Mehr als eine Patin

von Caligula
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16
Anna Nico Faude Patrice
04.05.2019
23.08.2019
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06 ~ Spielchen

Stöhnend zog Nico sich die Decke über den Kopf, als sein Wecker ihn plärrend aus dem Schlaf riss. Er wollte nicht aufstehen. Er war hundemüde, hatte das Gefühl kaum geschlafen zu haben und als er mit Mühe und Not blinzelnd die Augen öffnete und einen Blick unter der Decke hervorwagte, stellte er fest, dass es draußen noch dunkel war. Und erst in diesem Moment realisierte er, dass es gar nicht sein Wecker war, der diesen Lärm veranstaltete, sondern sein Klingelton. Mit gerunzelter Stirn drehte er sich auf den Bauch, zog die Decke wieder über den Kopf und starrte grübelnd auf die ihm völlig unbekannte Nummer. Wer würde ihn mitten in der Nacht behelligen? Kurz war er versucht den Anruf einfach wegzudrücken, doch schließlich siegte seine Neugier und er hob ab. Gespannt lauschte er abwartendem Schweigen.
„Du hast mich angerufen, also“, platzte Nico schließlich kühl heraus. „Wer ist da?“
„Nico?“, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung, die eindeutig männlich war, die Nico allerdings nicht erkennen konnte.
„Wer ist da?“, wiederholte er seine Frage ungeduldig.
„Hör zu“, entgegnete der Anrufer mit einer geradezu dreisten Ruhe und Gelassenheit. „Mir gefällt nicht, dass du Anna mit deiner Eifersucht runterziehst und ihr Geschichten über mich erzählst. Lass das gefälligst.“
Amüsiert stieß Nico den Atem aus. „Patrice?“ Dieser gab keine Bestätigung, doch das brauchte er auch nicht. Inzwischen war sich Nico ganz sicher, dass es seine Stimme war, die ihm da drohte und augenblicklich war seine Müdigkeit wie weggeblasen. „Wenn ich eifersüchtig wäre, würde dich das überhaupt nichts angehen, kapiert? Genauso wenig was zwischen Anna und mir geredet wird.“
„Du hast nicht das Recht Lügen über mich zu verbreiten, um mich vor ihr schlecht zu machen!“, kam es so aufgebracht zurück, dass Nico vor Verblüffung gar nicht wusste wie er reagieren sollte. Den immer coolen und gelassenen Patrice dermaßen außer sich zu erleben war ebenso amüsant wie beunruhigend. Er hatte ja geahnt, gehofft, dass er noch eine andere, dunklere Seite verbarg, nicht jedoch dass sie so impulsiv und reizbar war. In Anbetracht der Tatsache, dass er ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf klingelte, um ihm zu drohen, nachdem er tagelang kein Wort mit ihm gewechselt und ihm nicht einmal einen bösen Blick zugeworfen hatte, wirkte er fast schon wie ein Psychopath.
„Komm runter, Alter, ich hab keine Lügen über dich erzählt“, erwiderte Nico schließlich betont locker, um ihm ganz schnell klar zu machen, dass er sich sicher nicht von ihm einschüchtern ließ. Und warum sollte er? Dieser blöde Öko konnte ja doch nur die Klappe aufreißen und das auch nur aus sicherer Entfernung. Niemals hätte er den Schneid sich ernsthaft mit Nico anzulegen.
„Aber du stalkst mich.“
„Und? Ich stalke jeden. Macht das nicht jeder? Dass du deine Profile ganz schön aufgeräumt hast, ist keine Lüge“, rechtfertigte er sich und genoss die einsetzende Stille, als es diesem paranoiden Blödmann die Sprache verschlug. Er glaubte ihn leise schnaufen zu hören.
„Meine Profile und was ich damit mache gehen dich gar nichts an“, zischte er schließlich.
„Alles im Internet geht mich etwas an. Wenn dich das stört, lösch dich.“
„Schnüffel nicht in meinen Angelegenheiten oder ich lösch dich!“
Ehe Nico reagieren konnte, brach die Verbindung ab und das Gespräch war mit diesen ausgesprochen hässlichen Worten beendet. Er hatte gar nicht sagen wollen lösch dich; er hatte sagen wollen, er sollte seinen Kram löschen, hatte aber im Eifer des Gefechts doch die falschen Worte benutzt, wohingegen er nicht den geringsten Zweifel daran hatte, dass Patrice seine Worte mit voller Absicht gewählt hatte. In dem Moment hatte er so hasserfüllt geklungen...dass Nico sich Gedanken machte, ob Patrice vielleicht so sensibel war, dass er ihm tatsächlich zu sehr auf die Füße getreten war.

