Unter der Stadt

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
OC (Own Character)
01.05.2019
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„Hast du das gehört?", fragte Iris alarmiert und brachte ihr Gewehr in Position. „Eine Ratte, Iris", erwiderte Anna gelassen. „Ganz ruhig."
Dennoch starrte sie jetzt noch ein wenig intensiver in die Dunkelheit. Man konnte schließlich nie wissen...
Der Angriff kam von rechts.
Anna hatte keine Möglichkeit, auf das Ungetüm zu feuern, denn in dem Moment als es sie packte, war sie bereits tot.
Iris schoss ein paar Mal auf das Wesen, doch obwohl sie es mehrfach traf, flog es unbeeindruckt in den Tunnel zurück. Mit Anna in den Klauen.
Als die Verstärkung eintraf, lag an dem vermeintlich sicheren Kontrollpunkt nur noch ein lebloser Körper. Iris war von mehreren Blutstropfen getroffen worden, die ein giftiges Sekret enthielten, was es dem Wesen ermöglichte, selbst bei Verletzung noch erfolgreich Beute zu machen.
Es gab nichts mehr, was sie tun konnten. Hätte man die Leiche mitgenommen, um sie zu begraben, hätte man die ganze Station in Gefahr gebracht. Die Wesen witterten ihre Beute noch in einigen Kilometern Entfernung. Also bedeckten sie die Leiche lediglich mit einem Tuch – am nächsten Tag, spätestens, würde sie ohnehin verschwunden sein. Wenn die benachbarte Station dem Vieh nicht den Garaus machte, was ihnen durchaus zuzutrauen war. Zumindest wäre es ihnen allen zu wünschen.
„Wir verstärken die Mannschaft am vorigen Posten und lassen den hier unbesetzt“, entschied der Kommandant. „Machen wir, dass wir wegkommen.“
Schweigend zog der Trupp zurück zur Station. Drei der sechs Männer blieben als Verstärkung am nächsten Kontrollpunkt, der Rest kehrte in die Station zurück. Der Kommandant begab sich sofort zum Zelt der Stationsvorsteherin, um ihr Bericht zu erstatten, doch sie war nicht dort.
„Bei der Pilzernte“, gab ihr Stellvertreter auf Nachfrage Auskunft. Der Kommandant nickte nur. Er hätte es sich denken können, die Herrin der Station war lieber unter ihren Bewohnern als an deren Spitze. Sie konnten sich glücklich schätzen, jemanden wie sie zu haben. Nicht so wie an anderen Stationen.
Er fragte sich, ob er es ihr überlassen sollte, den Familien von Iris und Anna die schlechte Nachricht zu überbringen oder ob er es selbst übernehmen sollte. Immerhin waren sie ihm unterstellt gewesen, er hatte sie an den vermeintlich sicheren Kontrollpunkt versetzt.
Der Kommandant seufzte. Wären es nicht die beiden gewesen, hätte es jemand anderen getroffen. Schuldgefühle waren sinnlos, so etwas passierte eben. Hier und an anderen Stationen, ohne Ausnahme.
Er entschied sich dafür, selbst die Verantwortung zu übernehmen.
Seufzend fuhr sich der Kommandant durch das kurze braune Haar und rückte seine Brille zurecht. Es würde kein leichter Gang werden, Iris war gerade erst der Schutztruppe beigetreten und hatte sich freiwillig für den Außenposten gemeldet. Sie war gerade mal 18 Jahr alt geworden, selbst hier, unter der Stadt, fast noch ein Kind.
Er wusste, dass es auch der Stationsvorsteherin das Herz brechen würde, von ihrem Tod zu erfahren. Sie war um alle Mitglieder der Schutztruppe besorgt und wartete bei jedem Schichtwechsel am Stationseingang auf sie, um sie persönlich zu begrüßen und die folgende Gruppe zu verabschieden. Und für jeden gefallenen Mann und jede gefallene Frau schnitt sie sich eine Haarsträhne ab und errichtete ein symbolisches Grab. Im Laufe der Zeit war so ein beachtlicher Friedhof entstanden, auf dem einmal im Jahr Blumen – oder was auch immer sie jetzt sein mochten – von der Oberfläche hinterlegt wurden.
Gerade Iris hatte ihr besonders am Herzen gelegen, weil sie so jung, so unschuldig, so motiviert war. So bemüht, die Station zu beschützen. Ihre Familie.
Plötzlich schrillte die Alarmglocke. Sofort ging es auf der Station zu wie in einem Bienenstock, Männer und Frauen liefen durcheinander, manche mit Waffen in der Hand, manche ohne.
Augenblicklich war alle Nachdenklichkeit vom Kommandanten abgefallen und er stürmte in Richtung des Verbindungstunnels Messe.
Von dort waren sie noch nie angegriffen worden, die Mutanten kamen meist aus Richtung Leipzigerstraße/Westend, den höher gelegenen Stationen. Aber die Stahlschotts über der Messe waren eigentlich dicht. Außer, jemand hatte sie zerstört. Und wenn dem so war, dann…war es eigentlich egal, was sie hier taten, denn die Strahlung würde sie binnen weniger Wochen oder Monate vermutlich umbringen oder so schwach machen, dass sie sich nicht mehr würden verteidigen können.
„Erster Offizier, Zweiter Offizier, zu mir, Verteidigungslinien bilden!“, bellte er, als er zwischen die rennenden Soldaten geriet. „Bringt ein bisschen Ordnung in dieses Chaos!“
Wie auch immer es die beiden geschafft hatten, ihn über den Lärm hinweg zu hören, sie hatten seine Anweisungen verstanden und formierten ihre Abteilungen um sich, ebenso wie der Kommandant selbst, der zusätzlich noch nach der Stationsvorsteherin suchte, die jedoch nirgendwo zu entdecken war. Gleichzeitig fragte er sich, was für Kreaturen sie diesmal würden gegenübertreten müssen. Sie hatten schon viel gesehen, aber die Vorgängerstation war so gut bewaffnet, so gut gesichert, dass es ein schlimmeres Monster sein musste als alle, die sie bisher vertrieben hatten. Oder…oder jemand hatte einen Krieg begonnen. Mehrere Stationen hatten schon so manches Mal kurz davor gestanden, ihre Konflikte bewaffnet auszutragen, doch immer hatte es in letzter Minute jemanden mit diplomatischem Geschick gegeben, der die Situation entschärfen konnte. Und wer sollte sie angreifen wollen? Sie waren keine wohlhabende, keine wichtige Station, sie züchteten Schweine, Hühner und Pilze wie viele der anderen Stationen, sie hatten nur die Waffen, die sie für ihre Verteidigung brauchten und verhielten sich ihren Nachbarn gegenüber friedfertig. Wer sollte einen Grund haben, sie zu überfallen?
„In die Schutzräume!“, hallte es plötzlich über die Geräusche der trampelnden und stampfenden Füße. „In die Schutzräume! Es sind die Ratten! Holt die Flammenwerfer!“
Eine dünne Frau stürmte an ihm vor bei, in den Händen einen Schlauch, auf dem Rücken etwas, das sich bei genauem Hinsehen als Propangasbehälter entpuppte.
„Weg!“, schrie die Frau, bevor eine fauchende Flammenzunge aus dem Schlauch hervor schoss. Auch andere Menschen kamen nun mit ähnlichen Geräten angerannt, in der Hoffnung, die Seuche der Nagetiere eindämmen oder vernichten zu können. So gefährlich Tunnel ohne Ratten auch sein mochten, so gefährlich waren die Tiere selbst, wenn sie in dieser Masse auftraten. Ein brodelndes Meer von Körpern, die nur ein Ziel zu kennen schienen: Töten. Sie taten es nicht mit Absicht, schließlich waren sie Aasfresser, aber wenn sie von einer solchen Hysterie befallen waren, dann konnte nichts und niemand sie aufhalten. Eher starb man bei dem Versuch.
Außer, man war Stationsvorsteherin der Bockenheimer Warte und hatte eine Sackgasse zu verteidigen. Dann durfte man nicht sterben. Zumindest nicht, ohne vorher die Gefahr eliminiert zu haben. Das wusste sie besser als jeder andere, denn immerhin hatte sie bei ihrem Amtsantritt einen Eid abgelegt und sie dachte nicht daran, ihn zu brechen.
Das Kreischen und Quieken der Ratten drang bereits ohrenbetäubend laut durch die Tunnel, als sich die Reihe der Verteidiger endlich formiert hatte. Auch der Kommandant hatte sich hastig mit einem Flammenwerfer ausgestattet und stand nun neben der Stationsvorsteherin, die darauf wartete, den ersten kleinen grauen Körper zu sehen und ihn einzuäschern.
Sobald die ersten Ratten nur noch einen Meter entfernt waren, schrie jemand „Feuer!“ und auf einmal war der Tunnel taghell erleuchtet. Die Wände glühten orangerot auf und die Tiere lagen brennend und zuckend oder verkohlt am Boden.
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