Thin for the Win

von Mounira
GeschichteAngst, Freundschaft / P12 Slash
05.05.2019
12.06.2019
17
23104
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Offenbar ist er doch verrückt. Anders kann sich Timo nicht erklären, warum ihn die Angst plötzlich derart heftig übermannt, dass er den Zusammenbruch nicht mehr vortäuschen muss, sondern tatsächlich erlebt. Die Hölle tut sich unter ihm auf. Er verbrennt und erstickt und sein Herz droht zu zerspringen, indessen ihn die Kräfte verlassen und die Welt um ihn herum zerrinnt.

Unter seinen Händen und Knien spürt er den staubigen Boden der Aschenbahn. In seinem Inneren wütet ein Feuer. Die Kraft des Elements äschert seine Lungen ein und lässt seine Knochen schmelzen. Rippe um Rippe bricht ihm gefühlt entzwei, während er nach Luft schnappt und verzweifelt nach Hilfe zu rufen versucht, doch wie so oft stumm bleibt.

„Nicht schon wieder...!“, dringt noch Herrn Hausers Unmut zu Timo hinüber und droht, ihm den Todesstoß zu versetzen. Aus dem Augenwinkel sieht er eine Silhouette auf sich zueilen, die bereits wenige Sekunden später neben ihm kniet.
„Um Himmels Willen, Timo! Atmen! Atme mit mir mit. Na komm: Ein, aus...“ Frau Stockers Stimme zerrt ihn aus dem Abgrund und zeigt seiner Atmung einen sicheren Weg aus der Feuerhölle auf. Schritt für Schritt normalisiert sich seine Herzfrequenz wieder und Timo wird spürbar ruhiger. Seine schweißnassen Hände sind voller Dreck, sein Gesicht und sein Hals sind mit roten Stressflecken übersäht und seine Klamotten komplett durchgeschwitzt. In ihm schleudert die nur qualvoll langsam abebbende Panik seine Seele umher wie eine Sturmflut ein kleines Segelboot.

„Was ist denn los?“, zeigt sich nun auch Herr Hauser besorgt und sprintet zu ihnen hinüber.

Verklärt nimmt Timo wahr, wie seine Direktorin Herrn Hauser per Geste zu verstehen gibt, dass sie die Angelegenheit ab jetzt übernimmt. Timo weiß nicht, was er davon halten soll. Er kann gerade nicht darüber nachdenken. Dafür geht es ihm einfach noch viel zu schlecht. Er ist lediglich dankbar, dass jemand da ist, der ihm hilft, anstatt ihn vor versammelter Mannschaft runterzuputzen. Anscheinend war es doch nicht die schlechteste Entscheidung, Frau Stocker anzuvertrauen, dass der vorgetäuschte Zusammenbruch ein schlichtes Resultat von zu hohem Leistungsdruck gewesen ist. Seitdem hat sie ein anderes Auge auf Timo, ein wachsameres. Es hat Timo nicht mal überrascht, als sie vorhin gemeinsam mit Herrn Hauser im Stadion auf ihn gewartet hat.

Es überrascht ihn auch nicht, dass ihre Hand solide an seinem Oberarm liegt, allzeit bereit, ihn im Falle eines Falles zu stützen, als er nun langsam auf die Beine kommt.

Einen unbestimmten Moment lang stehen sie beide scheinbar tatenlos auf der Aschenbahn und Timo versucht abzuschätzen, ob er seinen Mageninhalt bei sich behalten kann oder nicht. Die rechte Hand auf seinem Bauch platziert, versucht er sein Möglichstes, um die Übelkeit in Schach zu halten. In seinen Ohren hört er ein grelles Klingeln, das sich mit jedem Atemzug stetig weiter von ihm entfernt. Auch die Übelkeit zieht sich allmählich zurück, derweil sich das beklemmende Engegefühl in seiner Brust verflüchtigt.

„Es ist alles gut, Timo.“

Er muss nicht sterben. Es ist kein Herzinfarkt oder Lungenkollaps oder sonst etwas. Timo kann wieder atmen.

„Geht's wieder?“, erkundigt sich Frau Stocker und er nickt.

„Hast du so was schon häufiger erlebt?“

„So ähnlich, aber noch nie so schlimm wie gerade...“ Die Angst, die er zuweilen empfindet, wenn er nachts wachliegt, ist gar nichts im Vergleich zu dem, was er soeben durchlebt hat. Schluckend zwingt Timo ein paar ungeweinte Tränen hinab und hasst sich. Hätte er doch bloß auf Viktor gehört. Vielleicht wäre das gerade nie passiert, wenn er das Training erst morgen oder übermorgen wieder aufgenommen hätte...

„Weißt du, was eine Panikattacke ist?“

Das Wort ist Timo definitiv schon mal begegnet, aber er könnte nicht genau sagen, was es damit auf sich hat. Er fühlt sich nur elendig und lässt sich anstandslos von der Aschenbahn geleiten, rüber zur leeren Trainerbank.

Kurz darauf sitzt er neben Frau Stocker, blickt über den beleuchteten Platz und fühlt sich nicht mehr so klein, als er den Erzählungen seiner Direktorin lauscht. Panikattacken. Sie kennt das Elend aus eigener Erfahrung, leider. Man kann jedoch dagegen vorgehen. Man kann dieser Angst entkommen, ihr die Stirn bieten und die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen. Frau Stocker erklärt Timo ein paar Taktiken und erzählt ihm, wie die Panikattacken ihr immer wieder das Leben schwer gemacht haben. Trotzdem hat sie vom Studium über die Promotion bis hin zur Direktorinnenstelle alles gemeistert. Timo ist also kein Einzelfall und erst recht kein Einzellkämpfer. Auf der Welt müssen tagtäglich Tausende von Menschen in diesen Krieg ziehen. Es wird leichter, je besser man vorbereitet ist. Kenne deine Feinde, heißt es so schön. Das gilt auch für den Fall, dass dein Feind deine eigene Psyche ist.

„Du wirst auch mit den Panikattacken fertig werden“, sagt Frau Stocker im Brustton der Überzeugung und Timo will es ihr unbedingt glauben, doch die Zweifel haben sein Selbstbewusstsein zerfressen wie Holzwürmer einen toten Baum.

„Sprich ruhig mal mit dem Psychologen, dessen Karte ich dir heute Mittag gegeben habe. Er ist auf Jugendliche spezialisiert und hat seine Praxis ganz in der Nähe. Mit dem Bus bist du in knapp 20 Minuten da. Mit dem Rad noch schneller.“

Das klingt so... einfach. Dabei weiß Timo gar nicht, wie er sich mitteilen soll. Die Worte stecken irgendwo ganz weit hinten in seiner Kehle fest und wollen nicht ans Tageslicht gezerrt werden. Angespannt presst er die Zähne aufeinander und nickt. Er kann es demnächst ja mal probieren...

„Woher wussten Sie eigentlich, dass ich-?“

„Nachdem ich gestern mit dem Arzt im Krankenhaus gesprochen habe, hatte ich gleich so einen Verdacht. Man hat ja bei deiner Untersuchung nichts festgestellt. Nun, außer dass du leichtes Untergewicht hast. Man sieht auch, dass du sehr dünn bist. Dünner als noch zu Anfang des Schuljahres...“

Die letzten Sätze lassen Timo überführt erröten. Er fühlt sich wie ein Kind, das man mit der Hand im Keksglas erwischt, obwohl ihm seine Mutter das Naschen strengstens verboten hat.

„Ich..ich hab in letzter Zeit einfach kein' Appetit.“

„Weil dir zu viel im Kopf herumschwirrt?“

Schulterzucken, Nicken, bloß nicht preisgeben, dass Absicht dahintersteckt. Timo fixiert mit verengten Augen seine Schuhspitzen und verliert keinen Ton. Er kennt sein Gewicht und sein Trainingspensum. Er weiß, wie er nackt vorm Spiegel aussieht und dass sein BMI rein gar nichts bedeutet, solange sein Gewicht ihn noch nicht zum Sieger macht. Was heißt das überhaupt, Untergewicht? Für Timo ist das ein abstraktes Wort, das nicht das Geringste mit seiner Person zu tun hat. Er wiegt nicht zu wenig. Im Gegenteil: Er ist immer noch viel zu schwer, um wieder Bestzeiten zu laufen.

Frau Stocker bleibt still und Timo kann nicht einschätzen, ob sie das tut, damit er etwas sagt oder weil sie tatsächlich nichts weiter dazu zu sagen hat. Vielleicht überinterpretiert er den Moment auch, weil er solchen Schiss davor hat, entlarvt zu werden. Im Krankenhaus ist sein niedriges Gewicht schließlich auch nur flüchtig angemerkt worden und Timo hat es mit einem „In meiner Familie sind alle so dünn“ abgetan. Sonderlich interessiert hat es den Arzt offenbar nicht. Er hat nur kurz den Blick von Timos Akte gehoben und ihn routiniert gefragt, ob er denn genug isst.

„Ja, nehm halt nicht zu.“

„Ach, das kenn ich auch noch aus meiner Jugend. In deinem Alter konnte ich auch essen was das Zeug hält und sah aus wie ein Strich in der Landschaft. Aber irgendwann kommst du in ein Alter, da fängt es plötzlich an anzusetzen und siehe da...“ Gegen Ende seiner Ausschweifungen hatte der Arzt auf seinen stattlichen Bauch hinabgelinst und gelacht. Ganz so, als sei dies der unausweichliche Lauf der Dinge. Als sei ein extrem niedriges Gewicht bei jungen Männern in keiner Weise besorgniserregend, sondern völlig normal. Und irgendwann schlägt die Natur eben zu, dann schläft der Stoffwechsel ein, enden die Wachstumsschübe und der Bauch ist ebenso unvermeidbar wie das einstige Fliegengewicht.

Timo war darauf keine adäquate Antwort eingefallen. Er hatte auf seinem Bett gelegen und ein kümmerliches Lächeln gefaked. Es einerseits nicht glauben könnend und es doch von einem Fachmann bestätigt bekommend: Ihm fehlt nichts. Er ist nicht zu leicht. Es ist alles gut und es gibt keinen Grund zur Sorge. Er hat es schwarz auf weiß in seinem Entlassbrief stehen. Deswegen braucht er auch jetzt nicht mit Frau Stocker oder sonst wem darüber zu reden, wie dieses niedrige Gewicht zustande gekommen ist...
Review schreiben
 
'