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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
Alle Kapitel
37 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
11.08.2019 3.303
 
Hallo liebe Leser!
Ja, es hat ein wenig gedauert mit dem neuen Kapitel. Krankheit, Arbeit, generell viel zu tun – ihr kennt's sicher auch. Aber ich möchte mich natürlich ganz herzlich bei euch allen fürs Lesen und vor allem auch Kommentieren und Empfehlen bedanken! Über Rückmeldungen zur Story freue ich mich einfach nach wie vor total ^-^ Danke, dass einige von euch sich die Zeit nehmen, um mir so liebe Reviews zu schreiben! Ich hoffe, euch gefällt das neue Kapitel~
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Die Umgebung ändert ihr Gewand, tauscht Schulgelände und Betonboden gegen Waldwege und Dickicht ein, während Timo weiter und weiter rennt, niemanden mehr sehen und erst recht mit keinem mehr reden will. Es bringt doch sowieso nichts! Nicht mal seine Freunde haben ihn verstanden, also kann er sich die Puste auch sparen!
Beim Gedanken an Viktors und Nicks Worte kocht die Wut gleich wieder in Timo hoch, schäumt über den Rand seines ruhigen Gemüts und treibt ihn weiter an. Unter seinen Fußen fliegt der klamme Waldboden nur so dahin und an den Ärmeln seines Hoodies sowie an seinen Hosenbeinen haben sich kleine Ästchen und Dreckklümpchen festgesetzt, die Timo von Bäumen und Büschen geerntet hat. Seine Beine brennen, als wären sie von einem Lavastrom ergriffen worden und die Luft wird langsam knapp. Die Erkenntnis spaltet Timos Fluchtinstinkt entzwei und bremst ihn zwangsläufig aus. Keuchend beugt er sich vor, die Hände auf den Knien. Sein Blick ist auf den blätterbesudelten Waldweg gerichtet, der vom starken Schwindelgefühl auf und ab ebbt. Timo hat plötzlich das Gefühl, seekrank zu werden. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals, viel zu schnell und viel zu heftig, drückt ihm die Kehle zu und schnürt ihm die Luft ab. Gott, er kann nicht mehr. Er kann einfach nicht mehr!

Mit wackeligen Schritten weicht er taumelnd vom Weg ab und lässt sich auf einen umgekippten Baumstamm fallen. In seiner Hosentasche spürt er zum wiederholten Male sein Handy vibrieren, doch selbst wenn ihm gerade nicht speiübel wäre, würde er den Anruf geflissentlich ignorieren. Ein paar quälend lange Sekunden bemüht Timo sich noch, Herr über seinen durchgeschleuderten Magen zu werden, ehe er sich reflexartig vorbeugen muss. Das Würgen schüttelt seinen gesamten Körper durch und presst einen Schwall Magensäure mitsamt dem spärlich anverdauten Witz von Mittagessen, den Timo sich heute einverleibt hat, heraus. Timo ist froh, zu sitzen. Dass er sich soeben unfreiwillig übergeben hat, liegt definitiv nicht an der Distanz, die er zurückgelegt hat. Auch nicht an der Geschwindigkeit, die er an den Tag gelegt hat. Er ist körperlich einfach völlig am Ende...

