Die Vorahnung

KurzgeschichteKrimi, Romanze / P16 Slash
Adam Ruzek Alvin Olinsky Antonio Dawson Henry "Hank" Voight Jay Halstead OC (Own Character)
28.04.2019
28.04.2019
1
12994
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Ich möchte im Vorraus eine Warnung aussprechen. Diese Geschichte beinhaltet schwulenfeindliche und transsexuellenfeindliche Kommentare. Ich möchte betonen, dass dies NICHT meine persönliche Meinung ist, sondern rein Plot dienlich ist. Desweiteren kommt an manchen Stellen Beschreibungen von milder Gewalt vor.
Der Kram ist an manchen Stellen vermutlich auch sehr OOC aber, mäh, egal.  :)

Ich würde mich sehr über Kritik oder Reviews freuen.
Damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

LG, eure Shadow





                                                                                        Die Vorahnung



An manchen Tagen hat man das Gefühl, dass irgendwas Schlimmes passiert. Du wachst auf und hast dieses drückende, bleierne Gefühl. Dieses Gefühl, das einen nicht loslässt, einem die ganze Zeit begleitet und einen verleitet sich Sorgen zu machen.

Genau dieses Gefühl hatte Hank Voight an diesem Morgen als er erwachte. Mit noch geschlossenen Augen tastete er nach dem warmen Körper, der neben ihm lag. Er seufzte erleichtert, als er den Herzschlag von Antonio spüren konnte. Hank öffnete die Augen und blickte zu Antonio. Dieser schlief noch immer tief und fest, sein Haar ganz zerzaust ohne das viele Haar Gel, welches sie im Zaum hielten.

Einzelne Sonnenstrahlen kämpften sich durch den Rollladen und tanzten durch den Raum. Ein Strahl landete auf Antonios linker Hand und erleuchtete dort seinen silbernen Ehering.

Wie so oft fragte sich Hank, was er richtiggemacht hatte, um sich Antonios Liebe und Vertrauen verdient zu haben. Er verstand manchmal noch immer nicht, warum sich Antonio für ihn entschieden hatte. Antonio hätte jeden anderen wählen können, dennoch hatte er Hank gewählt. Nach all den Jahren war Hank immer noch der Meinung, dass er Antonio nicht verdient hatte.

„Du denkst zu viel…“, flüsterte Antonio plötzlich.

Hank zuckte leicht zusammen und lächelte ihn an.

„Entschuldige, falls ich dich geweckt habe.“

Antonio öffnete die Augen und blickte Hank an. Er fing an du grinsen und sagte: „Dir sei noch einmal verziehen, wenn du mir… einen Kuss gibst.“

Hank lachte leise, als er sich über seinen Mann beugte. „Ich glaube, das lässt sich einrichten.“

„So? Worauf wartest du dann noch? Noch eine Einladung bekommst du nicht.“

Das ließ sich Voight nicht zweimal sagen. Er fing Antonios Lippen mit seinen ein und küsste ihn sanft. Antonio seufzte zufrieden und schlag seine Arme um Hanks Hals. Mit einer Hand fuhr er ihm durchs kurzgeschorene Haar.

Hank versuchte sich komplett auf den Kuss zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht so richtig. Er konnte einfach nicht dieses nagende Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren würde, abschütteln. Antonio, der die Anspannung von Hank spürte, unterbrach den Kuss, um ihn besorgt anzusehen.

„Was ist los? Du bist so angespannt.“

„Nichts, alles in Ordnung.“, erwiderte Hank.

„Hank, ich kann dir ansehen, dass definitiv nicht alles mit dir in Ordnung ist.“

„Es ist nichts. Eigentlich ist es total lächerlich, wahrscheinlich habe ich zu wenig geschlafen…“

Henry, nichts und wiederhole gar nichts ist lächerlich, wenn es um dich geht.“ Antonio blickte Hank an und strich mit dem Daumen über dessen Wange.

Hank setzte sich mit einem schweren Seufzer im Schneidersitz aufs Bett. Leicht frustriert fuhr er sich mit den Händen übers Gesicht, als er versuchte nach den passenden Worten zu suchen. Trotz Antonios Worten hatte er die Befürchtung ausgelacht zu werden.

„Ich…ich…“ Herr Gott nochmal Voight, reiß dich zusammen. Du bist doch sonst nicht so.

„Ich bin mit dem Gefühl aufgewacht, dass heute irgendwas Schreckliches passieren wird. Und das macht mir ehrlich gesagt große Sorgen. Ich mein, ich bin sonst nicht so abergläubisch, aber heute ist irgendwas anders. Etwas stimmt nicht…“, erzählte Hank leise, den Blick gesengt, um Antonio nicht anzusehen.

Er sah aus dem Augenwinkel wie Antonio sich aufrichtete und sich ihm gegenüber niederlies. „Hank, schau mich bitte an.“ Hank hob den Kopf, um ihn anzusehen.

Ihm stockte fast der Atem, als er Antonios Blick sah. Dessen Blick war sanft und voller Liebe. Weder Amüsiertheit noch Spott war in seinen Augen zu sehen. Er nahm Hanks Hand bevor und drückte einen Kuss auf die Knöchel.

„Deine Sorge ist absolut nicht lächerlich. Ich kann sie verstehen, dieses Gefühl hatte ich auch schon einmal und es hat mich den ganzen Tag über aufgefressen. Erst dachte ich auch, dass ich mich lächerlich verhalte, es war schließlich nur ein Gefühl, aber man wird immer eines Besseren belehrt. Es ist nicht abergläubisch von dir, dem Gefühl zu glauben. Du von allen Menschen sagst doch immer, man soll seinem Bauchgefühl vertrauen. Ich vertraue dir und deinem Gefühl und wenn das sagt, dass etwas nicht stimmt, dann stimmt auch etwas nicht. Aber egal, was heute passieren sollte, ich bin bei dir. Verstanden?“

Hank nickte. „Ja.“

„Gut. Komm her.“ Antonio breitete die Arme aus, um Hank zu umarmen. Hank ließ sich fast in Antonios Arme fallen und vergrub sein Gesicht in dessen Halsbeuge.

„Ich liebe dich.“, flüsterte Hank.

„Ich liebe dich auch.“, flüsterte Antonio zurück.

Nach einigen Minuten lösten sie die Umarmung und sahen sich an. „Wann hattest du dieses Gefühl?“, fragte Hank leise.

Antonio lächelte traurig, bevor er antwortete. „Erinnerst du dich noch als Diego vor ein paar Jahren entführt wurde? An jenen Morgen bin ich aufgewacht und hatte so ein komisches Gefühl. Ein Gefühl, als ob irgendetwas schiefgehen wird. Ein Gefühl, dass etwas passiert, was man nicht aufhalten kann. Es verfolgte mich, bis ich die Nachricht von Diegos Entführung hörte und dann…dann verschwand das Gefühl einfach.“

„Oh Toni...“

Antonio schüttelte den Kopf. „Manchmal ist es echt scheiße, wenn man recht hat.“

Hank wollte gerade etwas sagen, da klingelte auch schon sein Handy. Er sah Antonio entschuldigend an, während er den Anruf entgegennahm.

„Voight.“

„Sergeant Voight, verzeihen Sie, dass ich Sie so früh anrufe aber es wurde eine Leiche im Art Institut von Chicago gefunden.“

„Und warum rufen Sie mich an und nicht einen meiner Detectives?“

„Der Tote ist ein Cop aus dem 21. Revier.“

„Meine Unit ist unterwegs.“

„Verstanden Sergeant.“

Noch während des Telefonates war Hank aufgestanden und hatte begonnen sich anzuziehen. Mit einer Handgestik hatte er Antonio aufgefordert dasselbe zu tun und sich zu beeilen. Als er das Gespräch beendete hastete er die Treppe hinunter in den Flur, um sich dort seine Marke und Waffe zu greifen.

Antonio war wenige Sekunden später im Flur und hielt Hank am Arm fest. „Hank, Stopp! Was ist los?“ Hank blieb stehen, um einmal tief durchzuatmen und, um seine Fassung wieder in den Griff zu bekommen. Antonio musterte seinen Mann besorgt.

„Hank?“

„Ein Cop von unserem Revier wurde tot aufgefunden.“

„Scheiße. Wo? Wer?“

„Art Institut. Wer weiß ich nicht, noch nicht.“

„Dann los. Ich sag den anderen auf der Fahrt Bescheid.“

Nachdem Antonio ebenfalls seine Marke und Waffe an sich genommen hatte, stiegen er und Hank ins Auto und fuhren zum Tatort.



Die Information, die Hank bezüglich der Lage des Toten bekommen hatte, waren nicht ganz präzise gewesen. Es wäre schlimm genug gewesen, wenn die Leiche bei den Kunstausstellungen gelegen hätte, aber der eigentliche Fundort übertraf wirklich alles.

Die Leiche lag nicht im Institutsgebäude, sonders saß draußen auf der riesigen Löwenstatue vor dem Haupteingang. Er sollte zur Schau gestellt werden, dass konnte Hank schon auf den ersten Blick erkennen, als er und Antonio am Art Institut ankamen.

Auf dem Weg zur Statue kamen ihnen Adam, Jay und Kim entgegen. Alle drei wirkten nicht weniger als Hank sich fühlte.

„Morgen Boss. Morgen Antonio.“, begrüßte Adam sie beide.

„Hey Adam, Jay, Kim. Was haben wir?“, erwiderte Antonio. Er wollte nicht lange um den heißen Brei reden.

„Der Tote ist Officer Maurice Daniels. Er wurde vor weniger als zwei Stunden von einer Gruppe Jugendlicher entdeckt, die hier entlangliefen. Daniels hat mehrere Stichwunden. Es gibt keine Zeugen, aber Überwachungskameras vor dem Institut. Der Leiter wurde schon verständigt und kommt gleich, um uns die Videoaufnahmen zu geben.“, informierte Kim.

„Alles klar. Burgess, Sie übernehmen den Leiter, wenn er hier eintrifft. Halstead, Sie helfen ihr beim Sichten des Materials.“, erteilte Hank. „Ruzek, wo sind Al, Upton und Atwater?“

„Sie befragen die Jugendlichen, die die Leiche gefunden haben.“

„Okay. Ruzek, ich will, dass Sie alles über Officer Daniels rausbekommen, was Sie können. Auch Dinge, die nicht in der Personalakte stehen könnten. Es muss einen Grund geben, warum er ermordet wurde.“

Alle nickten und begannen ihren Aufgaben nachzugehen. Hank und Antonio begaben sich zu der Löwenstatue, um sich den Leichnam genauer anzuschauen.

Der Anblick war nur schwer zu ertragen. Maurice Daniels Körper war schwer verstümmelt. Er hatte auf Brusthöhe mehrere Einstichwunden, sowie Unterleib und Leistengegend. Selbst Hank, der schon vieles gesehen hatte, musste einmal stark schlucken, bevor er den Toten nochmals genauer betrachteten konnte.

„Das war definitiv etwas Persönliches.“, meinte Antonio, nachdem er sich bekreuzigt hatte. „Was hier passiert ist, war ja schon fast ein Overkill.“

„Da stimme ich dir zu, aber er ist nicht hier ermordet worden, dafür ist hier viel zu wenig Blut. Der Täter muss ihn hierher transportiert haben. Vermutlich in einem Auto oder Lieferwagen.“, erklärte Hank.

„Glaubst du es war eine Gelegenheitstat?“, fragte Antonio.

„Nein, ich glaube nicht. Für mich sieht es viel zu persönlich aus. Der Täter scheint auf Daniels gezielt eingestochen zu haben. Die Stiche sind nur in den drei Bereichen und nirgends sonst, soweit ich das beurteilen kann.“

„Das war geplant.“

„Definitiv.“

„Ich verstehe aber die Platzierung der Leiche nicht. An so einem öffentlichen und eigentlich gut besuchten Ort einfach so eine Leiche auf eine Statue zu setzten ist ein verdammt hohes Risiko. Und das ohne irgendwelche Zeugen.“, äußerte Antonio.

„Ich glaube er sollte bloßgestellt werden. Jeder, der vorbeiläuft, soll ihn sehen.“, sagte Hank und drehte sich um.

Hinter dem Absperrband der Polizei hatte sich schon eine beträchtliche Anzahl an Schaulustigen angesammelt, darunter auch Kamerateams. Hank schüttelte missmutig den Kopf. „Ich werde die Familie informieren, wenn es die Reporter nicht schon getan haben.“, sagte er zu Antonio.

„Soll ich mitkommen?“, fragte dieser zurück.

„Nein, bleib hier bei den anderen. Setz mit Upton, Atwater und Al in Verbindung und schau, ob sie etwas gefunden haben. Wir sehen uns dann nachher im Revier.“

„Alles klar. Bis später.“ Antonio drehte sich um und begann in die Richtung von Kevin zu laufen.

Hank sah nochmal kurz hinüber zu Officer Daniels Leichnam. Er seufzte innerlich. Hoffentlich können wir dieses Schwein finden, dachte er. Und mit diesem Gedanken ging er zurück zu seinem Auto, um zu der Adresse von Officer Daniels zu fahren.



Man kann sich nicht an das Überbringen einer Todesnachricht gewöhnen. Und wenn doch, dann sollte man schleunigst den Dienst quittieren. Denn wenn es einem nicht mehr berührt, dann ist man gefühlskalt geworden und sollte den Job eines Polizisten oder Detectives nicht mehr ausführen. Denn der wichtigste, der menschlichste Teil ist einem verloren gegangen. Das Mitgefühl. Die Empathie. Ohne diese Empfindungen kann man kein guter Polizist oder Detective sein. So empfand es zumindest Hank und er hielt seit Jahren an dieser Überzeugung eisern fest.

Er empfand es immer als persönliche Qual, wenn er Todesnachrichten überbrachte. Nicht, weil er keine Lust hatte mit den Angehörigen zu reden, sondern weil er so sehr mitfühlte. Er fühlte jedes Mal den Schmerz, den Kummer, die Zerstörung, die so eine Nachricht anrichtet. Hank selbst hatte schon mehrere von diesen Nachrichten erhalten und er wusste genau, was so eine Nachricht mit einem anrichten konnte.

Nur die wenigsten wussten, dass er eigentlich so emotional war. Fast alle kannten nur seinen Zorn und Ärger, sein Temperament, seine fast grausame Seite. Aber nur seine Familie und die Personen, die er liebte wusste, dass er eigentlich einer der sanftesten Menschen ist, die einem begegnen können. Aber bei seinem Beruf muss man sich eine harte Seite zulegen, sonst frisst er einen irgendwann auf.

Und als knallharter Sergeant kannst du dir einen wesentlich besseren Ruf aufbauen, als wenn du die ganze Zeit als zu emotional abgestempelt wirst. Auch wenn Hank einräumen musste, dass Wut- und gelegentliche Gewaltausbrüche auch unter die Kategorie zu emotional fielen. Nichtdestotrotz half ihm sein Ruf eine Menge, aber selbst er wusste, dass die ganze Affäre bezüglich seiner Korruptheit nicht eine seiner besten Lebensmomente war. Und der Kram würde ihm vermutlich noch sehr lange nachgesagt werden.

Aber all das war den trauernden Familien egal, solange sie Gewissheit hatten, dass fähige Leute dafür sorgten, dass der Tod ihrer Liebsten aufgeklärt werden würde.

Und genau deshalb befand sich Hank vor dem Haus von Officer Maurice Daniels. Er wollte diesen Fall um jeden Preis aufklären, er wollte dieser Familie Gerechtigkeit verschaffen.

Bevor er an die Tür klopfte, atmete er noch einmal tief und aus, um sich etwas mental zu wappnen. Als er an der Tür geklopft hatte, dauerte es einen Moment, bis sie geöffnet wurde.

Ihm wurde die Tür von einer großgewachsenen, braunhaarigen Frau geöffnet. Sie schien ihm mit ihrem Blick einmal von oben bis unten zu scannen. Dabei entdeckte sie seine Polizeimarke und öffnete sogleich die Tür noch ein Stück weiter. Dadurch kam ein kleines Mädchen zum Vorschein, das sich hinter dem Bein der Frau versteckte.

„Sind Sie Mrs. Daniels?“, fragte Hank vorsichtig.

„Ja, die bin ich. Warten Sie kurz.“ Mrs. Daniels schien es schon zu ahnen und ging deshalb ihn die Knie, um das Mädchen anzublicken.

„Mäuschen, geht’s du bitte auf dein Zimmer. Ich muss kurz mit dem Mann hier reden.“ Das Mädchen blickte kurz Hank und dann die Frau an, nickte dann aber und verschwand hinter der Tür ins Haus.

„Mrs. Daniels ich bin Sergeant Hank Voight von CPD. Darf ich reinkommen? Es geht um ihren Mann.“, sagte Hank und beobachtete gleichzeitig die Mimik der Frau, um einen möglichen Zusammenbruch vorherzusagen.

Mrs. Daniels atmete tief ein und nickte. Ihre Augen bekamen schon einen feuchten Glanz. „Kommen Sie herein.“

Hank wurde in ein lichtdurchflutetes Wohnzimmer geführt. In der Mitte des Raumes stand ein rechteckiger Kaffeetisch mit einer Glasplatte. Um den Tisch herum verlief eine Couch, auf der Hank und Mrs. Daniels platznahmen.

„Was ist passiert? Maurice kam gestern Abend nicht nach Hause. Ich habe versucht ihn auf seinem Handy zu erreichen, aber es ging immer nur die Mailbox dran. Und im Fernsehen haben sie erzählt, dass man heute Morgen vor dem Art Institut eine Leiche gefunden hat und es soll angeblich ein Polizist sein. Bitte Sergeant Voight, ist es mein Mann? Ist es Maurice?“ Mrs. Daniels wirkte recht gefasst, auch wenn ihr langsam die Tränen kamen.

„Es tut mir aufrichtig leid Mrs. Daniels…“ Diese wenigen Worte hatten ausgereicht, damit Mrs. Daniels in Tränen ausbrach und herzzerreißend schluchzte. Sie schlug die Hände vors Gesicht und sank in sich zusammen.

Der Anblick brach Hank das Herz.

Ohne großartig darüber nachzudenken nahm er Mrs. Daniels in seine Arme. Einige Minuten lang weinte sie in seinen Armen, bis sie sich etwas beruhigt hatte.

„Mrs. Daniels, ich weiß der Zeitpunkt ist nicht der idealste, aber ich muss Sie ein paar Dinge fragen. Wäre das in Ordnung?“, fragte Hank sanft.

Mrs. Daniels nickte, während sie sich die Tränenspuren vom Gesicht wischte. „Ich versuche, so gut es geht, Ihnen zu helfen.“

„Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern Morgen. Wir haben mit unserer Tochter, Leslie, gefrühstückt. Danach ist er aufs Revier gefahren. Maurice hat mit gegen Mittag angerufen und gemeint, dass er später nach Hause kommen würde, weil er noch etwas besorgen müsste. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

„Eine Ahnung, was er noch besorgen musste?“

„Nein, keine Ahnung. Er meinte, es sei für einen Freund, hat aber nicht gesagt welcher seiner Freunde.“

„Haben Sie eine Idee, warum Ihr Mann umgebracht wurde? Hatte er vielleicht Feinde oder hatte er Streit mit jemandem?“

„Gott Nein. Maurice ist… war einer der liebsten Menschen, die ich kenne. Jeder hat ihn geliebt. Selbst unsere miesepetrige Nachbarin hat ihn geliebt und die mag eigentlich niemanden.“

„Hat er Probleme auf der Arbeit erwähnt?“

„Also mir hat er nichts erzählt. Er redete immer nur positiv über seine Arbeit als Polizist.“ Mrs. Daniels lächelte traurig. „Er war stolz darauf im 21. Revier zu arbeiten; meinte es sei das beste Revier in ganz Chicago und, dass er nirgendwo anders arbeiten wollen würde.“

„Hat er sich vielleicht in letzter Zeit ungewöhnlich verhalten? War er sehr reizbar oder dergleichen?“

„Eigentlich das Gegenteil. Ab und zu kam er nach Hause und wirkte sehr niedergeschlagen. Ich habe ihn immer gefragt, was denn los sei aber er meinte immer es sei alles in Ordnung und, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Er hat mir immer versichert, dass es nichts mit der Arbeit zu tun hat.“

„Fällt Ihnen vielleicht sonst noch etwas ein, was helfen könnte?“

„Es tut mir leid Nein. Ich verstehe nicht, wie jemand meinem Mann umbringen kann. Er war ein herzensguter Mensch. Er hat nie etwas Schlechtes über irgendjemanden gesagt.“ Mrs. Daniels liefen wieder Tränen übers Gesicht.

„Bitte Sergeant Voight, finden Sie das Monster, das meinen Mann umgebracht hat.“, sprach Mrs. Daniels. Ihre Stimme bebte auf einmal vor Wut und Verachtung. Die galten aber nicht Hank, sondern dem Mörder ihres Mannes.

„Mami, warum bist du so sauer?“, erklang plötzlich eine junge Stimme.

Hank und Mrs. Daniels sahen auf und erblickten Leslie, die im Eingang vom Wohnzimmer stand. Hank schätze Leslie auf vier höchstens fünf Jahre. Momentan wirkte sie auf ihn eingeschüchtert. Vermutlich, weil sie nicht wusste, warum ihre Mutter sauer war und weinte und auch, weil sie Hank nicht kannte.

„Es ist alles in Ordnung Schätzchen. Komm ruhig her. Ich möchte dir jemanden vorstellen.“ Mrs. Daniels streckte die Hand nach Leslie aus, um sie sich auf den Schoß zu setzen.

„Leslie, das ist Hank. Er ist auch Polizist, genau wie Papa.“

„Hallo Leslie, schön dich kennen zu lernen.“

„Weißt du, wo mein Papa ist?“ Die Frage brach Hank noch mehr das Herz. Er konnte ihr die Wahrheit nicht sagen aber genauso wenig wollte er ihr ein Märchen auftischen.

