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Are you afraid?

GeschichteDrama, Humor / P16 Slash
Al Christina Eric OC (Own Character) Peter Tobias "Four" Eaton
27.04.2019
28.06.2020
32
94.475
22
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27.04.2019 3.659
 
Heute war es soweit. Heute war der Tag. Heute begann endlich mein Leben.

Mein Name war Athena, 18 Jahre alt, eine gebürtige Ken und heute sollte der erste Tag vom Rest meines Lebens sein. Heute würde sich entscheiden, in welcher Fraktion ich mein Leben verbrachte: bei den Ken, den Amite, den Candor, den Altruan oder den Dauntless.

Heute war der Tag der Bestimmung.

Ich sollte wohl ein bisschen ausholen, damit ihr auch mitkommt und versteht, was ich euch hier erzähle.

Unsere Gesellschaft wurde nach dem großen Krieg in fünf Fraktionen unterteilt, um den Frieden in unserer kleinen, heilen Welt zu wahren. Jede von diesen Fraktionen hatte ihren Platz und ihre Aufgaben in unserer Gesellschaft. Und ihre ganz eigenen Tugenden:

Die Ken, die Fraktion in der ich geboren und aufgewachsen wurde, waren unsere Klugscheißer und die Fraktion, der ich am wenigsten vertraute. Ach, was erzähle ich denn da? Der ich überhaupt gar nicht vertraute. Kein Stück. Ich hatte wirklich nur wenige Grundsätze in meinem Leben, aber einer davon war: "Traue niemals einem Ken.". Sie waren hinterhältig, emotionslos und wenn es um ihre Gier nach Wissen ging, absolut skrupellos. Aber das war meine Meinung. Ich war da etwas befangen. Aus Gründen.

Die objektive Vorstellung der Ken war eher: "wissbegierig, neugierig, intelligent. Die Mitglieder dieser Fraktion widmen sich der Wissenschaft; sie stehen für Wissensdurst, Gelehrsamkeit und Erfindergeist. Ihr Slogan lautet „Wissen bringt Wohlstand". Nach ihrer Überzeugung ist Unwissenheit der Kern allen Übels." So stand es jedenfalls in den Lehrbüchern, die man uns in der Schule um die Ohren gehauen hatte.

Dann gab es da die Altruan. Ken und Altruan waren sich nicht grün. Die Ken waren der Meinung, dass die Altruan allesamt schwachsinnige Blauäugige waren, die den Wohlstand der Gesellschaft verhinderten. Ob nun wohlwissend oder nicht, sei dahingestellt. Ich persönlich fand die Tugenden der Altruan nicht verkehrt, aber ihre Extreme kaufte ich ihnen nicht ab.

Aber kommen wir zu der Lehrbuchversion: "Sie gelten als absolut unbestechlich, weshalb ihnen die politische Führung anvertraut wurde. Sie sind außerdem zuständig für die gerechte Verteilung knapper Güter an die Bevölkerung. Für die Altruan sind Gier, Neid, Müßiggang, Genusssucht, Eitelkeit, Neugier, der Hang zu Sarkasmus - und sogar der Wunsch sich mittels Waffen verteidigen zu können - nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und desselben gefährlichen Lasters: des Egoismus." Das fand ich ja alles ganz nobel, aber kein Sarkasmus? Sie würden mich wohl als die Ausgeburt Satans sehen. Sarkasmus ist meine beste Waffe. Und wahrscheinlich auch einzige.

Allgemein betrachtet, fand ich es gut was die Altruan taten, aber erstens sollten sie dringend mal den Stock aus gewissen Körperöffnungen ziehen und zweitens war kein Mensch NUR selbstlos. Irgendwann kam jeder Mensch an den Punkt in seinem Leben, an dem er etwas egoistisches tun musste, um entweder sich selbst oder seine Liebsten zu schützen.