Die Einsicht frisst sich wie Salzsäure durch Timos Gedanken und lässt ihn verbittert auf die bekotzten Blätter und Äste zu seinen Füßen starren. Mit dem rechten Ärmel wischt er sich zunächst über die tränennasse Augenpartie, dann über Mund und Kinn. Mit den Fußspitzen schiebt er etwas Erde und verrottendes Laub über sein Erbrochenes. Anschließend rückt er auf dem Baumstamm ein Stück beiseite. Er würde aufstehen, wenn er seinen Beinen und seinem Gleichgewichtssinn trauen könnte, aber davon ist Timo gerade meilenweit entfernt.
Also sitzt er einfach nur da, inhaliert frische Waldluft und wartet darauf, dass es ihm endlich wieder besser geht. Es gleicht dem Warten auf Godot... Und alles, was Timo indes durch den Kopf geht, ist, dass er Nick und Viktor nichts mehr vormachen kann. Die zwei haben schon verstanden, dass Timo ein Problem mit dem Essen hat. Was, wenn sie es noch jemandem erzählt haben? Till oder Pit zum Beispiel. Oder wenn jemand mitgekriegt hat, dass Timo weggelaufen ist und deshalb dumme Fragen stellt? Es wäre definitiv klüger gewesen, die Sache irgendwie klein zu reden, statt das Weite zu suchen.
Sich selbst verteufelnd, presst Timo die Augenlider zu und bereut seine Flucht abgrundtief. Wenn er nur vorhin nicht so wütend geworden wäre... Aber was fällt Nick und Viktor auch ein? Einfach ankommen und so tun, als hätten sie den totalen Durchblick. Einen Scheiß haben sie! Timo wird glatt wieder sauer, wenn er an die ungeheuerlichen Unterstellungen denkt. Und trotzdem: Viktor und Nick sind seine Freunde. Sie machen sich Sorgen um ihn, wenn auch reichlich spät.

Zu spät?

Ein Frösteln überkommt Timo, der zwar zwei T-Shirts und seinen grauen Internatshoodie trägt, aber bei den Temperaturen dringend eine dicke Jacke bräuchte. Instinktiv legt er sich die Hände auf die Oberarme und reibt zügig auf und ab. Er sollte zurückgehen, sich warm abduschen, einen heißen Tee trinken und seine 'Freunde' bitten, dicht zu halten. Aber was, wenn es für Letzteres längst zu spät ist? Timo mag es sich gar nicht vorstellen. Ebenso wenig wie er sich vorstellen mag, was die zwei nun über ihn denken mögen. Sie müssen ihn doch für komplett gestört halten. Für egoistisch, dämlich und–

Das Knistern von Blättern und Dickicht lässt ihn erschrocken den Kopf herumdrehen. Das Wetzen von weiten Schritten durchschneidet die Stille des Waldes. Jemand rennt über den Waldweg als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Statur, Haarfarbe, Haltung – es ist Viktor, der bei Timos Anblick abrupt abbremst und ein aufgebrachtes „Gott sei Dank! Hab ich dich endlich gefunden!“ ausstößt. Er ist viel und weit gerannt. Der Schweiß auf seinem Gesicht bezeugt, dass er auf seiner Suche mehr als nur einen kurzen Sprint zurückgelegt hat.

Timos einzige Reaktion besteht aus einem tiefen Schlucken. Seinen bekümmerten Blick versenkt er im Waldboden.

Weiterhin nach Luft schnappend, verlässt Viktor den Waldweg, steigt den kleinen Abhang hinab und umrundet den Baumstamm.
„Darf ich?“, fragt er verunsichert, als er unmittelbar vor Timo steht und deutet dabei auf den Baumstamm. Vielleicht befürchtet er, dass Timo gleich wieder Reißaus nimmt, wenn man ihn zu sehr bedrängt.

Nichts sagend rückt Timo dezent nach rechts, in Richtung der notdürftig verscharrten Kotze. Er kann seinem Freund nicht zumuten, auf der rechten Seite zu sitzen; und sie können nicht sonderlich viel weiter nach links rutschen, da der Baumstamm dort von Büschen vertilgt wird.

Rasch kommt Viktor der Einladung nach. Ihre Oberarme streifen sich, als er Platz nimmt, und Timo fällt sogleich auf, wie viel Wärme Viktor ausstrahlt, wohingegen er selbst nur mit Mühe und Not das Zähneklappern unterdrücken kann. In seinem Brustkorb rasseln sein Herzschlag und seine Lungen um die Wette wie zwei Gespenster mit ihren Ketten, aber auch sie sind erschöpft, fühlen sich unnütz. Warum geben sie nicht einfach auf?
Warum gibt Timo nicht einfach auf?
Der Gedanke leuchtet plötzlich hinter Timos Stirn auf wie eine in grellen Neonfarben gehaltene Reklametafel. Seine Fingernägel, von denen die meisten unschön eingerissen und abgebrochen sind, nesteln am Innenfutter seiner Ärmel herum. Es ist doch ohnehin alles kaputt. Timos gesamtes Leben liegt in Trümmern und er bemüht sich noch, es vor der Außenwelt geheim zu halten. Es ist lächerlich. Er ist lächerlich. Nichts weiter als eine Witzfigur, die eingehend von Viktor studiert wird und nicht den Mut aufbringt, Blickkontakt herzustellen.