Bevor er aber irgendetwas sagen konnte, beantwortete Mrs. Daniels die Frage ihrer Tochter. „Papa wird für eine Weile nicht nach Hause kommen. Er hat eine wichtige Aufgabe zu erledigen und braucht dafür viel Zeit.“

Leslie sah ihre Mutter einen Moment an und fragte dann plötzlich: „Ist er bei Lola?“

Mrs. Daniels wirkte verblüfft und wusste anscheinend erst nicht, was sie darauf antworten sollte. Dann fing sie sich wieder, strich Leslie eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte sie traurig an.

„Ja, das ist er mein Schatz und er wird dort gut auf sie aufpassen.“

Leslie nickte und schlang ihre Ärmchen um den Hals ihrer Mutter. Jetzt war Hank der Überzeugung, dass das Mädchen mehr verstand, als er vermutet hatte. Ihm wurde mal wieder bewusst, dass man Kinder eigentlich nie unterschätzen sollte.

„Ich sollte am besten gehen. Danke für Ihre Hilfe Mrs. Daniels. Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, dann können Sie mich anrufen. Hier ist meine Karte mit der Nummer.“ Hank stand auf und reichte Mrs. Daniels seine Visitenkarte.

Mrs. Daniels nickte zum Dank. „Vielen Dank. Ich werde Sie noch hinausbegleiten.“  Sie erhob sich und setzte ihre Tochter auf der Couch ab. „Ich bin gleich wieder da Schätzchen. Sagst du Hank noch auf Wiedersehen?“

„Auf Wiedersehen Hank.“

„Auf Wiedersehen Leslie.“

Hank wurde von Mrs. Daniels zur Haustür hinausgeleitet. Bevor er ging, dreht er sich noch einmal um. „Wenn mir die Frage gestattet ist, wer ist Lola?“ Aus ihm sprach mehr Neugier als berufliche Interesse.

„Lola war unser Hund. Sie ist vor zwei Monaten eingeschläfert worden.“, antwortete Mrs. Daniels mit trauriger Stimme.

„Das tut mir leid.“, sagte Hank und er meinte es ehrlich.

„Wir haben Leslie damals erzählt, dass Lola fortmusste, weil sie von ihren Hundefreunden dringend gebraucht wurde. Wir meinten, dass es lange dauern würde, weil sie dort eine wichtige Aufgabe zu erledigen hätte und…“ Mrs. Daniels brach die Stimme weg, als wieder zu weinen begann.

Sie schüttelte den Kopf. „Finden Sie denn Mörder meines Mannes, bitte.“

„Ich verspreche es. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um ihn zu finden.“

„Danke, Sergeant Voight.“

Hank nickte nur.

Mit großer Entschlossenheit diesen Fall zu lösen, begab sich Hank zu seinem Wagen, um zurück zum Revier zu fahren.

Er hoffte inständig, dass seine Detectives etwas über den Mord herausgefunden hatten.

Im 21. Revier herrschte eine beklemmende Stimmung. Man konnte die Anspannung, die von allen Personen ausging, mit einem Messer zerschneiden. Es war nicht totenstill, aber es kam dem schon nahe. Es wurde im Eingangsbereich kaum gesprochen und wenn, dann nur im leisesten Flüsterton.

Die Nachricht von Officer Daniels Tod musste wohl von allen erst einmal verdaut werden.

Als Hank eintrat, wurde er sogleich von Sergeant Platt abgefangen.

„Hank, kommen Sie mal her.“ Hank lief zu Platt und blieb vor ihr stehen.

„Was gibt es Trudy?“

„Bei Ihnen oben ist der Commander. Nur als Vorwarnung.“

„Danke Trudy.“

„Gerne. Sagen Sie Bescheid, falls die Unit irgendetwas benötigt.“

„Mach ich.“

Hank stöhnte innerlich. Der Commander hatte ihm gerade noch gefehlt. Der Mann wollte ihm vermutlich nur androhen, dass er diesen Fall in Rekordgeschwindigkeit lösen sollte. Als ob das jemals so einfach gewesen wäre. Hank konnte den Commander nicht leiden, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der Mann war ein Arschloch, wie er im Buche stand.  

Der Commander hatte einige lästige Eigenschaften und dazu zählte auch eine fast schon aggressive Einstellung gegenüber allem, was nicht heteronormativ ist. Dies wurde Hank bei ihrem allerersten Treffen anschaulich dargelegt.

Hank traf den Mann zum ersten Mal auf einer Polizeigala, auf der er zusammen mit Antonio war. Der Commander machte den halben Abend über so verletzende Anmerkungen gegenüber Hanks Person, dass Antonio drauf und dran gewesen war, denn Mann mit einer Sektphiole zu erstecken. Für Hank wäre das jedenfalls eine willkommene Abwechslung zum Abend gewesen.

Nichtsdestotrotz musste er mit diesem Mann halbwegs kooperieren, ob er wollte oder nicht. Hank hoffte nur inständig, dass es schnell gehen würde.

Als Hank im Obergeschoss ankam, bot sich im ein interessantes Bild. Alle seine Detectives saßen zu zwei jeweils an einem Tisch, flüsterten miteinander und starrten auf sein Büro.

Von der Treppe aus konnte er erkennen, dass Antonio in seinem Bürostuhl saß und jemanden mit seinem Blick durchbohrte. Der Jemand war in dem Fall der Commander, der vor Antonio auf einem Stuhl saß.

„Was ist hier los?“, fragte Hank Jay im Flüsterton, weil er ihm am nächsten war.

Jay, der seinen Boss bereits bemerkt hatte, flüsterte zurück: „Der Commander kam vor gut einer Viertelstunde hier hereingeschneit und verlangte mit Ihnen zu sprechen. Daraufhin meinte Antonio, dass er warten müsse, weil Sie gerade unterwegs seien. Das fand der Commander nicht toll und hat Antonio praktisch ins Büro gezerrt und die Tür zugemacht. Dann wurde es kurz laut und dann ganz plötzlich wurde der Commander sehr still. Wir haben keine Ahnung, was passiert ist, aber egal was Antonio gemacht hat, es hat funktioniert.“

Hank runzelte die Stirn. Nun, das war ja mal wirklich interessant, was Halstead da erzählte. Er würde sich allerdings er später einen Reim darauf machen können. Erst musste er dafür sorgen, dass der Commander so schnell wie möglich dieses Gebäude wieder verlässt.

Also schritt er auf sein Büro zu und setzte sein bestes emotionsloses Gesicht auf. Als er die Bürotür öffnete, konnte er Antonios Gereiztheit und Wut förmlich spüren, was absolut nichts Gutes verhieß.

„Commander Perry.“, sprach Hank, um die Anwesenheit des Commanders war zunehmen. Er blieb unmittelbar neben Perry stehen.

„Sergeant Voight.“, erwiderte der Commander und nickte. Der Commander gab ihm nicht die Hand und Hank war sehr froh darüber. Da Antonio auf seinem Stuhl saß, lehnte sich Hank an den Schreibtisch.

„Was können wir für Sie tun, Commander?“, fragte Hank so höflich wie möglich. Er ignorierte dabei bewusst die Anspannung im Raum.

„Ich muss mit Ihnen alleine sprechen.“, antwortete der Commander zwanghaft neutral.

„Alles, was Sie mir sagen, können Sie auch Detective Dawson sagen.“

„Dieses Gespräch ist vertraulich und nur für den Leiter dieser Unit-.“

„Detective Dawson ist ebenfalls der Leiter dieser Unit. Er ist der Co-Leiter und gleichzeitig auch meine Vertretung für den Fall, wenn ich verhindert bin.“, erwiderte Hank scharf.

„Außerdem ist er mein Partner. Damit hat er jedes Recht hier zu sein.“, schob er hinterher, um dem Commander seinen Standpunkt mehr als klar zu machen.

Der Gesichtsausdruck von Commander Perry wechselte zwischen Wut und Abscheu rapide hin und her. „Von mir aus. Wenn’s denn sein muss.“, presste er am Ende mit zusammen gebissenen Zähnen hervor.

„Sie werden auf Ihre alten Tage sentimental Voight. Vorsicht man könnte noch meinen Sie hätten tatsächlich ein Herz, das Gefühle zulässt.“

Hank blieb unbeeindruckt. Antonio dagegen schnaubte nur verächtlich. „Was wollen Sie hier Commander?“ Was ist so wichtig, dass man es nicht am Telefon regeln könnte?“, fragte Antonio diesmal.

Der Commander funkelte Antonio kurz an, fing sich dann aber wieder. „Der Mordfall, den Sie gerade bearbeiten; der ermordete Polizist. Die Leitstelle will, dass der Fall so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Der Fall hat oberste Priorität. Ihnen werden umfangreiche Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, falls Sie diese benötigen. Zudem wollen wir, dass Sie den Fall vertraulich behandeln. Wir wollen nicht, dass die Presse einen riesen Wirbel um einen Polizistenmord macht und anfängt falsche Informationen zu verteilen. Das könnte der ganzen Sache schaden.“

„Bei allem Respekt Commander. Das hätten wir uns auch schon selber denken können.“, meinte Hank.

„Ich bin hergekommen, um Ihnen die Wichtigkeit der Lösung dieses Falles klarzumachen.“, erwiderte Perry schnippisch.

Ha, als ob Hank es nicht geahnt hätte.

„Können wir Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein?“, fragte Antonio leicht genervt. Ihm schien das ganze Gespräch auf den Nerven zu gehen. Hank konnte Antonio nur zustimmen.

„Nichts weiter.“ Und damit stand der Commander auf und öffnete die Tür. Bevor er das Büro verließ drehte er sich noch einmal zu Hank und Antonio um.

„Sergeant Voight. Detective Dawson. Vermasseln Sie den Fall nicht.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und begann die Treppe hinunter zu laufen.

Die anderen machten sich nicht die Mühe so zu tun, als hätten sie nicht versucht mitzuhören. Sie allesamt konnten den Commander nicht ausstehen und machten daraus auch kein großes Geheimnis.

„Wir sollten vielleicht wetten, wer den Commander als erstes irgendwann aus dem Fenster wirft oder erschießt. Oder etwas Ähnliches.“, meinte Adam nachdem der Commander verschwunden war.

„Auf wen würdest zu setzten Voight oder Antonio?“, fragte Jay amüsiert.

„Oh ich setz auf Voight. Definitiv. Antonio würde ihn vermutlich grün und blau boxen.“, antwortete Adam.

„Also ich sehe es anders. Ich denke Antonio würde ihm als erstes eine Kugel verpassen, wenn er die Chance dazu hätte.“, meinte Hailey, die diese Diskussion sehr erheiternd fand.

„Wirklich? Ich glaube, dass die beiden ihn einfach fertigmachen, ist er einfach abhaut.“, meldete sich Kim zu Wort.

„Komm Al, du kennst den Boss am längsten, was glaubst du?“, wollte Adam wissen.

„Oh ich halt mich hier raus.“, sagte Alvin.

„Ach komm schon. Sei kein Spielverderber.“, erwiderte Adam.

Al seufzte. „Na schön. Ich glaube, wenn der Commander anfängt Antonio zu beleidigen oder in irgendeiner Weise zu bedrohen, dann hat sein letztes Stündlein geschlagen.“

„Da könnte durchaus etwas dran sein.“, pflichte Jay bei.

