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Tonio & Julia - von zweien die auszogen um sich wiederzufinden

von whxtxvxr
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Lexi Kleinschmidt Tonio Niederegger
02.05.2019
04.09.2019
7
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02.05.2019 704
 
"Gott, wir sind noch gar nicht soweit!" seufzte sie, als sie mit ihren teigverschmierten Händen die Tür öffnete. Zunächst war sie sauer gewesen, dass ihre Mutter den attraktiven Arzt einfach so eingeladen hatte, ohne sie vorher zu fragen. Aber dann hatte sie angefangen sich auf den Abend und das gemeinsame Essen zu freuen. Und als Dr. Felix, wie sie ihn insgeheim nannte, jetzt hier so vor ihr stand, könnt sie auch gar nicht anders als zu Lächeln. Er war höflich, zuvorkommend und unglaublich gut aussehend. Dazu noch ein absoluter Gentleman. Seine Anwesenheit tat ihr wirklich gut. Eigentlich genau ihr Typ! Und trotzdem war sie unsicher gewesen, was den heutigen Abend betraf. Irgendwie fühlte es sich trotz allem falsch an, aber sie konnte sich nicht so richtig erklären, woran das lag.
Nun stand Felix jedenfalls vor ihrer Tür und ließ sich von ihrem einfachen, süßen aber nicht zu aufdringlichen Wangenküsschen nicht zufrieden stellen. Stattdessen nahm er sanft ihre Taille, schmiegte sich an sie und noch bevor sie genauer darüber nachdenken konnte, küsste er sie. Der Kuss war zaghaft, beinahe unschuldig und doch überforderte er sie. Langsam löste sie sich von Felix, ohne sich ihre Verunsicherung anmerken zu lassen. Er sollte bloß nicht merken, wie unsicher und verletzlich sich die nach außen so toughe junge Frau fühlte. Stattdessen schmunzelte Julia, als sie den Teig in seinem Bart hängen sah, der vorher noch an ihren Fingern geklebt hatte. Sie lud ihn mit einer dezenten Geste ein, ins Haus zu kommen. Auch wenn der Kuss vielleicht für ihren Geschmack etwas überstürzt war, so fühlte sie sich doch geschmeichelt. Sie beschloss, den Abend einfach auf sich zukommen zu lassen.
Doch gerade, als sie die Haustür verschließen wollte und noch einen flüchtigen Blick in die Dämmerung hinaus warf, sah sie ihn plötzlich: Tonio. Wie bestellt und nicht abgeholt stand er da mit seinem Fahrrad: schwer atmend, die Haare vom Wind zerzaust und mit weit aufgerissenen Augen. In ihnen spiegelte sich etwas, dass Julia nicht sofort erkannte, aber dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube: es war Schmerz. Tiefer, markerschütternder Schmerz.
Seit wann stand er da? War es etwa der Kuss gewesen, der ihn so augenscheinlich aus der Fassung gebracht hatte? Aber wieso? Vorsichtig machte sie einen kleinen Schritt in seine Richtung. Was machte er hier? Hatte er nicht heute Abend die Stelle in München angenommen? Wollte er sich etwa jetzt schon verabschieden?
"Tonio! Tonio!" Doch statt einer Erklärung starrte er sie nur an. Wortlos setzte er sich wieder auf sein Rad und fuhr einfach davon. Einfach so. Ohne sie noch einmal anzusehen.
Julia wusste plötzlich gar nichts mehr. War sie überrascht, dass er hier her gekommen war? Traurig, weil er bald weg sein würde? Geschmeichelt, weil er sich ausgerechnet BEI IHR verabschieden wollte? Oder gar hoffnungsvoll, dass der Kuss eines anderen Mannes ihn nicht kalt ließ? Doch sie kam gar nicht dazu, sich über eines dieser Gefühle klar zu werden, denn auf einmal brodelt etwas Neues in ihr auf, dass alles andere weit überschattete: Wut.
Was fiel ihm da eigentlich ein? Einfach so herzukommen, wo sie gerade begonnen hatte, sich auf den Abend mit Felix zu freuen. Und was zur Hölle berechtigte ihn bitte, von dem Kuss verletzte zu sein? Was ging ihn das überhaupt an? Und wie kann er es eigentlich wagen, bei ihr zu Hause aufzuschlagen, sie so aufzuwühlen und dann einfach ohne ein Wort zu verschwinden?
Plötzlich ungehalten warf Julia die Tür hinter sich zu und beschloss, dass dieser Abend Felix gehörte - NICHT Tonio. Sie würde sich ausschließlich auf ihn konzentrieren und diesen Abend genießen. Sollte der feine Herr Pfarrer sich das nächste mal eher überlegen, wenn er etwas zu sagen hatte. Diesen Fehler hatte er schließlich schon einmal gemacht. Er war damals auch nicht in der Lage gewesen zu sagen, was gesagt werden musste!
Damals waren die beiden gerade 18 gewesen, mehr Kinder als Erwachsene. Es war lange her und doch: hätte Antonio Niederegger vor 14 Jahren nicht auch einfach die Flucht ergriffen anstatt auszusprechen, was längst überfällig gewesen war, dann wären ihrer beider Leben komplett anders verlaufen. Das wussten sie mittlerweile beide. Und trotzdem wiederholten sie die Fehler der Vergangenheit anstatt endlich daraus zu lernen.
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