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Sternenfeuer

GeschichteFantasy / P18 / Gen
Eris Vanserra OC (Own Charakter)
26.04.2019
03.05.2019
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3.696
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Dieses Kapitel
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03.05.2019 1.935
 
Immer in Bewegung
Immer auf dem Sprung
Bin ich wirklich auf der Suche
Oder nur süchtig nach Veränderung?

- Max Giesinger "Zuhause"



Die Nacht hatte sich endgültig über Velaris gelegt und damit wurde es auch langsam kühler. Der Winter hatte die Stadt noch vollkommen im Griff, auch wenn sich schon die ersten lauen Winde ankündigten. Es waren nur noch wenige Wochen bis zu Nynsar, bis zur Nacht der fallenden Sterne.

Liv hatte ihre dicke Kleidung gegen ein paar bequeme Hosen und einen dicken Pullover getauscht, bevor sie sich auf dem riesigen Balkon mit einem Buch in der Hand auf einen der gemütlichen Sessel in eine dicke Decke gekuschelt hatte. Der Sidra plätscherte unter ihren Füßen dahin und von weither klangen die liebreizenden Töne der Theater auf der anderen Seite der Stadt. Eine heiße Tasse Tee erschien auf dem kleinen Holztisch neben ihrer Sitzgelegenheit und wärmte sie etwas auf.

In den letzten 50 Jahren war Liv nur selten zuhause gewesen. Die meiste Zeit hatte sie in anderen Ländern, an anderen Höfen verbracht um den immer noch wankenden Frieden zu sichern. Sie hatte mit verschiedenen Lords und Ladys gesprochen, hatte geholfen Verbindungen zwischen den Reichen herzustellen, oft mit Tante Mor an ihrer Seite. Bei Unternehmungen in den sterblichen Ländern dagegen hatte sie meistens Lucien bei sich gehabt.

Heimweh nagte nur selten an ihr.

Es fühlt sich einfach nicht mehr wie Zuhause an.

Ihre goldbraunen Haare fielen sanft über ihre Schultern, als sich eine große Gestalt neben ihr auf einen anderen Sessel fallen ließ. Die schwarzen Haare fielen im locker ins Gesicht und riss sich das Buch aus ihren Händen.

„Schwesterherz, wieso bist du nicht unten in der Stadt und amüsierst dich ein wenig?“ Ihr Bruder legte das Buch zur Seite und sah sie mit seinen violetten Augen eindringlich an.

„Ryven, ich amüsiere mich. Alleine. Mit einem Buch.“ Liv strich die Haare hinter ein Ohr und warf ihm mit ihren blaugrauen Augen einen wütenden Blick zu. Dieser grinste nur verschlagen und schlug die Beine übereinander. Er trug noch seine illyrianische Lederkluft. Wahrscheinlich war er jetzt erst mit Cassian aus dem Lager zurückgekehrt.

„Niemand amüsiert sich gern alleine Livya. Außer vielleicht Tante Nesta und Amren. Was liest du da überhaupt?“ Ryven drehte das Buch um und verdrehte die Augen.

„Du hättest mit mir in das Lager zurückkehren sollen. Wir hätten zusammen etwas trinken können und…“

„…mich von den ganzen Bastarden dort wie ein Ausstellungsstück anglotzen lassen? Wieder das Getuschel und die verachteten Blicke über mich ergehen lassen sollen? Nein danke, Ryv.“ Mit unterdrücktem Zorn stellte sie die Tasse auf den Tisch und stand auf.

„Es ist jetzt fast 60 Jahre her. Irgendwann werden sie sich an deinen Anblick gewöhnen.“ Liv drehte sich abrupt um und ging schweigend zum Geländer. Die Lichter von Velaris leuchteten zu ihr hinauf. Ryven seufzte und beugte sich ebenfalls über den Balkon. Liv sah kurz zu ihm hin.

Rede mit mir Liv. Mir kannst du alles erzählen. Ich bin nicht Papa. Oder Cassian.

Sein Geist hüllte ihren ein und schmiegte sich wie ein wärmendes Feuer um ihr kaltes Herz. Liv rieb sich die Hände. Ihr Bruder griff nach ihrer Hand und sah sie aufmunternd an.

„Ich will nicht, dass sie sich an meinen Anblick gewöhnen, Ryv. Ich will nicht, dass sie VERGESSEN, was ich getan habe. Genauso wenig, wie ich nicht vergessen werde, was sie getan haben. Was sie vor hatten zu tun.“

„Liv, du sprichst immer von IHNEN und von UNS. WIR sind SIE. Wir sind Illyrianer. Genauso wie sie. Sie gehören genauso zum Hof der Nacht wie alle anderen.“ Ryven verschränkte die Arme vor der Brust.