„Vorerst bringt hier niemanden irgendjemanden um. Ist das klar?“, kommentierte Antonio plötzlich.  Er und Hank hatten die ganze Zeit über in der Tür gestanden und der Diskussion belustigt zugehört. Aber so lustig es auch war sich auszumalen, wie er den Commander umbringen könnte, so erst war die Situation. Sie hatten immer noch einen Mordfall zu lösen.

Alle pflichteten ihm bei. Wenn man den Fall gelöst hatte, konnte man immer noch Witze über den Commander reißen.

„Also, was haben wir bis jetzt?“, fragte Hank, um den Fall auf den neusten Stand zu bringen.

„Die Zeugenaussagen können wir vergessen. Keiner hat etwas gesehen oder gehört. Die Gegend rund um das Institut ist recht verlassen, wenn es geschlossen ist“, berichtete Al als erster.

„Dafür haben wir aber etwas auf den Überwachungskameras des Instituts.“, ergänzte Kim. „Um kurz nach vier Uhr morgens wurde aufgezeichnet, wie eine dunkelgekleidete Gestalt in einem schwarzen Lieferwagen vor dem Gebäude hält. Die Person hatte die Leiche von Officer Daniels bei sich.“

„Nummernschilder?“

„Keine. Aber wir konnten Marke und Modell rausfinden.“, erklärte Jay.

„Gut, immerhin etwas. Ruzek, was haben Sie über Officer Daniels herausgefunden?“

Adam stand auf und lief zum großem Whiteboard, damit er ein Bild von Officer Daniels daran befestigen konnte.

„Officer Maurice Daniels, 36 Jahre alt. War seit fünf Jahren bei uns. Keine Auffälligkeiten, war Streifenpolizist. Keine einzige Beschwerde. Sergeant Platt meinte, er sei eher ruhig aber immer höflich und freundlich gewesen. Mit seinem Streifenpartner konnte ich noch nicht sprechen. Sein Partner ist ein Officer namens Ian Griffin.“, informierte Adam die Truppe.

„Seine Frau hat mir was Ähnliches erzählt. Jeder schien gern zu haben und er mochte auch jeden. Das einzige ungewöhnliche, dass sie mir mitteilen konnte war, dass er an manchen Tagen sehr niedergeschlagen nach Hause kam. Sie hatte keine Ahnung warum. Desweiterem sagte sie, dass er gestern Abend noch eine Erledigung für einen Freund machen musste; welcher Freund wusste sie allerdings nicht.“, ergänzte Hank Adams Informationen.

„Also fassen wir zusammen: Maurice Daniels hatte keine Feinde, keine Streits und war bei jedem beliebt. Und dennoch ist er ermordet worden. Warum?“ Hailey runzelte die Stirn. „Irgendwas passt hier nicht zusammen.“

„Das Gefühl habe ich auch.“, stimmte Antonio Hailey zu. „Vielleicht weiß sein Streifenpartner irgendetwas. Adam krall ihn dir, wenn er eine Mittagspause macht. Wir müssen dringend herausfinden, was hier nicht stimmt.“

Just in den Moment klingelte das Telefon von Hank im Büro. Er erkannte die Nummer von der Gerichtsmedizin wieder, bevor er den Anruf entgegennahm.

„Sergeant Voight hier.“

„Sergeant Voight, hier ist Dr. Tanner von der Gerichtsmedizin. Sie müssen herkommen, ich muss Ihnen was zeigen. Es geht um Ihren ermordeten Officer.“, meldete sich eine helle Frauenstimme.

„Verstanden. Bin unterwegs.“, erwiderte Hank und beendete den Anruf.

Hank lief wieder aus seinem Büro und wandte sich an Antonio. „Wir werden in der Gerichtsmedizin erwartet.“

„Alles klar.“

„An die anderen: Ich will, dass ihr eure Informanten befragt, ob irgendwelche Gerüchte oder Ähnliches seit heute Morgen im Umlauf sind. Irgendjemand wird damit angeben angeblich einen Cop umgebracht zu haben. Ich will Ergebnisse haben.“

„Verstanden Boss.“, sagten alle gleichzeitig.

Hank und Antonio liefen die Treppen hinter und wollten gerade zum Parkplatz gehen, als Sergeant Platt sie zu sich rief.

„Was haben Sie da oben gemacht? Der Commander war auf stink sauer, als er wieder runterkam. Ich glaube, wenn Blicke töten könnten, wären wir allesamt aufgeschmissen gewesen.“

„Er wollte mit mir alleine reden und ich hatte etwas dagegen.“, antwortete Hank.

„Er hier.“ Antonio deutete auf Hank. „hat die „Detective Dawson ist mein Partner und Co- Leiter der Unit“ Nummer abgezogen und der Commander ist beinahe an die Decke gegangen.“ Antonio konnte nichts Anderes tun als zu grinsen.

„Die Nummer zieht auch nur beim Commander. Jedem anderen ist es gleich, ob man mit uns beiden oder nur mit einem von uns spricht.“, konterte Hank.

„Es regt ihn doch nur so auf, weil er ein homophober Idiot ist. Ums mal auf den Punkt zu bringen.“, ergänzte Platt.

„Da haben Sie vermutlich Recht, Sergeant.“, sagte Antonio.

„Wir müssen los. Bis nachher Trudy.“

„Wiedersehen Hank.“

Beide verließen Sergeant Platt und machten sich auf den Weg zu ihrem Auto.





Auf der Fahrt zur Gerichtsmedizin fiel Hank plötzlich etwas ein. „Sag mal Toni, was hast du zu Perry gesagt, bevor ich im Büro aufgetaucht bin? Halstead meinte nämlich, dass der Commander dich ordentlich angefahren hat und kurz darauf wäre er sehr schweigsam gewesen.“

Antonio schnaubte verächtlich.

„Er kam die Treppe hoch stolziert, als würde ihm dort alles gehören. Hat dann verlangt mit dir zu reden, da habe ich gesagt, dass du nicht da bist aber er genauso gut mit mir sprechen kann. Darauf hat er gesagt, dass er nicht mit „Voights Schoßhund“ spricht. Dann habe ich ihm gesagt, dass ich auch der Leiter dieser Unit sei. Die Aussage hat ihm voll nicht gepasst, denn er mich am Arm gepackt und in sein Büro gezerrt.“

„Himmel Antonio!“

„Warte, es wird noch besser.“, erwiderte Antonio sarkastisch.

Hank schüttelte nur den Kopf.

„Als wir im Büro waren hat er tatsächlich gesagt nur, weil ich mit dir schlafe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich dir ebenbürtig sei. Du hättest ja schließlich mit der halben Unterwelt von Chicago geschlafen. Nur dadurch hättest du deinen Ruf erlangt. Und der Ring sei nur ein netter Bonus.“

Hank wich jegliche Farbe aus dem Gesicht. Er konnte es nicht glauben. Der Commander hatte was behauptet?! Da sich Hank momentan nicht aufs Fahren konzentrieren konnte, fuhr er rechts ran und stellte den Motor ab.

„Was du geantwortet?“ war das einzige, was Hank herausbekam.

„Nun, ich habe ihm sehr deutlich gesagt, dass wenn er je wieder so etwas über dich sagen sollte, mir egal sein wird, dass er ein Commander ist und, dass er dann nicht mehr lange leben wird. Ich lass nicht zu, dass irgendwer dich in den Dreck zieht oder Dinge behauptet, von denen ich genau weiß, dass sie nicht wahr sind.“

„Danke.“, flüsterte Hank und blickte Antonio an.

„Hey.“ Antonio nahm Hanks Hand in seine und schaute ihm in die Augen. „Ich habe dir damals geschworen dich zu beschützen und zu verteidigen. Ich bin bei dir in guten wie in schlechten Zeiten.“

„Ich weiß nicht, ob das eine Drohung gegen den Commander rechtfertigt, Toni.“

„Stand bestimmt im Kleingedruckten, was wir beide nicht gelesen haben.“, sagte Antonio scherzhaft.

Hanks Mundwinkel zuckten wegen Antonios Aussage nach oben.

„Ich hoffe du hast ihm gesagt, dass du sehr wohl das Recht dazu hast die Unit zu leiten. Wir haben den Kram sogar schwarz auf weiß.“

„Die Mühe habe ich mir erst gar nicht gemacht. Es wäre ihm eh egal gewesen, was auf einem Stückpapier steht. Da hätte ich ihm genauso gut unsere Heiratsurkunde unter die Nase halten können. Hätte denselben Effekt gehabt.“ Antonio wirkte jetzt mehr resigniert als wütend.

„Mir ist es aber nicht egal. Ich will, dass dich jeder als ebenbürtig ansieht und nicht als meinen Handlanger oder einfachen Stellvertreter. Dafür hast du viel zu hart gearbeitet.“, protestierte Hank. „Und dich fertigmachen nur, weil du mich geheiratet hast, ist echt das Allerletzte.“  

„Das wussten wir aber auch schon vorher. Die Guten kommen schlechter damit klar, als die Bösen, was ich äußerst amüsant finde.“

„Was darf man den darunter bitte verstehen?“, fragte Hank jetzt belustigt. „Sag bloß du hast damals Glückwünsche von allen Kriminellen bekommen und mir nichts davon erzählt.“

Antonio lachte laut auf: „Oh nein, das wäre zu viel des Guten. Meine Informanten haben mich beglückwünscht. Die Kriminellen machen aber seit Jahren einen riesigen Bogen um mich. Einer von denen meinte mal, dass sie sich nicht die Rache von dir abbekommen wollen. Da kooperieren die lieber, als von dir fertig gemacht zu werden, falls mir irgendwas passiert.“

„Ist schon komisch, dass manche von denen mehr Ehre hat als welche von uns je besitzen werden.“

„Das ist nicht komisch, sondern traurig.“

Antonio hatte Recht. Die einzigen, die wirklich begeistert von der ganzen Sache gewesen waren, waren seine Detectives von der Unit und die Polizisten von 21. Revier. Und die Feuerwehrleute von Chief Bolden, was Hank persönlich sehr gewundert hatte, da es zwischen ihnen schon einige Spannungen gegeben hatte.

Aber eigentlich waren es genau die Menschen, die zählten. Diese Menschen waren seine Familie und sie hatten Antonio und ihn akzeptiert. Und nur das zählte.

„Ich hätte ihn gerne für den Unterweltkommentar aus dem Fenster geschmissen.“, sagte Antonio und brach damit die Stille, die sich im Auto ausgebreitet hatte.

Hank verzog das Gesicht. Er wollte ungern die Erinnerungen durchleben, die der Kommentar auslösten.

„Ich würde dich ungern ihm Knast besuchen wollen. Zudem steht dir orange nicht besonders.“, erwiderte er, um sich von den Erinnerungen abzulenken, die sich an die Oberfläche seines Bewusstseins kämpften.

„Wer hat behauptet, dass ich lang genug da sein werde, um Besuch zu empfangen?“, fragte Antonio, um Hank abzulenken.

Er hatte seit diesem Morgen schon die Befürchtung gehabt, dass Hank seine Emotionen nicht komplett im Griff hatte. Ob das alles nur mit dem schlechten Gefühl zusammenhing, konnte er aber noch nicht sagen. Aber am wenigsten wollte er, dass sein Mann in den dunkelsten Teil seines Verstandes hineingezogen wurde. Denn wenn das passierte, konnte selbst Antonio meist nichts mehr tun.

„Was, machst du einen auf Prison Break?“, fragte Hank skeptisch. Er war dankbar dafür, dass Antonio versuchte ihn abzulenken.

„Ich war schon einmal im Gefängnis. Da rauszukommen ist nicht schwer.“

„Undercover Einsätze zählen nicht.“

„Warum?“

„Weil du da immer einen hast, der dir den Rücken freihält und dich im Notfall da rausholt. Wenn du wirklich im Knast wärst, könntest du das vergessen. Zudem du eh in Einzelhaft kommen würdest, weil du ein Cop bist. Und das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.“

„Ah der Fachmann spricht.“ Antonios Tonfall wurde zunehmend sarkastischer.

„Hey, ich war vielleicht nur zwei Monate im Knast, aber das hat auch gereicht, um mir einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es da ist. Und ich sage dir: selbst ich hätte ein paar Probleme da rauszukommen. Selbst, wenn ich einen Wärter dort bestechen würde.“ Hank konnte sich nicht gegen das Grinsen wehren, das sich auf sein Gesicht stahl.

„Ach ja. Die guten alten Zeiten.“, sprach Antonio in einem sehr aufgesetzten und verträumten Tonfall.  „Du hast schrecklich aus in grell orange.“, fügte er noch hinzu.

Hank musste unweigerlich laut lachen. „Keiner sieht in grell orange gut aus.“

„Das ist nicht wahr. Ich würde sehr gut in grell orange aussehen.“

„Wenn du’s glaubst.“

„Hey, man darf doch wohl noch träumen.“

„Mhm. Klar.“

„Pah!“, rief Antonio, verschränkte die Arme vor der Brust und tat soll, als ob er beleidigt wäre.

„Lieber Himmel, ich habe ein Kind geheiratet.“, seufzte Hank theatralisch.

Danach konnte keiner mehr an sich halten. Beide brachen in schallendes Gelächter aus. Bald schon liefen Antonio Tränen übers Gesicht, weil er so sehr lachen musste. Hank erging es kein Stück besser, er bekam nach kurzer Zeit Seitenstechen von dem vielen Lachen.

Nach einigen Minuten hatten sie sich soweit wieder beruhig, dass Hank den Wagen starten konnte. Er musste beim Fahren ein bisschen mehr Tempo geben, da sie in der Gerichtsmedizin eigentlich längst überfällig waren.



In der Gerichtsmedizin herrschte Hochbetrieb. Dort war an einem normalen Tag meist mehr los, als auf einer Polizeiwache.

Hank und Antonio zeigten ihre Marken vor und wurden zu Dr. Tanner geführt.

Dr. Mara Tanner war eine mittelgroße, dunkelhaarige Afroamerikanerin. Sie war eindeutig der Chef dort, denn sie strahlte eine Art von Autorität aus, die nur Führungskräfte besaßen.

Hank hatte Dr. Tanner bereits ein paar Male getroffen und fand sie sehr sympathisch. Sie machte ihren Job ausgezeichnet und Hank unterhielt sich immer gerne länger mit ihr, wenn sie beide Zeit dazu hatten.

Jetzt allerdings funkelte sie Hank und Antonio an, als beide auf sie zukamen.

„Und ich dachte schon, Sie hätten einen Autounfall oder etwas in der Art gehabt und seien deshalb so überaus pünktlich.“, witzelte Dr. Tanner mit einer Spur von Sarkasmus und Ironie in der Stimme.

„Wir bitten um Verzeihung.“, entschuldigte sich Hank mit einem Schmunzeln.

„Angenommen. Kommen Sie, ich muss Ihnen etwas zeigen.“ Dr. Tanner lief durch den Raum und kam an einem der Metalltische zum Stehen.

Auf dem Tisch lag ein Körper, der von einem weißen Tuch bedeckt wurde. Als Tanner das Tuch zurückschlug, kam das Gesicht von Officer Daniels zum Vorschein.

„Ihr toter Officer ist an einer Stichwunde ins Herz gestorben. Alle anderen Stichwunden wurden im vor seinem Tod zugefügt. Auch ohne den tödlichen Stich, wäre er vermutlich an inneren Verletzungen gestorben oder verblutet. Zudem hat eine Kopfverletzung, in der sich Holzsplitter befanden. Ich tippe darauf, dass er niedergeschlagen wurde.“, berichtete sie.

„Das ist aber nicht alles.“, fuhr sie fort. „Bei der Obduktion habe ich entdeckt, dass das Opfer vor Jahren eine Geschlechtsumwandlung hatte. Die Narben von einer Brustabnahme waren noch zu erkennen.“

„Moment, Sie sagen also, dass Officer Daniels transsexuell war.“, fragte Antonio überrascht.

„Ja, davon gehe ich aus. Ich fand auch Einstichstellen, die sehr wahrscheinlich von Testosteroninjektionen stammen, die man bei einer Geschlechtsumwandlung bekommen kann.“

Hank und Antonio sahen sich verblüfft an. „Ist er vielleicht deshalb umgebracht worden? Weil er transsexuell war.“, fragte Antonio vorsichtig.

„Möglich.“, erwiderte Hank ebenso vorsichtig.

„Dr. Tanner, wo genau waren die ganzen Stichwunden?“, fragte Hank.

„Oberer Brustbereich, Unterleib und untere Leisten- bzw. Lendengegend.“, beantwortete Dr. Tanner Hanks Frage.

„Die Stiche in den Unterleib waren so präzise, dass sie nur die Geschlechtsorgane dort verletzt haben. Sprich die Gebärmutter und die Eierstöcke. Mr. Daniels hat sie sich nicht operativ entfernen lassen, was auch nicht notwendig ist.“

„Präzise? Also wusste derjenige, der das getan hat, dass Officer Daniels transsexuell war. Damit würden sich auch die anderen Stichwunden erklären lassen.“, meinte Antonio nachdenklich.

„Er muss auch gewisse Anatomiekenntnisse besitzen, sonst wäre das nicht so genau gewesen.“, warf Dr. Tanner ein.

„Aber, wenn er so präzise beim Unterleib war, warum hat er dann bei im Brustbereich und in der Leistengegend wild drauflos gestochen?“, fragte Antonio.

„Der Täter wollte ihn leiden lassen und ist dann ausgerastet. Das hier war eindeutig ein Hassverbrechen. Irgendjemand hat Officer Daniels für seine Transsexualität so sehr gehasst, dass er sterben musste.“, erklärte Hank Antonio düster.

Antonio schüttelte nur stumm den Kopf. „Wir müssen dieses Monster finden.“

„Das werden wir.“

Hank richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Dr. Tanner. „Vielen Dank, Dr. Tanner. Sie haben uns so eben mit ihrem Fund ein Motiv geliefert.“

Dr. Tanner nickte zum Dank. „Ich freue mich immer, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann. Bitte entschuldigen Sie mich, ich habe noch Arbeit zu erledigen.“

„Natürlich Doktor.“

„Auf Wiedersehen Sergeant, Detective.“, sagte Dr. Mara Tanner zum Abschied, kehrte den beiden den Rücken zu und verließ den Raum.

Hank und Antonio verließen ebenfalls den Raum und kurze Zeit später auch das Gebäude. Sie stiegen ins Auto, fuhren aber nicht los. Stattdessen saßen sie eine Minute schweigend da.

„Ich verstehe es nicht. Wieso tut man einem Menschen so etwas an?“, fragte Antonio mit bitterer Stimme.

„Ich weiß es nicht Antonio. Du kannst den Mörder fragen, wenn wir ihm kriegen.“, schlug Hank vor. Ob er es erst meinte oder nicht, da war er sich selber nicht so ganz sicher.

„Ich weiß nicht, ob ich diese Antwort wissen will.“, erwiderte Antonio.

Darauf konnte Hank nichts antworten und zog es deshalb vor zu schweigen.

Ein Handyklingeln zerschnitt die Stille. Es war Antonios.

„Dawson.“, sagte er.

„Hey Kim. Ja, wir wollten gerade los. Verstehe, sind auf dem Weg.“

Hank hatte bereits den Wagen angeschmissen und war losgefahren.

„Das war Burgess. Sie meinte wir sollten sofort zurückkommen. Sie und die anderen hätten etwas gefunden.“

„Hoffentlich etwas Brauchbares.“, hoffte Hank.

„Hoffentlich.“, stimmte ihm Antonio zu.



Die Entdeckung, die die anderen gemacht hatten, war, gelinde gesagt, verstörend. Durch einen reinen Routineabgleich mit der Datenbank für ungelöste Fälle hatte Jay sechs weitere Mordfälle gefunden, die Ähnlichkeiten mit dem Mord an Officer Daniels aufwiesen. Die Opfer waren männlich und weiblich. Alle wiesen an bestimmten Körperstellen Stichwunden auf.

Alle wurden in Chicago umgebracht, in einem Zeitraum von sieben Monaten, doch es konnte nie eine Verbindung hergestellt werden. Warum, nun das war Hank ein absolutes Rätsel. Wenn man die Fälle alle nebeneinander reihte, konnte man die Gemeinsamkeiten kaum übersehen.

Durch die Aussagen von Angehörigen in den Akten konnte festgestellt werden, dass alle Opfer entweder homosexuell, bisexuell oder transsexuell waren. Hinzu kamen noch die auffälligen Stichwunden und die Schädelverletzungen.

Ansonsten gab es aber keine Gemeinsamkeiten mehr. Die Opfer hatten alle unterschiedliche Jobs und wohnten in verschiedenen Teilen von Chicago.

Die Unit versuchte mit allen Mitteln eine Verbindung zwischen den sieben Personen herzustellen, aber es gab keine guten Anhaltspunkte.

Die Informanten hatten keine brauchbaren Informationen über irgendeinen der Morde oder den Täter. Laut Adam konnte der Streifenpartner von Officer Daniels, Officer Ian Griffin, auch keine nützlichen Informationen liefern.

Es sah wirklich nicht gut aus.

Als Hailey aber auf gut Glück das Instagram Profil von einem der Ermordeten durchforstete, entdeckte sie ein Bild.

„Hey Leute!“, rief sie und gewann damit die Aufmerksamkeit von den anderen Detectives.

„Was ist los Hailey? Hast du was gefunden?“, fragte Kevin aufgeregt und eilte zu ihr hinüber.

„Ja auf dem Instagram Profil von dem sechsten Opfer, Lea Kimber. Sie hat vor etwa acht Monaten ein Bild gepostet. Auf dem Bild sind alle unsere Opfer drauf. Sogar Officer Daniels.“

Alle versammelten sich um ihrem Tisch herum, um sich das Bild ansehen zu können. Und tatsächlich auf dem Foto waren alle sieben Opfer. Sie alle grinsten in die Kamera.

„Wo wurde das Bild gemacht?“, fragte Alvin, während er es genauer betrachtete.

