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Wer bremst verliert

KurzgeschichteAbenteuer / P12
OC (Own Character)
27.04.2019
27.04.2019
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Es ist ein Sprintrennen. Von hier bis zum Bahnhof. Die Strecke liegt schnurgerade vor mir. Später wird es natürlich noch ein paar Kurven geben. Ohne wäre es ja langweilig.
Alle vier Wagen rollen an die Startlinie. Ich bin natürlich mit meinem schwarzen Eclipse dabei. Seit gestern hat er das orangerote Drachenvynyl an der Seite. Daran, dass die Autos im Underground auffällig sein sollen muss ich mich noch gewöhnen. Die fette Soundanlage lässt wummernd die Bässe durchs Auto vibrieren. Rechts neben mir fährt ein bescheuert grinsender Blender mit seinem hässlichen RX7 vor. An sich wäre das Auto ja ganz hübsch, wenn er es nicht so bekloppt lackiert hätte. Was sollen all diese merkwürdig verteilten Spritzer? Muss der was kompensieren? Links neben mir lässt ein ungeduldiges Mädel ihren roten, hübschen Honda S2000 aufheulen. Der hört sich mächtig aufgebohrt an. Könnte sehr interessant werden. Wer im ganz linken Auto sitzt kann ich nicht sehen. Es ist ein orangener Skyline mit Allerweltsstreifenmuster. Eine junge, knapp bekleidete Frau schreitet die Startlinie entlang. Nicht zum ersten mal frage ich mich, ob sie keine Angst hat zwischen all den PS nicht unter die Räder zu kommen. Vermutlich gehört dabei eine ganz eigene Art von Mut dazu.
Sie hebt die Arme, alle warten ungeduldig, sie gibt das Zeichen, die Motoren heulen auf, Reifen quitschen und die vom RX7 drehen voll durch. Kein Gefühl im Bein, der Junge, ts. Der Honda führt, mein Eclipse und der Nissan sind gleich auf und hinten gurkt der andere Typ rum. Den vergess ich zwar nicht, aber entscheidend ist er erstmal nicht. Der S2000 muss vorne ausweichen, weil ein weißes langweiliges Auto entgegenkommt. Das ist meine Chance aufzuholen. Ich ziehe am Weißen Knapp vorbei und schnappe mir die Führung. Doch zu früh gefreut, der Fahrer des Skyline hat sich offenbar das gleiche gedacht. Der Wagen hat mehr Power als mein Eclipse und zieht einfach ab. Jetzt überholt mich auch wieder der S2000.
Da vorne ist eine Kreutzung. Rot, doch niemanden von uns interessiert das. Störend ist aber, dass die normalen Verkehrsteilnehmer anhalten, bleibt nur die Gegenfahrbahn. Geschickt manövrieren sich  der Honda und der Nissan durch, doch für mich bleibt da kein Platz mehr. Verflixt. Entschlossen lenke ich den Eclipse auf den Gehweg. Zu der Zeit ist ja eh keiner da. Es rumpelt als ich eine Menükarte umfahre, die da irgendein Honk von Kellner vors Restaurant gestellt hat. Der Lack ist hin. Egal, muss es durch. Mein Wagen schießt an der Mauer entlang, ob von vorne rechts was kommt ist ein Glücksspiel. Die Mauer zieht vorbei. Für einen Liedschlag lang habe ich freie Sicht. Von links kommt etwas, aber es ist noch Platz ... rechts ... Scheiße! GAS! Ein Lieferwagen ist auf Kollisionskurs. Zuerst denke ich wir stoßen zusammen, doch dann fahre ich doch einfach weiter. Da waren dann wohl doch noch zehn Zentimeter Platz gewesen. Puh.
Weiter. Wo sind die anderen? Aus welchen Gründen auch immer liegt der Skyline wieder hinten. Der RX7 hat es irgendwie geschafft sich selbt vor den Honda vor mir zu setzen. Wie hat er denn das gemacht?
Vor mir parkt irgendein Depp mit 40 auf der Straße, mit einem eleganten Schlenker weiche ich aus und lasse es gleich in einen gezielten, langen Drift übergehen, denn es kommt die erste Kurve. Das hat Spaß gemacht, aber vielleicht hätte ich es lieber lassen sollen. Der Fahrer des Nissans hat eine andere Strategie verfolgt. Er fuhr wohl erst auf der Gegenfahrbahn und nahm die Kurve dann steil und hat sich so meinen Platz geholt.
