Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
Alle Kapitel
37 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
20.07.2019 2.129
 
Sie haben nicht damit gerechnet, dass Timo einfach abhauen würde. Man mag es kaum glauben, aber seine überstürzte Flucht verhängt eine Schockstarre über Nick und Viktor, die deshalb kurzweilig zu nichts Anderem mehr fähig sind, als sich völlig entgeistert anzuschauen. Dabei wissen sie beide, dass sie Timo nicht einfach weglaufen lassen können. Nicht in dieser Verfassung und erst recht nicht nach diesen Worten, die bei Nick den Eindruck hinterlassen haben, gar nicht mehr zu wissen, was eigentlich in Timo vor sich geht. Viktor muss exakt das Gleiche denken. Nick sieht es ihm an, während Timos Schritte auf dem Flur verhallen, leiser werden und schlussendlich nicht mehr zu hören sind.

Das ist der Moment, in dem wieder Leben in Nick und Viktor fährt. Mit einem panischen „Los! Hinterher!“ stürmen sie aus dem Zimmer, den Flur entlang und zur Treppe. Auf den Lippen Timos Namen, im Kopf nur Sorge.

„Verdammt, er ist sicher runter!“, spricht Nick das einzig Logische aus, obwohl er Timo nicht sehen kann. Andere Schüler, die sieht er, aber von Timo fehlt weit und breit jede Spur. Dennoch stimmt Viktor ihm postwendend zu:
„Ja, hundert pro! Ich such draußen.“

„Dann nehm ich mir das Internat vor!“ Hastig nicken sie sich zu und poltern dann die Stufen hinab.
Timo kann noch nicht all zu weit gekommen sein! So ausgehungert wie er ist, hat er doch gar keine Kraft mehr zum Laufen. Zumindest hofft Nick Letzteres, als er am Boden der Treppe rechts abbiegt und geradewegs auf den Trophäenraum zusteuert. Seine Hand langt nach dem Türgriff, will diesen nach unten drücken – doch Fehlanzeige! Die Tür, hinter der sich das mit Schweiß und Fleiß gewonnene Hab und Gut der Sportler befindet, ist wie so oft verschlossen und Nick weiß, dass Timo nicht zu den Personen zählt, die einen Schlüssel besitzen.

Schleunigst Kehrt machend, klappert er also die anliegenden Räume ab, spart die Küche aus, ruft wieder und wieder Timos Namen, keucht und wird auf seiner scheinbar doch länger als erwartet dauernden Suche zunehmend verzweifelter. Anscheinend ist es ein gewaltiger Fehler gewesen, mit Viktor alleine auf Timo zuzugehen. Vielleicht hätten sie vorab lieber mit einem Lehrer sprechen sollen? Oder gleich mit Frau Stocker? Viktor hat vorhin erwähnt, dass Frau Stocker Timo geholfen hat, als er im Einzeltraining eine Panikattacke erlitten hat. Sie wäre sicher die richtige Ansprechpartnerin gewesen, aber nach gestern Morgen hatte Nick kein Bedürfnis mehr, unnötig zu warten. Im Laufe des Halbjahres sind er und Viktor zum Spielball von Timos seltsamen Launen und Lügen geworden. Ohne es zu merken, haben sie sich immer mehr von ihm gefallen lassen. Haben sich auf Distanz halten lassen, haben sich beschwichtigen lassen, haben lieber Ausreden geschluckt als das Offensichtliche zu erkennen. Dabei ist es Nick schon vor geraumer Zeit verdächtig vorgekommen, wie still und abweisend Timo geworden ist. Ja, zuerst war er einfach nur stiller als sonst, hat ab und zu Zweifel geäußert und nicht mehr den Eindruck erweckt, als hätte er noch sonderlich viel Spaß an den Dingen, die ihm sonst immer Freude bereitet haben. Trotzdem war er meist mit von der Partie, wenn sie etwas mit der Clique unternommen haben. Es schien also immer noch irgendwie alles in Ordnung zu sein mit ihm. Und doch war da etwas, das Nick missfallen hat, er jedoch nicht benennen konnte.
Was ihm dann noch zusätzlich Kopfzerbrechen bereitet hat, waren Timos sinkendes Gewicht, sein undurchsichtiges Essverhalten und sein ständiges Training. Und bevor Nick wusste, wie ihm geschieht, war Timo klapperdürr und sein Trainingsplan so gestrickt, dass sie sich kaum mehr gesehen haben...

Einen weiteren Versuch startend, biegt Nick um die nächste Ecke. Es ist unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet hier fündig wird, trotzdem kann er es nicht unversucht lassen und reißt die Tür zum Trainingsraum abrupt auf. Till, der gerade beherzt auf einen Sandsack eindrischt, schreckt sichtbar zusammen, erholt sich allerdings binnen weniger Sekunden:
„Ey, geht’s noch?! Ich bin zum Trainieren hier, nicht um mir von dir 'nen Herzinfarkt verpassen zu lassen!“

„Hast du zufällig Timo gesehen?“, ignoriert Nick Tills wüste Beschwerde. Tills Miene verdunkelt sich augenblicklich. Schweiß steht ihm auf der Stirn, rinnt ihm die Schläfen hinab und klebt in seinen Augenbrauen. Seine Hände zucken aufgebracht.
„Nein!“ Seine rechte Faust kracht mit voller Wucht gegen den Sandsack. „Der soll mir auch besser nicht unter die Augen kommen!“

„Was?“ Nick ist sich nicht sicher, ob er seinen Ohren trauen kann. Schwer atmend, tritt er in den Trainingsraum hinein und zieht die Türe hinter sich zu. Till kneift indes die Lippen zusammen und drischt unkoordiniert, dafür aber voller Wut auf den Sandsack ein.
Poff, poff! Poff, poff! Poff, poff!
Das Geräusch lässt wertvolle Sekunden zerplatzen, die Nick gerade nicht hat. Tief Luft holend, geht er die paar Schritte zu Till hinüber, bleibt genau neben dem Sandsack stehen und umfasst ihn mit den Händen, um Tills Training zu unterbrechen. Das Unterfangen ist von sofortigem Erfolg gekrönt. Till funkelt Nick so dermaßen hasserfüllt an, als sei Nick die Wurzel allen Übels. Nick kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr er diese Unsitte von Till in den letzten Monaten zu hassen gelernt hat. Immer diese Killerblicke, die Nick das Gefühl vermitteln, für alles verantwortlich zu sein, was bei Till schief läuft – was auch immer das sein mag. Nick hat keine Ahnung, denn Till hat weder Probleme in der Schule noch im Training. Eigentlich gibt es keinen Grund für ihn, ständig aus der Haut zu fahren und doch ist er aggressiver denn je. Bester Beweis dafür ist, dass er die rechte Faust erneut hebt und gegen den Boxsack knallt.

„Was soll das heißen: Timo soll dir besser nicht unter die Augen kommen?“, will Nick wissen.

„Jetzt tu doch nicht so! Als ob's dir noch keiner gesagt hat!“

„Dass Timo aus der Leichtathletikmannschaft ausgetreten ist? Geht's darum?“

„Na worum denn sonst, Superhirn?! Hauser hat's uns eben erzählt. Timo hat das Laufen einfach drangegeben hat! Unglaublich so was! Ausgerechnet heute, wo wir die Quali für den Einzellauf hatten, zieht er den Schwanz ein!“ Tobend wirft Till seine behandschuhten Hände in die Luft und sieht für den Bruchteil einer Sekunde so aus, als wolle er Nick ins Gesicht springen und ihm wie eine wild gewordene Katze die Haut aufschlitzen.
„Das scheiß Einsteinpack hat doch auf den abgefärbt! Der alte Timo hätte nie mit dem Laufen aufgehört! Der hätte sein Team nicht einfach so verraten! Das wär dem im Leben nicht eingefallen! Vor allem nicht, ohne mit mir vorher darüber zu reden!“

