Fallen Ͼhildren

GeschichteDrama, Suspense / P16
Atsushi Nakajima Chuya Nakahara Dazai Osamu OC (Own Character)
27.04.2019
30.12.2019
12
14340
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Mary Shelley war recht klein für ihre neunzehn Jahre. Dennoch besaß sie das Temperament eines tollwütigen Hundes - wahrscheinlich um ihre geringe Körpergröße auszugleichen. Das rostbraune Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten, der bei jeden ihrer Schritte wie ein Pendel ausschlug. Unweigerlich erinnerte dies Fingal an einen grasenden Ochsen.
Seine blonden Haare hingegen hingen Fingal Wills wirr im Gesicht und bedeckten den Großteil seiner Augen, sodass man die grauen Irden dahinter mehr erahnte als tatsächlich sah.
Dem hochgewachsenen jungen Mann reichte Mary gerade mal bis zur Brust und so wirkte das ungleiche Paar ungewollt komisch, als sie durch die Menschenmenge schritten.
Carmille.", klang Marys Ruf immer wieder über die Köpfe der Passanten hinweg. Die empörten Blicke schienen sie dabei völlig kalt zu lassen.
Anders Fingal.
Auf jeden Ruf nach Carmille folgte stetig seine verlegende Entschuldigung.
„In diesem Land ziemt es sich nicht in der Öffentlichkeit herum zu brüllen.", richtete er nun das Wort an Mary. „Wir suchen bereits seit einer Stunde. Lass uns zurück zum Hotel gehen. Sie taucht schon wieder auf. Tat sie immer."
„Wenn wir sie nicht finden, steckt sie schon bald wieder in irgendwelchen Schwierigkeiten. Die wir dann wieder ausbaden dürfen." Mary dachte nicht daran umzukehren. Sie würde Carmille finden und wenn sie ganz Yokohama auf den Kopf stellen müsste. Kurz darauf erblickte sie tatsächlich einen vertrauten Schopf, der sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Ein letztes Mal holte sie tief Luft, legte all ihre Kraft in diesen einen Ruf und brüllte erneut: „Carmille!"
Der dunkle Schopf hielt abrupt inne und drehte sich nach dem Rufer herum.
Als Carmille erkannte, wer da ihren Namen durch die Straßen brüllte, winkte sie den Beiden entgegen. Mary stürmte ungehalten auf Carmille zu. „Wie kann man nur dermaßen verpeilt sein?"
„Habe ich dich verärgert, Mary?" Carmilles schwarze Augen sahen teilnahmslos auf die um Atem ringende Gestalt herab.
Carmille überragte Mary ebenfalls um eine Kopflänge. Da Mary nun leicht in die Knie gegangen war, wirkte sie umso kleiner. Auf Carmilles Worte hin hob Mary wütend den Blick und deutete anklagend auf eben Jene. „Wie oft muss ich es dir noch sagen? Zieh dir gefälligst etwas an."
„Ich habe etwas an.", dezent verwirrt blinzelte Carmille ihr entgegen - sie konnte Marys Wut nicht nachvollziehen. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst."
Nun färbte Marys Gesicht sich leicht rötlich.
Besorgt neigte Carmille den Kopf: „Du bekommst wieder diese Flecken."
„Ich denke, was Mary versucht dir zu sagen ist, dass ein Nachthemd nicht die passende Ausgangskleidung ist." Hinter Mary war Fingal getreten, der mittlerweile zu den Frauen aufgeholt hatte. Seine Aussage überprüfend, blickte Carmille an sich herab. Tatsächlich trug sie noch ihr Nachthemd. Nicht mal Schuhe hatte die junge Frau sich angezogen.
Seufzend fuhr sie sich durch das lange Haar. Sonst war sie nicht so kopflos. Es war allein dem Umstand des bevorstehenden Vollmondes zu verdanken. In diesen wenigen Tagen im Monat stand Carmille völlig neben sich. Jetzt bemerkte sie auch die neugierigen Blicke, der vorübergehenden Passanten.
Fingal sag, wie lang laufe ich schon so herum?"
„Du hast das Hotel vor zwei Stunden verlassen."
„Dann werde ich wohl umkehren müssen."
„Wir kehren nicht um! Durch deine Aktion haben wir genug Zeit verloren."
„Wir sind an keinen Zeitplan gebunden. Für Mutter zählt allein, die Erfüllung des Auftrages."
Fingal! Ich bleibe nicht länger als nötig in dieser Stadt! Schon gar nicht wegen dieser Blödbumse!"