„Während der Pride Parade in Chicago vor acht Monaten.“, sagte Jay, der die Flaggen und Farben auf dem Bild erkannte. „Ich war mit meinem Bruder damals dort.“, fügte er fassungslos hinzu.

„Okay es kann kein Zufall sein, dass dieses Foto gemacht wurde und alle abgebildeten Personen jetzt tot sind.“, meinte Antonio erst.

„Sehe ich auch so.“, meinte Adam.

„Steh da zufällig, wer das Bild gemacht hat, denn nach einem Selfie sieht mir das nicht aus.“, fragte Kim und scrollte den Eintrag etwas hinunter.

„Unter dem Bild steht: Danke Officer Griffin!“, sagte Hailey.

„Moment mal, war das nicht der Partner von Officer Daniels?“, fragte Hank, der sich zum Whiteboard umgedreht hatte.

„Ja.“, bestätigte Adam. „Aber ich habe mit ihm geredet. An ihm war absolut nichts auffällig. Er war geschockt, als ich ihm von Daniels erzählt habe.“

„Er muss es doch zu dem Zeitpunkt längst gehört haben. Der Tod von Daniels hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Er kann es unmöglich erst später gehört haben, wenn er heute Dienst gehabt hatte.“, warf Antonio ein.

„Das ist es ja, ich habe mit ihm erst gesprochen, als er hier ankam, um seine Schicht anzutreten. Vorher hat ihn keiner erreicht. Weder ich noch Platt. Er meinte sein Handy sei kaputtgegangen und er müsste sich erst ein neues zulegen.“

„Und das kam dir nicht komisch vor?“, fragte Alvin mit hochgezogener Augenbraue.

„Nein. Wie gesagt, der Typ hat nicht gewirkt, als hätte er letzte Nacht seinen Partner kaltblütig umgebracht.“

„Hat er irgendetwas gesagt, was ihn verraten haben könnte?“, wollte Hank wissen, der sich zu Adam umgedreht hatte und ihn jetzt mit seinem Blick fixierte.

„Nein, er hat nur das gesagt, was alle anderen auch schon gesagt hatten. Daniels war ein netter Kerl und so weiter aber so-.“ Adam brach mitten im Satz ab und riss die Augen auf. „Verdammt!“, fluchte er.

„Was?“, fragten alle gleichzeitig.

„Er hat ausversehen einmal sie statt er gesagt. Ich dachte, dass er nur zu wenig geschlafen hätte oder so und es nicht weiter beachtet. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung von Officer Daniels Transsexualität.“, berichtete Adam. „Ich bin ja so ein Idiot.“

„Hätte jedem von uns passieren können.“, beruhigte Antonio ihn.

„Das ist jetzt auch egal.“, sagte Hank. „Wir müssen ihn finden. Sofort. Vielleicht haben wir Glück und er denkt, dass wir keine Ahnung von ihm haben.  Al, du und Burgess findet den Streifenwagen, mit dem er unterwegs sein sollte. Ruzek und Atwater, Sie stellen dieses Revier auf den Kopf, vielleicht ist er hier. Aber seien Sie diskret, wir wollen keine Hexenjagd. Noch nicht jedenfalls.“, kommandierte Hank.

„Upton rufen Sie bei Sergeant Platt an und fragen Sie sie, ob Officer Griffin in einem Einsatz ist.“

„Verstanden.“ Hailey hatte in Rekordgeschwindigkeit ihr Telefon am Ohr.

„Sergeant Platt. Hier ist Detective Upton. Können Sie mir sagen, wo sich Officer Griffin zurzeit befindet?“ Hailey schwieg kurz und nickte dann. „Okay, könnten Sie mir die Adresse sagen?“ Sie nahm einen Stift und schrieb etwas auf ihren Notizblock. „Vielen Dank Sergeant.“, sprach sie und legte wieder auf.

„Sergeant Platt sagte, dass Griffin sich vor einer Stunde abgemeldet hat, weil es ihm nicht gut ginge. Sie hat ihn nach Hause geschickt, weil er sehr angeschlagen wirkte.“, berichtete Upton. „Ich habe seine Privatadresse.“

„Okay, wir machen folgendes: Halstead, Upton, Antonio und ich fahren zum Haus und bringen ihn her zur Befragung. Ihr anderen bleibt hier und versucht so viel über diesen Ian Griffin herauszufinden wie es nur geht. Verstanden?“

Alle nickten.

„Gut. Dann los.“



Das Vorhaben Officer Griffin zuhause aufzusuchen löste sich in jenen Moment in Luft auf, als die vier Detectives die Treppe hinuntereilten. Keiner schenkte dem Mann an Fußende der Treppe große Aufmerksamkeit, da er mit dem Rücken zu ihnen stand.

Das änderte sich jedoch schlagartig, als Hank am Arm gepackt und zur Seite gerissen wurde. Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubender Knall, der Hanks Ohren klingeln ließen.

Das nächste, was Hank spürte, war das Metall einer Schusswaffe an seiner Schläfe und ein Arm der sich um seine Kehle gelegt hatte. Das Metall an der Mündung war unangenehm war, wegen dem Schuss der zuvor abgegeben worden war.

„Keiner rührt sich von der Stelle, sonst erschieße ich ihn!“, schrie eine Stimme direkt hinter Hank.

„Lassen Sie den Blödsinn Officer Griffin!“, rief Sergeant Platt, die wie alle anderen Personen, die anwesend waren, ihre Waffe gezogen hatte und nun auf Officer Griffin und Hank zielte.

„Waffen runter und zwar alle!“, befahl Griffin und drückte Hank die Waffe noch fester an die Schläfe. „Oder ich erschieße alle, die eine in der Hand haben.“

Hank blickte Sergeant Platt und nickte ganz leicht. „Ist okay Trudy. Tut, was er sagt.“

Platt war allesanderer als begeistert, als sie Hank ansah. „Aber…“, fing sie an.

Bitte.“, sagte Hank. „Es soll keine unnötigen Verletzten geben.“

„Verdammt richtig. Und jetzt runter mit den Waffen.“, sagte Griffin erneut.

Sehr widerstrebend befolgte Platt die Anweisung. Einige Sekunden später taten die anderen Polizisten es ihr gleich und steckten ihre Waffen weg.

„Was wollen Sie Griffin?“, fragte Antonio mit ruhiger Stimme. Aber wenn man genau hinhörte konnte man ein leichtes Zittern in seiner Stimme wahrnehmen.

„Ich will ein sicheres Amerika, ein normales Amerika. Dieses Land soll von all dem Abschaum befreit werden.“, antwortete Griffin.

„Das wollen wir alle. Dafür sind wir Polizisten geworden, um dieses Land zu beschützen.“, meinte Antonio.

„Nein, das meine ich nicht. Sie beschützen das Land vor normalen Verbrechern und Kriminellen. Ich rede von jenen, die mit ihrer bloßen Existenz Chaos stiften. Diese Leute, die nicht einsehen, dass es falsch ist, wenn man das gleiche Geschlecht liebt. Oder noch schlimmer, diese Kreaturen, die ihren Körper umändern, weil sie Gottesgeschenk nicht akzeptieren wollen.“

Der ganze Raum wurde totenstill und alle sahen sich entgeistert an. Wie konnte so jemand die Psychologieprüfung bestehen fragte sich Hank im Stillen.

„Das ist kein Grund sieben Menschen umzubringen. Noch dazu ihren eigenen Partner.“, sagte Hank, bereute es aber auch sogleich wieder, denn Griffin drückte ihm mit dem Arm die Kehle zu.

„Sie halten die Klappe. Wären Sie keine Geisel würde ich Sie auf der Stelle erschießen, denn was Besseres haben Sie nicht verdient. Sie, ein hochdekorierter Sergeant sollte eigentlich mit glänzendem Beispiel vorrangehen und ein Vorbild sein. Stattdessen waren Sie korrupt und haben auch noch einen Mann geheiratet.“, fauchte Griffin Hank an.

Wenn Hank genug Luft in den Lungen gehabt hätte, hätte er mit großer Sicherheit nur verächtlich geschnaubt. Momentan allerdings versuchte er fehlenden Sauerstoff in seinen Körper zu bekommen, was ihm nicht gelangt, denn der Arm um seinen Hals saß fest wie ein Schraubstock. Kurze Zeit später begannen vor Hanks Augen schwarze Flecke herumzutanzen.

„Hören Sie auf!“ Das war die Stimme von Antonio.

Hank Blickfeld verschwamm aber er konnte Antonio noch vage ausmachen. Er konzentrierte sich auf dessen Gesicht. Antonios Augen waren schockgeweitet und hatten einen flehenden Ausdruck.

„Bitte, Sie haben doch eben selbst gesagt, dass er Ihnen tot nichts nützt.“ Antonios Stimme hatte jetzt einen flehenden Unterton.

„Stimmt, aber das bedeutet nicht, dass ich ihn nicht leiden lassen kann.“, erwiderte Griffin sadistisch. „Aber ich will ja mal nicht so sein.“ Und damit lockerte er seinen Griff um Hanks Hals.

Hank zog zischend die Luft ein. Seine Lungen brannten und er hatte Mühe einen plötzlichen Hustenanfall zu unterdrücken. Das einzig Positive war, dass die Flecken vor seinen Augen verschwanden und er wieder einigermaßen klarsehen konnte.

„Hank? Alles okay?“, fragte Hailey, die mit Jay und den anderen hinter Antonio stand.

„Alles gut.“, sagte Hank aber es klang mehr wie ein Krätzen als irgendwas anderes. Seine Stimme klang noch mehr wie Sandpapier als sie es ohnehin schon tat.

„Wo war ich eben, bevor ich so rüde unterbrochen worden bin? Ach ja, diese Menschen haben es nicht verdient mit uns normalen, anständigen Bürgern zu leben. Sie verpesten alles und setzten unseren Kindern Dinge in den Kopf und führen so Gehirnwäschen durch.“

„Aber Sie sind Polizist. Sie haben geschworen die Menschen zu beschützen, nicht sie umzubringen.“, warf Sergeant Platt ein.

„Das sind keine Menschen. Sie haben keinen Schutz verdient.“

„Warum haben Sie ausgerechnet diese sieben Menschen umgebracht?“, fragte Jay.

„Mir hatte ein Engel eine Botschaft überbracht an dem Tag, als diese Parade war. Er sagte, ich müsse sein Werk vollbringen. Ich müsse diese Welt bereinigen von ausgewählten Individuen. Ich würde erkennen wer, wenn ich sie sehen und das tat ich. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich dieses Foto gemacht habe, sonst hätte ich sie vermutlich nie gefunden.“

Für Hank klang der ganze Kram sehr an den Haaren herbeigezogen. Ein Engel? Das war doch alles ein bisschen sehr abgehoben, wobei es eigentlich noch nicht mal das Merkwürdigste war, was Hank je gehört hatte.

„Ein Engel?“, fragte Sergeant Platt ungläubig.

„Ja, ein Engel. Und ich habe von ihm erneut eine Botschaft bekommen, nachdem ich meine Aufgabe erfüllt hatte.“ Officer Griffins Stimme hatte in den letzten paar Minuten wahnsinnige und manische Züge angenommen.