Die Hände in den Taschen seiner Jacke geschoben und Musik im Ohr wartete er am nächsten Morgen vor der Schule auf Anna. Wahrscheinlich war es noch nie vorgekommen, dass er vor ihr da war, aber ausnahmsweise hatte er sich extra früh auf den Weg gemacht, um sie abzufangen. Erleichtert stellte er fest, dass sie mit den anderen mit dem Bus ankam, statt wie kurzzeitig befürchtet mit dem Fahrrad und in Patrices Begleitung. Sie plapperte ganz unbeschwert mit Lena und die Freunde drohten ihn schon zu übersehen, weil sie noch gar nicht mit ihm rechneten, bis Nico sich ihnen winkend in den Weg stellte.
„Nanu? Morgen, Nico“, grüßte Lena ihn als erstes. Angelo tat es ihr gleich und wollte zudem wissen was er so früh schon in der Schule machte, während Anna ihn nur mit finsterer Miene zur Kenntnis nahm.
„Morgen, Leute. Anna, kann ich kurz mit dir reden?“
Sie wirkte alles andere als begeistert und schien kurz mit sich zu ringen, trat aber schließlich mit einem genervten Seufzen an seine Seite und folgte ihm, als er sie ein paar Schritte vom Tor wegführte. „Also, was willst du?“, fragte sie lustlos, nachdem sie ihm den Kopfhörer aus dem Ohr gezogen hatte, den er, sich räuspernd, in seinem Kragen verschwinden ließ.
„Es geht um Patrice“, begann er und schon machte Anna Anstalten wieder umzukehren. „Nein, warte!“ Er hielt sie am Handgelenk fest und zog sie sanft zurück.
„Ich kann es nicht mehr hören, Nico!“, erklärte Anna erschöpft. „Ich hab begriffen, dass du ihn nicht leiden kannst, aber das ändert nichts an meinen Gefühlen für ihn! Denn im Gegensatz zu dir hab ich kein Problem mit ihm. Und nichts was du sagst, kann daran etwas andern.“
„Aber der Typ hat mich belästigt!“, stoppte Nico ihren Redeschwall verzweifelt.
Anna entzog sich seinem Griff und verschränkte mit skeptisch gehobenen Brauen die Arme vor der Brust. „Belästigt?“, wiederholte sie ungläubig.
„Er hat mich gestern mitten in der Nacht angerufen!“
„Warum sollte Patrice dich anrufen? Er hat nicht mal deine Nummer.“
„Na, von irgendwoher hat er sie, denn ich hab definitiv gestern mit ihm gesprochen!“
„Ach ja, und was wollte er?“
„Er wollte, dass ich dich nicht runterziehe und dass ich mich nicht in seine Angelegenheiten einmischen soll“, gab Nico ebenso patzig wider. „Und er klang nicht gerade freundlich.“
Anna sah ihm unbeirrt und abwartend in die Augen; ihre Miene regte sich nicht, doch noch bevor sie den Mund aufmachte wusste er, dass sie ihm kein Wort glaubte. Natürlich nicht. „Das ist doch lächerlich“, schüttelte sie den Kopf.
„Ich denk mir das nicht aus!“, erklärte er voller Inbrunst, stieß jedoch auf taube Ohren.
„Hör auf! Wen willst du mit diesem Unsinn beeindrucken? Patrice hätte jedes Recht dich aufzufordern ihn in Ruhe zu lassen, aber es ist ihm egal was du von ihm hältst und denkst! Mir übrigens auch! Also hör auf dir so eine Mühe zu geben ihn schlecht zu machen, es funktioniert nicht! Es ist nicht Patrices Schuld, dass du jetzt verletzt bist“, fügte sie noch leiser und fast bedauernd hinzu. Und auch wenn ihm die Wahrheit nicht schmeckte, wusste er insgeheim, dass sie recht hatte. Das machte ihm Patrice trotzdem nicht sympathischer und es änderte vor allem nichts daran, dass eben dieser ihn wirklich mitten in der Nacht angerufen hatte, um ihm zu drohen!
„Hör zu, Anna, ich...“, wollte er seine Gedanken irgendwie in versöhnlichen Worten verpacken, als ausgerechnet Patrice auftauchte. Er hatte sein Fahrrad gebremst, sobald er die beiden erkannt hatte und verschloss es nun unmittelbar hinter Anna, die sich, ihrer gerade noch schlechten Laune zum Trotz, freudestrahlend zu ihm umgedreht hatte und ihn mit einer Umarmung begrüßte. Während sie sich an ihn drückte, ließ Patrice Nico nicht eine Sekunde aus den Augen und aus seinem Blick sprach pure Kälte. Erst als Anna sich wieder von ihm löste und wieder als intakte Barriere zwischen ihnen fungierte hellte sich seine Miene wieder auf und er sah fragend zwischen den beiden Streitenden hin und her.
