Kimitashi

von LizK
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18
04.05.2019
16.05.2019
4
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Kazumi legte Ima den Gürtel um - jenes rot braune Band, das als einzige ihren höher gestellten Status bewies. Ein Shamburi erhielt nach dessen Zeremonie zum Shamburidesu einen Gürtel, der ihm die Stärke und Kraft des ersten Shamburi nahe bringen sollte und stets in Missionen als Beschützer zu dienen hatte. Die junge Shamburidesu erinnerte sich an den Tag als sie die Prüfung abgelegt hatte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel als die Ratsmitglieder ihr zunickten und bestätigten, dass Ima von nun an von ihren damaligen Mitschülern respektiert und als das angesehen wurde, was sie war: Eine Kriegerin.

“Dein Vater wäre sehr stolz auf dich”, ihre Mutter knotete noch die Enden zusammen, wie es sich für einen Shamburidesu gehörte und sah schließlich zu ihrer Tochter hinauf, die mit ihren Gedanken bereits ganz woanders war. Ima dachte an die heutige Prüfung, daran wie wenig Zeit blieb sich vorzubereiten. Sie hatte zusammen mit Naoki trainiert, alte Kampftechniken erneuert und ihren Kampfstil überdacht. Stets war die Braunhaarige ein Risiko eingegangen. Seit der ersten Prüfung, in der sie auf die Kampfakademie aufgenommen wurde. Jene Akademie, die über den Mauern Sentoki-Muras Muras bekannt war, da sie viele Shamburidesu herangezogen hatte. Wie stolz war sie gewesen und wie zweifelte Ima jetzt, nachdem sie bereits zuvor all ihr Können bewiesen hatte. Es schien als seien die letzten Jahre unwichtig geworden. Die Mühe, die Tränen, all das wurde von der heutigen Prüfung verdrängt und machte die vorangegangene Ehre unscheinbar. Die Braunhaarige dachte einzig an das Bevorstehende. Ihr kamen Zweifel, ob sie die höheren Shamburidesu überzeugen könnte, sie als Tagpartner zu wählen. Ohne Katsuro fiel ein weiterer Gefährte, und die Chancen sanken weiter nach unten.

“Ima”, ihre Mutter zog an beiden Enden des Gürtels und schickte die Braunhaarige zurück ins Jetzt.
Kazumi hatte Recht: Wie gerne hätte sie ihren Vater an seiner Seite gewusst. Seine sanften Worte, die Bestärkungen, die immer mit Mut verbunden waren. Nur wegen ihm war sie den Pfad gegangen, durch ihn hatte sie es soweit geschafft. Die junge Shamburidesu wollte Otousan nicht enttäuschen - ihren Wegweiser.
“Du hast Recht, Mama”, nickte Ima ernst und sah zu ihrem Gürtel herunter. Ihre Mutter lächelte sie an: “Yushio und Shigeru werden an deiner Seite stehen. Du bist also nicht alleine. Sie werden dir helfen.” Die gut gemeinten Worte Kazumis waren doch ein Stich in Imas Brust. Sie sah zur Seite.
“Mein Schwert”, flüsterte sie lediglich, dass ihre Mutter zum Kleiderschrank schritt und ein schmales langes Schwert mit rot goldenem Griff herauszog.

Vor der Schaffung des Nowokendos waren es schmale lange Schwerter, mit denen der Shamburi die Mächte der Finsternis bekämpfte. Das Schwert musste den Yamitashi gänzlich durchbohren, dass sämtliches schwarzes Blut aus ihm herausquoll. In dieses musste der Shamburi steigen, um den gesamten Yamitashi in sich aufzunehmen. Seit dem Mimasu und dem Nowokendo waren nicht nur die Kampfmethoden vereinfacht worden. Es erleichterte ebenso die Tarnung vor der anderen Welt, die nichts von all dem wusste und friedlich ihren Schlaf träumte, während die Yamitashi immer mehr Besitz von ihnen ergriffen. Das zweifarbene Schwert mit seinem rauen, fast wabenförmigen Griff blieb Teil der Gegenwart für all jene, die ihre Stärke als Shamburi beweisen wollten. Nur wer in der Lage war die Klinge eines Schwertes zu führen, durfte die Prüfung des Shamburidesu ablegen.

Ehrfürchtig berührte Ima die Klinge. Sie hatte Otousan gehört und war seit Imas letzter Prüfung an ihrer Seite.
"Es ist an der Zeit", erinnerte sie ihre Mutter an die bevorstehende Eröffnungszeremonie. Die junge Shamburidesu nickte und steckte das Schwert hinter ihrem Rücken fest.

Jede Prüfung wurde mit einer Zeremonie eröffnet. Die Shamburis versammelten sich in der Kampfarena und warteten auf die Shamburidesu, welche nach der Reihe aufgerufen wurden und die Arena betraten. Vorne, am äußeren Rand waren die Ratsmitglieder, Sentoki-Muras Elitekämpfer, sowie die Senseis der elf verbliebenen Schüler, die zum Shamburidesu aufgestiegen worden waren.
Mit einem Wink des ältesten Ratsmitglieds wurde die Zeremonie mit Trommelschlägen eröffnet. Auf das Kommando des Rhythmus' riefen die Dorfbewohner: "Wille und Ehrerbietung." Dann fuhr der Älteste fort: "Die neun Regeln des Jiudo!" Die Trommelschläge wurden bedrohlicher, "Eins: Töte niemals einen Menschen - ob Feind, ob Freund."
"Wille und Ehrerbietung", antworteten die Shamburi.
"Zwei: verrate deine Kräfte niemals der normalen Welt."
"Wille und Ehrerbietung."
"Drei", er sah hinauf zu den jungen und alten Shamburi, den Zukünftigen und den weniger Starken, "kein Shamburi ist einem anderen übergestellt."
"Wille und Ehrerbietung", riefen sie ihm zu.
"Vier: Taichis Weg ist unser Weg."
"Wille und Ehrerbietung."
"Fünf", die Trommelschläge drangen wie Impulse durch die Arena, "Nur wer seinen Kimitashi erwecken kann, nennt sich einen Shamburidesu."
"Wille und Ehrerbietung."
"Sechs: Keine Kontrolle den Kimitashis."
"Wille und Ehrerbietung."
"Sieben-"

"Shigeru", Ima tippte Angesprochenen auf die Schulter. Die angehenden Shamburidesu zweites Ranges waren hinter dem Tor versammelt, das bis zur Nennung des ersten Namens nicht geöffnet wurde. Er zeigte eines seiner seltenen Lächeln, die der Braunhaarigen ein wenig Hoffnung in der aussichtslosen Lage gaben.
"Wir schaffen das!", seine Stimme klang eisern wie je. Er zog Yushio näher zu sich heran, der Ima einen Blick der Zuversicht und Unsicherheit schenkte, dass sie ihm nur stumm zunickte. Dann legte er einen Arm um ihre Schulter, dass die anderen beiden Teammitglieder es ihm gleich taten und einen Kreis um sich entstehen ließen.
"Wir werden gemeinsam aufsteigen oder gemeinsam versagen", sprach Shigeru - der unausgesprochene Anführer. Seine Kameraden nickten ihm zu und Ima fügte aus tiefstem Herzen hinzu: "Für Sensei Nobu." Yushio lächelte: "Lass' ihn das nur nicht hören."
"Genau", stimmte Shigeru zu, "sonst fängt er womöglich noch vor Freude an zu weinen." Erinnerungen wurden wach - die gemeinsamem Jahre als Team unter der Leitung ihres Senseis, der trotz seiner Stärke und Strenge eine Schwäche für Sentimentalität besaß und seine Schüler beinahe erwürgt hatte, als er ihnen zur Shamburidesu-Ernennung gratuliert hatte. Vieles hatten sie ihm zu verdanken, aber jetzt waren sie auf sich und ihr Können angewiesen.
Stirn an Stirn drückten sie aneinander. Wie zu "alten Zeiten".

"Neun:", der Älteste schloss die Augen, "wenn die Zeit gekommen ist, wird uns der Junchi leiten."
"Wille und Ehrerbietung." Die Trommel verstummte, denn es war an der Zeit die Shamburidesu herein zu bitten. Mit ansteigendem Alter der Sensei wurden ihre Teammitglieder nacheinander aufgerufen. Sensei Kaya war der Jüngste, sein Team bestand aus drei aufgeweckten selbstbewussten Männern, von denen jeder kaltblütig und eiskalt sein konnte. Einzeln rief der Älteste den Namen und die Dorfbewohner fügten hinzu: "Wille und Ehrerbietung." Es folgte Sensei Katsumi, welcher mit Hideaki einen der stärksten Shamburidesu ihrer Generation besaß. Die Erwähnung seines Namens ließ Ima zu jenem hinüber sehen. Er hatte schulterlanges dunkelblondes Haar, seine Augen stachen Tiefenblau hervor. Die junge Shamburidesu erinnerte sich daran zu Beginn der Ausbildung für Hideaki geschwärmt zu haben, wobei dieser stets stoisch seinen Weg ging und bereits seit seinem dreizehnten Lebensjahr mit seiner Jugendliebe verbandelt war. Ebenso gebieterisch und mit deutlichem Ziel durchschritt er das offene Tor. Nun war Sensei Nobus Team an der Reihe. Imas Magen begann zu rumoren, zuerst riefen sie Shigerus Namen. "Wille und Ehrerbietung für Shigeru." "Ima. Einzige Tochter Otousans." Bei dem Namen ihres Vaters empfand sie stets Stolz und Ehrfurcht. Die Tochter eines ehemals starken Shamburidesu zu sein hatte immer Kraft und Durchhaltevermögen für Ima bedeutet, die sich immer gegen diesen großen Namen zu behaupten hatte. Das Schwert auf ihrem Rücken schien sich bis unter ihre Haut zu bohren. Sie umfasste ihren Gürtel und betrat die Arena. "Wille und Ehrerbietung für Ima", riefen die Bewohner Sentoki-Muras, welche zum Großteil ihren Blick von ihr zu den Ehrenzuschauern aufgeregt wechselten. Lediglich Umeko rief erneut ihren Namen und winkte euphorisch, dass Ima große Mühe hatte, nicht beschämt in ihre Richtung zu blicken. Zwar liebte sie ihre verrückte Freundin, doch irgendwann würde sie ihr noch eine runterhauen müssen. Die Braunhaarige sah nach vorne zu den Shamburidesu und ihrem Sensei. Ihre Augen weiteten sich - da stand er, neben Sensei Nobu an eine der Säulen der Arena gelehnt. Katsuro. Er trug dieselbe alltägliche Kleidung, darüber hatte er sich lediglich eine hellbraune Kapuzenjacke übergezogen. An seinem rechten Ohr klemmte eine frische Zigarette. Daneben verschränkte Saburo mit tiefernster Miene die Arme, immer den Blick auf Sentoki-Muras mächtigsten Shamburi gerichtet als wollte er ihn mit diesem zur Strecke bringen. Aber er war nicht der einzige: vielen sah man das Erstaunen in ihren Gesichtern an, andere wiederum kratzten sich ungläubig an die Stirn. Die Ratsmitglieder ignorierten den Überraschungsgast zunächst, während der Älteste mit dem Aufrufen fortfuhr. Schließlich, als Ima direkt vor den Senseis ihre Position einnahm, sah Katsuro in ihre Richtung. Sein ignoranter Blick wich purem Unglauben als er die junge Shamburidesu musterte, dann fing er sich wieder und setzte ein stummes Lächeln auf, von dem Ima nicht sagen konnte, was es zu bedeuten hatte. Seine Lippen bewegten sich und schienen ihrem Sensei zuzuflüstern, der kurz nickte.

"Shamburidesu", begann einer der Ratsmitglieder und verschränkte die Arme wie zum Gebet, "auch wenn ungewöhnliche Umstände uns zusammengebracht haben, so beschwören wir euch: nehmt eure Prüfung ernst. Zeigt, dass ihr einem Shamburidesu würdig seid."
"Taichis Weg ist unser Weg," erwiderte die Gruppe. "Wille und Ehrerbietung", nickte ein Ratsmitglied, ein anderer bäumte sich auf und legte die heutigen Regeln dar: "Die Prüfung wird im Team bestritten, die Bewertung jedoch erfolgt einzeln. Das Team hat zehn Minuten seine Stärke zu beweisen." 'Eher sich zu präsentieren', Ima verzog verärgert die Miene, dabei versuchte sie den Blicken Katsuros auszuweichen, der sie lauernd beobachtete.

"Dabei müssen hundert Yamitashi besiegt werden", fuhr der Älteste fort und sah jedem Prüfling streng in die Augen, "und dabei meinen wir, dass jeder von euch hundert bekämpfen wird." Ein Raunen ging durch die Arena - die Shamburidesu sahen einander an, die Shamburis tuschelten aufgeregt. Noch nie waren die Anforderungen derart hoch gewesen. Man verlangte viel von einem Shamburidesu, der große Missionen bestritt, von denen die meisten in ihrem Ausgang unbekannt waren. Doch hundert Yamitashi in so kurzer Zeit waren selbst für einen erfahrenen Shamburi eine große Herausforderung.
"Anders", erhob ein grimmiges Ratsmitglied die Stimme und rückte die Unruhe zurecht, "anders als in den vorherigen Prüfungen, wollen wir euer gesamtes Können unter Beweis gestellt bekommen. Ihr sollt also nicht nur mit euren Schwertern kämpfen. Für eure zukünftigen Tagpartner spielt es eine ebenso wichtige Rolle, in wie weit ihr eure Kimitashi kontrollieren könnt." Die Braunhaarige ballte die Hände zur Faust, unweit neben ihr Pfiff Kaito schrill und rieb sich die Hände.
"Seid stets respektvoll und zeigt, dass ihr eure Aufgabe ernst nehmt."
"Jawohl", antworteten die Prüflinge und verneigten sich.
"Welches Team beginnen mag, soll die Hand geben." Die Ratsmitglieder und Senseis sahen durch die Runde. Ima, Shigeru und Yushio sahen einander an, doch Sensei Nobu schüttelte den Kopf. Die Braunhaarige zog die linke Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts als Hideaki den Arm hoch. Währenddessen zogen sich die anderen Teams zurück und verweilten bei ihren Senseis. Nobu näherte sich seinen ehemaligen Schülern und flüsterte: Lasst den anderen den Vortritt und wartet bis zum Schluss."
"Warum?", Ima runzelte die Stirn.
"Vertrau' mir."
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