Stained red [Leseprobe]

LeseprobeFantasy, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character)
25.04.2019
03.05.2019
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Sie war in dem Glauben aufgewachsen, Wasser müsse blutrot gefärbt sein. Rote waren wie Ratten. Dennoch; sie schienen wärmer, menschlicher als Silberne. Und vielleicht hatte ihr Untergang bereits mit diesem Gedanken begonnen.

Der Brief erreichte sie am frühen Morgen. Er roch nach Schießpulver, kaltem Rauch und unerfreulichen Nachrichten. Er kam von der Front, vom Todesstreifen und hätte sie dort eine Person gewusst, die ihr wichtig war, hätte sie vielleicht nachvollziehen können, wie es all den roten Müttern erging, deren Söhne und Töchter dort oben starben. Aber dem war nicht so.
Sie ließ den Brief trotzdem in ihre Manteltasche sinken, ohne sich überhaupt den Absender angesehen zu haben. Es war nicht so, dass sie zu viel zu tun hatte oder generell keine Post empfing. Aber Post von der Front bedeutete Listen mit allen Beileidsbekundungen, die noch ausstanden. Wenigstens hier wollte sie Ruhe davor haben, obwohl sie selbst einst um diese Briefe gebeten hatte.
Kein annähernd menschliches Wesen konnte den Tod seinen besten Freund nennen und hier, in der Sommerresidenz ihrer Familie, wollte sie ihn wenigstens für die nächsten Wochen am Todesstreifen zurücklassen.
Sie schrieb sie von Hand, die Beileidsbekundungen, jede einzelne. Irgendwie glaubte sie, es den Soldaten schuldig zu sein. Und deren Familien. Sie war Taktikerin, Tochter eines Generals, und als solche hatte sie nicht viel zu sagen. Die meiste Zeit verbrachte sie in einem Zelt, an einem provisorischen Schreibtisch und grübelte mit einem Federhalter in der Hand über einen geeigneten Text. Niemand bekam den gleichen.
Würde sie denselben Text immer und immer wieder schreiben, dann hätte ihr Mitleid ebenso gut nicht vorhanden sein müssen.

Vielleicht war es auch bloß ihre Art das Blut der roten Soldaten von ihren Händen zu waschen, indem sie diese Briefe so persönlich wie ihr nur möglich gestaltete. Denn damit tat sie alles im Bereich ihrer Möglichkeiten stehende. Das redete sie sich möglichst jeden Abend ein, wenn die Schüsse nur noch in ihrem Kopf nachklangen und das Schlachtfeld in Entfernung ebenfalls zur Ruhe kam. Obwohl Ruhe ein äußerst relativer Begriff während eines Krieges war.

Sie war siebzehn Jahre alt, hatte ihre gesamte Jugend an der Front zugebracht und zählte nun zu den wichtigsten Taktikern, die General Xerxes aufbringen konnte. Laut ihm habe sie eine Begabung für gezielte Sprengungen und den Einsatz von Rauchgranaten. Sein Lob ließ sie kalt, denn was brachte ihr eine Begabung, wenn vor ihrer Nase andere ihr Leben lassen mussten? Niemand kam heil vom Todesstreifen zurück. Niemand, der das Schlachtfeld betreten hatte, eine Waffe in den Händen und unfassbare Angst in den Augen.
Keiner der ihren konnte diese Angst nachvollziehen. Silberne kämpften keinen solchen Krieg. Und genau das machte sie sauer. Ihr Vater hatte alles in seiner Macht stehende getan, um sie zu einer würdigen Nachfolgerin zu erziehen, einer Generalin, die ihre Soldaten in die Luft sprengte als gäbe es einen unendlichen Vorrat zur Nachfüllung der Armee. Aber sie hatte sich schnell ein eigenes Bild der Lage gemacht. Genau wie der Kronprinz, fand sie sich in einer Ausbildung an der Front wieder, im zarten Alter von sieben Jahren hatte man sie an den Todesstreifen geschafft. Ihrer Familie entstammten berühmte Kriegsherren und nun war es an ihr diese Tradition weiterzuführen. Der amtierende General, William Xerxes, behandelte seine jüngste und „vielversprechendste“ Tochter nicht wie eine Tochter. Sie war eine Untergeben, eine Taktikerin mit leeren, hellen Augen. Mehr nicht. Das wusste sie ebenso wie er es tat. Es war seine Art die Enttäuschung zu verbergen, nachdem sie ihm vor einem Jahr mitgeteilt hatte, dass sie lieber in der Armee vergammeln als heiraten würde. Damit hatte ihren Vater ebenfalls erreicht, dass keine seiner Töchter an der Königinnenkür teilnehmen dürfte. Flanna und Solandis seien zu alt, sie selbst zu wichtig für den Krieg und unverzichtbar an der Front. Sie stellte dies nicht infrage. Derartiges stand ihr gar nicht zu. Deshalb schrieb sie weiterhin stumm ihre Briefe und sammelte fleißig Abzeichen.

