Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unter der Stadt

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
OC (Own Character)
01.05.2019
01.05.2019
7
7.841
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
01.05.2019 1.185
 
Jeder der Stationsverteidiger wusste, dass nicht allein die Ratten eine Gefahr waren – genauso groß, wenn nicht größer, war die Gefahr, dass sich eine brennende Lawine in die Station ergoss und ihre Bewohner mitsamt den Ratten auslöschte.
Die Männer und Frauen schwitzten unter ihren Schutzanzügen, ihre Arme wurden müde und jeden Moment konnte das Gas ausgehen, doch die verzweifelte Hoffnung, dass die Rattenflut noch einzudämmen war, hielt sie auf ihren Posten.
Und wie durch ein Wunder ebbte sie nach wenigen Minuten ab, der Tunnel war voll von Kadavern und halb toten Tieren, die mit letzter Kraft davonzukriechen versuchten.
Erleichterung machte sich breit, als die Verteidiger ihre Masken und die Flammenwerfer abnehmen konnten, nachdem sicher war, dass keine Gefahr mehr drohte. Augenblicklich wurde eine Karawane zusammengestellt, die sich auf den Weg zur Messe machen sollte, um zu sehen, ob es Überlebende gab. Ein weiterer Trupp sollte sich auf den Weg zur Station Westend machen, mit der man eine Allianz hatte, um dort ebenfalls nach dem Rechten zu sehen und eine Warnung auszusprechen.
Sollten die Kundschafter, die sich auf den Weg zur Messe machten, dort keine Überlebenden finden, sollten sie den gefährlichen Weg Richtung Hauptbahnhof gehen, um herauszufinden, woher die Ratten gekommen waren und wo sie gewütet hatten. Außerdem wäre es gar nicht schlecht, wenn es die Runde machte, dass eine der beiden Universitätsstationen die Gefahr gebannt hatte. Man respektierte ihre Verteidigung und ihre kämpferischen Fähigkeiten in den Frankfurter U-Bahnschächten viel zu wenig, vor allem, da die Station unter der Führung einer Frau stand.
Der Tod von Anna und Iris ging in diesen Entwicklungen unter, zumindest vorerst.
„Ist jemand verletzt?“, fragte die Stationsvorsteherin, als sich die gesamte Bevölkerung der Bockenheimer Warte um sie versammelt hatte. „Haben wir jemanden verloren?“
Es gab ein paar Beulen und Schürfwunden, einige Schnittverletzungen und Verbrennungen zu behandeln, doch etwas Schlimmeres war nicht geschehen. Nur der Mann von Anna und die Eltern von Iris wandten sich besorgt an die Stationsvorsteherin, die jedoch auch nicht mehr wusste als sie. Herrisch winkte sie den Kommandanten zu sich, da sie wusste, dass die beiden ihm unterstellt gewesen waren und er die Verantwortung für sie gehabt hatte.
„Tot“, sagte er knapp, ohne den Anwesenden in die Augen zu sehen. Eine bessere, umgänglichere Antwort war ihm nicht eingefallen, außerdem wusste er, dass sein Schweigen den gleichen Effekt gehabt hätte.
Dann verschwand der Kommandant in sein Zelt. Bis zu seinem Wachdienst waren es noch ein paar Stunden. Oder sollte er sich einem der Trupps anschließen, die sich zu den anderen Stationen aufmachten? Eigentlich war es seine Pflicht, doch er verspürte nur bleierne Müdigkeit, die nicht nur von seinen Gliedern, sondern auch von seinem Gehirn Besitz ergriffen hatte und ihn zu Boden drückte.
Andererseits, wenn er ginge, dann gäbe es einen guten Kämpfer weniger an der Station und es war, vor allem im Moment, wichtig, die Balance zu wahren zwischen Auszubildenden und erfahrenen Soldaten. Keiner wusste, wann der nächste Angriff einer dieser Kreaturen bevorstand und wen es dann das Leben kosten würde. Oder wann die Allianzen mit anderen Stationen auseinander brechen würden. Sie versuchten ihre Zivilisation so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, doch niemand konnte vorhersehen, wann erneut ein Krieg ausbrechen würde in den düsteren Katakomben, die sie nun schon seit zwanzig Jahren ihr Zuhause nannten.
Der Kommandant erinnerte sich daran, wie es gewesen war, als die neue Zeitrechnung begann. Wie die Sirenen geheult hatten. Wie die Stationsvorsteherin ihn gepackt und hinab in die U-Bahntunnel gezogen hatte. Wie sie ihn davon abgehalten hatte, zurück an die Oberfläche zu gehen, um seine Freundin zu suchen, obwohl sie selbst am liebsten nichts anderes getan hätte. Sie hatte sie beide vor dem Tod bewahrt. Und nun war er es ihr schuldig, dass er die Station verteidigte. Er würde bleiben.
„Hoffentlich haben diese Biester nicht die Pest übertragen“, sagte da eine Stimme vor ihm. „Zur Sicherheit habe ich jedem Trupp zwei Flammenwerfer mitgegeben. Um die Leichen zu verbrennen, wenn sie welche finden sollten.“
Der Kommandant machte sich noch nicht einmal die Mühe, seine Augen zu öffnen.
„Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“, fragte er stattdessen.
„Hey, ich will nicht an dieser Seuche krepieren – und ich werde es nicht zulassen, dass jemand von der Station daran stirbt! Davon abgesehen bist du mir wegen Anna und Iris noch eine Antwort schuldig, Kommandant!“
Sie klang zornig. Er konnte es ihr nicht verdenken, aber er verspürte keine Lust, sich ihr zu erklären. Sie nannte ihn nur Kommandant, wenn sie ihn am liebsten an die Wand stellen würde.
„Es war ein Unfall.“
„Du sagtest, der Posten sei sicher genug, um Iris dort einzuarbeiten! Du sagtest, dort sei es ungefährlich! Und jetzt haben wir nicht nur eine Auszubildende verloren, sondern auch noch eine unserer fähigsten Kämpferinnen! Wie gedenkst du, diesen Verlust wieder auszugleichen? Und wann hattest du überhaupt vor, mir zu sagen, dass es zwei Tote gegeben hat? Und jetzt erzähl mir nicht, die Ratten seien dir dazwischen gekommen! Nachdem wir die Viecher erledigt hatten, bist du abgehauen!“
Der Kommandant schwieg und hoffte, dass das Unwetter bald vorbei sein würde. Normalerweise beruhigte sich die Stationsvorsteherin immer schnell wieder, weil Streit an der Station nur zu Zerwürfnissen innerhalb der Gemeinschaft führte, die man sich eigentlich nicht leisten konnte. Vor allem nicht zwischen dem Anführer der Soldaten und der Stationsvorsteherin.
„Sag mir wenigstens, dass es dir leid tut!“, fuhr sie ihn an. „Sag mir, dass es dir nicht ganz am Arsch vorbei geht, dass du zwei Frauen in den sicheren Tod geschickt hast!“
„Warum willst du das von mir hören? Es macht doch keinen Unterschied, sie sind beide tot und vermutlich mittlerweile im Magen von irgendwelchen Mutanten. Ob es mir leid tut oder nicht, ob ich schuld bin oder nicht – wären sie es nicht gewesen, hätte es jemand anderen erwischt, bei dem du jetzt genauso reagieren würdest. Natürlich tut es mir leid, genauso wie es mir um jeden anderen fähigen Soldaten leid tun würde, aber ich kann es nun mal nicht ändern. Du etwa?“
Die Stationsvorsteherin sah einen Moment so aus, als würde sie ihn gleich mit ihrer Winchester durchlöchern wollen, doch dann seufzte sie nur müde.
„Du hast Recht“, sagte sie. „Entschuldige. Ich muss jetzt los, die Trupps kontrollieren, schauen, ob sie alles haben und dann noch schnell mein Zeug packen. Du hast während meiner Abwesenheit das stellvertretende Kommando über die Station. Nur, falls Ulf etwas passieren sollte. Eigentlich wollte ich dir das nur gesagt haben und mich verabschieden. Bis in ein paar Tagen, hoffe ich.“
Das war ihm neu.
„Soll das heißen, du gehst mit? In die überfallenen Stationen?“, fragte der Kommandant, plötzlich hellwach und setzte sich auf.
„Natürlich. Immerhin bin ich die Anführerin hier. Hast du irgendwelche Einwände, außer, dass ich eine Frau bin? Ulf ist ein fähiger Mann, er weiß, was er zu tun hat, er weiß, welche Bedeutung der Bockenheimer Warte zukommt und er weiß, was ihm blüht, wenn er gegen unsere Prinzipien und meine Anweisungen verstößt. Oder hast du jemand anderen im Sinn?“
Der Kommandant wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
„Ich gehe mit.“
Hatte er das wirklich gesagt? Anscheinend, denn die Stationsvorsteherin schaute ihn erstaunt und ein wenig verärgert an.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast