Mehr als eine Patin

von Caligula
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16
Anna Nico Faude Patrice
04.05.2019
23.08.2019
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03 ~ Wolke Sieben

Es überraschte Anna, als sie Nico keine Woche nach ihrem Streit, der angeblich keiner war, schon wieder auf der Ranch sah. In der Schule ging er ihr noch immer konsequent aus dem Weg und konnte kein Geheimnis daraus machen, dass er nach wie vor gekränkt war, weshalb Anna vermutet hätte, er würde bis auf weiteres Abstand halten. Aber als er an diesem Nachmittag seinen Roller neben der Hütte abstellte und Angelo fröhlich grüßte, war es fast wie immer. Ein typisches Wochenende mit einem typischen Ausritt.

Er war zwar zurück, ließ Anna jedoch deutlich spüren, dass er sauer war, indem er es vermied sie anzusehen und kein Wort an sie richtete. Lena und Angelo beobachteten sie aufmerksam und zunächst schien es als würden sie gar keinen Versuch unternehmen wollen zwischen den beiden zu schlichten, bis sie auf dem Rückweg ihres Ausrittes plötzlich zwecks eines spontanen Wettreitens beide voran preschten und Anna ziemlich hilflos mit Nico zurückließen. Beide tauschten einen unsicheren Blick, den sie hastig wieder abwandten. Anna wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Einerseits wollte sie Nico vorwerfen, dass er sich unmöglich benahm, doch wusste sie genau, dass das nicht zu einer Versöhnung führen würde, die sie eigentlich herbeisehnte. Sie wollte nicht mit Nico streiten; sie wollte sich mit ihm vertragen. Vielleicht wollte sie sich sogar etwas zu gut mit ihm vertragen, aber sie hatte sich gegen ihn entschieden und sie stand zu ihrer Entscheidung. Er hatte seine Chance gehabt; er hatte reichlich Chancen gehabt! Und ohne es zu merken, hatte sie sich doch wieder in ihre Wut und Enttäuschung hineingesteigert und ehe sie es verhindern konnte brachen ihre Emotionen, wider besseren Wissens, aus ihr heraus.
„Wirst du je wieder mit mir reden?“, fragte sie gereizter als beabsichtigt. So gereizt wie Nicos Blick, als er sich doch wieder zu ihr umdrehte.
„Ich rede mit dir. Ich hab nur nichts zu sagen“, gab er patzig zurück.
„Natürlich“, stieß sie sarkastisch aus. „Ausgerechnet du hast mal nichts zu sagen; das wäre ja mal was ganz Neues.“
„Was soll das denn bitte heißen?“, wollte er beleidigt wissen und bekam eine ehrliche, schonungslose Antwort darauf.
„Dass du sonst die Klappe nicht halten kannst.“
„Oh verzeih, mir war nicht bewusst, dass ich dir so unsäglich auf die Nerven gehe! Da ist Patrice zum Glück ganz anders. Sagt bestimmt nur was du hören willst.“
„Natürlich nicht!“, fauchte Anna. Nun war sie wirklich gereizt, weil er mal wieder Patrice ins Spiel brachte statt einfach einzusehen, dass er ganz alleine für seine Misere verantwortlich war. „Weißt du, Nico, deine Eifersucht geht mir so was von auf die Nerven!“
„Meine Eifersucht?!“
„Jetzt tu doch nicht so! Worüber streiten wir hier denn bitte?! Dir gefällt nicht, dass Patrice jetzt mein Freund ist!“
„Weil ich ihn nicht leiden kann!“
„Weil er mein Freund ist!“, wiederholte sie eindringlich.
„Ich konnte ihn schon vorher nicht leiden!“, widersprach Nico nicht unbedingt überzeugend.
„Ach und wieso? Patrice hat dir nie etwas getan. Es sei denn, du siehst seine Beliebtheit bei den Mädchen als persönlichen Angriff auf dich an“, konnte sie es sich nicht verkneifen zu sticheln und seiner wütenden Miene nach zu urteilen hatte sie genau ins Schwarze getroffen. Es sah dem eitlen Pfau zugegebenermaßen auch ähnlich. „Tja, Eilmeldung: Du bist nicht der Einzige, dem die Mädchen zu Füßen liegen und im Gegensatz zu dir ist Patrice Manns genug sich für eine zu entscheiden, statt sich alle warm zu halten!“
„Toll, dann werd halt glücklich mit deinem wundervollen Patrice!“, spie Nico und stieß die Hacken in Karamells Seiten. „Los, Karamell!“ Doch wie so oft verweigerte die Stute den Befehl und sah nur neugierig in der Gegend herum, während Nico mit ruckartigen Bewegungen und verzweifelten Beschwörungen vergeblich versuchte sein Pferd zur Eile anzutreiben, bis er schließlich resigniert aufgab.
Schnaubend gab Anna ihrer Josephine ein kurzes Kommando und augenblicklich zog die Stute das Tempo an und verfiel in einen leichten Galopp.

Als sie auf der Ranch ankam, wurde sie bereits von den anderen erwartet, die schon dabei waren ihre Pferde zu striegeln und sie wurde neugierig gemustert. Ihre finstere Miene tat nach ihrer einsamen Rückkehr wohl aber ihr Übriges und gab Lena und Angelo zu verstehen, dass ihr nett gemeinter Versuch, ein klärendes Gespräch zwischen Anna und Nico zu ermöglichen, nicht den erwünschten Erfolg gehabt hatte. Anna machte sich auch gar nicht die Mühe ihnen von ihrer kleinen Auseinandersetzung zu berichten. Immer noch sauer und geladen beeilte sie sich Josephine von ihrem Sattel zu befreien und zu striegeln und schwang sich dann so schnell wie möglich auf ihr Fahrrad, um Nico nicht weiter ertragen zu müssen. Der erreichte die Ranch in dem Moment, als Anna diese verließ und beide sahen in verschiedene Richtungen.

Das Tolle an Patrice war, dass sie sich wirklich zu hundert Prozent auf ihn verlassen konnte. Kaum dass sie ihm geschrieben hatte, um ihn zu fragen ob er Zeit hatte, kam prompt eine Antwort, als hätte er nur auf sie gewartet – und ob er die Zeit nun gehabt hatte oder nicht, er nahm sie sich für sie.
Als sie an der Eisdiele ankam, an der sie sich verabredet hatten, sah Anna ihn bereits neben seinem Fahrrad lehnen. Zwar hatte er sein Handy in der Hand, doch warf er immer mal wieder einen suchenden Blick nach ihr aus und als er sie schließlich entdeckte, verschwand das Gerät in seiner Hosentasche und er strahlte übers ganze Gesicht. Augenblicklich war auch Annas schlechte Laune einfach verpufft und sowohl Nico als auch der Ärger mit ihm vollkommen vergessen. Seufzend schlang sie die Arme um Patrice, sog seinen Duft ein, genoss die Nähe und die starke Hand, die sie an ihn drückte.
„Was ist denn los?“, wunderte er sich schmunzelnd, als sie ihn weiter festhielt und das Gesicht an seiner Brust versteckte. „Schlechten Tag gehabt?“
„Irgendwie schon“, nuschelte sie, als sie schließlich wieder von ihm abließ. „Aber jetzt geht es mir schon viel besser!“ Er erwiderte ihr Lächeln sanft und mit jedem dieser Lächeln verliebte sie sich glatt noch einmal in ihn. Dann griff er nach ihrer Hand.
„Komm, holen wir uns ein Eis.“

Natürlich lud er sie ein; ganz der Gentleman, der er war. Selbst ihre Mutter hatte ihn so bezeichnet, nachdem sie ihn beim gemeinsamen Abendessen besser kennengelernt hatte. Und mit den Eishörnchen in der Hand, während sie die Finger ihrer freien Hände ineinander verschränkt hatten, spazierten sie an der Uferpromenade entlang und konnten beobachten, wie sich die Sonne ganz langsam dem Horizont näherte und alles in ein angenehm warmes Licht tauchte.
„Also...möchtest du darüber reden?“, brach Patrice schließlich, nach einigen Minuten des Schweigens, zaghaft die Stille.
Anna seufzte. Eigentlich wollte sie ihn nicht mit ihrem dummen Streit belästigen. Eigentlich wollte sie diesen Augenblick einfach nur genießen. „Halb so wild“, wiegelte sie ab und verschaffte sich noch ein wenig Bedenkzeit, indem sie weiter an ihrem Eis schleckte. „Es war nichts.“ Patrice betrachtete sie prüfend und schien nicht überzeugt von ihrer Antwort. Kein Wunder, dass er sich so gut mit ihrer Mutter verstand; er konnte genauso hartnäckig sein wie sie. „Du musst dir wirklich keine Sorgen machen, Patrice.“
„Es war wegen Nico, oder?“ Es klang mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage und Anna seufzte ergeben. Sie konnte und wollte ihm nichts vormachen.
„Ja. Er ist immer noch nicht besonders gut auf mich zu sprechen.“
„Hat er dich blöd angemacht?“
„Nein!“, wehrte sie hastig ab, ein wenig erschrocken über seinen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt. „Nein, wir haben nur ein wenig gestritten. Ich hab angefangen. Irgendwie. Es wird eine Weile dauern, aber das renkt sich schon wieder ein“, redete sie sich selbst gut zu.
„Okay“, gab Patrice sich geschlagen. „Aber wenn er es mit seiner Eifersucht übertreibt, sag mir Bescheid“, bat er dann. „Dann werde ich mal mit ihm reden.“
„Aw, du bist so süß!“, quietschte Anna und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Lachend zuckte er zurück. „Deine Lippen sind eiskalt! Apropos...schmeckt dein Eis?“
„So süß wie mein Freund“, erwiderte sie grinsend. „Deines auch?“
Auffordernd hielt er ihr sein Eis vor die Nase und beschämt erkannte Anna, dass er erwartete, dass sie davon probierte. Instinktiv sah sie sich nach links und rechts um, doch die wenigen Leute, die unterwegs waren, schenkten ihnen überhaupt keine Beachtung. Mit wild klopfendem Herz legte sie schließlich eine Hand an seine, die das Hörnchen hielt, und probierte das Pistazieneis, während sie hoffte, dass Patrice sich nichts Unanständiges dabei dachte.  Aber er war schließlich nicht Nico.
„Wirklich lecker“, urteilte sie hastig, um die intime Geste so schnell wie möglich in die Vergessenheit zu verbannen. Dann traf sie jedoch die beschämende Erkenntnis, dass sie ihm nun dasselbe Angebot unterbreiten musste. Oder dass er das zumindest wohl erwartete. „Willst du...auch...?“, fragte sie schüchtern und kleinlaut und wie zuvor er hielt sie ihm ihr Eis einladend hin.
Er zögerte keine Sekunde und es kostete Anna einiges an Überwindung ihr Eis aufzuessen, weil ihre Gedanken Achterbahn fuhren. Dabei konnte sie nicht einmal sagen, welcher Gedanke schwerer wog – der, dass Patrice ihr Essen angelutscht hatte, was sie bei aller Liebe trotzdem irgendwie ein ganz kleines bisschen anwiderte oder aber die Vorstellung, wie sich seine Zunge wohl an ihrer anfühlen würde, was sie nicht im Geringsten abstieß.
„Du bist so ruhig“, bemerkte er irgendwann. „Also macht dir euer Streit doch zu schaffen?“
„Da liegst du aber weit daneben!“, erwiderte sie grinsend und Patrices verblüffte Miene brachte sie zum Lachen.
„Hey, lach mich nicht aus“, schmollte er.
„Entschuldige bitte“, japste sie und brachte ihre Atmung langsam wieder unter Kontrolle. Sie schlang einen Arm um ihn und schmiegte den Kopf an seine Schulter. „Das Einzige, woran ich gerade denke, bist du und dass ich mir mit niemandem lieber den Sonnenuntergang ansehen würde“, sagte sie sanft und wie zur Bestätigung legte Patrice einen Arm um ihre Schulter und folgte ihrem Blick zum rosa Himmel.
„Der Himmel sieht wirklich wunderschön aus“, befand auch er und zog plötzlich sein Handy aus der Hosentasche, um dieses Bild ihres ersten gemeinsamen Sonnenuntergangs festzuhalten. „Lass mich auch eines von dir machen“, bat er und Anna wurde verlegen.
„Von mir...? Naja...“
„Jetzt hab dich nicht so, Anna.“
„Also gut...“ Sie versuchte sich so unbedarft wie möglich auf den malerischen Horizont zu konzentrieren, dann lächelte sie ihn an und schließlich hatte Patrice eine ganze Sammlung an Bildern, aus denen er sich die schönsten aussuchen konnte. „Oh Gott, bitte lösch das bloß!“, flehte sie beim Durchstöbern und Entdecken eines Schnappschusses, auf dem sie die Augen zugekniffen hatte.
Patrice lachte. „Ja, später. Vielleicht.“
„Nicht vielleicht!“ Sie schlug ihm spielerisch die Faust gegen die Brust. „Du musst das auf jeden Fall löschen!“ Er grinste zufrieden und ging gar nicht weiter auf ihren Protest ein. Stattdessen speicherte er ihr Lächeln im Sonnenuntergang als Hintergrundbild ab. Peinlich berührt wurde ihr bewusst, dass Nico mal ihr Hintergrundbild gewesen war, doch sie schüttelte den Gedanken entschieden ab. „Jetzt will ich aber auch eines“, stellte sie klar und zückte ebenfalls ihr Handy. Schneller als sie gucken konnte hatte Patrice es ihr aus der Hand geschnappt, drückte sie wieder fest an sich und lichtete sie gemeinsam ab. Glücklich betrachtete Anna ihr neues Hintergrundbild noch eine ganze Weile und wünschte sich, der Moment wäre so ewig wie er es für ihre Abbilder war. Der Gedanke an all die schönen und aufregenden Dinge, die sie noch mit Patrice erleben würde, blies diese Wehmut jedoch fort.
„Hierher zu ziehen ist wirklich das Beste, das mir passieren konnte“, erklärte Patrice mit einem glücklichen Lächeln, das er ihr schenkte. „Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben, Anna.“
„Geht mir genauso.“
Er hauchte ihr noch einen Kuss auf die Lippen, ehe er sie nachhause begleitete und schließlich selbst den Heimweg antrat. Und doch verfolgte er sie noch bis in ihre Träume.
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