Nach rund einer Minute rümpft Viktor die Nase, nimmt sein Augenmerk von Timo und scannt die umliegenden Büsche und Bäume ab.
„Hast dir aber kein besonders tolles Versteck gesucht. Hier stinkt's voll...“

„Liegt daran, dass ich da unten hingekotzt hab“, erwidert Timo brachial und kickt demonstrativ noch mehr Laub auf den winzigen Haufen zu seinen Füßen. Es ist ihm egal, dass man ihn für einen widerwärtigen Versager hält, der zu dumm zum Essen und zu schlecht zum Sprinten ist. Oder zumindest möchte Timo sich einreden, dass ihm das egal ist. In Wahrheit stimmt das aber natürlich nicht. In Wahrheit schämt er sich abgrundtief vor Viktor, dem es vor Schreck glatt die Sprache verschlägt.

Die Stille hält allerdings nur so lange an, bis Timo von einer neuen Woge Kälte überfallen wird und nicht mehr imstande ist, das Zähneklappern in Schach zu halten.

„Scheiße, Timo!“

Bevor der Angesprochene weiß, wie ihm geschieht, zieht Viktor den Reißverschluss seines Hoodies auf, reißt sich das Kleidungsstück vom Leib und legt es Timo über die Schultern. Die Geste schließt er mit einer Umarmung ab, bei der er Timo an sich drückt, ihm mit den Handflächen über die Schultern und Oberarme streicht, ihn gleichzeitig zu wärmen und zu trösten versucht.
Obwohl Timos erster Impuls ist, sich loszureißen, kann er nicht. Nicht nur, weil er sich so schwach fühlt, sondern auch, weil die Kombination aus Viktors Wärme und Zuneigung ihn schier überwältigt. Viktor hasst ihn offenbar nicht und findet ihn anscheinend auch nicht weird oder widerwärtig. Sonst würde er Timo doch nicht helfen und erst recht nicht so festhalten. So, als würde er Timo vom Rest der Welt abschirmen, damit kein hämischer Gedanke mehr in Timos Hirn sticht. Damit er die Reklametafel nicht mehr lesen muss. Damit die Kälte und die Sorgen sich nicht mehr ungehindert an Timo vergehen können...

Timo kann sich nicht entsinnen, ob und falls ja, wann ihn jemals jemand auf diese Art und Weise festgehalten hat. In den letzten Monaten hat er so viel Angst, Apathie und Wut empfunden, er hat sich mit Hass das Essen verboten und mit Gewalt die Finger in den Hals gesteckt. Er hat geschwitzt und trainiert, bis er fast ohnmächtig geworden ist, und er hat all die Zeit über gedacht, er muss ganz allein eine Lösung für seine Probleme finden. Obwohl Viktor da war. Ständig ist er in Timos Nähe gewesen, hat ihn zuletzt sogar vermehrt umarmt und mit ihm diese Blicke ausgetauscht, die ihnen beiden ein Lächelns ins Gesicht gezaubert haben. Trotzdem hat Timo sich nie erlaubt, sich vollends auf die Gesten einzulassen. Immer haben ihn seine Ängste von Viktor weggezerrt. Das ist hier und jetzt anders, wie Timo realisiert, Die Augen schließt und sich erlaubt, einfach nur festgehalten zu werden. Ganz gleich, was das für ein Gefühlschaos in ihm auslöst.


„Ich wusste, dass du wütend wirst, wenn wir dich drauf ansprechen“, murmelt Viktor irgendwann über Timos Schulter hinweg. „Du tickst jedes Mal aus...“

Wie sollte Timo auch nicht? Er wollte nie jemanden hinter die Fassade seiner Geheimniskrämerei blicken lassen. Er wollte jedem die dahinter verborgene Hässlichkeit ersparen. Es ist ihm nach wie vor peinlich, zu was er sich herablassen musste, um nichts unversucht zu lassen. Um nicht sagen zu müssen, er hätte nicht alles gegeben. Wie viel er doch von sich gegeben hat. Kilo um Kilo, Nacht um Nacht...

„Aber wir konnten doch auch nicht weiterhin nichts sagen?!“ Viktors Finger klammern sich fester in den Stoff, der Timos Oberarme umhüllt. 'Das verstehst du doch?', fragt die Geste, in deren Verlauf sich Viktor auf die Lippe beißt und weit genug zurücklehnt, um Timo abwägend zu betrachten.

Jener schlägt lediglich ermüdet die Augen nieder.
'Nee, ihr hättet einfach mal eher was sagen können! Etwas, das mir zeigt, dass ihr mich ernst nehmt!', möchte Timo ätzen, aber ihm steckt noch immer sein aus dem letzten Loch pfeifendes Herzklopfen im Hals. Zudem ist er sich mittlerweile nicht mehr sicher, was er überhaupt noch von den Geschehnissen halten soll. Einerseits ist er unbeschreiblich wütend auf seine ignoranten Freunde. Andererseits melden sich deutliche Zweifel in ihm zu Wort: Denn welches Recht hat er, Viktor und Nick Vorwürfe zu machen, wenn er doch derjenige ist, der alles verbockt hat? Der nicht mehr leistungsfähig gewesen ist und sich irgendwann lieber mit Lügen abgeschottet hat. Was hätten seine Kumpels denn bitte sagen sollen? Dass er den Sport aufgeben soll? Dass er sich das mit dem Abnehmen aus dem Kopf schlagen soll? Dass er sich professionelle Hilfe suchen soll? Timo hätte es vermutlich eh nicht getan, weil er feige ist. Und dumm obendrein. Zu dumm, um seine Nöte gescheit zu kommunizieren und zu dumm, um aus seinem selbsterrichteten Teufelskreis wieder auszubrechen.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, zuckt er kaum merklich mit den Schultern, verliert ein „Ich weiß“ und zieht Viktors Hoodie noch enger um sich. Gleichzeitig reibt er seine Füße aneinander, um seine Zehen zu wärmen. Timo hat vorhin so überstürzt die Flucht angetreten, dass er nicht mal Schuhe angezogen hat. Er kann von Glück reden, nicht in Glas getreten zu sein. Das hätte ihm nämlich nicht nur die Socken zerschnitten.

„Tut mir leid. Wir hätten echt eher versuchen sollen, mit dir mal irgendwie in Ruhe zu reden. Ich...ich hab nur nicht gecheckt, dass es so..ernst is', bis du ins Krankenhaus gekommen bist.“ Viktors Gesichtsausdruck schließt sich seiner entschuldigenden Tonlage an. Er blinzelt betroffen, beißt sich erneut auf die Unterlippe und sieht Timo auf die gleiche Art und Weise an wie vorhin im Zimmer, als er den Eindruck erweckt hat, als wäre es nicht nur Timos Leben, das kaputt gegangen ist, sondern auch sein eigenes.

Dass die Dinge so kommen mussten, wie sie nun gekommen sind, hat Viktor wahrlich nicht gewollt. Timo glaubt es ihm und wünscht sich zugleich, er könnte das selbe von sich behaupten. Jedoch ist Timo ab einem gewissen Zeitpunkt durchaus bewusst geworden, mit seinem Verhalten auf eine Bruchlandung zuzusteuern, und er hat trotzdem nichts geändert. Oder besser gesagt: Er hat nicht mehr das Gefühl gehabt, noch etwas ändern zu können.

„Ihr hättet ja eh nich' dafür sorgen können, dass ich wieder besser werd...“, ist folglich auch alles, was Timo dazu zu sagen hat, derweil sich sein Körper weiterhin an Viktors Wärme labt.

„Timo...“ Viktor spricht Timos Namen aus wie einen Einspruch, doch Timo hält sich an sein Recht zu schweigen. Er kann und will nichts mehr sagen, was letztendlich gegen ihn verwendet werden könnte. Er ist einfach zu erschöpft, und Viktor scheint es zu verstehen. Zumindest hakt er nicht weiter nach, sondern lässt einige Minuten Stille ins Land ziehen, ehe er ein vorsichtiges „Ich muss dich was fragen“ verliert, das Timo unwohl schlucken lässt.

