Abschied von einer großen Liebe

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
29.04.2019
29.04.2019
1
1833
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Lieber Tristan,

dies wird der allerletzte Brief sein, den ich Dir schreibe. Nachdem die ganze Situation sich in so eine Richtung entwickelt hat und ich jetzt endgültige Klarheit habe, wäre es sinnlos, noch länger an Dir festzuhalten und mir noch Hoffnungen zu machen.
Dennoch möchte ich Dir ein letztes Mal schreiben und all meine Gedanken schenken, um auszudrücken, was diese Zeit mir bedeutet hat und mich würdig von Dir zu verabschieden. Ich möchte Dich in Frieden gehen lassen können – und deshalb widme ich Dir ein letztes Mal meine Zeit, bevor ich Dich ganz aus meinem Herzen reiße und aus meinem Leben verbanne.
Zwar kann ich immer noch nicht wirklich glauben, dass es wahr ist und bin nicht in der Lage dazu, zu verstehen, warum es so gekommen ist – und vermutlich werde ich das auch niemals können. Aber dennoch ist mir klar, dass dieses Ereignis alles verändert hat und es keinen Sinn mehr macht, noch länger an meiner Liebe festzuhalten.
Ich muss akzeptieren, dass ich mich getäuscht habe, dass meine Sehnsüchte vergeblich waren, sind und es auch immer bleiben werden. Ich muss akzeptieren, dass es nicht geht und uns beide niemals ein Weg zusammenführen wird.
Noch habe ich keine Ahnung, wie mir das gelingen soll – und es wird auch sicherlich lange dauern, bis ich diesen Schritt geschafft habe. Noch kann ich nicht begreifen, dass das, was Du mir gesagt hast, wahr ist. Noch halte ich das alles für einen bösen Traum, aus dem ich irgendwann wieder aufwachen muss.
Aber irgendwo in mir ist mir längst bewusst, dass es kein Traum ist, sondern die eiskalte Realität, die nicht einmal mehr den geringsten Anlass zur Hoffnung übrig lässt.
Was Du mir beim letzten Mal offenbart hast, ändert alles und macht das, woran ich bisher noch festgehalten habe, überflüssig und sinnlos. Und ich würde lügen, wenn ich nicht sagte, dass die beiden Bekenntnisse, die Du mir anvertraut hast, mich völlig aus der Bahn geworfen haben.
Mit allem habe ich gerechnet, auf vieles war ich eingestellt – aber dass ausgerechnet SO ETWAS dazwischenkommen würde, das reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Dass der Grund, warum es nicht geht, eine andere Frau ist, das wäre nichts Neues für mich gewesen und das hätte ich sicherlich auch leichter akzeptieren können.
Aber dass der Grund ein Mann ist, das hat sich ehrlich gesagt angefühlt wie ein Schlag ins Gesicht. Und ein Déjà-vu noch dazu.
Wenn man es genau nimmt, dann war es sogar irgendwie eines, denn vor einem Jahr – und zwar auf den Tag genau – war ich in der gleichen Situation. Es war haargenau dasselbe Datum und möglicherweise auch dieselbe Uhrzeit – und exakt genau derselbe Grund, der ein Erwidern meiner Gefühle unmöglich gemacht hat.
Dass mir das noch einmal passieren würde, darauf war ich wirklich nicht eingestellt. Noch dazu, nachdem ich, als ich von Deiner Trennung erfahren habe, für einige Zeit hoch im siebten Himmel geschwebt bin.
Aber hätte ich damals schon gewusst, dass DAS der Grund für die Trennung war, dass Du Dich in einen anderen Mann verliebt hast – vielleicht hätte ich dann schon früher mit Dir abschließen können und hätte diesen herzzerfetzenden Liebeskummer möglicherweise schon hinter mir.
Doch so sucht er mich jetzt heim, lässt mein Leben aus den Bahnen geraten und meine Gedanken völlig verrückt spielen. Immer wieder muss ich an Deine Worte denken, an Deine beiden Offenbarungen – und kann es trotzdem immer noch nicht kapieren.
Du hast erkannt, dass Du auf Männer stehst – diesen Satz von Dir zu hören hat sich fast so angefühlt, als hättest Du mir geradewegs ein Messer mitten durch mein Herz gestoßen. Dieser Satz hat nicht nur alles verändert, sondern meine Tagträume, die ich mir zuvor noch ausgemalt hatte, wie eine Seifenblase zerplatzen lassen.
Er hat den Brief, den ich Dir geschrieben habe, überflüssig und das Jahr, in dem ich nun schon vergeblich auf Dich warte, zur Zeitverschwendung werden lassen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich überhaupt nicht, was ich davon halten soll.
Dabei bin gerade ich es, die für so eine Selbsterkenntnis das meiste Verständnis aufbringen sollte. Schließlich habe ich mich selbst auch lange Zeit als lesbisch verstanden, bis ich irgendwann doch gemerkt habe, dass ich bisexuell bin.
Und genau so wird es Dir vermutlich auch ergangen sein. Vielleicht musstest Du genau wie ich einfach ausprobieren und Erfahrungen sammeln, um feststellen zu können, was Dir gefällt und was Du möchtest.
Bitte glaub mir, Tristan, ich bin die Letzte, die das nicht versteht. Im Gegenteil: Ich verstehe es aufgrund meiner eigenen Erfahrungen so gut wie kein anderer. Und nichts liegt mir ferner, als Dir daraus einen Strick zu drehen oder Dich gar dafür zu verurteilen.
Und dennoch – als Du mir dieses Geständnis gemacht hast, hätte ich Dich am allerliebsten in der Luft zerrissen. Ich wollte Dich schütteln, anschreien, ohrfeigen – und was weiß ich nicht noch alles. Dieser Schlag, den Du mir da verpasst hast, hat gesessen. Und zwar so hart, dass ich heute noch immer am Boden liege und nicht weiß, wann es mir gelingen wird, endlich wieder aufzustehen.
Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe, Dir deswegen böse zu sein – und glaub mir, das bin ich auch nicht. Ich bin schlicht und ergreifend enttäuscht – und vor allen Dingen verletzt, weil ich nun endgültig weiß, dass meine Gefühle für Dich immer ins Leere laufen werden.
Hinzu kommen auch noch Neid und Eifersucht, ganz besonders auf Deinen Freund, den ich ebenso gut kenne und mit dem ich mich bislang immer gut verstanden habe. Aber dieses Bekenntnis von Dir hat ihn von einem Moment zum nächsten zu einem Feind werden lassen, gegen den ich selbst mit den stärksten Waffen nicht ankämpfen kann.
Es tut ganz einfach weh, Tristan. Es tut so entsetzlich weh, zu wissen, dass ich so viel Zeit, Hoffnung und Gefühle in Dich gesteckt habe, aber sich das niemals auszahlen wird. Weil Du mich nie sehen kannst, wie ich Dich sehe, ganz egal, wie lange ich noch auf Dich warte.
Und genau deshalb ist mir bewusst, dass ich endgültig mit Dir abschließen muss. Ich darf Dich nicht mehr lieben, mich nicht mehr selbst quälen und in jeden Blick und jedes Lächeln von Dir Dinge hineininterpretieren, die immer unerfüllt bleiben werden.

