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Jackie Khones und der Fall des verschwundenen Basketballs

von - Leela -
KurzgeschichteKrimi / P12 / Gen
Eduardo Mister Herriman Wilt
04.05.2019
04.05.2019
1
4.106
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04.05.2019 4.106
 
Information

Diese Geschichte ist ein Beitrag zu der Challenge »1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort« von Liz Tonks.

Die Challenge:
Für die ausgewählte Nummer wird ein Wort vorgegeben, welches im ersten und im letzten Satz vorkommen muß. Der erste und der letzte Satz dürfen dabei nicht identisch sein. Als Mindestwortzahl wurden 200 vorgegeben.

Meine Nummer hier war die 124 mit dem Wort »flehen«.

Das Fandom:
Hintergrund: Die Nummer 124 wählte ich für dieses Fandom nicht ohne Bedacht. Am 24. Januar 1967 hat nämlich Phil LaMarr Geburtstag, die Synchronstimme von Wilt und Jackie Khones, die beide in dieser Geschichte eine große Rolle spielen. ♥

Für Fandom-Unkundige habe ich zu Beginn meiner beiden anderen Fosters-Geschichten schon eine kleine Übersicht über die Charaktere vorangestellt:
      ● »Wilt-A-Co-Co« und
      ● »Im Sinne der Gerechtigkeit«,

Informationen zu in dieser Geschichte neu dazukommenden Charakteren folgen hier:
      ● Madame Foster: … ist die Gründerin von »Fosters Haus für Phantasiefreunde«. Die mittlerweile alte Lady leitet das Haus mit Hilfe ihres eigenen Phatasiefreundes Mister Herriman, welcher der Verwalter des Hauses ist, und ihrer Enkelin Frankie, die alle anfallenden Arbeiten im Haus erledigt.
      ● Jackie Khones: … ist ein sehr kleiner, stabförmiger, grüner Phantasiefreund mit einem Auge und einer markanten tiefen Stimme. Er betreibt sein eigenes Detektivbüro und führt eine enge Beziehung zu Fluffer Nutter.
      ● Fluffer Nutter: … ist ein rosa Eichhörnchen. Sie führt eine Beziehung zu Jackie Khones und ist die Vorzimmerdame in der Anmeldung seines Detektivbüros.

Und nun viel Spaß bei:


Jackie Khones und der Fall des verschwundenen Basketballs

Wilt hatte sich alle Mühe gegeben, doch jedes Flehen nützte nichts.
      „Master Wilt! Muß ich Sie daran erinnern, daß Disziplin das oberste Gebot in diesem Haus ist? Wenn Sie Ihr Tagewerk erfüllt haben, dürfen Sie nach dem von Ihnen vermißten von allen Spielern der britischen Basketballnationalmannschaft signierten Basketball suchen.“
      „Aber ich sage Ihnen doch, er ist gestohlen worden!“ setzte Wilt noch einmal an. „Und das ist nicht okay!“
      „Ach, machen Sie sich nicht lächerlich! Wer sollte denn einen Basketball stehlen?“ Herriman mußte aufpassen, daß seine Stimme nicht einen verächtlichen Tonfall annahm. „Sie werden ihn verlegt haben! Und darum können Sie sich nach Ihren Pflichten kümmern.“
      „Sorry, Mister Herriman, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie um etwas gebeten! Bitte lassen Sie mich nur dieses eine Mal meine Aufgaben nachholen!“
      „Hm, Sie sind in der Tat immer sehr zuverlässig.“ bemerkte Herriman, weckte einen leichten Hoffnungsschimmer in Wilt und zerstörte ihn gleich wieder, als er sagte: „Sehen Sie zu, daß das so bleibt! Und nun wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie gleich damit fortfahren würden!“
      Gebrochen verließ Wilt das Büro des Verwalters.
      Gerade als er demoralisiert in sein Zimmer zurückkehren wollte, wurde er von einer warmen Stimme angesprochen. „Ey, Kumpel! Brauchst du Hilfe?“
      Jackie Khones lehnte an dem Treppengeländer in der Halle der großen Villa. Wilt hätte ihn fast übersehen, da der winzige, grüne, stabförmige Phantasiefreund so unscheinbar wirkte. Doch er wußte auch, daß man Jackie nicht unterschätzen durfte.
      Wilt sackte ein Stück in sich zusammen. „Jede, die ich kriegen kann.“
      „In meinem Büro. In einer Viertelstunde.“ Jackies Stimme strahlte eine ruhige Autorität aus, die Widerspruch schon per definitionem unterband.
      „Aber… Kann ich es mir überhaupt leisten, deine Dienste in Anspruch zu nehmen?“ fragte Wilt, der wußte, daß Jackie nie etwas umsonst machte.
      „Das ist alles eine Frage der Sandwiches. Wir werden uns schon einig. Eine Viertelstunde!“ Mehr sagte der selbsternannte Detektiv nicht.
      Wilt sah seinem Mitbewohner nach, als der sich umdrehte und ihn allein ließ. Ihm war, mehr als ihm lieb war, bewußt, daß er Jackies Hilfe würde in Anspruch nehmen müssen, wenn er in der Sache weiterkommen wollte.