„Was denn?“

„Na ja“, beginnt Viktor zögerlich. „Nach dem, was du eben gesagt hast, dachte ich... Also kann es sein, dass du nur abnehmen wolltest, weil du letztes Halbjahr nicht mehr so gute Zeiten gelaufen bist wie sonst und dann halt dachtest, mit weniger Gewicht läufst du wieder schneller? Du hast doch eigentlich erst kurz vor den Sommerferien mit Zusatztraining und so angefangen.“

Bingo! Timo zuckt ertappt zusammen. Das Herz tut ihm mit einem Mal dermaßen weh, dass ihm Tränen in die Augen schießen.
„Ja, hat nur leider nich' geklappt. Schon blöd, ne?“, lacht er heiser vor Verzweiflung auf und schluckt die Tränen hinunter. Geheult wird schließlich nur noch im Dunkeln oder beim Kotzen. Dennoch überwältigt es ihn, dass Viktor noch mal in seinem Gedächtnis gekramt und dabei festgestellt hat, dass er und Nick sich geirrt haben. Timos sportliche Leistung ist nicht erst eingeknickt, nachdem Timo seine Ernährungs- und Trainingsgewohnheiten drastisch geändert hat. Timos Leistungseinbruch, seine Ängste und Schlafstörungen waren zuerst da und haben Timo somit den Anlass zur „Selbstoptimierung“ geboten.

Als Reaktion auf die Worte schließt Viktor Timo gleich wieder fester in die Arme. Lässt Timo einfach nur sein und atmen und warm werden. Irgendwie klar kommen für den Moment, der ihm gleichermaßen im Herzen und in den Augen brennt.

„Stocker hat mir auch schon die Karte von so 'nem Psychoheini gegeben und da 'nen Termin für mich gemacht“, erzählt Timo matt, als der Tränenreiz abgeklungen ist und er nur noch trist in die fast kahlen Baumkronen hinauf schaut. Das Kinn auf Viktors Schulter und die Nase mit Viktors vertrautem Geruch gefüllt.

„Stocker weiß also schon Bescheid?“ Es überrascht Viktor deutlich.

„Ja. Hab's ihr gestern Morgen erzählt. Mit meinen Eltern hat sie natürlich auch schon telefoniert...“

„Und?“

„Was meinst du wohl? Meine Eltern sind total geschockt und hätten's eigentlich am liebsten, ich würd' direkt wieder zu ihnen ziehen.“

„Du sollst vom Internat runter?“ Viktor ist fassungslos. Seine Hände packen Timo bei den Schultern und drücken ihn gerade weit genug von sich weg, damit sich ihre Blicke begegnen können.

„Ja, klar. Lauf ja eh nicht mehr...“

„Aber deine Austrittserklärung kannst du doch zurückzieh-“

„Man, ich hab 'ne fucking Sportsperre, Vik! Da ist nichts mit Zurückziehen!“, knallt Timo seinem Freund die Wahrheit um die Ohren, der daraufhin schmerzerfüllt das Gesicht verzieht und besser denn je versteht, wie ernst die Lage mittlerweile ist.

„Dann-dann bist du gar nicht freiwillig ausgetreten?“

„Nein...“ Timo seufzt so schwer als würde ein ganzer Bergstollen auf seine Brust einstürzen. „Ich hab die Austrittserklärung eigentlich nur geschrieben, damit Hauser euch nichts von meiner Sportsperre erzählt. Ihr hättet doch sofort gefragt, was Sache is' oder euch das selber zusammen gereimt...
Ich mein, klar, früher oder später hättet ihr eh gemerkt, dass ich auch keinen anderen Sport mehr machen darf, nicht mal nach der Schule, aber...ich wollt' einfach noch ein bisschen Zeit gewinnen. Ich wollte nicht, dass es sofort alle wissen...“

