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Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 / MaleSlash
05.05.2019
19.07.2020
29
52.876
7
Alle Kapitel
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11.05.2019 992
 
Das Internatsleben macht es spielend leicht, weniger zu essen, ohne dass es irgendjemandem großartig auffällt. Timo fängt gleich morgens an: Er minimiert sein Frühstück, indem er absichtlich ein wenig später oder früher aufsteht als seine Freunde. Sein Repertoire an Ausreden reicht von „Schon gegessen“ über „Kein Hunger“ bis hin zu „Ist schon sau spät. Ich mach mir nur schnell ein Brot für nachher“. Manchmal nickt man ihm zu oder sagt ihm, er solle sich beeilen. Meistens jedoch befindet sich Timos Nichtessen im blinden Fleck seiner Mitschüler, ebenso wie seine stetig kleiner werdenden Portionen am Mittag und am Abend.

Wenn im Zimmer mal etwas Süßes die Runde macht, ist er angeblich noch satt von der letzten Mahlzeit oder nimmt sich etwas „für später“. Später ist in seinem Fall ein ungeachteter Moment, in dem er Schokolade und Kekse in den Müll wirft oder bis zur nächsten einsamen Joggingrunde versteckt, die es ihm dann erlaubt, die verhängnisvollen Kalorien im hohen Bogen ins Gebüsch zu werfen. Irgendwelche Tiere freuen sich bestimmt darüber.

Timo freut sich nur noch darüber, wenn er es schafft, mit möglichst wenig Essen möglichst lange durchzuhalten. Und wenn er es schafft, abends einzuschlafen, ohne eine halbe Ewigkeit wach zu liegen und zu befürchten, dass morgen schon der Tag sein könnte, an dem alles vorbei ist. An dem er's nicht mehr bringt. An dem er versagt. Die Vorstellung umfängt ihn wie ein feuchter Kerker, lässt ihn unter der Decke zittern und frieren und Platzangst bekommen. Seine Lunge implodiert und sein Herz explodiert. Er wird sterben! Oh Gott, bitte nicht! Bitte nicht! Der Schmerz und die Bedrohung sind dermaßen akut, dass Timo um Hilfe rufen möchte, doch ihm kommt keine einzige Silbe über die Lippen. Manchmal fängt er tonlos an zu weinen. Die meiste Zeit starrt er jedoch nur apathisch und zugleich zutiefst verzweifelt in die unaufhaltsam voran rückende Nacht und kann absolut nichts tun – außer sich morgen wieder nach Leibeskräften zu bemühen.
So wie heute.
So wie gestern.
So wie immer.
Der akkurat ausschlagende Zeiger der Waage versichert ihm zu jeder beliebigen Zeit, auf dem richtigen Weg zu sein. Allerdings sind seine Beine noch immer voller Blei und es fällt ihm jeden Morgen schwerer, sich überhaupt noch aus dem Bett zu quälen. Vor ihm liegt die furchteinflößende Ungewissheit, was ihn denn erwartet, wenn er wirklich versagt. Wenn er aus dem Team fliegt. Wenn er nicht mehr Staffel laufen darf, weil er zu langsam ist.



Sie gewinnen eine weitere Goldmedaille und Till umarmt ihn enthusiastisch.
Yes! Genau so und nicht anders will ich das!“
Timos Lippen produzieren daraufhin ein Lächeln, an das keinerlei Emotion geknüpft ist. Ihm ist es ein absolutes Rätsel, wie sie mit ihm im Team diesen Sieg einheimsen konnten. Andererseits, er hat jetzt schon knapp dreieinhalb Kilo verloren. Dass er schneller wird, wenn er weniger wiegt, hat er ja geahnt. Doch davon, dass es ihm mit weniger Gewicht und steigender Leistung wieder besser geht, kann nicht die Rede sein. Timo hat lediglich Hunger. Das Gefühl folgt ihm mittlerweile auf Schritt und Tritt, obwohl er den bohrenden Schmerz in seiner Magengegend zu Beginn seiner Gewichtsabnahme kaum registriert hat. Wer gut sein will, muss sich eben anstrengen und welcher Sportler weiß nicht, dass man auch mal durch den Schmerz hindurch muss, um sich weiterzuentwickeln? Wer heute ein schwereres Gewicht hebt oder eine längere Strecke läuft, fordert sich eben intensiver als sonst und wird normalerweise von seinem Körper dafür belohnt, indem dieser Muskeln und Kondition trainiert, die es einem beim nächsten Mal einfacher machen. Timos Füße bleiben allerdings schwer, seine Nächte oftmals schlaflos, seine Sorgen gigantisch und seine Stimmung gedrückt. Und der Hunger erst... Er zerrt während des Unterrichts an Timos Augenlidern, stellt ihm in unachtsamen Momenten ein Bein und jagt selbst im eingekehrten Sommer kalte Schauer über Timos Haut. Also zieht Timo dickere Pullis an und trinkt vermehrt Tee und Kaffee. Die Wärme füllt seinen leeren Magen und täuscht seine Sinne.

Er hat etwas über vier Kilo verloren, als Viktor fragt, ob sie ins Kino gehen wollen. Timo lehnt instinktiv ab, denn Kino bedeutet Popcorn oder Tortillas, Cola oder Fanta, Eis oder Fruchtgummi, und Timo kann das Risiko nicht eingehen, der Versuchung zu unterliegen. Ganz gleich, wie gern er Zeit mit Viktor verbringt, es geht nicht. Sonst wird Timo aus dem Sportprogramm fliegen, die Schule verlassen müssen und keinen seiner Freunde je wiedersehen. Dieses 'Wir bleiben in Kontakt', das alle Welt immer vom Stapel lässt, wenn jemand wegzieht und die Schule wechselt, ist doch nur dummes Gerede.

„Echt nicht?“, hakt Viktor ungläubig nach und erntet ein erneutes Kopfschütteln, während sie Seite an Seite vom Trainingsplatz traben.
„Frag halt die anderen,“ nickt Timo stumpfsinnig in Tills Richtung, der einige Meter vor ihnen die Umkleide anpeilt. Gleichzeitig wühlt sich der beißende Hunger in Form eines Magenkrampfes durch Timos Inneres und reißt seinen Blick zu Boden. Damit niemand seinen Schmerz bemerkt, zieht Timo seine Gesichtszüge stramm und schweigt. Einen unbestimmten Moment lang hat er den Eindruck, Viktor wolle noch etwas sagen. Letztlich zieht dieser aber bloß die Augenbrauen tief und kneift die Lippen zusammen.

Timo versteht nicht ganz, warum Viktor schlussendlich niemand anderen aus ihrem Freundeskreis fragt. Es ist Freitagabend und ihre Clique hängt später gesammelt überm Kickerautomaten im Aufenthaltsraum. Timo schlurft früh zurück aufs Zimmer, das er gar nicht erst hatte verlassen wollen. Seine Batterien sind komplett leer und die gute Stimmung der anderen perlt an seiner Seele ab wie Regen an einer Fensterscheibe. Etwas in ihm ist längst der felsenfesten Überzeugung, dass er nicht mehr hier her gehört. Aufgeben will er trotzdem nicht; und ehe er sich versieht, steht er schon wieder auf der Waage. Die Zahl ist eine einzige Enttäuschung. Das Gewicht klebt an ihm wie Pech. Timo wünschte, es würde schneller runtergehen. Er braucht dringend Sicherheit, sonst bringt ihn die Angst noch ins Grab...

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Danke fürs Lesen und natürlich auch für die Favoriteneinträge ^^
Ich hoffe, das 2. Kapitel hat euch auch gefallen. Habt alle ein schönes Wochenende!
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