„Was ist denn los?“, fragte er so unschuldig, dass selbst Nico ihm dieses Spielchen fast abgekauft und an eine Verwechslung geglaubt hätte. Nicht jedoch nach diesem tödlichen Blick.
„Nichts weiter“, winkte Anna ab. „Nico und ich haben nur gerade etwas besprochen, aber wir sind hier fertig.“
„Eigentlich“, widersprach Nico mit fester Stimme und Anna biss sich ungeduldig auf die Unterlippe. „...sind wir noch nicht fertig. Aber es betrifft dich auch, also leiste uns doch ruhig etwas Gesellschaft“, wandte er sich mit einem hämischen Lächeln an Patrice, der verwundert und ach so ahnungslos die Brauen hob.
„Wenn ich helfen kann...“
„Hör schon auf!“, fuhr Nico ihn an und das blöde Lachen blieb Patrice im Hals stecken.
„Nico!“, wollte Anna ihn für seine Unhöflichkeit zurechtweisen, doch er ignorierte sie.
„Jetzt tu nicht so als ob alles in Ordnung wäre, Patrice!“, spie er seinen Namen aus wie einen Fluch. „Du hast mich gestern Nacht angerufen und mir gedroht, dass ich dich und Anna in Ruhe lassen soll! Dachtest du, ich erzähl ihr das nicht?“
Patrice sah hilflos zwischen ihm und Anna hin und her, vor der er die Schultern zuckte. „Ich weiß nicht wovon du redest, Nico, ich hab dich nicht angerufen“, erklärte er vollkommen ruhig und sah ihn dabei entschuldigend an. „Ich hab nicht einmal deine Nummer.“
Noch mehr als seine Verleumdung regte Nico auf, dass er auch noch die gleichen beschissenen Argumente anführte wie Anna. „Du hast mich angerufen, jetzt verarsch mich nicht!“
„Nico, es reicht jetzt!“ Abermals wurde Anna ignoriert.
„Hältst du mich für völlig verblödet?! Ich hab doch deine Stimme erkannt! Und wen sonst sollte es interessieren, wie ich Anna behandle?!“
Patrice hatte beschwichtigend die Hände gehoben. „Davon weiß ich wirklich nichts, Nico“, beteuerte er bedauernd und seine Heuchelei brachte Nico fast zum Platzen. Vor allem weil Anna ihm bedingungslos glaubte und Nicos Geschichte nicht einmal hinterfragte. „Ich hab dich ganz sicher nicht angerufen; ich hab gestern überhaupt niemanden mehr angerufen. Du kannst es auf meinem Handy checken“, bot er ganz selbstlos an, hatte das Gerät schon aus seiner Hosentasche gezogen und hielt es Nico bereitwillig hin. Ehe der sich allerdings dazu entschließen konnte das Angebot anzunehmen, zog Anna Patrices Arm wieder zurück.
„Patrice muss hier überhaupt nichts beweisen!“
„Ich hab nichts zu verbergen“, meinte Patrice kleinlaut.
„Lügner!“, schimpfte Nico.
„Es reicht jetzt, verdammt nochmal!“, rief Anna so laut, dass einige ihrer Mitschüler, die sie passierten, sich neugierig und tuschelnd zu ihnen umdrehten. Schnaufend, die Hände in die Hüften gestemmt, wandte sie sich an Patrice. „Hast du Nico letzte Nacht angerufen?“
„Nein“, kam es wie aus der Pistole geschossen und Nico blieb keine Zeit zu protestieren.
„Dann hör auf das zu behaupten, Nico!“
„Wieso sollte ich mir das denn ausdenken?!“
„Das wissen wir beide“, entgegnete Anna kalt. „Aus dem selben Grund, aus dem du Sonnenblumen googlest. Komm, Patrice, gehen wir.“
Sie bedachte Nico mit einem letzten, vernichtenden Blick, griff demonstrativ nach Patrices Hand und zerrte ihn mit sich zum Schultor. Nico erwartete, dass er sich noch einmal zu ihm umdrehen würde; ihm mit einem triumphierenden Blick verspotten würde, doch das tat er nicht, war stattdessen ganz in ein Gespräch mit Anna vertieft, die sich vermutlich noch tierisch über Nicos unmögliches Verhalten aufregte. Beinahe war Nico versucht zu glauben, dass er dieses seltsame Telefonat doch nur geträumt hatte, aber er wusste es besser. Egal wie glaubhaft Patrice seine Unschuld beteuerte und Nico sogar sein Handy in die Hand geben wollte um eben diese zu beweisen und ganz egal wie verklärt Anna ihn durch ihre rosarote Brille sah, irgendetwas stimmte mit diesem Typen ganz und gar nicht.
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