„Ach, Timo...“

Nichts 'Ach, Timo'. Timo will das nicht hören und schüttelt demnach bloß den Kopf.
„Die Sperre is' total übertrieben! Mir geht’s nicht so schlecht, wie ihr alle denkt. Aber ich werd' sie nicht mehr los, solang das mit'm Essen und Gewicht nicht wieder besser ist. Und generell stimmt meine Leistung für ein Sportinternat nicht mehr. Also haben meine Eltern schon Recht, wenn sie sagen, dass ich das Internat am besten am Ende des Schuljahres verlassen soll. Bis dahin ist's ja eh nicht mehr lang und was soll ich dann noch hier?“

„Na wieder gesund werden und dann wieder mit dem Laufen anfangen!“

Angesichts der Worte kann Timo den Blickkontakt nicht aufrecht erhalten. Nichts in ihm ist mehr der Überzeugung, das noch zu schaffen. Gleichzeitig fürchtet er sich zutiefst davor, zurück nach Hause zu ziehen und seiner sportlichen Zukunft ein für alle Mal den Rücken zu kehren. Seine Eltern haben ihn nur deshalb nicht umgehend nach Hause zurück zitiert, weil Frau Stocker bereits mit einem klaren Notfallplan bei ihnen vorstellig geworden ist und man in den paar noch verbleibenden Wochen sehen möchte, wie sich Timos Gewicht und Gesamtsituation entwickelt. Ob er weiterhin abnimmt oder sich berappelt. Wie absurd! Als ob er sich „berappeln“ würde! Er kann doch nicht einfach aufgeben! Dann kann er den Sport auch gleich an den Nagel hängen! Und ohne den Sport ist er gar nichts! Was soll er dann noch tun? Ihm fällt nichts ein, außer genau so weiterzumachen wie bisher...
Aussichtslos verkriechen sich Timos Hände tiefer in den Ärmeln seines Hoodies, während Timo ein hasserfülltes „Ich kann erst mal gucken, wie ich diesen scheiß Psychologentermin nächste Woche übersteh!“ von sich gibt. Er weiß gar nicht, wie er sich jemals einem wildfremden Menschen gegenüber öffnen soll. Selbst jetzt zittert seine Stimme und vibriert sein Herz vor lauter Furcht, dabei ist es nur Viktor, der neben ihm sitzt. Nur. Ausgerechnet. Wenn Timo es vor einem einzigen Menschen auf dieser Welt hätte geheim halten können, hätte er Viktor ausgewählt. Dabei lässt ausgerechnet dieser Timo nicht fallen:

„Wenn du willst, bring ich dich hin und wart' auch, bis du fertig bist.“

„Das“, überwältigt Timo, aber: „geht nicht. Du hast Training zu der Zeit.“

„Du bist wichtiger.“ Viktor sagt es mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass Timo sämtlicher Protest im Halse stecken bleibt. Anscheinend macht er ein selten dämliches Gesicht, denn Viktor fängt leicht an zu grinsen, kratzt sich kurz verlegen an der Nase und zieht Timo dann kurzentschlossen mit sich auf die Füße.
„Und du musst jetzt echt schnell wieder ins Warme, Timo, sonst fängst du dir noch 'ne Erkältung ein. Also komm, lass zurück gehen.“ Seine Hände, die Timos umschließen, drücken ermutigend zu. So wie damals im Krankenhaus, als Viktor Timo gebeten hat, sich wenigstens einen einzigen Tag auszuruhen. Recht hat er gehabt. So wie er auch jetzt Recht hat.

Timo gibt einen zustimmenden Laut von sich, seine Gelenke fühlen sich bereits ganz morsch an vor Kälte und im Vergleich zu Viktors Händen wirken Timos seltsam bläulich, beinahe transparent.
Hauser wird sicher etwas dagegen haben, dass Viktor das Training ausfallen lassen möchte, um Timo zu begleiten. Timo kommt nicht um den Gedanken herum, als er gemeinsam mit Viktor auf den Waldweg zurück kraxelt und seine linke Hand sicher in Viktors rechter ruht. Aber falls Viktor Hauser wider Erwarten doch überzeugen kann, wird Timo zumindest nicht wieder weglaufen können.
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