„Die Aufgabe diesen Hof zu regieren wird nicht mir zuteil Bruderherz. Ich will es auch gar nicht. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Velaris. Und ich liebe euch. Aber einen Hof, der nicht zum Wandel bereit ist, in dem es nach Jahrhunderten immer noch diese veralteten Traditionen gibt, und sei es nur in der Höhlenstadt und den Lagern so… Ich kann das nicht, Ryven. Ich passe nirgendwo richtig dazu. Und werde es auch nie.“ Plötzlich schlang Ryven seine Arme um sie. Er war gute anderthalb Köpfe größer als sie und der Druck, den er ausübte, ließ sie kurz aufkeuchen. Dann schob er sie nur ein paar Zentimeter von sich und schüttelte sie leicht.

„Du bist die Tochter des High Lords und der High Lady des Hofs der Nacht. Du bist meine kleine Schwester und Teil des Hofs der Träume. Und du BIST Illyrianerin. Du hast das Blutritual bezwungen. Du hast dir diese Zugehörigkeit verdient, Livya.“ Sie schüttelte leicht den Kopf und drückte ihn seufzend von sich.

„Ryven, du kannst das nicht verstehen…“ Bevor sie noch etwas sagen konnte hörte sie Stimmen vor der Eingangstür.

„Verdammt, Cassian! Du hast den schönen Teppich mit deinen schlammigen Stiefeln total versaut! UND MEINE SCHUHE!“ Liv sah ihren Bruder an und kicherte. Ihre Tante Mor konnte SEHR sauer werden, wenn es sich um ihre Kleider drehte. Mor war furchtbar schlecht, wenn es um Geschenke machen ging, aber beim Einkaufen… Liv liebte es mit ihr tagelang auf weitläufigen Märkten und engen Gassen fremder Städte umherzustreifen und allmögliche Sachen aufzutreiben. Schmuck, Kleider, Waffen... Sie hatte mittlerweile für jedes Land immer ein passendes Outfit parat.

„Ach komm, so schlimm ist das doch nicht.“ Sie hörte das schwere Stampfen von Cassians Schritten und ging leise in Richtung Wohnzimmer und Treppe. Unten im Flur stand der Illyrianer breit grinsend mit ausgestellten Beinen, während Mor die Nase rümpfte und ihre goldenen Haare nach hinten warf. Cassian machte einen Schritt auf sie zu. Seine Lederkluft war übersäht mit Schlamm aus den Lagern und seine Haare waren komplett nass, vermutlich hatte es gerade heftig gewittert. Mor machte einen Schritt zurück und zeigte mit erhobenem Finger auf Cassian.

„Untersteh dich noch einen Schritt weiterzugehen! Du wirst alles dreckig machen!“ Sein Grinsen wurde breiter. Oh, Liv wusste genau was er vorhatte und brachte sich hinter dem Geländer schon mal lachend in Deckung. Mor sah überrascht zu ihr auf, da sprang Cassian auf sie zu und riss sie ihn seine Arme. Sie schrie auf und strampelte, doch er hatte sie unter den Armen gepackt und lachte heißer, während er den Kopf schüttelte und überall im Flur schwarz-braune Sprenkel verteilte.

Azriel erschien im Türrahmen und beäugte Cassians Werk kritisch. Dann sah er Mor, die noch völlig geschockt an sich herunter blickte, und fing an zu glucksen.

„Warte nur, bis Feyre das sieht.“

„Bis ich was sehe?“ Liv blinzelte über den Rand des Geländers. Ihre Mutter stand mit ihrem blauen Mantel in der Tür. Ihre Wangen waren rosig von der Kälte draußen und ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst.

Wir sehen uns so ähnlich.

Die graublauen Augen ihrer Mutter huschten zwischen Mor, Cassian und den Wänden hin und her. Azriel verzog sich immer noch grinsend in seine Schatten zurück. Plötzlich trat eine dunkle Gestalt von hinten an ihre Mutter heran und schlang einen Arm um sie. Ihr Vater war -wie immer- ganz in schwarz gekleidet und strich sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht, während er stirnrunzelnd das ganze Ausmaß betrachtete.

Feyre massierte sich nur die Schläfen und setzte auch schon an, um in das Wortgefecht einzugreifen, als hinter ihnen sich eine kleine Gestalt bemerkbar mache.

Amren zog die Augenbrauen hoch.

„Rhysand, ich sagte dir doch, du sollst den Hund nicht im Haus halten. Nun siehst du, was du davon hast.“ Empört drehte sich Cassian zu Amren um, als hinter Liv plötzlich Ryven erschien und sie alle misstrauisch betrachtete.

„Wenn ihr alle hier gleichzeitig aufkreuzt, kann das nichts Gutes bedeuten.“ Liv hastete ihrem Bruder hinterher, bis sie alle in der Eingangshalle standen. Rhysand schnippte mit dem Finger und alle Schlammflecken waren verschwunden, einschließlich auf Mor. Die schnaubte nur.