Ich habe hoch gespielt – und dabei alles verloren. Das muss ich mir eingestehen. Und genau deshalb ist es auch das Beste, wenn ich Dich nicht wiedersehe. Zumindest nicht, solange ich mich nicht ganz von Dir befreit habe.
Jede Begegnung mit Dir würde die Wunde wieder neu aufreißen. Jedes Wort und jedes Lächeln würden mich verbrennen wie Feuer und den Schmerz in mir nie zur Ruhe kommen lassen. Und um genau das zu verhindern und mich selbst vor weiteren Verletzungen zu schützen, kann und darf ich nicht mehr zum Gruppentreffen kommen, bis ich den Boden unter meinen Füßen wiedergefunden habe. Es würde mir nur unnötig zusetzen, Dir so nah zu sein – und trotzdem zu wissen, dass Du meilenweit von mir entfernt bist.
Auch wenn ich es bedauere, weil ich die Abende in der Gruppe sehr schätze und auch viele Kontakte und Freundschaften darüber entstanden sind, die ich mit Sicherheit vermissen werde – es geht im Augenblick einfach nicht.
Ich darf nicht mehr hingehen, brauche so viel Abstand wie möglich, um die Dinge so annehmen zu können, wie sie sind und meine Gefühle komplett auszuschalten.