Aber gut. Kommen wir zu den Candor:

Die Candor und die Altruan mieden sich, wie nur irgendwie möglich. Die Candor waren den Altruan zu "unfreundlich, unhöflich und taktlos". Wenn man "ihre Welt" nicht gewöhnt war, war da auch vielleicht etwas Wahres dran. Die Welt der Candor war laut Lehrbuch "entweder weiß oder schwarz, aufrichtig und ehrlich oder verderbt und verlogen. Doppelzüngigkeit, leere Höflichkeitsfloskeln und Lügen sind den Candor ein Gräuel. Nach ihrer Überzeugung führen nur die ungeschminkte Wahrheit und bedingungslose Ehrlichkeit eine Gesellschaft zum Erfolg." Ich musste zugeben, dass die Candor einer meiner zwei Lieblingsfraktionen waren. Manchmal waren ihre knallharte Wahrheit, Disskussionsfreudigkeit und das Aufdrängen ihrer Meinung fragwürdig, aber ich schätzte Ehrlichkeit und Direktheit sehr. So schätzte ich auch die Candor. Seit ich klein war, hielt ich mich oft bei den Candor auf und hatte den Leuten bei Kleinigkeiten geholfen. Größere, oder besser gesagt, wichtigere Arbeiten, hätten sie mir niemals als "Außenstehende" anvertraut. Jack Kang, der Anführer der Candor, mochte mich aus irgendeinem Grund wohl ganz gern. Was ich sehr oft nicht verstanden hatte, bei ihren Tugenden.

Den Sarkasmus hatte ich nämlich schon als Kind.

Meist war ich immer im Justizgebäude, welches zum Areal der Candor gehörte und zeitgleich auch ihr Hauptquartier war. Es hatte mich schon immer fasziniert. All das Glas, die Durchsichtigkeit, die es mit sich brachte. Dieses Gefühl, dass das ganze Gebäude jeden Moment in Millionen von Teilen zerspringen könnte aber dennoch so standhaft war, wirkte auf mich eine ganz eigene Faszination aus. Als mich die Ken (oder meine Mutter) mal fragten, weshalb ich mich so für die Candor interessierte, sagte ich das, was ich auch sagte als die Frage aufkam, warum ich beim Besuchertag denn bei den Altruan, den Amite oder Dauntless war, obwohl ich keine Familie in diesen Fraktionen besaß:

"Ich bin eine Ken. Mich interessiert es, was die anderen Fraktionen machen. Ich will wissen was uns, trotz dieser enormen Unterschiede, in Harmonie so gut zusammenarbeiten lässt. Ich will wissen, wie sie leben, was ihnen Freude oder Trauer bereitet. Ich will sie VERSTEHEN. Deshalb besuche ich sie jedes Mal." Danach war das Thema auch vom Tisch. Diese Antwort verstand jeder Ken und ich hatte weiterhin meine Ruhe. Ich war zwar sehr gerne bei den Candor und ich war auch eine ehrliche Haut, aber lügen konnte ich dennoch recht gut. Oder war ich einfach nur eine super Schauspielerin? Ich wusste es nicht. So lange es funktionierte, war mir beides recht.

Aber apropos Lügen: Candor und Amite könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Candor betitelten die Amite als "weltfremde Träumer" (was sie auch waren). Sie warfen ihnen Unaufrichtigkeit vor: "Sie würden alles unter den Tisch kehren, was ihr Harmoniebedürfnis stören könnte." So die Aussage der Candor. Ich war auch kein Freund der Amite. Dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Gehabe machte mich wortwörtlich wahnsinnig. Wenn ich den ganzen Tag grinsend, mit Blümchen in den Haaren und Kleidchen durch Mutter Natur springen würde, könnte man mich auch direkt zu den Fraktionslosen schicken. Die waren mir lieber als dieses "ich muss jeden umarmen und liebhaben und mich niemals aufregen. Egal, ob gerade meine Katze überfahren, mein Sohn ertrunken oder mein Mann lachend in eine Kreissäge gesprungen ist." Das machte mich kirre. Nein, wirklich. Ich hasste es. Verstehen konnte ich die Candor also.

Laut Lehrbuch waren die Amite "abseits der großen Stadt, auf dem Lande und widmen sich dem Anbau von Grundnahrungsmitteln oder arbeiten als Berater und Verwalter. Sie sind naturverbunden, haben den sprichwörtlichen „grünen Daumen", lieben die fröhliche Geselligkeit und sind die einzige Fraktion, die sich in Kunst und Musik hervortut. Freundschaft und Harmonie geht den Mitgliedern dieser friedliebenden Fraktion über alles. Jede Form der Aggression ist ihnen zutiefst zuwider; in ihr sehen sie das Grundübel für den Zerfall einer Gesellschaft." Natürlich lehnte ich die Amite nicht von Grund auf ab, ganz im Gegenteil sogar. Ich schätzte viele Amite für ihr sonniges Gemüt und die Kunst, deprimierte Menschen dauerhaft aufzumuntern, bis der Grund für diese Traurigkeit beseitigt war. Aber dieses Hippie-Getue. Argh!

Aber wo wir vorhin bei "Aggression" waren, könnten wir auch direkt weiter zur letzten Fraktion kommen; den Dauntless. Von den übrigen Fraktionen wurden die Mitglieder als nicht besonders intelligent eingestuft. Sie galten als skrupellos, gewaltbereit, brutal und grausam.

Kompletter Blödsinn!

Stolz, Mut und Tapferkeit. Das waren die wahren Werte eines Dauntless. Die Ehre ging über alles, sie war wichtiger als Vernunft oder Verstand. Es wurde gekämpft, bis der letzte Atemzug genommen, der letzte Mann gefallen oder der letzte Unschuldige in Sicherheit gebracht wurde. Aufgeben war keine Option. Niemals. Genauso wenig war es eine Option, sich seiner Angst hinzugeben. "Feigheit ist es, die zum Verfall der Gesellschaft führt; sie ist die Wurzel allen Übels." Angst lässt den Menschen die grausamsten Dinge tun. Sie holt die dunkelsten und tiefsten Abgründe einer Person hervor.

Die Dauntless waren laut, gaben nichts auf das Gerede der Leute, taten das was sie tun möchten und wann sie es tun möchten und beschützten die, die sich nicht selbst schützen konnten. Sie gingen waghalsige Mutproben ein, lebten voller Risiko...

…und voller Leidenschaft.

Das war es, was ein Dauntless ausmachte. Das und noch so vieles mehr. Die Dauntless waren auch die Fraktion, der ich....

"Athena! Athena, wo bleibst du denn? Du willst doch nicht zu spät kommen! Komm frühstücken!" Der Sekretär meiner Mutter, Jeff, riss mich aus meinen Gedanken. Seufzend schwang ich die Beine über den Rand meines Bettes und stiefelte Richtung Tür. Als ich die Treppe runter kam erblickte ich Jeff, welcher vor sich hinmurmelnd und wie ein gestochenes Huhn durch Küche, Diele und Wohnzimmer rannte. ~ Ein Hamster auf Koffeinschock. ~

„Ich hoffe du bist nicht jetzt erst aufgestanden. Du musst in einer Stunde am Platz sein!" Ich schleppte mich Richtung Küche, setzte mich an den schon gedeckten Tisch und schmierte mir, in aller Seelen Ruhe, meinen Toast. „Ich bin schon seit vier Uhr morgens wach. Hast du etwa am Tag deiner Bestimmung schlafen können?" augenbrauenhebend schmierte ich mir weiter meinen Toast. „Ist sie schon da?"  Ich hörte wie Jeff ein „Ja." Seufzte und ich schnaubte. „Natürlich ist sie das."

~ Natürlich hält sie es nicht für nötig, wenigstens heute mit mir zu frühstücken. Am Abend bin ich schließlich immer noch ihre Tochter und eine Ken. ~  Wie ich so bitter vor mich hin lachte, sah Jeff mich verdutzt an. „Schon gut, Jeff. Ich musste nur gerade an etwas Lustiges denken."