„Jetzt mach aber mal 'nen Punkt!“

„Was denn? Ich hab doch Recht! Oder hat er dir etwa erzählt, dass er aus der Mannschaft austritt?“

„Was? Nein!“ Nick ist heilfroh, dass er nicht lügen muss. Till sieht nämlich nicht so aus, als würde er sonderlich gut darauf reagieren, wenn er erfahren würde, dass Nick schon vorher von dem „Verrat“ gewusst hätte.
„Er hat mir gar nichts davon gesagt. Hab's auch eben erst erfahren.“

„Na dann bin ich ja wenigstens nicht der Einzie, bei dem er die Zähne nich' mehr auseinander kriegt! Außer was Beleidigungen angeht, da ist er mir gegenüber ja nicht auf den Mund gefallen! Blöder Wichser! Dem gehen sein Team und seine Freunde am Arsch vorbei!“

Das Klatschen von Tills Fausthieben gegen den unnachgiebigen Boxsack geht Nick durch Mark und Bein. Rüttelt ihn durch, weckt ihn auf.

„Von wegen am Arsch vorbei gehen! Du hast einfach mal gar nichts gecheckt!“, gibt Nick lautstark Kontra, woraufhin Till verdattert innehält.

„Was soll das denn jetzt heißen?“, hakt er barsch nach, als er den Schock über Nicks Einspruch verdaut hat. Immerhin kommt es nicht sonderlich oft vor, dass Nick ihm die Stirn bietet. Genau genommen nie und Till setzt auch gleich nach:
„Bist du etwa auf Timos Seite? War eh klar! Warum wundert's mich wohl nicht, dass du auch übergelaufen bist, hm? Genau! Wegen deiner Perle! Die hat das Ballett ja auch an den Nagel gehängt, weil sie zu schlecht für ihre komische Tanzschule war! Willst jetzt bestimmt mit ihr gemeinsam die Schulbank in den Einsteiner-AGs drücken, ne? Gott, ihr kotzt mich alle so was von an! Wenn ihr kein' Bock mehr habt, können wir das Sportinternat auch gleich dicht machen und den Einsteinern den Sieg überlassen! Aber ohne mich! Ich gewinn den Einzellauf dieses Jahr und dann -!“

„Es reicht jetzt!“, reißt Nick endgültig der Geduldsfaden. Mit einer ruckartigen Bewegung schnellt er vorwärts, drängt Till fünf Schritte zurück und knallt die geballte Faust direkt neben Tills Kopf an die Wand. Vor lauter Schreck zuckt der Blonde sichtbar zusammen, sein Mund klappt tonlos auf und sein erzürntes Gesicht wird fast so weiß wie die Wand. Damit, dass Nick sich gegen ihn stellt, hat er nicht gerechnet. Natürlich nicht, aber Nick ist es so was von leid! Schon seit Anfang des Schuljahres attackiert Till all seine Freunde, sobald diese auch nur irgendetwas tun, was dem Chef nicht in den Kram passt. In den letzten Wochen hat es sich so richtig hochgeschaukelt, weil die meisten Schüler das Kriegsbeil begraben haben und sich für den Zusammenhalt der Schulen stark machen. Letzteres ist aber nun mal genau das, was Till nicht will. Till will diesen Krieg nicht enden lassen und er will ihn erst recht nicht verlieren, obwohl – abgesehen von ihm – keiner mehr kämpfen mag. Nick begreift es nicht. Klar, Till hatte schon immer seinen Stolz, war immer ehrgeizig, war immer sehr auf Gruppenzusammenhalt versessen. Wer zur Gruppe gehört und wer nicht hat einzig und allein er bestimmt. Die Zeiten sind jetzt aber ein für alle mal vorbei. Till hat nichts mehr zu sagen – oder zumindest nicht mehr so viel wie früher.
Leider hat Nick bisher nie über all das nachgedacht, das muss er zugeben. Im Laufe der Jahre hat er den Großteil von Tills Entscheidungen einfach so hingenommen, doch das letzte Halbjahr und vor allem Tills immer widerlicheres Verhalten Timo gegenüber hat Nick die Augen geöffnet. Er kann Tills Anfeindungen gegenüber Timo nicht länger tolerieren. Timo ist sein Freund. Ein Freund, der sich mittlerweile von ihnen allen abgekapselt hat. Auch Nick kann nicht mehr zu ihm durchdringen und das liegt mit ziemlicher Sicherheit daran, dass sie drei TNT sind – oder besser gesagt: TNT waren. Timo hat wahrscheinlich einfach Angst, früher oder später von Nick genauso schikaniert zu werden wie von Till! Wie sollte er auch etwas anderes erwarten, nachdem Nick Till jahrelang nach dem Mund geredet hat? Nick hat es nun endlich verstanden, und er will und wird seine Zeit nicht länger mit Tills Ego verschwenden. Er muss Timo finden, sonst wird er ihn womöglich als Freund verlieren und das will er unter keinen Umständen! Auf den ungehobelten Menschen, der ihm gerade gegenübersteht, kann er hingegen getrost verzichten.