Ob wir uns irgendwann wiedersehen, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann in der Lage bin, damit umzugehen. Ich weiß nicht, ob mein Herz je aufhören wird, um Dich zu weinen und Dich zu vermissen.
Vielleicht schaffe ich es eines Tages, Dich als guten Freund zu sehen und normal mit Dir umzugehen. Vielleicht kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem Dein Lächeln nicht mehr wehtut und ich es einfach erwidern kann, ohne mich dabei verstellen zu müssen. Vielleicht können wir irgendwann zusammensitzen und ganz entspannt miteinander reden, ohne dass ich dabei innerlich tausend Tode sterbe vor Sehnsucht. Und vielleicht vergesse ich irgendwann auch, dass Du der erste Mann bist, dem ich je so nah war.
Ich weiß es nicht, Tristan. Ich kann es Dir nicht versprechen. Ich weiß nicht, wie mein Leben nach Dir aussieht, wer meine Tage und Nächte mit Hoffnung ausfüllen soll, wenn es Dich nicht mehr gibt.
Ich weiß nicht, wer meine Fantasie beflügeln und meine Träume begleiten wird, wenn Du aus meinem Leben verschwunden bist.
Ich weiß nur, dass ich Dich loslassen muss, dass die Zeit gekommen ist, Dich hinter mir zu lassen und meinen Weg ohne Dich weiterzugehen. Ob ich stark genug bin, das zu schaffen, kann ich nicht sagen – aber ich muss es trotzdem versuchen.

Ich weiß aber jetzt schon, dass es wehtun wird und ich noch lange Zeit dafür brauchen werde. Denn auch wenn es von Anfang an nur einseitig gewesen ist – das mit Dir, Tristan, war ist und bleibt die große Liebe.
So lange wie Du hat mich noch keiner beschäftigt, so tief und ehrlich habe ich noch nie empfunden. Und so nah wie Dir war ich bisher auch noch niemandem. Deshalb ist mir bereits jetzt klar, dass es nicht einfach wird.
Das habe ich heute gemerkt, als ich im Zuge eines selbst erdachten Rituals alle Dinge, die mich mit Dir verbinden und an Dich erinnern, aus meinem Leben geworfen habe. Ich habe Dein Bild abgehängt, das Medaillon zerbrochen und all meine Briefe und Texte über Dich verbrannt.
Es mag sich albern anhören, aber ich wollte mich in Würde von Dir verabschieden. Ich wollte Dich in Ruhe freigeben und loslassen, mit der nötigen Zeit, mich an alles zu erinnern, was mich mit Dir verbunden hat.
Du warst der erste Mensch in meinem Leben, für den ich so tief empfunden habe. Der erste, der mich so berührt und mein Herz zum Schlagen gebracht hat. Dank Dir hatte ich so viele, wunderbare Träume, die mir immer wieder Mut gegeben haben, wenn ich am Ende war.
Und so bittersüß diese Zeit auch war, ich werde sie nie in meinem Leben vergessen. Ich werde Dich nie vergessen. Die Erinnerungen an Dich und unsere Zeit werden immer in mir weiterleben. Und auch wenn es vielleicht ein Glück nach Dir gibt – so sehr wie für Dich werde ich nie wieder für jemanden empfinden. Das weiß ich ganz sicher.

Ich bin mir sicher, dass es schön gewesen wäre mit uns beiden. Aber es soll wohl ganz einfach nicht sein. Auch wenn man sagt, dass Liebe alles aushält – irgendwann weiß selbst ich, wann man nach vorne sehen muss. Und genau deshalb ist jetzt die Zeit gekommen, Dich gehen zu lassen. Mit dem Wissen, dass es etwas ganz Besonderes war, das immer ein Teil von mir bleiben wird.
Es ist Zeit, meinen Weg ohne Dich weiterzugehen. Genau wie Du auch Deinen weitergehen wirst. Und wohin immer er Dich auch führt – ich wünsche Dir alles Glück dieser Erde. Ich wünsche Dir, dass der Himmel immer auf Deiner Seite ist und Dich begleitet.
Du hast mir gezeigt, was wahre, echte Liebe ist. Und auch wenn es von Anfang an nicht sein sollte, werde ich Dir trotzdem immer dankbar dafür sein.
Wenn Du auch aus meinem Herzen gehst – aus meinem Leben wirst Du nie ganz verschwinden. Und vielleicht gelingt es mir, irgendwann an Dich zu denken und dabei zu lächeln, weil ich mich wieder daran erinnere, was ich Dir zu verdanken habe und was für ein einzigartiger, besonderer Mensch Du bist.

Leb wohl, mein wunderschöner Engel. Ich gebe Dich frei. Pass gut auf Dich auf und bleib Dir selbst immer treu. Und vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder.

Mit Tränen im Herzen,
Deine R.
Review schreiben