„Ach und an was?" fragte er mich neugierig, sah dabei aber nicht von seinem Papierstapel auf. Er schien etwas zu suchen. ~ An das dumme Gesicht meiner Mutter, zum Beispiel? ~ Ich grinste bei dem Gedanken mampfend in meinen Toast hinein, bis ich schließlich neunmalklug antwortete: „Ach, nur an diejenigen, welche die Initiation auf die leichte Schulter nehmen und für ein kleines Spiel halten." Jeff nickte heftig. „Ich bin froh, dass wenigstens du das erkannt hast. Viele in deinem Alter, auch damals bei mir oder deiner Mutter, verstehen nicht die Schwere ihrer Entscheidung." Stolz über seine Aussage, überflog er weiter den Papierstapel vor sich. Unschuldig biss ich in meinen Toast. ~ Nur, dass ich meine Mutter meine, Donkey.~

Jeff war seit zwei Jahren die linke Hand meiner Mutter. Zu meinem Bedauern war ich leider nie darauf gekommen, wer ihre Rechte gewesen war. Sie meinte immer, Jeff wäre diese, aber ich kannte meine gnädige Frau Mutter. Sie hatte jemanden, der ihre dreckige Wäsche wäscht und ihre Drecksarbeit erledigte. Selbstverständlich würde Ms. Perfect das niemals im Leben zugeben. Vor allem nicht, dass sie überhaupt dreckige Wäsche besäße.

Zu meinem Leidwesen musste ich zugeben, dass ihre Rechte ziemlich gut darin war, sich bedeckt zu halten. Bis heute hatte ich nicht herausgefunden wer sie war. Und ich wusste, sie existierte. Mit wem sonst telefonierte meine Mutter nachts heimlich und plante die verschiedensten Dinge? Oder hatte mysteriöse Termine zu den fragwürdigsten Uhrzeiten? ~ Nun ja, jetzt werde ich es wohl auch nicht mehr erfahren. ~ Ich sah Jeff dabei zu, wie er hastig und unkontrolliert über seine verstreuten Papiere schaute. Er war ein guter Mann. Jung und übereifrig, sowie naiv und tollpatschig. Aber er machte seine Arbeit gewissenhaft und das Wichtigste: er war meiner Mutter loyal und untergeben. Er bewunderte sie regelrecht. „Sag mal Jeff, du bist 24 oder?"

Er schien immer noch etwas in diesem Papierchaos zu suchen. „Ja, wieso?" Ich beugte mich über den Tisch und zog gezielt, mit dem Toast im Mund balancierend, ein Blatt Papier aus dem Stapel und reichte es ihm. „Hier." Er sah verdutzt zu mir und dann auf das Dokument. Eine leichte Röte breitete sich auf seinem Gesicht aus „D-Danke Archi." Ich schmunzelte verschmitzt „Nicht dafür."

~ 24 und meiner Mutter hörig und schon so verfallen. Armer Donkey. ~ Plötzlich schreckte Jeff auf. „Heilig's Blechle! Noch 34 Minuten bis zu deiner Initiation. Ab mit dir oder du kommst zu spät!" Er sprang auf, schob mich vom Stuhl, durch die Küche, über den Flur und auch schon aus der Haustür heraus.

„Ehm Jeff?"

„Ja? Was denn? Haben wir was vergessen?" Nervös sah er sich schnell über die Schulter und murmelte vor sich hin, was er denn alles hätte vergessen können. „Der Herd ist aus. Dokumente sortiert. Ms. Matthews Kostüm in der Reinigung. Die Klage bei den Candor..." Ich sah mir das Schauspiel grinsend an, bis ich den armen Esel von seinem Leid erlöste und auf unsere Füße deutete. „Schuhe." Wieder sein verdutzter Blick und wieder seine Röte im Gesicht. „Oh." Beschämt kratzte er sich am Hinterkopf „Stimmt. Die sollten wir anziehen."

