Jeder braut mal Hilfe

GeschichteSchmerz/Trost / P12
Melinda May Philipp "Phil" Coulson
02.05.2019
25.05.2019
9
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Behutsam setzte er sie auf ihrem Bett ab. „Soll ich dir einen Tee machen?“
„Nein bleib bitte einfach nur bei mir…“ Mittlerweile war es ihr vollkommen Gleichgültig, dass sie klang wie ein kleines Kind. Ihr ging es miserabel, ihr Bauch tat nach wie vor weh und der Schock des Alptraums saß ihr immer noch in den Gliedern.
Und das war nur Phil. Phil, der sie nach Bahrain aus ihrem schwarzen Loch gezogen hatte. Tagelang still an ihrer Seite ausgeharrt hatte. Sie nicht dazu gedrängt hatte, sich zu öffnen, über das Erlebte zu reden. Phil, der immer für sie da war. Der einzige Mensch, dem sie wirklich vertraute.
Der hatte unterdessen vorsichtshalber den Papierkorb vom Schreibtisch neben ihr Bett gestellt, die angefangene Wasserflasche von der Kommode geholt und hielt sie ihr jetzt auffordernd hin. Bei dem Gedanken, irgendetwas in ihrem Magen zu haben, und sei es auch nur Wasser, wurde ihr schon wieder schlecht, doch Coulson zuliebe nahm sie ein paar Schlucke, bevor sie die Flasche auf den Nachttisch stellte. Müde rutschte sie ein Stück rüber, Coulson setzte sich Kommentarlos auf die freigewordene Stelle. Ihr fielen im sitzen schon die Augen zu, doch an Schlaf war nicht zu denken, zu groß war die Angst vor den Alpträumen. Mit allem Anderen kam sie klar. Zehn stark bewaffnete Soldaten, Inhumans, sogar mit Ward hatte sie es mühelos aufgenommen, solange sie ihre Feinde bekämpfen konnte, war alles in Ordnung, doch sobald es um die Dämonen in ihrem Inneren, ihr eigenes Unterbewusstsein ging, war sie machtlos und davor hatte Melinda Angst.
„Magst du dich nicht hinlegen und versuchen noch ein bisschen zu schlafen?“ riss Phils Stimme sie aus ihren Gedanken. Panisch riss sie die Augen auf. Auf das vehemente Kopfschütteln erntete sie nur einen weiteren besorgten Blick, dann herrschte wieder betretenes Schweigen. Irgendwann rutschte Phil auf dem Bett nach hinten und lehnte sich an die Wand. Er würde einfach solange warten, bis sie sich von alleine öffnete.
„Na komm schon hinter…“ forderte er sie nach weiteren zehn Minuten, in denen sie fröstelnd auf der Bettkante gesessen hatte, auf. Erst sah sie ihn skeptisch an, dann rutschte sie doch zu ihm hinter, die Füße schob sie unter die Bettdecke und nachdem er auffordernd den Arm gehoben hatte, lehnte sie sich erschöpft gegen seine Seite. Unbewusst verkroch sie sich noch ein Bisschen mehr in der Umarmung. Genoss die Körperwärme, die von Phil ausging und die eisige Kälte, die sich in ihrem Inneren breit gemacht hatte, auf so wundersame Weise vertrieb.
„Willst du jetzt darüber reden? Du weißt, dass das helfen könnte…“ schlug Phil in die Stille der Nacht vor. Eigentlich hatte er ja recht, dass wusste May. Und so wie es momentan lief, konnte es nicht weiter gehen. Wenn sie jetzt einen Einsatz bekämen, wäre sie eher ein Risiko als eine Hilfe für das Team. Sie wusste, dass sie durch ihre minimalistische Ernährung jetzt schon etwa ein Drittel ihrer Kraft einbüßen hat müssen. Außerdem hatte ihre Konzentration in den letzten Tagen drastisch abgenommen, das konnte im Ernstfall durch eine zu spät gesehene Kugel des Feindes den Tod eines Teammitgliedes bedeuten. Dieses Risiko konnte und wollte sie nicht eingehen.
Und außerdem, es war nur Phil…
Zögerlich begann sie zu erzählen: „Seit du angeschossen worden bist, hab ich… hab ich diese Alpträume.“ Ermutigend verstärkte Phil seinen Griff um ihre Schultern „Ich seh, wie du stirbst. Du wirst von einer Klippe gestoßen, erdrosselt, vergiftet, erdolcht oder erschossen. Egal wie, am Ende bist du immer Tod. Und ich… ich kann nichts dagegen tun, ich komm zu spät oder kann dich nicht erreichen…“ Sie brach ab.
„Wie oft träumst du davon?“ fragte Phil erschüttert.
„Jede Nacht…“ gab sie zu. „Ich kann das nicht mehr… Ich kann nicht mehr…“
Verzweifelt versuchte sie sich zusammenzureißen.
„Aber es ist doch alles gut ausgegangen…“ wollte er sie beruhigen.
„Du wärst fast gestorben!!! Und was ist beim nächsten Mal???“ sie drehte sich in seien Armen um und sah ihm wütend ins Gesicht.
„Melinda, ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht sterbe, dass ist unser Berufsrisiko, aber ich pass auf mich auf, Okay?“ startete Coulson einen neuen Anlauf.
„Versuchen? Was soll ich den machen, wenn du… wenn du nicht da bist?“ ihre Stimme war gegen Ende immer leiser geworden. Auf diese Frage, wusste er auch keine Antwort. Stumm schloss er sie in seine Arme, spürte das verräterische Zittern, dass ihm zeigte, dass sie mit aller Kraft die Tränen unterdrückte.
„Jetzt grad bin ich aber da und ich lass dich nicht allein‘…“ murmelte er in ihr Haar. Dieses Versprechen raubte ihr das letzte bisschen Kontrolle über ihre Emotionen. Aufschluchzend schlang sie ihre Arme um seine Brust. Phil zerbrach es das Herz, sie so gebrochen zu sehen. Er hatte zwar gemerkt, dass ihr die Ereignisse der letzten Monate nahe gegangen waren, doch, dass es sie so mitgenommen hatte, damit hatte er nicht gerechnet. Hätte er doch nur früher schon mit ihr geredet, dann hätte er vielleicht mitbekommen, dass sie am Rande der Verzweiflung stand. Jetzt blieb ihm nur noch übrig, ihr so gut es ging zu helfen. In dem Versuch ihr zu zeigen, dass er wirklich meinte, was er sagte, zog er sie schützend noch näher an sich heran.
Schweigend saßen sie da. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, genoss aber umso mehr die Nähe des Anderen.
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