Liege ich jetzt wirklich hinten? Verdammt. Das muss ich wieder ändern. Ich kenne da eine Abkürzung. Die Reifen quitschen, als ich das Lenkrad herumreiße und den Eclipse nach links in eine enge Nebenstraße lenke. Eine Einbahnstraße, aber in welche Richtung es hier geht weiß ich nicht. Wer achtet denn auf sowas?
Die Straße ist leicht huppelig und der Wagen läuft unruhig. Es ist schwer ihn in der Spur zu halten, er schaukelt sich immer weiter auf. Und was ist das? Müll! Vermutlich wurde er rausgestellt, weil er morgen abgeholt werden soll. Die Mülleimer krachen gegen meinen Eclipse und hinterlassen bleibenden Eindruck. Die Deckel fallen ab und etwas von dem leichteren Müll verteilt sich auf der Windschutzscheibe. Super Idee hier langzufahren.
Es ist schwer was zu sehen. Im Blindflug lasse ich den Scheibenwischer an, damit er endlich diese blöden Bananschalen und was auch immer der Rest da ist, wegwischt. Ah, endlich wieder Sicht. Und Gegenverkehr! Offensichtlich geht die Einbahnstraße andersrum. Ich sehe nur helles Licht, mein Gegenüber ist wohl empört und will mich mit seiner Lichthupe blenden. Hilft nichts. Ausweichen nach rechts. Mein Eclipse schrammt leicht an einer Hauswand entlang, aber ich entkomme einem potenziell tödlichen Zusammenstoß um Haaresbreite. Da vorne, endlich, die Hauptstraße. Kurz bevor sich die beiden Straßen kreuzen ist die Straße leicht gewölbt, was meinen Eclipse veranlasst einen kleinen Satz zu machen. Laut kracht die Karosserie, was selbst durch die hämmernde Musik zu hören ist. Ich sehe nach rechts und erblicke den grünen RX7, der gerade an mir vorbeirauscht. Bei den anderen beiden bin ich mir nicht sicher wo sie sind. Ich setze mein Nitro ein und ziehe grinsend an dem RX7 vorbei. Der Verkehr ist jetzt nicht mehr so dicht, das macht es einfacher. Euphorie und Adrenalin mischen sich in meinem Körper zu einem wunderbaren Coctail des Glücks.
Ich muss bremsen, als die nächste Kurve kommt, doch meinen Kontrahenten habe ich weit zurückgelassen. Soll er sehen wie er das wieder aufholt. Doch als ich um die Ecke bin, sehe ich, dass der Honda und der Nissan weit vor mir liegen. Verdammt. Jetzt muss ich aufs Ganze gehen. Die nächste Kurve nehme ich aggressiver. Ich bremse nur kurz und lenke. Aufgrund der völlig überzogenden Geschwindigkeit bricht der Wagen aus. In der kritischen Phase im Scheitelpunkt der Kurve schalte ich runter, wild heult der Motor auf, ich gebe tüchtig Gas und der Eclipse springt nach vorne und stabilisiert sich. Die nächste Kurve nehme ich auf die gleiche Weise. Jetzt hole ich richtig auf. Wieder eine Kreutzung. Ich schätze ab und suche einen Weg durch die fahrenden Autos. Passt, denke ich und fahre einmal um einen Meter und ein anderes mal um noch weniger an den Autos vorbei die grün hatten. Sag ich doch, es war noch Platz. Diese Aktion hat mir viel Zeit reingeholt. Die beiden Fahrer vor mir waren nicht so unerschrocken und sind vorsichtiger durch die Gefahrensituation gekurvt. Sie sind jetzt zum Greifen nah. Vorne kommt wieder eine Kurve, die letzte, wie ich mich erinnere. Wer bremst verliert, denke ich, und nehme auch die letzte Kurve wieder ohne viel Bremsen und dafür mit Kurvenschalten. Ich rutsche lachend an meinen Kontrahenten vorbei und übernehme die Führung.
Da vorne ist das Ziel.
Gewonnen!
Was für ein Spaß.
Ok, das Auto hat ganz schön was abbekommen, aber das krieg ich schon wieder hin.
Wer ich ist? Ich bin Niemand.
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