-     „Was ist eine Blödbumse?" -

„Carmilles Kleidung fällt unter öffentliches Ärgernis. Es ist nur eine Frage der Zeit bis ein rechtschaffener Bürger die Polizei alarmiert.", gab Fingal ruhig zu bedenken. Sein Einwand beeindruckte Mary wenig, stattdessen griff sie nach seinem Trenchcoat.
Mit einem heftigen Ruck hatte sie ihm den Mantel entrissen und diesen Carmille in die Arme geworfen. „Zieh den hier über. Ein paar Schuhe werden wir dir schon irgendwie besorgen."
Während Fingal den nächsten Einwand vorbrachte, schlüpfte Carmille in den Trenchcoat, der tatsächlich das Nachthemd verbarg, und knöpfte diesen bis zum Hals zu.
„Wo sollen wir denn anfangen, Mary? Planlos losrennen, erscheint mir unnötig."
„Yokohama ist nicht endlos. Irgendwo werden wir schon fündig werden." Mit diesen Worten stampfte Mary an Fingal vorbei. Carmille zurrte den Gürtel enger, warf die Haare zurück und tapste barfüßig hinter Mary her.
Sich in seinem Schicksal ergebend, folgte wenig später auch Fingal den Kameradinnen. „Du hast nicht zufällig eine Idee wie wir es finden?", wandte er sich an Carmille, während er zu der Dunkelhaarigen aufschloss.
„Nein. Doch unsere Anwesenheit ist nicht unbemerkt geblieben."


♤ • ♤ • ♤



Die Waisen?" Atsushi Nakajima blickte fragend zu seinem bebrillten Kollegen.
Kunikida hatte auf den Tisch vor ihnen drei Bilder gelegt. Die Fotographien waren vor einigen Tagen am Hafen gemacht worden und zeigten zwei junge Frauen und ihren Begleiter, die gerade ein Frachtschiff verließen. Scheinbar waren sie über eine Schmuggelroute nach Yokohama gereist.
„Eine kriminelle Organisation, die hauptsächlich in Europa tätig ist. Der Großteil ihrer Mitglieder besitzen Fähigkeiten. Den Namen ‚die Waisen' erhielt sie wohl, da ihre Leiterin stets nur Mutter genannt wird. Die Aktionen der Untergrundorganisation sind vielseitig und reichen von Drogenhandel über Schmuggel bis hin zu Auftragsmord."
„Und was haben wir damit zu tun?", mischte sich Osamu Dazai in Kunikidas Schilderung. Lustlos hatte das schrullige Mitglied der Bewaffneten Detektive seinen Kopf auf die Tischplatte gelegt und sah desinteressiert zu seinem Kollegen auf.
„Man bat uns herauszufinden, was Mitglieder der Waisen in die Stadt treibt." unbeirrt beendete Kunikida seine Ausführung. Was Dazai nicht dran hinderte seine Vermutung zu äußern: „Vielleicht suchen sie ein beschauliches Plätzchen für einen Gruppensuizid."
„Schließ' nicht so einfach von dir auf Andere!", hallten prompt Kunikidas wütende Worte durch den Besprechungsraum. Atsushi beachtete die ungleichen Partner nicht weiter, allzu vertraut war das tägliche Theater zwischen Dazai und Kunikida. Stattdessen nahm er eines der Fotos und betrachtete das Bild schweigend.
Die junge Frau darauf hatte langes, dunkles Haar. Dessen schwarze Färbung erinnerte Atsushi an das Federkleid eines Raben. Ihr Teint war von blasser Natur und ließ die ebenso schwarzen Augen umso dunkler wirken. Das Bild war dem Detektiv besonders aufgefallen. Im Gegensatz zu ihren Begleitern blickte die Frau direkt in die Kamera. Hatte sie gewusst, dass man sie beobachtete?
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