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Gefühle und andere Geschäfte

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P18 / Het
05.05.2019
24.09.2021
41
104.107
57
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05.05.2019 1.415
 
Lächelnd betrachtete ich das ältere Ehepaar vor mir an der Rezeption. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Wenn Sie irgendetwas brauchen, sagen Sie einfach Bescheid.“
Kaum verschwanden die beiden aus der Lobby, fiel mein Lächeln in sich zusammen. Nur zwei Zimmer waren belegt, und leider konnte man sagen, dass das noch ein guter Tag für das Hotel war.

Seufzend sperrte ich den PC, steckte mir das Telefon ein und beschloss, einen Abstecher in die Küche zu machen, ehe ich mich weiter um die Renovierung kümmerte. Im Geiste ging ich immer wieder meine Liste an Aufgaben durch, die ich noch zu erledigen hatte.
Als ich die Küche betrat, hörte ich schon das Gelächter meiner weiblichen Belegschaft.
„Was gibt’s denn hier zu lachen?“, rief ich lauter als nötig, um sie zu erschrecken. Wie erwartet zuckten die beiden zusammen, schüttelten dann aber unisono den Kopf. Schmunzelnd besah ich die Frauen, mit denen ich so viel Zeit verbrachte.
„Kannst du an die Rezeption gehen?“, fragte ich Jenny, meine Auszubildende, und drückte ihr das Telefon in die Hand. Könnte ja sein, dass doch mal jemand hier anrief. Sie salutierte grinsend von mir und machte sich auf den Weg.
„Ist so weit alles…“, setzte ich an, doch meine Küchenchefin unterbrach mich.
„Fertig? Ja, ist es. Ich habe alles vorbereitet und auch wieder aufgeräumt.“
Ich seufzte. „Bin ich denn wirklich so schlimm?“
„Nein, bist du nicht.“ Antonia legte einen Arm um meine Schulter und drückte mich an ihre Seite. Sie war dreißig, etwas kräftiger und trug ihre langen, dunklen Haare immer zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel. Es war merkwürdig, die Chefin von Leuten zu sein, die älter waren als man selbst. Nach Jenny war ich die Zweitjüngste.
„Was muss als Nächstes getan werden, Boss?“ Einen Moment noch lehnte ich meinen Kopf an sie, dann löste ich mich aus der Umarmung.
„Kannst du nach der Wäsche sehen? Ich geh‘ eben rüber zu Oma, dann mach‘ ich mich oben wieder an die Arbeit.“
„Alles klar“, nickte Antonia und drückte mir eine Schüssel mit kleingeschnittenen Gemüseschalen und Salatblättern in die Hand. „Kannst du das mitnehmen?“
Vor dem Hinterausgang schlüpfte ich in meinen dicken Mantel und Stiefel. Wir hatten noch tiefsten Winter, obwohl in anderen Regionen Deutschlands bereits Frühlingswetter aufkam. Doch in unsere Höhenlage war dies nichts Ungewöhnliches.

Zum Hotel gehörte ein weitläufiges Grundstück, das zum Großteil noch leer stand. Ein gutes Stück entfernt, hinter einer uralten Erle verborgen, lag das Haus, das ich mit meiner Großmutter bewohnte. Ich lief den schmalen, mit groben Steinen gelegten Weg hinunter und stoppte kurz beim Hühnergehege, in dem gerade mein dritter und letzter Mitarbeiter werkelte.
„Ist hier alles klar?“ Mit einem lauten Knall stieß er sich den Kopf an der Überdachung und eine kleine Schneelawine rauschte auf die Hühner hinunter, die panisch gackerten und den weißen Massen zu entkommen versuchten.
„Entschuldige!“, rief ich dem vor sich hin fluchenden Bären zu. Anders konnte man ihn kaum beschreiben. Josef war groß, gebaut wie ein Schrank, und behaart. Unter dem dichten Vollbart konnte man kaum seine Lippen ausmachen, außer wenn er sprach, was nicht oft vorkam. Er winkte mit seiner Pranke ab und bückte sich nach der Schaufel, die er fallengelassen hatte.
„Miste nur eben aus.“
Josef war unser Mädchen für alles. Tierpfleger, Gärtner, Hausmeister. Er kümmerte sich um fast alles, was ein wenig technisches Geschick oder Kraft erforderte. Er und Antonia waren schon lange ein Paar und seit drei Jahren verheiratet. Ich glaube, außer ihren Hochzeitsbildern existierten keine weiteren, auf denen man Josef lächeln sah. Zumindest hatte ich noch nie welche zu Gesicht bekommen.
„Danke dir.“ Ich warf den Inhalt der Schale durch eine Klappe in das Gehege und das Federvieh stürzte sich gierig darauf. Der Schock war offenbar überwunden.
„Bis später!“, rief ich im Weitergehen, zur Antwort erhielt ich ein Brummen.