Pünktlich fand Wilt sich in der Toilettenzelle ein, in der Jackie Khones sein Büro eingerichtet hatte. Er hatte wertvolle Zeit geopfert, die er eigentlich für seine Aufgaben im Haus benötigte, aber dies hier war ihm wichtig, und solange er vor Herriman behaupten konnte, daß er nur auf der Toilette gewesen war, sollte der alte Hase ruhig versuchen, ihm Nachlässigkeit nachzuweisen.
      Im Vorraum bei dem Waschbecken erwartete ihn Miss Fluffer Nutter, Jackie Khones Assistentin. „Wen darf ich anmelden?“ fragte die Phantasiefreundin.
      „Sorry, aber du weißt doch, wer ich bin.“ bemerkte Wilt verwirrt.
      „Hier muß alles seinen geregelten Gang gehen!“ klärte das rosa Eichhörnchen ihn auf. „Also, Ihr Name?“
      Wilt seufzte. „Wilt.“
      Fluffer Nutter griff zu dem Büchsentelefon, das in die Toilettenzelle führte. „Mister Khones, ein Mister Wilt ist hier!“ Sie wartete auf die Antwort und nickte Wilt dann zu. „Sie können reingehen.“
      Dankbar verschwand Wilt in der Kabine.
      „Ah, Mister Wilt! Pünktlich, wie ich sehe. Nehmen Sie Platz.“ Jackie saß hinter dem selbst gebauten Schreibtisch, der den meisten Raum in der kleinen Toilettenzelle einnahm, und deutete auf den Platz vor sich.
      Wilt faltete sich so gut es ging zusammen, was angesichts der langen Beine und des spärlichen Platzes in der Kabine eine Herausforderung war. „Wir brauchen uns aber nicht zu Siezen, wenn das ok…“
      Jackie gebot mit einer Geste Einhalt. „Eine gewisse Form muß eingehalten werden, so auch keine privaten Kontakte zu Klienten.“
      „Oh, sorry!“
      Der Privatdetektiv kam gleich zur Sache. Wilt bemerkte den frisch aufgeschlagenen Notizblock auf dem Schreibtisch. „Es geht also um einen Diebstahl!“ faßte Jackie zusammen.
      „Mutmaßlich ja.“ bestätigte Wilt.
      „Mutmaßlich?!“ Jackie maß den großen schlanken Sportler eindringlich, was sich für gewöhnlich etwas seltsam anfühlte, da der Detektiv von Haus aus nur ein Auge zum mustern hatte.
      „Naja, ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Unter anderem deswegen bin ich hier. Aber ich bin ziemlich überzeugt davon! Wenn das okay ist, meine ich…“
      Jackie klopfte den Stift, mit dem er seine Notizen machte, gedankenvoll gegen seinen Mund, das Auge verwegen halb geschlossen. „Gibt es irgendwelche Verdächtigen?“
      Wilts Augen verengten sich, – zumindest das gesunde. „Einen Verdächtigen gibt es immer!“
      Jackie lehnte sich leicht vor um mitzunotieren. „Beschreiben Sie ihn.“
      „Ist das dein Ernst? Du weißt, wer es ist! Ich rede von Bloo!“ Wilt mußte aufpassen, nicht entgegen seiner Natur laut zu werden, und fügte rasch an: „Sorry. Ich bin nur etwas aufgeregt wegen der Sache. Ich hoffe, das ist okay.“
      Jackie ging gar nicht darauf ein. „Beschreiben Sie diesen Bloo.“
      „Bitte? Sorry, aber… Du weißt, wie Bloo aussieht!“
      Jackies Auge fixierte den großen roten Phantasiefreund. „Beschreiben Sie ihn!“
      Wilt seufzte. „Blau, sieht aus wie eine Mülltonne mit gewölbtem Deckel, etwa so groß…“
      Jackie notierte aufmerksam mit. „Mmhm. Gibt es weitere Verdächtige?“
      In die angrenzende Stille hinein konnte man die Grillen zirpen hören. Jackies Blick wandte sich kurz dem kleinen grünen Grillen-Phantasiefreund in der Ecke der Toilettenkabine zu, der schnell vondannen hüpfte. Nun setzte wortwörtlich Stille ein.
      „Ähm…“ Wilt wiegte sich unsicher auf seinem Platz. „Ich will nicht unbedingt behaupten, daß er es gewesen ist. Beweise dafür habe ich keine. Aber er ist von allen der wahrscheinlichste. Mit Abstand. Wenn das okay ist.“
      „Beweise zu finden ist meine Aufgabe.“ stellte Jackie klar. „Als nächstes werde ich den Tatort untersuchen. Sind Sie in der nächsten halben Stunde zu Hause?“
      Wilt verzog den Mund zu einem Schmollen, wenn er daran dachte, was er noch alles laut Herriman zu erledigen hatte. „Mit Sicherheit!“
      „Dann geben Sie mir bitte noch Ihre Adresse.“ Jackie musterte ihn, bereit, mitzuschreiben.
      Wilt seufzte tief und sparte sich jeden Kommentar. „Gemeinschaftszimmer 124 im ersten Stock, wie seit ich hier eingezogen bin.“
      „Danke. Bitte verändern Sie nichts am Tatort. Ich muß ihn so vorfinden, wie er vom Dieb verlassen wurde. Ich werde mich in Kürze bei Ihnen melden.“ Jackie gab seinem Auftraggeber professionell die Hand.
      „Danke.“ Mit gemischten Gefühlen verließ Wilt das Büro.