„Merkst du eigentlich noch irgendwas?“, fragt Nick Till gerade heraus. „Kriegst du überhaupt noch mit, dass du deine Mitmenschen wie den letzten Dreck behandelst? Und hast du dir Timo in den letzten Monaten mal mit Verstand angesehen? Ist dir aufgefallen, wie er mittlerweile aussieht und drauf ist? Hast du vielleicht mal darüber mit ihm gesprochen?“ Und nicht über den scheiß Sport, den sie alle so verdammt lieben.

Tills Mund klappt einmal empört zu und wieder auf. Sein Atem geht zu schnell und seine Lider flattern wie aufgescheuchte Hühner, in deren Stall der Fuchs eingebrochen ist. Nicks Wut hat sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet und empfiehlt Till, jetzt bloß nichts Falsches zu sagen. Es steht außer Frage, wer von ihnen bei einer Prügelei den Kürzeren ziehen würde. Till mag zwar der Schnellere sein, aber hier und jetzt bekäme er gar nicht die Gelegenheit, diesen Trumpf auszuspielen.

„J-ja, hab ich. Ich..ich soll mich um meinen eigenen Scheiß kümmern, hat er gesagt und das mach ich auch, weil...wir müssen doch letztlich eh alle irgendwie mit unserem eigenen Scheiß klarkommen?!“, zwängt Till heiser an seinem nervös hüpfenden Adamsapfel vorbei.

Nicks Finger ballen sich daraufhin noch fester zur Faust. Seine Knöchel treten weiß hervor. Es scheint wirklich vollkommen sinnlos zu sein. Till ist alles, nur kein verantwortugnsbewusster Anführer. Weder für ein Staffelteam noch eine Clique! Er hat das gesamte Konzept namens Freundschaft nicht verstanden. Kopfschüttelnd lehnt sich Nick zurück, im Mundwinkel ein bitteres Lächeln:
„Oh man, du glaubst den Scheiß auch noch, den du da vom Stapel lässt. Bei dir ist echt Hopfen und Malz verloren...! Dir kann man nur wünschen, dass du nie in 'ne Situation kommst, in der du mal dringend Hilfe von 'nem guten Freund brauchst! Da findest du hier nämlich keinen mehr! Das kann ich dir garantieren.“

Krachend zieht Nick die Tür hinter sich zu, als er keine drei Sekunden später den Fitnessraum verlässt. Er dreht sich nicht um. Er sieht das explodierende Zittern und die alles zersetzenden Zweifel nicht. Er ärgert sich nur kurzweilig darüber, dass ihm die Mutation von Tills Ego nicht schon viel früher aufgefallen ist.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast