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Sternenfeuer

GeschichteFantasy / P18 / Gen
Eris Vanserra OC (Own Charakter)
26.04.2019
03.05.2019
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26.04.2019 1.401
 
Für viele ist die Kunst der Verstellung zur Gewohnheit geworden.

- Torquato Accetto




Eris stand zum Fenster gelehnt im Thronsaal seines Vaters und starrte über die Köpfe der Bauern und Feldarbeiter hinweg. Der High Lord des Herbsthofes trieb heute die monatlichen Abgaben ein und wie immer hatte er nicht die Absicht, Nachsicht walten zu lassen.

Seine Brüder Kenah und Aeon hatten sich einen Spaß daraus gemacht, sich grinsend neben ihrem Vater aufzubauen und jedes Bauernmädchen mit ihren lüsternen Blicken zum zittern zu bringen. Aus lauter Angst davor, was seine Söhne mit ihren Töchtern anstellen würden, willigten die meisten in die abstrusen Forderungen seines Vaters ein. Sah er denn nicht das Flackern der Rebellion in ihren Augen? Den Funken Aufstand, der jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr zunahm?

Das Volk hatte unter Amaranthas Herrschaft gelitten und unter dem Krieg mit Hybern. Und aus lauter Angst vor dem eigenen Machtverlust, tat sein Beron das Einzige, was er konnte: noch mehr Grausamkeiten verbreiten.

Deine Tage sind gezählt, Vater. Ob durch meine oder die Hand deines Volkes.

Eris brauchte nicht einmal viel seiner Macht auszustrecken, die Fae schrien ihm ihre Gedanken förmlich zu.

Mörder.

Vergewaltiger.

Lasst sie ihren Scheiterhaufen mit dem eigenen Feuer entzünden!

Aber alle Köpfe bliebe gesenkt.

Berons kalte Stimme rief ein Echo in der Halle hervor.

„Gibt es sonst noch Anträge?“ Dies war lediglich eine Formsache. Niemand hatte es in den letzten Jahren gewagt vorzutreten und um die Gunst des High Lords zu bitten. Niemand, der gerne am Leben bleiben wollte. Eris wollte seine Brüder bereits zum Gehen auffordern, als aus der Menge plötzlich ein junger Mann hervortrat. Seiner Kleidung nach zu urteilen war er ein Arbeiter in den Weinbergen. Der Krieg hatte dafür gesorgt, dass nicht viele Reben übriggeblieben sind. Eris wusste, dass alle Weinanbauer Probleme hatten, die alten Sorten zu züchten und eine erfolgreiche Ernte einzufahren. Die Augen des Mannes waren wütend und seine Stimme zitterte leicht, als er das Wort an Beron richtete. Dessen unbarmherziger Blick zeigte Eris, dass er sich schon überlegte, wie er ihn in Fetzen reißen würde.

„Mylord, mein Name ist Laos und ich bin Bauer auf den südlichen Hängen des Gebirges. Meine Familie bearbeitet seit Jahrhunderten dieses Land. Der Krieg hat uns viele Reben gekostet. Die Hänge wurden weitestgehend zerstört und unfruchtbar gemacht. Wir konnten bisher nur ein Drittel der zuvor bepflanzten Flächen wieder nutzen. In absehbarer Zeit werden wir nicht mehr in der Lage sein, die geforderten Abgaben zu entrichten.“ Im Saal war es ganz still geworden. Sogar weine Brüder hatten den Atem angehalten und warfen sich ungläubige Blicke zu. Äußerlich verzog er keine Miene, doch innerlich tobte ein Sturm in Eris. Auf leisen Sohlen trat er näher an den hölzernen Thron seines Vaters heran und sah den jungen Fae eindringlich an.

Sag kein weiteres Wort, wenn dir dein Leben und das deiner Familie etwas bedeutet!

Berons Fingernägel trommelten über das alte Holz.

„Habe ich euch nicht genug Zeit zu geben, eure Ernten wieder erstrahlen zu lassen? Wir haben schon einen weitaus heftigeren Krieg miterlebt, bevor die Mauer errichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte dein Vater noch die Aufsicht über die südlichen Hänge, wenn ich mich nicht täusche.“ Die Stimme des High Lords war mit jedem Wort frostiger geworden.

„Mylord, damals waren die Grenzen des Frühlingshofes noch offen. Wir betrieben Handel, konnten fruchtbare und gesegnete Erde auf den Hängen verteilen. Seit der High Lord des Frühlingshofes seine Grenzen mit der dichten Dornenhecke versehen hat, hören wir kein Wort mehr von unseren einstigen Handelspartnern. Und ohne diese Erde werden wir nicht in der Lage sein, die Weinberge wieder zu bewirtschaften. Und damit stehen wir nicht alleine da. Alle Bauern haben Probleme…“

„Genug.“ Eris hatte die Stimme erhoben und trat nach vorne. Laos verstummte und schaute ihn mit unverhohlener Abscheu an.

„Euer High Lord hat euch bereits genug Zeit eingeräumt um eure Angelegenheiten zu regeln. Und trotzdem stellt ihr euch hier vor allen hin und macht ihm Vorwürfe? Zollt eurem Herrscher etwas mehr Respekt, wo er euch doch vor der totalen Vernichtung und Knechtschaft unter Hybern bewahrt hat.“ Beron sah Eris mit leicht geneigtem Kopf interessiert an. Dieser nahm die stille Zustimmung seines Vaters zum Anlass, weiter vorzutreten.

Obwohl er unruhig von einem Bein auf das andere tat, doch erwiderte der Fae seinen Blick.

„Prinz Eris, bei allem Respekt, ich bin einfach nicht in der Lage diese Menge..“ Eris Stimme hatte sich in ein Zischen verwandelt und nur wenige Zentimeter trennten ihn noch von dem jungen Mann.

„Ihr hattet genug Zeit. Und nur weil euer High Lord solch großes Erbarmen mit euch hat, bieten wir euch folgendes Angebot: eure Abgaben werden einen Monat ausgesetzt. In diesem Monat wird euch die Erlaubnis erteilt, mit den anderen Höfen zu kommunizieren. Auch der Sommerhof verfügt über fruchtbare Erde. Wendet euch von mir aus an den Hof des Morgens mit seinen Alchemisten oder den Hof des Tages mit ihrem breiten Wissen an Magie. Einen Monat. Dann werden die Abgaben wiedereingesetzt. Und im ersten Monat zahlt ihr die doppelte Abgabe.“

Entsetzen trat in die Augen des Mannes und kurz bevor er Luft holte, um zu einer Antwort anzusetzen durchbrach Eris seine Gedanken. Sie wirbelten völlig durcheinander in seinem Geist. Eris konnte die Angst auf seiner Zunge schmecken und sah, wie desaströs das Land aussah. Er sah die Grausamkeiten, die ihm während der letzten Jahrzehnten angetan wurde, die Verzweiflung. Die Kinder, die Hunger litten und Eltern, die sich vor Schmerz krümmten, weil sie alles langsam verloren.

Nimm das Angebot an. Bleibe am Leben. Kämpfe diesen Kampf an einem anderen Tag.

Der Blick des Weinbauers verschleierte sich leicht, als Eris diese Gedanken in seinen Kopf pflanzte und klärte sich wieder, als die Magie Wirkung zeigte. Er senkte den Kopf und verbeugte sich.

„Natürlich. Habt herzlichen Dank für eure Gnade.“ Dann verschwand er in der Menge. Der Prinz des Herbsthofes hob mit eiskaltem Blick den Kopf und ließ die Augen über die Menge schweifen, die ihm ängstlich entgegen sah.

„Ich denke, dass hier war der letzte Antrag, nicht wahr? Dann wäre die monatliche Sitzung beendet. Verlasst den königlichen Bereich und kehrt an eure Arbeit zurück. Euer Kommen wird im nächsten Monat erwartet.“ Schnell drehten sich die Vertreter des Volkes um und das Rascheln ihrer Kleidung war innerhalb weniger Minuten ausgestorben.

Innerlich atmete Eris auf und versuchte seinen durchaus verräterischen Herzschlag zu beruhigen. Er drehte sich um und sah den prüfenden Blick, den ihm sein Vater zu warf. Mit gestraften Schultern trat er auf ihn zu.

„Wir haben noch genug Wein in den tieferen Kellern lagern. Die doppelten Abgaben sind die Strafe für seinen fehlenden Respekt gegenüber seinem High Lord.“ Der Blick, den Beron seinem Sohn zuwarf hätte man fälschlicherweise als Anerkennung interpretieren können, aber Eris wusste es besser. Sein Vater prüfte inzwischen immer öfter, ob Eris ihm nicht langsam zur Gefahr werden konnte. Trotzdem war er so verbohrt und selbstverliebt, dass er diese Möglichkeit immer wieder verwarf; schließlich ließ er ihn immer wieder die Dreckarbeit erledigen und an den Ratssitzungen teilnehmen. Nicht, dass Beron tatsächlich viele Berater hätte oder auf die Meinung anderer zählte. Es ging lediglich um den Anschein, darum den verbliebenen Adligen ein paar Brotkrumen hinzuwerfen, damit sie sich still verhielten und seine Autorität nicht untergruben.

Schließlich hatte Beron genug und wandte sich gelangweilt an seine anderen Söhne.

„Kol?“ Sein zweitjüngster Bruder trat aus dem Schatten des Thrones hervor. Er war der Einzige unter den Geschwistern, der sich eher selten an den Hetzjagden der Anderen beteiligte. Er hatte zwar keine Wahl, genauso wenig wie Eris selbst, aber er wusste, dass Kol es nicht genoss. Kol war mit Lucien aufgewachsen. Seinem jüngsten Bruder und seiner Geliebten derart Gewalt antun zu müssen, hatte ihn verändert. Eris wusste, dass er auf ihn zählen konnte, wenn der Tag gekommen war.

Der Tag, an dem ich dich töte, Vater, und deinen Thron übernehme.

„Ja, Vater?“

„Ich möchte, dass du mit Aeon zu dem Landgut des Weinbauers gehst. Finde heraus, welches seiner Kinder ihm am liebsten ist. Einen Jungen beruft ihr in die Garde, ein Mädchen bestellt ihr als Küchenmagd am Hof ein.“ Aeon grinste über beide Ohren und warf Eris einen freudigen Blick zu. An einem grausamen Hof kann es dir nicht zum Vorwurf gemacht werden, selbst grausam zu werden, das wusste Eris nur zu gut. Kol nickte ihm im vorbeigehen zu, dann waren seine Brüder verschwunden.

Es gibt immer einen Preis zu zahlen.

Vergiss nie, wer du bist und wozu du geboren wurdest, Eris Vanserra.
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