Wilt war gerade dabei, Wäsche zusammenzulegen, als es klopfte. Als er öffnete, stand Jackie Khones vor der Tür. Er ließ den Privatdetektiv herein.
      „Befindet sich der Tatort hier?“ erkundigte sich Jackie.
      „Ja, hier drüben.“ Der Basketballer deutete auf seinen Spind. „Sorry, aber ich muß noch etwas für Herriman erledigen. Ich mache das nebenher weiter. Ist das okay?“
      „Lassen Sie sich nicht stören!“ Jackie nahm bereits den Tatort in Augenschein. „Wo war das verschwundene Objekt, als Sie es zuletzt gesehen haben?“
      „Dort im obersten Fach.“ Wilt deutete noch mit dem Hemd in der Hand, das er gerade zusammenlegte, nach oben.
      „Hm. Wer außer Ihnen hat Zugang zu den Räumlichkeiten hier?“
      „Naja, Eduardo, Bloo und Coco natürlich, wir teilen uns den Raum ja.“ erklärte Wilt, während er seine Arbeit wieder aufnahm. „Dann noch Frankie, Herriman und Madame Foster, die drei haben als Hausverwaltung und Personal für alle Fälle einen Schlüssel für jedes Zimmer. Ich bin mir aber sicher, daß wir sie als Verdächtige ausschließen können, wenn das okay ist.“
      „Verdächtige auszuschließen ist mein Job.“ erklärte Jackie. „Sonst noch jemand?“
      Wilt dachte nach. „Sonst kommen nur Leute hier rein, wenn einer von uns sie reinläßt.“
      „Okay… Das scheint den Kreis der Verdächtigen einzuengen.“ Jackie untersuchte den Spind mit einer Lupe, was derzeit wenig effektiv anmutete, da er aufgrund seiner geringen Körpergröße nur den Boden untersuchen konnte. „Haben Sie etwas ungewöhnliches bemerkt, nach dem Diebstahl?“
      „Eigentlich nur, daß der Basketball nicht mehr dort war, wo er sein sollte.“ Wilt stapelte die Wäsche auf und begann anschließend damit, die Betten zu machen.
      „Was ist an dem Basketball so besonders, daß er eine attraktive Beute wäre? Würde es Ihnen etwas ausmachen…?“ Jackie deutete nach oben.
      „Oh, sorry, natürlich…“ Wilt hob Jackie in das oberste Fach seines Spinds und erklärte: „Naja, der Ball war unterschrieben von allen Spielern der britischen Basketballnationalmannschaft. Aber wenn es Bloo war, wie ich befürchte, dann ist das egal. Dann brauchen wir nichts anderes als Motiv als pure Selbstsucht und Freude daran, andere zu ärgern.“
      Jackie nickte. „Das ist mir laut der Akte von diesem Bloo bekannt.“ Aufmerksam sah er sich in dem leeren Fach um.
      Wilt sah ihn erstaunt an. „Du hast eine Akte über Bloo?“
      „Ich habe eine Akte über jeden Ganoven, mit dem ich schon zu tun hatte. – Hat jemand anderes außer Ihnen noch Zugang zu Ihrem Spind?“
      „Nein. Ich halte ihn immer verschlossen.“ Wilt war gerade damit fertig, Eduardos Bett zu machen und schüttelte Cocos Nest auf.
      „Hm-hm…“ Jackie wirkte, als hätte er sich das schon gedacht. In seine Gedanken hinein betrat Eduardo das Zimmer.
      Der massige violette Stier blieb verunsichert kurz hinter der Tür stehen. „Verzeihung, Señor Wilt. Ich wollte nicht stören.“
      „Keine Sorge, du störst nicht.“ Mit einem fröhlichen Lächeln bat Wilt seinen Kameraden hinein.
      Jackie wurde indes aufmerksam. „Ich werde jetzt den ersten Zeugen vernehmen!“ Er sprang von dem Fach im Spind auf das Bett. „Name?“ sprach er den Neuankömmling an.
      „Äh… Eduardo?“ Die Stimme des Stieres machte deutlich, daß er davon ausgegangen war, daß sein langjähriger Mitbewohner aus dem Haus seinen Namen kennen müßte.
      „Sie wohnen also mit Mister Wilt zusammen.“ stellte Jackie fest.
