Pride

GeschichteFamilie, Tragödie / P16
Amerika Italien Spanien Süd-Italien
25.04.2019
07.05.2019
2
3.026
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
25.04.2019 1.486
 
Betrübt kickte er einen Stein vor sich her. Jeden Tag musste er sich das Gleiche anhören. Jeden Tag aufs Neue hörte wie schlecht er doch sei, wie gut sein Bruder. In der Schule, unterwegs, sogar Zuhause. Lovino hatte hart gekämpft um jetzt hier zu sein. Er hatte diese schreckliche Krankheit überstanden, den Tod ihrer Eltern verkraftet, ein Jahr auf der Straße überlebt. Sein Leben lang hatte er auf seinen kleinen Bruder aufgepasst, er war es, der sie aus der Sekte herausgeholt hatte. Und schließlich hatten sie ihren Großvater gefunden.

Doch das half Lovino nicht. Kein Stück half ihm der alte Sack. Lovinos Art verärgerte ihn, seine Art verzweifelte ihn. Und so wandte er sich seinem anderen Enkelsohn zu. Feliciano. So oft Lovino es auch ablehnte, sich von seinem Bruder abwendete, er liebte ihn. Feliciano war der Einzige, der immer bei ihm geblieben war. Die beiden waren sich so viel näher als alle dachten.

Verächtlich schaute er an dem weißverputzen Gebäude empor. Ihr Nonno liebte es zu zeigen was er besaß. Er liebte das Unbeschwerte und den Genuss. Lovino verachtete ihn. Hasste ihn fast, seit er wusste woher ihr Großvater sein Vermögen hatte. Neben dem Schauspielern. Kriminelle Machenschaften. Er war ein Teil der Mafia. Lovino hatte ihn mit jemanden darüber reden hören. Auch wenn er Teil seiner Familie war, nichts in der Welt konnte etwas an seiner Verachtung an der Person Romulus Vargas ändern.

Auch sein kleiner Bruder nicht. Dieser stand vor der Tür und wartete auf ihn. „Lovi! Du bist da,“ freudestrahlend schloss er ihn in die Arme. Mit einem tiefen Seufzten erwiderte Lovino die Umarmung. Feliciano war mittlerweile die einzige Person, die ihn nicht verurteilte oder verachtete. Instinktiv vertiefte der Ältere ihre Umarmung.

Als Lovino die Haustür hörte, löste er die Umarmung auf. Ihr Großvater stand in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick auf seine Enkel gerichtet. „Gut, dass du auch hier bist Lovino. Das Essen wartet,“ erklärte er und verschwand wieder ins Haus.

„Ve~ Lass uns reingehen. Hellas hat was gekocht und es riecht echt lecker in der Küche,“ sagte Feliciano und bedeutete Lovino ihm ins Haus zu folgen. Dieser folgte seinem Bruder seufzend. Es widerstrebte ihm ins das Haus, zu seinem Großvater, zu gehen.

Lovino dachte an die Tasche, die unter seinem Bett stand. Ein Rucksack vollgepackt mit Klamotten, Lebensmitteln und Wertsachen. Ein Foto von seinen Eltern befand sich genauso dort, wie eine Karte für eine Busfahrt. Heute Nacht wollte er fliehen. Er wollte weg aus der Stadt, weg von seinem Nonno. Nach dem Essen musste er nur noch warten, bis alle schliefen und dann wäre er weg.

Nach dem Abendessen, Risotto gamberi e ceci, ging Lovino hoch in sein Zimmer. Er spielte seien alltäglichen Ablauf ab. Zähne putzen, kurz duschen, Klamotten wechseln. Lovino blieb noch einige Zeit wach, um zu warten bis er keine Geräusche mehr hören konnte.