~ Ich werde dich wahrlich vermissen. ~  Ich holte sein und mein Paar Schuhe, reichte ihm die seine und setzte mich auf die Steintreppe vor unserem Haus. „Oh Donkey, was würdest du nur ohne mich machen?" Unbeholfen zog er sich seinen linken Latschen im Stehen an und fiel dabei fast hin. „Du sollst mich doch nicht so nennen!" Ich schmunzelte „Du wirst immer mein Donkey sein. Das weist du aber auch." Nachdem er beim zweiten Schuh ebenfalls fast hingefallen wäre, setzte er sich zu mir. Seufzend. „Ja, ich weiß."

Er sah mich von der Seite an und dann wieder auf seine Schuhe, die er beide endlich anhatte. Erneut ertönt ein Seufzer neben mir. „Ich wäre ziemlich aufgeschmissen und höchst wahrscheinlich meinen Job los." Wir sahen einander an und fingen beide an zu lachen. Freundschaftlich klopfte ich ihm auf die Schulter und schüttelte leicht mit dem Kopf. „Meine Mutter weiß um deinen Fleiß und Ehrgeiz. Du kommst auch ohne mich ganz gut klar." Ich zwinkerte ihm zu. „Nur nicht mehr ganz so schnell." Er kratzte sich, erneut verlegen, mit dem Zeigefinger die Wange. „Das stimmt wohl."

Plötzlich weiteten sich seine Augen und er sprang auf. „Meine Güte wir kommen zu spät. Hoch mit dir!" Unsanft riss Jeff mich am Unterarm hoch und zog mich mit sich mit. Ich ließ ihn passieren und lächelte etwas wehmütig in seine Richtung. ~ Ja, ich werde dich tatsächlich vermissen, mein kleiner Esel. ~  

Der Platz, an dem die Bestimmungszeremonie stattfand, war ca. zehn Minuten von unserem Zuhause entfernt. Langsam wurde ich innerlich ganz hibbelig. Nicht nervös, eher aufgeregt. Ich begann gleich ein ganz neues Leben.


Sobald ein Mitglied unserer Gesellschaft 18 Jahre alt wurde, musste er oder sie an der Bestimmungszeremonie teilnehmen. Diese war jedes Jahr am selben Tag und wurde jedes Mal von einer anderen Fraktion geleitet. Dieses Jahr waren es die Altruan.

Zuerst wurden alle Anwesenden durch das Oberhaupt der organisierenden Fraktion begrüßt. Danach wurden diejenigen aufgerufen, die sich für eine Fraktion entscheiden mussten und der oder die Aufgerufene bekam ein Messer in die Hand gedrückt, musste sich in die Hand schneiden und einen Tropfen Blut in eine der Steinschalen fallen lassen. Der Inhalt dieser Schale verkörperte die dazugehörige Fraktion:

Glas für die Candor, Erde für die Amite, Steine für die Altruan, Kohlen für die Dauntless oder Wasser für die Ken. Ist eben ein alteingesessenes Ritual. Wichtig war zu wissen, dass man sich entscheiden musste und auch nur einmal entscheiden konnte. Man entschied sich nicht für eine Fraktion, weil man dort hineingeboren wurde, oder weil dort alle Freunde waren oder die Familie herkam. Nein...

„Fraktion vor Blut."  Dieser Leitsatz hielt unsere Gesellschaft am Laufen.

Du entschiedst dich für eine Fraktion, weil sie das war, was dich selbst wiederspiegelte. Johanna Reyes zum Beispiel. Sie war eine geborene Candor und war nun die Anführerin der Amite. Ihr Wesen passte nicht zu den Candor, sondern zu den Amite.

Eine Fraktion verlangte uneingeschränkte Loyalität von ihren Mitgliedern. Die Fraktion glich deiner Familie. Nein, sie WAR deine Familie. Kamst du ursprünglich aus einer anderen Fraktion, konntest du deine Freunde und Familie aus dieser am Besuchertag besuchen. Doch meist machte man das die ersten drei Monate und dann nie wieder. Das, so fand ich, war ein großer Makel in unserer Gesellschaft; dieser Tunnelblick. Um meine Familie war es mir nicht schade, aber manche kamen aus einem liebenden Elternhaus und ließen dieses hinter sich. Sie vergaßen es. Aber so war das nun mal mit „Fraktion vor Blut".

Mittlerweile waren Jeff und ich am großen Platz angekommen. Es wurden fünf Tribünen, für jede Fraktion eine, aufgebaut und in der Mitte ein kleines Podium. In der Mitte des Podiums war ein halbovaler Tisch mit fünf Steinschalen und einem Messer aufgebaut worden. Und es herrschte reges Treiben. Menschen aus sämtlichen Fraktionen liefen hin und her und versuchten einen guten Platz zu ergattern, um einen Blick auf die diesjährigen Initianten zu werfen. „Komm, da hinten ist noch ein Platz frei. Setzen wir uns dahin."

Mein Blick schweifte über die Tribünen. Witzig, wie sich die Menschenmassen voneinander abhoben. Die Tribüne der Altruan stach mit ihren Grautönen hervor, was das Gelb und Grün der Amite daneben nur stärker wirken ließ. Die dritte Tribüne hatte die Farbe des Meeres; Blau für die Ken. Die vierte Tribüne hingegen brannte wie Feuer. Die Dauntless knallten mit ihrem Schwarz und den feuerroten Akzenten in die schwarz-weiße Harmonie der Candor auf Tribüne Fünf. Die Fraktionen unterschieden sich in so vielerlei Hinsichten. Nicht nur in ihrer Weltanschauung.

Ich setzte mich mit Jeff ziemlich weit von dem Podium entfernt, auf die oberen Plätze der Tribüne. Wir saßen direkt an der Treppe und ich schaute mir den Trubel der Dauntless neben mir an. „Müssen sie immer so laut und auffallend sein?", schnaubte Jeff herablassend neben mir und verdrehte die Augen. „Mhm." Hörte man mich nur murmeln. Ich beobachtete einen Jugendlichen der Dauntless, welcher mit mir zur Schule ging. Uriah. Er war dunkelhäutig, in meinem Alter und eigentlich immer gut drauf. Viel zu tun hatte ich aber nicht mit ihm. Ich beobachtete, wie er einen Älteren in den Schwitzkasten nahm und beide lachten laut und ausgiebig.

„Keinen Respekt. Vor nichts."

„Mhm."

„Na ja, außer vor ihren Mutproben, Muskeln und Waffen natürlich.", neunmalklugte Jeff neben mir. Langsam von seiner, den Dauntless gegenüber arroganten Art genervt, drehte ich mich zu ihm um, um etwas zu erwidern, doch im selben Moment drehte er sich gespannt nach vorne „Es geht los!", stieß er, nach Luft schnappend, hervor. Auch ich wandte mich zum Podium und bemerkte, wie in mir anfing ein noch nie dagewesenes Feuer zu lodern. Dieses verebbte jedoch schnell, als ich nach vorne auf die fünf Plätze der Fraktionsanführer sah. Dort saßen Johanna Reyes, die Anführerin der Amite, Jack Kang, das Gesicht und Sprachrohr der Candor, Marcus Eaton, der Anführer der Altruan, Max, der Kopf der Dauntless und Jeanine Matthews, die Ausgeburt einer Ken und.... meine Mutter.

~ Sie sieht mich nicht einmal an. ~ Sie war sich so sicher, dass ich in meinem Herzen eine Ken war, dass sie sich keinerlei Sorgen machte, was heute passieren könnte. Über die noch kommende Ironie schmunzelnd, blickte ich zu Marcus Eaton, der sich bereits von seinem Stuhl erhoben hatte und seine Rede hielt. Ich wurde wieder hibbelig. Ungeduldig auf das Bevorstehende wartend, biss ich mir auf die Unterlippe.

„Hey! Psst!" Ich drehte mich zu dem Geräuschverursacher und blickte in braune Augen.

Der Jugendliche von gerade eben hatte sich zu mir hin gebeugt und deutete mit dem Zeigefinger Richtung meiner Hände. „Aufgeregt, Ken?" Er grinste breit. Auch ich sah runter zu meinen Händen und bemerkte, dass sich meine Fäuste in das Holz der Tribüne eingegraben hatten und meine Fingerknöchel weiß angelaufen waren. Ich ließ die Tribüne los und grinste den Dauntless zwinkernd an. „Nur gespannt darauf, dass endlich Blut fließt." Er sah mich weiterhin grinsend an und nickte zustimmend „Oh ja, ich kann es kaum erwarten. Ich-"

„Seid leise und nicht so unhöflich! Das ist ein heiliges Ritual!" zeterte Jeff neben mir und blickte, so schnell er sich aufgeregt hatte, auch schon wieder gen Podium und lauschte gespannt den Worten Marcus. Mit den strahlenden Augen eines Kleinkindes.

Er war schon immer begeistert vom Tag der Bestimmung gewesen. Jedes Jahr aufs Neue. Ich hob skeptisch eine Augenbraue und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ein letztes Mal zum Dauntless drehend, richtete ich den Zeigefinger an meine Schläfe und drehte diesen, mit einer Grimasse im Gesicht. Wir beide lachten gemeinsam leise in uns hinein und widmeten uns darauf ebenfalls dem „heiligen Ritual".

Marcus Eaton hatte seine Rede beendet und es folgte kein höfliches Klatschen, sondern eine angespannt Stille. ~ Es geht los. ~ , dachte ich und beugte mich wie automatisch nach vorne, um auch ja nichts zu verpassen.

Marcus holte eine Rolle von meiner Mutter, entfaltete diese und fing an die nach Alphabet sortierten Namen herunter zu lesen. „Jener, dessen Namen aufgerufen wird, kommt bitte nach vorne, nimmt das Messer und entscheidet sich für seine, von ihm gewählte, Fraktion.", erklärte Marcus.

~ Wir sind bei A. ~ Viele blieben in ihrer gebürtigen Fraktion.

~ Erst bei E. ~ Doch auch manche wechselten. Zum Leidwesen ihrer Eltern.

Jedes Mal, wenn eine Fraktion gewählt wurde, erbebte dessen Tribüne.

~ Okay, wir kommen der Sache näher. I. ~ Doch keine so laut, wie die der Dauntless. Diese riss jedes Mal gefühlt ihre Tribüne auseinander.

„Athena Matthews!"

Stille. Unglaubliche Stille. Das war es, was ich noch wahrnahm. Ich blickte einmal aufgeregt zu Jeff. Dieser nickte glücklich. Es brach mir das Herz. Doch dann blickte ich, herausfordernd, nach vorne zur Stuhlreihe der Anführer. ~ Jetzt sind deine Augen endlich auf mich gerichtet. ~, dachte ich, als mich die blauen Augen meiner Mutter hart und kühl trafen. ~ Zu spät. ~

Wie auf Kommando sprang ich auf, lief stolzen Schrittes und zielsicher Richtung Podium, nahm das Messer in meine Hand und stellte mich an den halbovalen Tisch mit den Steinschalen. Ohne zu zögern schnitt ich mir damit in die Handfläche und ließ, während ich hinauf zu den Tribünen sah, über der Schale meiner gewählten Fraktion, mein Blut tropfen.

Der Platz erbebte. Die Stille ist von Klatschen, Jubelrufen, Gepfeife und Fußgetrampel der vierten Tribüne beiseite getrieben worden, als mein Blut auf die heißen Kohlen tropfte.

Ich war eine Dauntless. Und nun begann mein Leben.
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