„Oma?“, rief ich in den Flur, als ich die Haustür aufschloss. Sofort umfing mich die Wärme unseres Holzofens, den wir beide der Heizung vorzogen. Nah am Wald zu wohnen hatte den Vorteil, das man leicht an Nachschub kam, wenn mal wieder Bäume umgestürzt waren.
„Im Wohnzimmer!“, antwortete sie mir. Sie saß vor dem prasselnden Feuer und blätterte in einer Zeitschrift.
„Hast du dich ein bisschen hingelegt?“, fragte ich sie und ließ mich auf das Sofa fallen. Ihre grauen Haare waren einst tiefschwarz wie meine. Ich hatte Fotos von ihr gesehen, auf denen man uns für Schwestern halten könnte.
Sie nickte und sah von dem Magazin auf. „Ich wollte Antonia und Josef fragen, ob sie mich heute Abend mit ins Dorf nehmen können, wenn du keine Hilfe brauchst?“
„Klar, kein Problem.“ Ich lächelte. „Es ist sowieso nicht viel los.“
Sie verzog den Mund. „Spatz, du musst dich ausruhen. Du bist ständig auf den Beinen.“ Ich wollte widersprechen, doch sie schnitt mir das Wort ab. „Ich bekomme doch mit, wann du aufstehst und schlafen gehst.“
Um eine weitere Diskussion mit ihr zu vermeiden, nickte ich. „Okay, heute Abend gehe ich richtig früh ins Bett.“ Oma war nicht da, also würde mein Schwindel nicht auffallen. Ich hatte einfach viel zu tun und musste jede freie Minute nutzen. Seufzend kam ich auf die Beine.
„Ich zieh mich kurz um und geh dann wieder an die Arbeit.“ Als ich ihren strengen Blick bemerkte, fügte ich hinzu: „Je früher ich fertig bin, desto eher kann ich Feierabend machen.“ Kurz drückte ich ihre Hand, dann ging ich nach oben in mein Zimmer und tauschte schwarze Hosen und Bluse gegen einfaches Shirt und die Latzhose, die einsatzbereit am Kleiderhaken hinter der Tür hing und die ich bei Arbeiten trug, bei denen man sich dreckig machte. Wir hatten schon ein paar verbindliche Reservierungen, zum Glück, denn wir brauchten das Geld dringend, bis zum Sommer musste doch einiges gemacht werden. Doch ohne Kapital war da leider nicht viel drin und wir zogen weniger Gäste an. Ein Teufelskreis, aus dem ich verzweifelt auszubrechen versuchte.
Dabei hatte ich viele Ideen und Träume für das Hotel und war mir absolut sicher, dass es gut ankommen würde. Doch Geld regierte nun mal die Welt.

Zurück im Hotel machte ich mich auf in den zweiten Stock in eines der Familienzimmer, das ich gerade renovierte. Als ich alle Leisten und Steckdosen sorgfältig abgeklebt und den Boden abgedeckt hatte, mittlerweile war ich richtiger Profi geworden, fiel mir ein, dass ich das kleine Radio vergessen hatte, das ich immer laufen ließ, wenn ich arbeitete. Dann wurde die Arbeit also noch eintöniger als sowieso schon. Doch alles Jammern brachte nichts. Immer wenn ich mit mir haderte oder aufgeben wollte, dachte ich an meine Eltern, Opa und Oma. Antonia, Josef, Jenny. Ich schuldete es ihnen, immer weiter zu kämpfen. Ich gab mein Familienerbe nicht auf.
Energisch ließ ich die Farbrolle immer wieder über die Wand gleiten. Ein wenig zu fest, plötzlich fühlte ich feuchte Sprenkel im Gesicht.
„Becki?“ Jenny rief nach mir, die Zimmertür war nur angelehnt.
„Fuchszimmer!“, antwortete ich ihr. Einen Moment später stand sie auch schon vor mir.
„Was gibt’s denn?“, fragte ich misstrauisch, als sie mich betrachtete und das Gesicht verzog.
„Am Empfang steht ein Mann. Er möchte dich sprechen.“ Mein Azubi fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen, gestylten Haare und sah mich ein bisschen zerknirscht an. „Und… er sieht irgendwie wichtig aus.“
„Wichtig?!“, echote ich entsetzt. Oh nein. Das war doch nicht… Das konnte nicht…
„Ja. Er hat ein Sakko an und einen Aktenkoffer dabei. Und er trägt Lederschuhe, mitten im Winter!“
Fluchend schlug ich die Hand vors Gesicht. „Verdammt! Jenny, das kann nur jemand von der Bank sein! Wegen des Kredits!“ Als ich wieder zu ihr sah, waren ihre Augen kugelrund.
„Und ich, ich sehe so aus!“ Hektisch legte ich den Farbroller ab. Normalerweise vereinbarte man doch Termine und schneite nicht einfach so herein! Schon gar nicht, wenn es sich um sowas wichtiges wie meinen Lebenstraum handelte. Ich war überhaupt nicht vorbereitet!
„Okay, okay, ruhig bleiben. Du gehst runter, bietest ihm einen Kaffee an, einen Tee, gib ihm alles, was er haben will! Halt‘ ihn einfach hin.“ Jenny lief schon los, als ich ihr noch hinterher rief: „Und sei um Himmels Willen professionell!“
Dann stürmte ich ins Badezimmer und sah entgeistert in den Spiegel. Pony, Kinn, sogar das Ohrläppchen. Alles hatte Farbspritzer abbekommen. Außerdem zierte meine Wange ein Abdruck drei meiner Finger.

„Nein, nein, nein!“, schimpfte ich verzweifelt, während ich versuchte, die stellenweise trockene Farbe abzuwaschen. Ich musste dem Mann, der mir idealerweise einen Kredit gewähren würde, in diesem Zustand entgegentreten. Zittrig kämpfte ich gegen das Gefühl an, dass die Sache bereits entschieden war.
 
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