      „Si.“ bestätigte der spanische Phantasiefreund. „Schon eine ganze Weile.“
      „Haben Sie in letzter Zeit etwas ungewöhnliches bemerkt, was sich hier in diesem Raum abgespielt hat?“
      Eduardo schüttelte den Kopf. „No Señor. Ich hatte mucho zu viel zu tun, um irgend etwas bemerken zu können.“
      „Ah. Noch eine Frage: Wissen Sie, wo sich die anderen Mitbewohner Ihres Zimmers in letzter Zeit aufgehalten haben?“
      „Ähm…“ Eduardo dachte angestrengt nach. „Ich weiß es nicht genau, aber… Señor Wilt und Señorina Coco hatten auch mucho im Haus zu tun.“
      „Und wie verhält es sich mit Mister Bloo?“ hakte Jackie nach, während er sich weiter Notizen machte.
      „Also… Wann immer ich ihn gesehen habe, war er in der Arkade. Ein nuevo Computerspiel ausprobieren, gibt es wohl erst seit zwei dias. Ich glaube, es heißt »Paddleball 3000«.“
      Jackie wurde hellhörig. „Dann hatte er also keine Aufgaben zu verrichten?“
      „Zumindest hat er es wenn, dann nicht getan.“ überlegte Eduardo. „Señor Bloo ist da nicht so mucho gewissenhaft.“
      „Aha…“ Jackies Auge verengte sich, als er begann zu kombinieren.
      „Ähm, kann ich jetzt gehen, Señor Khones? Ich habe noch mucho Arbeiten draußen zu verrichten, und Señor Herriman wird böse sein, wenn ich nicht rechtzeitig damit fertig werde.“
      „So, wird er das?“ erkundigte sich Jackie.
      „Si. Da kennt er keine Gnade.“ bestätigte Eduardo, schon latent nervös.
      „Die Zeugenvernehmung ist abgeschlossen. Vielen Dank für Ihre Auskünfte, Sie haben mir sehr geholfen. Sie können gehen.“ Jackie winkte ihn hinaus, und Eduardo verschwand dankbar aus dem Zimmer.
      Wilt, der mittlerweile damit angefangen hatte, die Fenster zu putzen, wandte sich grimmig um. „Also war es Bloo!“ schloß er. „Das neue Computerspiel war nur eine Ablenkung!“
      Jackie schüttelte den Kopf. „Ausnahmsweise ist das ein Trugschluß. Es war nicht Mister Bloo.“
      Wilt sah ihn erstaunt an. „Nicht?“
      „Nein! Mister Bloo habe ich bereits von Anfang an ausgeschlossen.“ ließ Jackie die Bombe platzen. Auf Wilts ungläubigen Blick hin erklärte er: „Es gibt keinerlei Spuren am Tatort! Das ist nicht Bloos Stil. Wäre er es gewesen, gäbe es Hinweise, sei es durch Kekskrümel, Kaugummipapier, oder diverse andere Spuren. Ich aber konnte noch nicht einmal Fingerabdrücke finden. Als Mister Eduardo von dem neuen Computerspiel in der Arkade sprach, erhärtete sich meine Vermutung. Bloo würde sich niemals von einem Paddelball-Spiel ablenken lassen!“
      „Aber…“ Wilt sah den Privatdetektiv ratlos an. „Sorry, aber wer war es dann? Hast du schon einen Verdacht?“
      „Ich habe nicht nur einen Verdacht, ich bin mir sicher, daß ich weiß, wer der Täter ist!“ überraschte Jackie seinen Klienten. „Das war alles eine ganz gezielte Aktion!“
      „Ja? Sorry, aber… Wer ist es denn?“ fragte Wilt aufgeregt.
      „Das ist eine ganz einfache Kombinier-Arbeit. Es wundert mich, daß Sie noch nicht selbst darauf gekommen sind.“ Jackies Blick fiel auf die Liste in Wilts Händen. „Sie haben mehr Aufgaben als gewöhnlich zu verrichten, stimmt’s?“
      „Das kannst du laut sagen!“ seufzte Wilt.
      Jackie nickte. „Wenn Sie fertig sind, müssen Sie Meldung im Büro des Verwalters machen?“
      Wilt nickte.
      „Gut, dann treffen wir uns dann. Ich werde Sie begleiten!“ Mit einem leichten Lächeln verließ Jackie das Gemeinschaftszimmer.