„Wie lautet die Botschaft?“ Hank klang nun wieder halbwegs wie er selbst, auch wenn sein Hals noch immer kratzte.

„Nun.“ Hank konnte zwar Griffins Gesicht nicht sehen, er war sich aber sicher, dass dieser diabolisch lächelte. „Ich darf mir aussuchen, wenn ich als nächstes von seiner jämmerlichen Existenz erlöse.“

In Hank verkrampfte sich alles. Das war überhaupt nicht gut, das hatte bedeutete nichts Gutes. Plötzlich wurde er wieder von diesem Gefühl übermannt, mit dem er heute aufgewacht war. Es würde gleich etwas Schlimmes passieren. Das spürte er jetzt deutlich.

„Sergeant Voight.“ Hank wurde es eiskalt. „Würden Sie für Detective Dawson sterben? Ohne zu zögern?“

„Ja.“, sagte Hank fest. Er musste nicht über die Antwort nachdenken, denn er wusste sie schon seit Jahren.

„Nun, das ging schnell. Ich habe aber noch eine Frage. Detective Dawson, würden Sie für Hank Voight sterben?“

„Ja.“ Antonios Antwort kam ebenfalls sofort. Er schaute Hank fest in die Augen und sein Blick sagte es wird alles gut. Hank bettete dafür.

Es entstand eine kurze Pause, als Officer Griffin vermutlich überlegte, wen der beiden er umbringen sollte. Dann lachte er auf einmal. Durch das Lachen bekam Hank eine Gänsehaut. Es klang absolut böse.

„Wisst ihr was Jungs, warum einen umbringen, wenn man auch beide haben kann.“

Damit richtete er die Waffe auf Antonio und drückte den Abzug.

Viele sagen, dass wenn ein Schuss fällt, sich die Zeit verlangsamt, es einem wie in Zeitlupe vorkommt. Aber das war Unsinn. Die Zeit verläuft nicht langsamer auch wenn man sich das in dem Augenblick am meisten wünscht.

Für Hank passierte alles viel zu schnell. Als er den Schuss registriert hatte, war Antonio bereits auf die Knie gesunken und hatte einen Arm um seine Körpermitte geschlungen.

Nein dachte Hank NEIN NEIN NEIN

Hanks Militärausbildung und Überlebensinstinkt übernahmen die Kontrolle. Ohne nachzudenken packte er den Arm, der noch immer um seinen Hals lang, drehte sich um und nutzte den Schwung, um Officer Griffin den Arm auszukugeln. Dieser versuchte die Waffe auf Hank zu richten, aber das ließ Hank nicht zu. Er nahm Griffins Handgelenk und drehte es, bis es hässlich knackte. Officer Griffin schrie vor Schmerzen auf und ließ die Waffe fallen.

Ein dunkler Teil von Hank wollte Griffin einfach den Kehlkopf zertrümmern und ihn qualvoll sterben sehen. Aber er wehrte sich dagegen. Ja, er wollte, dass Griffin leidet aber er wollte, dass er lange leidet. Also hob Hank die Waffe auf und zog sie Griffin über den Schädel. Dieser fiel daraufhin bewusstlos zu Boden.

Es dauerte einige Sekunden, bis Hank wieder seine Umgebung war nahm und sich dessen bewusstwurde. Dann fiel ihm der Schuss wieder ein.

„Antonio!“ Er wirbelte herum und suchte seinen Mann.

Antonio kniete schweratmend auf dem Boden. Er hatte einen Arm um sich geschlungen. Neben ihm saßen Hailey und Jay. Beide hielten ihn an den Schultern aufrecht.

Als er Antonio sah, war Hank alles egal, er eilte zu ihm und ließ sich vor ihm auf die Knie fallen.

„Antonio! Rede mit mir.“, flehte Hank.

Antonio blickte auf, als er Hanks Stimme hörte. „Hey.“, flüsterte er schmerzerfüllt.

„Hey.“, flüsterte Hank zurück.

„Ruft einer verdammt nochmal einen Rettungswagen!“, rief Sergeant Platt, die gerade dabei war den bewusstlosen Officer Griffin mit Handschellen zu versehen.

„Ist nicht notwendig.“, sagte Antonio.

„Du wurdest angeschossen!“, rief Hailey entrüstet.

„Siehst du irgendwo Blut?“, fragte Antonio zurück.

Und in der Tat, es war nirgendwo Blut zu sehen.

„Toni?“, fragte Hank leicht irritiert.

Antonio zog nur wortlos seinen Kapuzenpullover hoch. Zum Vorschein kam… eine Schusssichere Weste, in der man ein Loch sehen konnte.

„Erinnerst du dich an die neuen superdünnen aber sehr wirkungsvollen Westen, die wir letzte Woche bekommen haben? Nun ich dachte es kann ja nicht schaden sie mal auszuprobieren.“

„Wann hast du?“

„Kurz bevor der Commander heute Mittag aufgetaucht ist.“

„Aber warum?“ Hank verstand gerade gar nichts mehr.

Antonio musste sich ein Grinsen wegen Hanks perplexen Gesichtsausdruck verkneifen.

„Ich meinte es erst, als ich heute Morgen gesagt habe, dass ich deinem Gefühl vertraue. Und genau deshalb habe ich die Weste auch angezogen, denn ich häng an meinem Leben aber an dir häng ich noch mehr und wenn ich etwas tun kann, was mir vielleicht das Leben retten, dann tue ich das auch. Ich kann dich ja schlecht hier alleine sitzen lassen.“ Den letzten Satz sagte Antonio mit leichter Belustigung.

Hank kamen vor Erleichterung die Tränen und er schlang die Arme um Antonio. Es war ihm im Moment so egal, wer ihn alles so sah, er war nur froh darüber, dass Antonio nichts passiert war.

Antonio zog scharf die Luft ein. Die Weste mag zwar die Kugel aufgehalten haben, aber sicherlich nicht die Kraft, die hinter dem Schuss gesteckt hatte. Er konnte bereits spüren, wie sich der Bluterguss bildete. Das war ihm aber egal. Er schlang ebenfalls seine Arme um Hank und drückte ihn fest an sich.

Hank konnte nicht anders, als in Antonios Schulter zu schluchzen. Erleichterung durchströmte seinen Körper und verdrängte das Adrenalin.

„Hey. Mir geht’s gut. Ich bin okay. Wir sind okay.“, flüsterte Antonio Hank ins Ohr.

Hank nickte nur.

Nach ein paar Minuten lösten sie sich voneinander. Hank wischte sich mit dem Handrücken die Tränenspuren vom Gesicht, als er sich aufrichtete. Er hielt Antonio den Arm hin, damit dieser aufstehen konnte.

Beim Aufstehen zog er nochmals scharf die Luft ein. Verdammt der Kram tat mehr weh als eine richtige Schusswunde.

„Ich will, dass du von einem Arzt durchgecheckt wirst. Und ich dulde keine Widerworte.“, sagte Hank ernst.

„Okay.“, erwiderte Antonio.

„Er kann gleich durchgecheckt werde. Wir haben zur Sicherheit doch einen Rettungswagen rufen lassen.“, sprach Sergeant Platt, die gerade von draußen wieder herankeim, zusammen mit einem Sanitäter.

Der Sanitäter überprüfte die Lichtreflexe in Antonios Augen und sah sich dann den Bluterguss an, der begonnen hatte sich zu bilden. Als er fertig war sagte: „Es ist nichts gebrochen nur geprellt. Der Bluterguss wird da ein paar Wochen bleiben, bis er verschwindet aber ansonsten ist alles in Ordnung.“

„Dankeschön.“, sagte Antonio und sah dann Hank an. „Du auch.“

„Warum ich? Ich habe keine Kugel abbekommen.“

„Nein, aber dir wurde die Kehle zugedrückt, das ist auch nicht viel besser.“

„Na schön.“

Der Sanitäter überprüfte Hanks Atmung und Kehle. „Alles in Ordnung. Die Lunge hört sich normal an. Das einzige, was sie bekommen werden, sind vermutlich Halsschmerzen und einen hübschen Bluterguss an den Druckstellen.“, meinte der Sani, nachdem er mit Hank fertig war.

Hank bedankte sich ebenfalls. Der Sani nickte und verschwand wieder nach draußen.

„Na das wird ein interessanter Bericht werden.“, meinte Adam, als alle wieder nach oben gegangen waren. Die Aussage brachte Adam ein kollektives Murren ein.

„Erinnre uns bitte nicht daran.“, sagte Alvin.

„Als ob du dich beschweren müsstest. Du schreibst nie mehr als zwei Sätze.“, konterte Adam.

„Touche.“

„Ihr habt zwei Stunden, um euren Bericht anzufangen. Danach könnt ihr alle nach Hause. Wer nicht fertig wird, macht ihn morgen fertig.“, sprach Hank. Er hatte insgeheim selber keine Lust diesen Bericht zu schreiben. Er war sich auch sehr sicher, dass der Commander entweder morgen oder sogar noch heute hier aufkreuzen würde; und dafür hatte Hank wirklich keine Nerven mehr.

Hanks Befürchtungen bewahrheiteten sich, denn nicht mal eineinhalb Stunden später kam Commander Perry die Treppe hochgestampft. Und der Commander war stink sauer.

„Detective Dawson!“, herrschte er Antonio an. „Ins Büro mit Ihnen.“

Man konnte Antonio ansehen, dass ihm der Befehlston eindeutig missfiel. Damit war er aber auch nicht alleine. Alle schauten säuerlich, als sie den Commander erblickten. Das schien dem aber herzlich wenig zu interessieren.

Der Commander schloss die Tür von Hanks Büro mit mehr Kraft, als notwendig gewesen wäre, nachdem Antonio eingetreten war. Hank war aufgestanden und stand nun neben Antonio vor dem Schreibtisch.

„Commander.“, begrüßte Hank ihn.

„Verdammt Voight, was genau an dem Wort diskret haben Sie nicht verstanden? Ihnen ist bewusst, dass Reporter draußen stehen, weil man Wind davon bekommen haben, dass es hier eine Geiselnahme gab.“

Hank hatte durch Kenntnis von den Reportern, denn Trudy hatte ihn angerufen und ihm gesagt, dass sie ein Statement abgeben würde. Was genau sie sagen wollte, musste sie sich noch überlegen.

„Die Reporter sind mir durchaus bewusst.“, antwortete Hank.

„Kommen Sie mir nichts so. Ich habe gesagt Sie sollen diesen Fall diskret behandeln und jetzt spielt die Presse verrückt.“, knurrte Perry aufbrausend.

„Keiner hätte wissen können, dass es zu einer Geiselnahme in einem Polizeirevier kommen wird. Darauf hatten wir keinen Einfluss“, schritt Antonio ein.

„Sie hätten das Risiko kennen müssen!“

„Das Risiko kann man nicht kennen.“, meinte Hank.

„Ach wirklich?“, fragte der Commander sarkastisch.

„Wirklich.“, erwiderte Hank. „Seien Sie froh, dass Officer Griffin noch lebt und nicht erschossen wurde. Sonst hätten Sie mehr als nur eine Geiselnahme und einen siebenfachen Mord am Hals.“ Hank verlor so langsam die Geduld. Irgendwie gelang es Perry ihm immer unter die Haut zu gehen und das mochte Hank gar nicht.

