

„Naja...“, verschwörerisch dreht sich Nick zu seinem neben ihm auf der Bank stehenden Rucksack um. Seine Finger öffnen etwas ungelenk das vordere Reißverschlussfach, dann ziehen sie einen Umschlag heraus.
„Da ich ja wusste, wie gern du hin wolltest... Sieh's als verfrühtes Geburtstagsgeschenk an.“

Völlig verblüfft starrt Caro auf den länglichen altrosanen Umschlag, auf dem in Nicks schönster Sonntagsschrift ihr Name prangt. Am Tisch ist es totenstill geworden. Selbst Viktor, der den Mund voll Porridge hat, wagt es nicht weiterzukauen, sondern wartet gespannt wie ein Flitzebogen.

„Echt jetzt?!“, platzt es total überwältigt aus Caro heraus, während sie über beide Ohren zu strahlen beginnt und den Umschlag mit einer solchen Vorsicht entgegen nimmt, als würde er bei der erstbesten Berührung zu Staub zerfallen.

Nick zuckt bloß mit den Schultern. Aber so sehr er sich auch bemüht, er ist alles, nur nicht cool und lässig. Timo entdeckt den feinen Schweißfilm, der sich mit einer leichten Röte Nicks Gesicht teilt und seine Nervosität verrät. Und dann ist da noch dieses Lächeln. Dieses unbeschreiblich glückliche Lächeln, das man nur lächelt, wenn man jemandem, den man aufrichtig liebt, eine tierische Freude machen kann.
Oh, man!
So recht mitbekommen hat Timo es bis gerade gar nicht, aber kann es sein, dass hier jemand schwer verliebt ist? Sich vergewissernd guckt Timo Viktor an, der verschmitzt von einem Ohr zum anderen grinst und genüsslich sein Porridge weiterkaut.

Ja, es kann sein. Und wie das sein kann!

Viktor wusste wahrscheinlich, dass Nick die Karten gekauft hat. Aber Timo bekommt erst jetzt Wind von der ganzen Sache. Er hatte nicht die geringste Ahnung, dass Nick auf Caro steht. Zugegeben, zwischenzeitlich hat er den Verdacht mal gehegt, doch Nick hat nie irgendwelche Andeutungen gemacht. Er und Carolin sind optisch ja auch sehr unterschiedlich, wenn Timo das mal so sagen darf. Vielleicht hat er deshalb nie geglaubt, dass aus den beiden ernsthaft etwas werden könnte, obwohl sie so viel Zeit miteinander verbringen. Na, da hat er sich aber gewaltig getäuscht!

Indessen Caro Nick in eine überglückliche Umarmung zieht, in der die beiden verdächtig lange verweilen, flüstert Viktor Timo ein verschwörerisches „Lass auch mal wieder was zusammen unternehmen“ ins Ohr. In seinen Augen liegt dabei die gleiche Sänfte, die Timo immer wieder dort antrifft und die ihn schon ewig an Viktor bindet. Die ihn festzuhalten, aufzumuntern und zu beruhigen weiß. So wie letztens im Wald, als Viktor Timo gesucht und gefunden hat.

Oder so wie vorgestern, als Viktor beim 100m Lauf der mitteldeutschen Jugendmeisterschaften einfach nicht losgelaufen ist, weil Timo wie aus dem Nichts mit einer gepackten Reisetasche über der Schulter im Stadion aufgetaucht ist und vorhatte, dem Internat ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Timo hätte sich nicht träumen lassen, dass jemand, der als absoluter Favorit in ihrer Altersgruppe gilt, seine Chance einfach so wegwirft. Denn noch bis vor Kurzem hat Timo selbst alles dafür gegeben, um einen Startplatz bei den Jugendmeisterschaften zu bekommen. Er hatte wie ein Berserker gehungert, trainiert und abgenommen, aber er ist trotzdem nicht gut genug gewesen. Dann hatte ihn Frau Schiller erwischt. Und dann war die Sportsperre gekommen; und mit ihr all der Frust, der Timo vorgestern dazu getrieben hat, die Schule zu schwänzen. Sinnlos war er mit dem Rad durch den Wald und die Stadt gefahren, hatte die meiste Zeit auf irgendwelchen Parkbänken rumgelungert und war gegen Nachmittag von Viktor aufgespürt worden.

„Timo!“, hatte sich Viktor schon von Weitem angekündigt, ehe er mit ein paar flinken Tritten in die Pedale plötzlich neben Timo hergeradelt war.

„Was?“

„Nichts 'was'. Hast du ernsthaft den ganzen Tag geschwänzt? Davon wird doch echt nichts besser! Und wieso gehst du nich' an dein scheiß Handy?“

„Musst du nicht zu den Meisterschaften?“ Rüde hatte Timo Viktors Ansage komplett ignoriert. Er war schlichtweg nicht in der Stimmung gewesen, um sich eine Moralpredigt übers Schulschwänzen oder über verpasste Anrufe und unbeantwortete Whatsapp-Nachrichten anzuhören.

Das Einzige, was er jedoch vorerst zu hören bekam, war ein tiefes Seufzen.

„Bis dahin sind's doch noch ein paar Stunden“, hatte Viktor schließlich angemerkt, während sie langsam nebeneinander durch den Park geradelt waren und Timo den Boden unverhältnismäßig interessant fand. Viktor hatte sich das Schweigen nicht lange gefallen lassen.
„Du kommst doch, oder?“

„Nee, was soll ich denn da?“

„Na dein Team anfeuern!“

„Und dir dabei zugucken, wie du die Goldmedaille absahnst? Super. Echt.“ Timo war stinksauer gewesen – bis zu dem Moment, als er seinen erbosten Blick vom Weg genommen und Viktor geradewegs ins Gesicht gesehen hatte. Nichts hätte ihn auf diesen Anblick vorbereiten können. Absolut gar nichts.
Viktor hatte so abgrundtief enttäuscht gewirkt, wie Timo ihn nie zuvor erlebt hatte.
'Du kommst dein Team also nicht mal anfeuern? Und mich lässt du auch einfach im Stich?', hatten seine braunen Augen gesagt und Timo hatte sich geweigert, sich das auch nur eine Sekunde länger als nötig anzutun. Lieber hatte er Viktor die kalte Schulter gezeigt, indem er einfach auf seinem Rad davon gebraust war. Mit dem Ergebnis, dass ihn die Erinnerung an Viktors erschütterte Miene den Rest des Tages verfolgt hatte. Wenn Timo nur gekonnt hätte, er hätte einfach seine sieben Sachen gepackt und sich aus dem Staub gemacht. Der Plan hatte eigentlich schon gestanden. Doch das schlechte Gewissen hatte ihn gegen Abend nicht zum Bahnhof, sondern ins Stadion getrieben. Die Läufer ihrer Altersgruppe waren gerade damit fertig geworden, sich für den anstehende Einzellauf aufzuwärmen. Timo hatte sich langsam dem kleinen Pulk an Sportlern genähert, in dem Viktor stand, während die letzten Vorbereitungen liefen.

Weiche Hoffnung war sogleich in Viktors Augen aufgekeimt, kaum dass er Timo entdeckt hatte. Sie erlosch schlagartig, als Timo kleinlaut erklärte, dass er nur gekommen war, um sich zu verabschieden. Er würde gehen. Viktor musste es akzeptieren.
Man konnte schließlich nicht immer gewinnen.

Den Ausdruck von Viktors braunen Augen genau so schlecht ertragend wie am Nachmittag, hatte sich Timo rasch abgewandt. Es gab hier für ihn nichts mehr zu tun. Er wusste ja, dass Viktor es auch ohne ihn schaffen würde.
Oder eher: Dass Viktor es auch ohne ihn geschafft hätte.
Denn Viktor war zwar zu den Startblöcken gegangen, doch als der Startschuss fiel, hatte er den Sieg links liegen gelassen. Er war einfach stehen geblieben. Timo zur Liebe.

Und als Timo das gemerkt hatte, als das aufgebrachte Geschrei von Herrn Hauser dafür gesorgt hatte, dass Timo sich doch noch einmal umdrehte, da hatten er und Viktor sich angesehen. Viktor hatte gelächelt und Timo hatte es erwidert. Ganz intuitiv. Weil es sich nach dem einzig Richtigen angefühlt hatte. Weil Timos Herz den Entschluss gefasst hatte, dass es bleiben wollte.

Viktor hatte das gesehen und so triumphierend zurück gelächelt, als hätte er den ersten Platz gemacht. Als sei er der einzig wahre Gewinner des Abends, obwohl er stehen geblieben war. Timo zur Liebe.

Oh, man...

Oh, man?

Timo dreht leicht nervös seinen Löffel im Porridge herum und versucht, sich den absurden Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Was ist nur los mit ihm? Ist sein Hirn wirklich schon dermaßen unterversorgt, dass es anfängt, Gespenster zu sehen?
Rastlos landet sein Blick auf Viktor, der ihn sogleich wieder lächelnd auffängt, die Augen nur für Timo strahlend.

Und Timo begreift mit einem Male, dass es stimmt: Viktor hat es aus Liebe getan.

Oh, man!

Rot anlaufend, lächelt Timo genauso instinktiv zurück wie im Stadion. Sein Magen dreht sich einmal um die eigene Achse, so wie neulich auf dem Flur, als er und Viktor ganz dicht beieinander gestanden haben und Viktor Timo eine Hand auf die Schulter gelegt hat. Er hätte Timo garantiert geküsst, wenn sie nicht gestört worden wären.
Timo wohnt der Szene plötzlich wie ein Außenstehender bei und es schockiert ihn, wie eindeutig doch alles gewesen ist. Wie konnte er nur so blind sein und nicht merken, dass Viktor in ihn verliebt ist? Das ist... Das ist... schrecklich!

Sich einen weiteren Löffel Porridge reinzwingend, kommt Timo nicht umhin, sich zu verdammen. Wegen ihm macht sich Viktor noch das ganze Leben kaputt. Der Junge kann es bis ganz nach oben schaffen, doch für Timo ist er bereit, alles im entscheidenden Moment wegzuwerfen. So darf das unter keinen Umständen weitergehen! Timo will dafür nicht verantwortlich sein. Er hat schon seine eigene Zukunft kaputt gemacht. Er kann nicht auch noch Viktors Zukunft ruinieren. Er muss etwas unternehmen. Er weiß nur noch nicht genau, was...
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