Wilt hatte sich ein wenig gewundert. Andererseits gab er Jackie Recht; es ließ sich leichter reden, wenn einem das Tagewerk nicht im Nacken saß. Warum Jackie aber bei der Abnahme der Liste durch Herriman dabei sein wollte, erschloß sich dem Sportler nicht. Jackie hatte sich aber auch geweigert, seine Informationen schon vorher preiszugeben, und Wilt wußte, daß es aussichtslos war, ihn bedrängen zu wollen.
      Sie trafen sich zu gegebener Zeit vor Herrimans Büro. Gerade als Wilt höflich anklopfen wollte, hielt Jackie ihn zurück. Statt dessen wartete der Detektiv den richtigen Zeitpunkt ab und stieß dann unerwartet die Tür auf.
      Herriman, der gerade an einem Schrank stand und etwas bewundert zu haben schien, erlitt beinahe einen Herzinfarkt, schlug im Affekt die Schranktür zu, allerdings so heftig, daß sie gleich wieder aufsprang. Durch die Erschütterung fiel etwas auf Herrimans Blickhöhe aus dem Schrank und sprang über den Boden, bis es die Wand auf der gegenüberliegende Seite erreichte und in die Mitte des Zimmers zurückrollte.
      Jackie inspizierte das Etwas, als es liegenblieb, interessiert. „Ah, das erspart mir weitere Ermittlungen!“
      Wilt sah Herriman entsetzt an, als er seinen Basketball vor dem Schreibtisch des Verwalters liegen sah. „Was hat das zu bedeuten?“
      Der große Hase stand mit beschämt nach unten geklappten Ohren hinter seinem Schreibtisch und verschluckte sich an seiner eigenen Spucke. „Ja, ähm, also, ich…“ Es war erstaunlich. Selbst sein Gestammel trug unverkennbar den britischen Akzent des Verwalters.
      Wilt hob mit zitternden Fingern seinen vermißten Basketball auf und ließ den Hasen ohne jedes Lächeln nicht aus dem Blick.
      Jackie sprang bereits auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch, und Wilt nahm langsam auf dem anderen Platz. „So. Sie haben also den Basketball entwendet, weil Sie selbst Fan der britischen Basketballnationalmannschaft sind! Versuchen Sie nicht, sich herauszureden!“ setzte Jackie dem Verwalter die Pistole auf die Brust.
      Der entlarvte Verbrecher seufzte tief. „Gut, ich gebe es ja zu! Ich konnte einfach nicht widerstehen.“ Der Verwalter hüstelte leicht. „Immerhin ist das so etwas wie ein bißchen Heimatgefühl, das werden Sie doch sicher verstehen…“
      Jackie sah Wilt an seiner Seite an. „Verstehen wir das?“
      In Wilt grummelte es noch immer. Wenn es um Basketball ging, verstand er keinen Spaß. „Das war definitiv nicht okay!“
      Jackie lächelte selbstzufrieden und wandte sich wieder Herriman zu. „Dann würde ich sagen, verhandeln wir jetzt Bedingungen, wenn Sie nicht möchten, daß dieser Fall an die Presse geht!“

Sehr mit dem Ergebnis zufrieden verließen Jackie und Wilt mit seinem Basketball in der Hand das Büro des Verwalters.
      „Woher hast du das gewußt?“ fragte Wilt beeindruckt, als sich die Zimmertür hinter ihnen schloß.
      „Das ist ganz einfach.“ erklärte Jackie auf dem Rückweg zu seinem Büro. „Nachdem du mir die Liste der Personen gegeben hast, die einen direkten Zugang zu eurem Zimmer haben, fiel mein Verdacht schnell auf Herriman. Es gab keinerlei Einbruchspuren. Jemand kam ohne weiteres in das Zimmer, also hatte er mutmaßlich einen Schlüssel oder wurde hereingelassen, und hinterließ auch keine Spuren beim Spind. Ich dachte sofort an Herriman, zum einen, da kaum jemand so reinlich ist wie er, zum anderen, weil er Handschuhe trägt. Deswegen war ich mir sicher, daß weder ein anderer auf der Liste dafür verantwortlich war, noch, daß ein Komplize oder jemand anderes, der sich Zugang in’s Zimmer verschafft hatte, mit im Spiel war.“
      „Aha!“ Wilt nickte zustimmend.
      „Das war aber noch nicht alles!“ fuhr Jackie fort. „Sowohl du, als auch Eduardo, bestätigten mir unabhängig voneinander, daß alle Bewohner des Zimmers mit mehr Arbeit als gewöhnlich zugeschüttet waren – ein einfaches Stilmittel, damit ihr beschäftigt seid und er in Ruhe arbeiten kann. Und übrigens im Anschluß auch, damit keiner genug Zeit bekommt, um Nachforschungen anzustellen, bis sich der erste Trubel gelegt hat!“
      Wilt fiel schier die Kinnlade herunter, als er plötzlich die ganzen Zusammenhänge erkannte. „Darauf hätte ich kommen können…“
      Der Privatdetektiv lächelte. „Dann wäre ich aber arbeitslos. – Mit der Liste an Hausarbeiten hatte er es jedenfalls geschafft, euch alle zuerst vom Tatort entfernt zu halten, und nach dem Coup zu beschäftigen. Das gilt für alle – außer Bloo! Herriman wußte, daß er Bloo so nicht würde ausschalten können. Deswegen…“
      „Das Paddleball-Spiel!“ Langsam ging Wilt ein Licht auf.
      Jackie nickte. „Genau! Herriman wußte, daß er Bloo nur so nachhaltig aus der Schußbahn bekam. Und so installierte er das Spiel extra zu diesem Zweck in der Arkade, und anstatt Bloo mit irgendwelchen Hausarbeiten zu versehen, setzte er ihn auf das Spiel sein.“ Der Detektiv sah auf seine Armbanduhr. „Mutmaßlich dürfte er noch dort sein.“
      Wilt konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Damit dürfte der Detektiv Recht haben; und das hatte auch der schlaue Herriman gewußt.
      „Auf den Gedanken kam ich übrigens, als Eduardo erwähnte, daß Herriman mit Strafen nicht zimperlich ist, wenn die Hausarbeiten nicht erledigt werden.“ ließ Jackie nicht unerwähnt. „Wenn Bloo also keine Strafen zu erwarten hatte, und das schien ja offensichtlich, wenn er in aller Seelenruhe seine Zeit in der Arkade verbringen konnte, dann konnte das nur bedeuten, daß er keine Aufgaben zugeteilt bekommen hatte, für dessen Nichterfüllung er hätte bestraft werden müssen. Und das mußte einen Grund haben!“
      „Weil Herriman ihn ja aus dem Weg haben wollte, und seine Zeit nicht mit Diskussionen verbringen wollte, die ihn wertvolle Zeit gekostet hätten, während der er ja meinen Basketball stehlen wollte!“ schloß Wilt mit stolzem Lächeln.
      Jackie schnippte mit den Fingern. „Du hast es erfaßt! Herriman hat sehr genau gewußt, wie er alle Leute, die ihm potentiell hätten in die Quere kommen können, aus dem Weg bekommt. Und deswegen hatte er für Bloo nur eine Aufgabe: Das Paddleball-Spiel!“
      „Sorry, aber das ist echt schlau gedacht! Gut, daß du dahinter gekommen bist. Das war mehr als okay!“ bedankte sich Wilt noch einmal.
      „Danke! Das letzte Indiz, um meinen Verdacht endgültig zu erhärten, war allerdings, als du mir von dem Ball erzählt hast!“
      „Tatsächlich?“ fragte Wilt erstaunt.
      Jackie nickte mit einem leichten Lächeln. „Bislang haben wir nur die Vorgehensweise erörtert. Du hast mir aber das Motiv geliefert!“
      „Habe ich?“ Wilts Überraschung nahm kein Ende.
      „Hast du! Dadurch daß du mir erzählt hast, daß der Ball von allen Spielern der britischen Basketballnationalmannschaft unterschrieben ist, fügte sich in meinem Geist ein Puzzleteil in’s andere. Wer könnte wohl mehr Interesse an einem Ball haben, der von der gesamten britischen Basketballnationalmannschaft unterschrieben ist, als…“
      „Ein britischer hasenförmiger Phantasiefreund!“ schloß Wilt grimmig.
      „Du hast es!“ Jackie hielt seinem Auftraggeber die Tür zu seinem Büro auf. Als sie saßen, nahm der kleine Phantasiefreund eine Mappe zur Hand. „So, dann wollen wir doch mal in die Abrechnungstabelle gucken. Das war ein Auftrag innerhalb des Hauses, ging über zwei Etagen, hat einen Tag und eine Zeugenbefragung in Anspruch genommen…“
      Wilt beobachtete nervös, wie der Detektiv die Liste studierte.
      Schließlich sah Jackie auf. „Mit einem Freundschaftspreis von einem Thunfischsandwich und zwei Käse-Schinken-Sandwiches bist du dabei!“
      „Gemacht!“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hand, und erleichtert verließ Wilt das Büro.