Als sein Wecker eine Zeit von 0:17 anzeigte stand er leise aus seinem Bett auf. Vorsichtig zog er die Tasche unter dem Bett hervor und überprüfte im Schein einer Taschenlampe, ob er auch nichts vergessen hatte. Dieses Haus wollte er in seinem Leben nicht noch einmal betreten. In der Tasche befanden sich Wechselsachen, ein altes Klapphandy mit einer Prepaidkarte, ein Foto von seiner Familie bevor ihre Eltern gestorben waren und eine Busfahrtkarte. Um seinen Hals hang der Gegenstand, der ihm am meisten bedeutet. An einem schlichten Lederband hing ein Anhänger in dessen Inneren sich ein Foto von ihm und Feliciano befand. Auf der Rückseite des Anhängers stand das Wort Fiducia. Vertrauen.

Auf Zehenspitzen durch den langen Flur schleichend machte sich Lovino auf den Weg runter ins Erdgeschoss. Hier musste er noch ein wenig Essen einpacken, etwas, das er nicht vorher einpacken konnte. In der Küche knipste er die Taschenlampe noch einmal an, um in die Regale zu leuchten. Er nahm all die Lebensmittel mit, von denen er wusste, dass sie auch über einen längeren Zeitraum genießbar waren und zwei Flaschen Wasser.

Kurz vor der Haustür stockte Lovino. War da nicht ein Geräusch im Obergeschoss? Den Atem anhalten lauschte er in die Dunkelheit des Hauses. Nichts. Erleichtert atmete der Italiener aus. Sollte irgendjemand ihn jetzt sehen, dann würde er nie aus diesem Haus entkommen. Dem war aber zum Glück nicht so.

Angespannt angelte sich Lovino seinen Hausschlüssel aus der Tasche. Die Tür wurde über Nacht immer abgeschlossen. Um Verbrecher abzuwehren hatte Romulus gesagt. Wahrscheinlich auch um die Leute, die in dem Anwesend wohnten unter Kontrolle zu halten. Besonders mich, dachte Lovino bitter.

Leise schloss er die Tür auf und schloss sie vorsichtig, um jegliche Geräusche zu vermeiden. Dann warf Lovino seinen Schlüssel weg. Er würde sowieso das Haus nie wieder betreten, also brauchte er den Schlüssel auch nicht mehr.

Alle Anspannung fiel in diesem Moment von ihm ab. Er war frei. Wirklich frei. Von jetzt würde er sein Leben. Sein Leben. Kein anderes Leben mehr. Er war frei. Frei. Frei. „Seh mich an Nonno! Dein kleines Wunderland ist zerstört! Ich bin frei! Frei von dir!“, rief er in die Nacht hinein. Dann ging er durch die Straßen, damit er seinen Bus erreichen konnte.

Leise summte er ein Lied vor sich her. „Non c’è che il suono ormai sbiadito di quel tuo grido di libertà,“ sang er eine Liedzeile. Dieses Lied war eines seiner Lieblingslieder. Der Traum nach Freiheit. Das war das er sich immer gewüscht hatte und nun bekommen hatte.

„Non c’è che il volto, ormai sfuocato di lei, un songo di libertà.“ Schock breite sich in Lovino aus. Paralysiert blieb er stehen. Er wagte es nicht sich umzudrehen. Kein Muskel wollte sich in ihm bewegen. Lovino bliebt einfach auf dem Bürgersteig stehen, als hätte er dort spontan Wurzeln geschlagen. Langsam senkte er seinen Kopf und betrachte seien Schuhe.

„Ist es das, was du willst? Freiheit? Warum rennst du weg, fratello?“, fragt sein Bruder. Lovino schwieg behaglich und betrachte weiter seine Schuhe, über gerade eine Ameise lief. „Ist es wegen etwas aus der Schule?“ Ein leichte Brise strich Lovinos Haare. „Ist es wegen Nonno?“, fragte Feliciano weiter. Kein Laut verließ die Lippen des älteren Bruders. „Wegen mir?“, fragte sein kleiner Bruder. Lovino schluckte. Ja, weißt du wie es ist ständig mit jemanden verglichen zu werden, den man nie erreichen kann, dachte Lovino bitter.