„Nun, dafür hat er einen ausgekugelten Arm, ein gebrochenes Handgelenk und eine leichte Gehirnerschütterung.“, meinte Perry.

„Besser als tot.“, gab Antonio zurück.

„Es wundert mich sowieso, dass er überhaupt noch lebt. Bei Ihrem Ruf Voight, hätte ich eine Leiche erwartet.“

„Ich habe meine Prinzipien.“

„Ich glaube es mehr die graue Moralvorstellung. Die ist vielleicht nicht mehr so… freizügig wie früher.“ Der Commander schmunzelte leicht.

Hank und Antonio sahen sich beide an, hoben jeweils eine Augenbraue und sahen dann den Commander fragend an.

„Commander,“, begann Hank. „Wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, dann tun Sie es einfach. Das spart Zeit.“

Der Commander grinste überheblich. „Nun, es gibt Gerüchte bezüglich Ihrer Person, bei denen man durchaus davon ausgehen kann, dass sie wahr sind.“

„Die da wären?“, fragte Antonio gelangweilt. Er und Hank kannte fast alle Gerüchte, die es über Hank gabt. Die meisten waren nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt aber dann gab es auch welche, die einfach nur ausgemachter Blödsinn waren.

„Dass Sie den Mörder Ihres Sohnes umgebracht haben.“

Wow, dachte Hank, der Typ fackelte echt nicht lange.

„Er ist abgehauen, als wir eine Fahndung nach ihm rausgegeben hatten.“, antwortete Hank neutral und blickte dabei Perry an.

„Wie überaus tragisch. Muss schwer gewesen sein, dass Sie Ihren Sohn nicht rächen konnte.“

„Ich bin kein Racheengel. Ich breche das Gesetz nicht.“ Nicht mehr jedenfalls.

„Aber die Regel umso lieber. Ich meine, es ist ja nicht verboten mit Kriminellen zu schlafen, um seinem Ruf etwas… zu fördern.“

Das war eindeutig ein Schlag unter die Gürtellinie und dazu noch ein wirkungsvoller. Dennoch zeigt es bei Hank weniger Wirkung als bei Antonio, denn Antonio war vor Hank getreten und knurrte den Commander an.

„Wagen Sie es nie wieder so etwas über ihn zu sagen. Sonst-“ Antonios Stimme war leise und bedrohlich geworden. Er stand nun genau vor dem Commander und durchbohrte ihn mit seinem Blick.

„Sonst was? Ich bin Commander. Sie können nichts gegen mich machen.“ Der Commander grinste noch immer überheblich.

„Sonst,“, sagte Hank und seine Stimme besaß denselben bedrohlichen Unterton wie bei Antonio. „werde ich Ihnen persönlich zeigen, wie viel bei meinem Ruf der Wahrheit entspricht. Und es wird mir egal sein, dass Sie ein Police Commander sind. Sie werden am eigen Leib erfahren, wie ich mit Personen verfahre, die mich nicht respektieren und mich für Taten anschwärzen, die ich nicht begangen habe.“

Hank war während seiner Drohung immer näher an den Commander herangetreten, bis er ihm direkt ins Ohr flüsterte.

Bei Hanks Worten wich die Farbe aus dem Gesicht des Commanders. „Das würden Sie nicht wagen!“, japste er.

„Ich bin Hank Voight, natürlich würde ich.“

Der Commander starrte Hank nur an und trat dann vorsichtig einen Schritt zurück und dann noch einen, bis er die Tür im Rücken hatte.

„Und noch etwas Commander,“, flöte Hank fast schon. „wenn Sie noch einmal mit meinem Mann respektlos oder anderweitig schlecht von ihm reden, dann wird das schmerzhaft für Sie enden. Verstanden?“

Der Commander schluckte hörbar, nickte dann und verließ in Windeseile Hanks Büro. Hank stieß hörbar die Luft aus, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

„Meine Güte ist der Typ ein Arschloch.“, meinte Antonio säuerlich.

„Untertreibung des Jahrhunderts.“, erwiderte Hank ohne jeglichen Humor.

Als Hank Schritte hörte, bewegte er seinen Kopf wieder nach vorne und öffnete die Augen.

Adam, Kim, Jay, Hailey, Kevin und Alvin kamen ins Büro gelaufen und schauten alle besorgt. „Alles in Ordnung?“, fragte Al vorsichtig.

Hank winkte ab. „Alles in Ordnung.“ Er blickte zu Antonio. „Oder?“

Antonio wirkte noch immer etwas angesäuert, nickte aber. „Alles okay.“

„Ihr habt Perry einen ganz schönen Schrecken verpasst, der Mann sah aus, als hätte er den Tod leibhaftig gesehen.“, meinte Kevin leicht amüsiert.

„Mhm. So kann man es auch ausdrücken.“, sagte Antonio leicht grinsend und musste dann laut lachen, als er sich Hank in schwarzen Gewand mit Sense vorstellte.

Alle sahen ihn stirnrunzelnd an. „Entschuldigung.“, japste er, nachdem er wieder Luft geholt hatte. „Ich habe mir gerade Hank als Sensenmann vorgestellt. Interessante Vorstellung.“

Das brachte alle zum Lachen. Selbst Hank.

„Sorry Boss, aber die Vorstellung ist irgendwie gruselig.“

„Tja Ruzek, für den Kommentar werden Sie an Halloween leiden.“, prophezeite Hank.

„Oh Nein.“, sagte Adam.

„Oh doch.“, sagte Kim und kicherte über Adams geschockten Gesichtsausdruck.

„Ich muss am dem Tag eine Kamera mitbringen.“, meinte Hailey.

„Und ich eine Videokamera.“, sagte Jay.

„Ich könnte euch Fotos von Hank an Halloween zeigen, als Justin noch jünger war. Sind ein paar gute Schnappschüsse dabei.“, warf Alvin zur Freude von fast allen ein.

„Die sind bestimmt super knu-.“, begann Kevin würde aber von Hank unterbrochen.

„Kevin, wenn Sie diesen Satz beenden, dürfen Sie drei Monate lang die Berichte von ihren Kollegen schreiben.“, sagte Hank aber man konnte hören, dass er es nicht ganz ernst meinte. Dennoch schloss Kevin den Mund schnell wieder.

„Kluge Entscheidung.“

„Komm schon Hank, die Bilder sind bestimmt bezaubernd.“, sagte Antonio grinsend, während er Hank mit dem Ellenbogen in die Seite stupste.

„Willst du heute auf der Couch schlafen?“, fragte Hank.

„Das Risiko gehe ich ein.“, erwiderte Antonio lachend.

„Hey Leute, hat irgendjemand Hunger? Ich verhungere hier nämlich. Ich hatte kein Mittagessen heute.“, fragte plötzlich Jay.

Alle sahen sich gegenseitig fragend an und nickten dann.

„Ich könnte auch etwas vertragen.“, sagte Antonio.

„Klingt gut.“, meinte Kim.

„Wohin gehen wir?“, fragte Hailey.

„Ich glaube Stans Pizzeria hat noch auf.“, meinte Kevin.

„Ist das die, mit den riesigen Pizzen?“, fragte Al interessiert.

„Ja genau.“, antwortete Kevin.

„Bin dabei.“, meinte Al daraufhin.

„Ich auch.“, meinte Adam. Alle anderen stimmten ebenfalls zu.

Hank schaute kurz auf seine Uhr. „Na gut.“, sagte er. „Die zwei Stunden sind eh fast um. Packt zusammen und wir treffen uns bei der Pizzeria.“

Das ließ sich niemand zweimal sagen. Fast alle waren mit Lichtgeschwindigkeit an ihren Schreibtisch zurückgekehrt und hatten ihre Sachen gepackt. Nun verließen sie lachend und schwatzend das Polizeirevier.

Die einzigen, die zurückblieben, waren Hank und Antonio. Beide standen noch immer in Hanks Büro.

Hank hatte sich an seinen Tisch gelehnt und blickte Antonio an, der direkt vor ihm stand. „Geht es dir gut?“, fragte Hank.

„Eigentlich müsste ich dich das fragen.“, erwiderte Antonio.

„Aber jetzt frag ich dich. Also?“

„Mir geht’s gut. Ich bin nur noch etwas aufgekratzt. Das ist alles.“

„Schmerzen?“

„Nur, wenn ich mich zu schnell bewege oder sehr tief einatme.“

„Okay.“

„So und jetzt du. Wie geht es dir? Und wehe du sagst gut, weil das kauf ich dir nicht ab.“

Hank zuckte mit den Schultern. Er konnte nicht genau definieren, wie es ihm ging.

„Emotional erschöpft trifft es vielleicht ganz gut.“, sagte er dann.

Antonio nickte langsam. „Das Gefühl ist verschwunden, stimmt’s?“

Hank nickte ebenfalls. „Nachdem du angeschossen wurdest. Es ist einfach verschwunden, als wäre es nie dagewesen.“ Seine Stimme wurde zunehmend leiser, als er sprach.

Es herrschte einige Sekunden Schweigen, bis Antonio sagte: „Ich glaube eine Umarmung würde uns beiden guttun.“ Hank nickte zustimmend und öffnete seine Arme. Antonio trat an Hank heran und schlang seine Arme um ihn.

Es war eine jener Umarmungen, bei der man den anderen nie wieder loslassen wollte. Bei der man sicherstellen konnte, dass es dem anderen gut ging, dass er lebte und, dass man selber lebte. Diese Art der Umarmung, die dir ein Gefühl der Sicherheit geben kann und bei der richtigen Person, ein Gefühl der Geborgenheit.

Hank und Antonio sogen die Gefühle beide in sich auf. Beide brauchten vom jeweils anderen das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit nach diesem Tag.

Nach einer kleinen Weile lösten sie sich wieder voneinander und schauten sich an. In ihren Augen strahlte ein Verständnis, eine emotionale Bindung, eine Liebe, für einander, die so viel tiefer ging als alles andere, dass man sich vorstellen könnte. Etwas, dass man nicht ihn Worten fassen konnte.

Antonio lehnt sich vor und küsste Hank. Der Kuss war sanft und liebevoll. Hank seufzte und schloss die Augen. Antonio tat es ihm gleich.

Der Kuss hätte auch noch den ganzen Abend weitergehen können, wenn nicht Antonios Magen auf einmal geknurrt hätte. Antonio wurde leicht rot und Hank lachte leise.

„Ich schätze mal, dass das unser Zeichen dafür ist, zur Pizzeria zu fahren.“, meinte Hank amüsiert.

„Wahrscheinlich.“, pflichte Antonio ihm bei. „Ich hol meine Sachen.“, fügte er dann noch hinzu und lief zu seinem Schreibtisch.

Hank nickte und nahm seine Jacke vom Kleiderhaken. Er löschte das Licht in seinem Büro und trat zu Antonio.“

„Fertig?“, fragte Hank.

„Fertig und bereit Pizza zu futtern.“, antwortete Antonio lachend, als er sich bei Hank unterhakte.

„Na dann, auf geht’s.“, sagte Hank. Und gemeinsam verließen sie das Gebäude.
Review schreiben