„Da stimme ich Ryven allerdings zu. Ich war gerade auf dem Weg zu Viviane als mich deine Nachricht erreichte. Was ist so wichtig?“ Feyre bewegte sich Richtung Bibliothek und Arbeitszimmer und befahl ihnen mit einem Handzeichen ihr zu folgen. Das Zimmer diente als Kommandozentrale, wann immer sie etwas zu besprechen hatten. In den letzten Jahren hatte es sich hauptsächlich um geheime Informationen zu möglichen Kriegsherden gedreht.

Obwohl sie schon einiges erreicht hatten, gab es immer noch viel zu tun. Zwar bestand mittlerweile ein freiwilliges Abkommen, dass keine der den Menschen überlassenen Gebiete von den jeweiligen Faereichen zurückgefordert wird, aber einige Lords waren immer noch der Ansicht, dass diese ihnen zustanden. Es gab verschwundene Familien, ganze verbrannte Dörfer und jede Menge Angst unter den Menschen. Und Hass gegenüber den Fae, die ihnen das antaten. Einige dieser Taten waren auch allerdings versteckte Operationen der Königinnen. Sie versuchten immer noch, ein gemeinsames Leben der Völker zu unterbinden- und alles nur aus Rache. Dabei war es ihre eigene Gier, die sie dahin getrieben hatte.

Azriel hatte weiterhin unermüdlich versucht, seine Leute in die Paläste zu schmuggeln, aber es gab kein Schlupfloch in ihren Schutzschilden. In der letzten Zeit häuften sich diese Vorkommnisse allerdings, überall auf dem Kontinent.

Feyre und Rhysand standen zusammen hinter dem großen runden Tisch, während alle anderen sich entweder auf die Stühle oder die Sessel dahinter niederließen.

Amren schlug die Beine übereinander und sah den High Lord des Hofs der Nacht durchdringend an.

„Also, was gibt es so Dringendes, dass du mich vom Sommerhof wegholst?“ Mor schenkte sich ein Glas Wein ein und hielt Liv ebenfalls die Flasche hin.

„Du meinst wohl eher unter Varian. Oder von ihm runter…“ Amren knurrte Mor an und ihre Augen blitzten auf. Liv rückte ein Stück von Mor weg, falls Amren auf die Idee kam, sich auf sie zu stürzen. Ryven, Cassian und Azriel betrachtete ganz interessiert den Spiegel an der Wand und feixten Liv zu.

„Zügel dich, Morrigan. Nur weil…“ Rhysand trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem hölzernen Tisch.

„So gerne ich eurem Schlagabtausch auch lauschen würde um zu erfahren, wie zur Hölle Amren den armen Varian in ihr Bett lockt: das kann warten. Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen.“ Amren sah Mor noch einmal mit ihrem Todesblick an, bevor sie sich ihrem High Lord zuwandte. Diese schenkte ihr nur ein süffisantes Lächeln.

Feyre rieb sich die Hände und ließ sich neben Azriel nieder.

„Es geht um Keir. Und die Königinnen.“ Es wurde ganz still im Raum. Entsetzen machte sich breit. Liv runzelte die Augen.

„Was zur Hölle hat Keir mit den Königinnen zu tun?“ Azriel räusperte sich. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

„Meinen Spionen zufolge soll Keir sich mit einer der Königinnen in Verbindung gesetzt haben. Um was es dabei ging, konnten wir allerdings nicht nachvollziehen. Trotzdem ist es angesichts der aktuellen Lage mehr als beunruhigend. Ich konnte immer noch nicht in Erfahrung bringen, welche Abmachung Keir mit Eris getroffen hat. Sollten die zwei sich jetzt noch mit den Königinne zusammentun…“ Ryven verschränkte die Arme.

„Denkt ihr wirklich, Keir würde sich trauen solche Intrigen im Hintergrund zu schmieden? Ich meine, hier reden wir nicht über kleine Abmachung zu Handel oder sonst was. Das hier wäre Hochverrat.“ Liv nickte ihrem Bruder zu. Ihr Vater stemmte die Hände auf den Tisch und lehnte sich zu ihnen hinüber.

„Das müssen wir herausfinden. Deshalb werden wir morgen zur Höhlenstadt aufbrechen. Wir alle.“ Rhysands Blick ruhte auf Liv. Ihre Augen wurden groß.

„Ich auch?“ Ihr Vater nickte.

„Du musst die Ablenkung für Eris und Keir spielen, während Azriel seine Spione neu instruiert und Amren die privaten Gemächer überprüfen kann.“

Sie war noch nie in der Höhlenstadt gewesen. Zu Beginn wollte ihre Mutter sie nicht da unten haben. Und als sie alt genug war, war sie meistens nicht zuhause gewesen. Es hatte sich danach einfach nie ergeben.

„Okay, ich mache es. Aber welche Rolle soll ich spielen?“
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