Feliciano hatte seinen Umschwung offentsichtlich bemerkt. „Es tut mir leid. Ich wollte das alles nie. Niemals wollte ich, mit dir verglichen werden. Weiß du, fratello, ich schaue zu dir auf. Du wirkst immer so unberührbar. Niemand scheint dir etwas anhaben zu können. Ich bewundere das. Ich bin viel zu emotional. Du bist mein Vorbild.“ Erfolglos versuchte Lovino die Tränen zu unterdrücken, die ihm in die Augen stiegen. Langsam wurden seinen Wangen von salzigen Tränen genässt. Ein Träne nach der andere tropfte auf den grauen Bürgersteig unter seinen Füßen.

Ein weiteres Paar Füße schob sich in sein Blickfeld. Grüne Turnschuhe, ohne zugebundene Schnürsenkel. Die dazugehörigen Beine steckten in Pyjamahosen. Die Entscheidung rauszugehen hatte sein Bruder also spontan getroffen. Wahrscheinlich war er aus gewesen, den er vorhin im haus gehört hatte.

Unvorbereitet wurde Lovino in eine Umarmung gezogen. Er hob den Blick vom Boden und blickte seinem Bruder ins Gesicht. Während seine Tränen schon getrocknet waren, liefen immer noch (jetzt erst/schon wieder?) Tränen über die Wangen seines kleinen Bruders. Durch das Licht einer nahestehenden Straßenlaterne konnte er ein schwaches, schmerzvolles Lächeln auf dem Gesicht von Feliciano erkennen.

„Geh. Ich möchte, dass du glücklich bist. Und das wirst hier nie werden,“ flüsterte Feliciano. „Vergess mich nicht. Ich werde es zumindest niemals können. Danke, dass ich so einen Bruder wie dich habe, Lovino.“ Dann entließ er Lovino aus der Umarmung. Dieser entgegnete noch, bevor sein Bruder um die Straßenecke gegangen war: „Ich werde dich niemals vergessen können, fratellino.“ Ein Leuchtet breite sich auf Felicianos Gesicht aus und dann – war er weg.

Gute Zwanzig Minuten später kam Lovino an der Busstation an. An dieser hatten sich bereits einige Menschen versammelt. Einige starrten auf ihre Handys, ein älterer Herr ließ im Schein der Straßenlaterne ein Buch und auf einer Bank hatte sich ein Pärchen aneinander gelehnt und schien zu schlafen. Ein Stich durchfuhr Lovino. Früher hatte sich Feliciano an ihn gelehnt und hatte dort geschlafen.

Gerade, als Lovino seine Tasche abgestellt hatte, kam der Bus. Mit schwerem Akzent nuschelte der Busfahrer: „Einsteigen. Reise nach Huelva.“ Mit Hilfe des Fahrers lud Lovino die Tasche in den Kofferraum und stieg in Bus ein. Den Kopf an das Fenster gelehnt schloss er die Augen, um ein wenig Schlaf nachzuholen.

£$£$£$£$£$£$£$£$£$£
Lovino Vargas = Süditalien, Romano
Feliciano Vargas = Norditalien, Veneziano
Romolus Vargas = Römisches Reich
~
Risotto gamberi e ceci ist ein Risotto mit Kichererbsen und Meeresfrüchten oder Garnelen. Typischer Weise in Sardinien gegessen.
Die beiden Songzeilen, die Lovino und Feliciano singen stammen aus dem Lied „Songo di Liberta“ von Mikis Theodokratis.
Huelva ist eine Stadt nahe der portugiesischen Grenze und knapp 10km von der Küste entfernt.
∞Ω∞Ω∞Ω∞Ω∞Ω∞Ω∞
keine (relavanten) Übersetzungen
◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊◊
Review schreiben