Die ausgehandelte Opferentschädigung funktionierte gut. Herriman hatte es sich einiges kosten lassen, damit der Vorfall unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit blieb, und Jackie hatte darauf geachtet, daß die Abmachung schriftlich fixiert wurde, mit je einem Durchschlag für Wilt und für die Akte im Detektivbüro. Und so hatten Wilt, Eduardo und Coco zukünftig ein angenehmes Leben, während Herriman für sie die Wäsche machte, die Betten richtete und die Fenster putzte. Und Bloo… durfte in der Arkade Paddleball spielen.
      Wilt hatte seinen Freunden natürlich nicht erzählt, wie es dazu gekommen war, daß Herriman einen solchen Vertrag zu ihren Gunsten unterzeichnet hatte. Die Sache würde unter den drei Phantasiefreunden bleiben, die davon wußten: Herriman, Jackie und Wilt. Die näheren Umstände brauchte Wilt allerdings auch nicht zu erläutern; Coco und Eduardo waren von den Hausarbeitslisten der vergangenen Tage noch so angefressen, daß es ihnen egal war, wie es zu dem Vertrag gekommen war, um ihn voll auszukosten.
      Gerade als Wilt, Coco und Eduardo von einem Basketballspiel zurückkamen, fanden sie Herriman vor, wie er mit hängenden Ohren den Boden ihres Zimmers schrubbte.
      Der Hase sah aus seiner knienden Position zu dem so für ihn noch riesiger wirkenden Basketballspieler auf. „Ah, Master Wilt, was ich fragen wollte… Dürfte ich wohl diesen Nachmittag frei haben?“
      „Oh, aber na…“ setzte Wilt bereits an.
      „Co-co-co co-co!“ mischte sich Coco ein.
      Wilt räusperte sich. „Ähm, also, Sie haben es ja gehört, das ist nicht gewünscht, sorry. Wenn das okay ist.“
      Coco ließ sich erhaben auf ihrem Nest nieder und beobachtete Herriman bei der Arbeit.
      Und so brachte alles Flehen nichts, so daß Herriman sich in sein Schicksal ergab.
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