Möglicherweise tat sie es deshalb. Die einzige Möglichkeit sich gegen General Xerxes aufzulehnen war es Abend für Abend dutzende von Briefen zu schreiben, den Umschlägen abgerissene Abzeichen von Militärsuniformen hinzuzufügen. Es war ein kleiner, nichtiger Versuch der Rettung.
Die Rettung der Soldaten jedoch begann am falschen Punkt, dass musste sich die Taktikerin irgendwann eingestehen. Sie konnte ihnen nicht helfen, nicht solange sie weiterhin Schlachtpläne auf große Bögen Papier malte und grübelte, wie sich die Lakelands wohl darauf formatieren würden. Zumeist lag sie mit ihren Einschätzungen nur ein klein wenig daneben. Aber was brachten ihr all die Taktiken, die rote Leben retten könnten, wenn General Xerxes sie allesamt ablehnte? Was brachten ihr die Briefe, für die sie so oft bis in den Morgen hinein wachblieb? Die Roten, die sie letztendlich öffneten hatten mit ihrer Unterschrift einen Namen, dem sie die Schuld an allem geben konnte, ein Gesicht, an das sie dachten, wenn sie auf den Boden spuckten.

Sie machte trotzdem weiter, hob die Feder nur dann vom Papier, um sie in die schwarze Tinte zu tauchen. Es gab ihr ein Gefühl von Routine, von Sicherheit. So konnte sie behaupten sie habe es versucht. Sie habe alles getan. Es war nur nicht ausreichend.
Weil sie damit nicht zu tun haben wollte, weil sie ihre Hände seit Wochen unter kaltem Wasser schrubbte, es aber nicht ausreichend genug war, um das Meer an Blut daran abzuwischen. Es war ihr prinzipiell egal, wer sie hasste, weil sie eine Silberne war, aber sie wollte um jeden Preis verhindern, dass sie für die toten Soldaten verantwortlich gemacht wurde. Es war nicht ihre Schuld, sie konnte bloß nichts daran ändern. Sie befolgte nur die Regeln, nach denen hier oben gespielt wurde.
Und bekanntlich waren Ausnahmen die Bestätigung der Regel.

Es geschah knapp drei Tage später.
Man fand die Taktikerin Miss A. Xerxes im Morgengrauen in ihrem Zelt, eine Feder in der Hand und die blutüberströmte Leiche des Generals neben sich. Sie schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Aufschluss auf den Tod des Generals gab dies zwar nicht, aber man konnte es somit seiner psychisch unstabilen Tochter zuschieben. Wenn sie nur wüssten.
Der Krieg zog an niemandem spurlos vorbei, so sagte man. Die Front töte einen, in mehr als nur einer Art.

Aber jetzt war sie nicht mehr an der Front. Jetzt saß sie in ihrem viel zu großen Gästezimmer im Sonnenschloss und wartete auf ihr Urteil. Ein Bediensteter hatte mit gesenktem Kopf den dicken Umschlag auf den Teppich geworfen und war direkt wieder aus dem hellen Raum geflüchtet. Er würde für diese Behandlung nicht gefeuert werden. Er befolgte doch auch bloß Befehle. Wie lange sie wohl schon hier saß? Ganz klar war ihr dies nicht, aber man hatte überall in diesem geschlossenen Raum Stiller-Steine verteilt, die nach einiger Zeit für ein unangenehmes Dröhnen in ihrem Kopf sorgten. Um ihre Handgelenke wanden sich metallene Armbänder, so eng, dass sie sich die Hände brechen müsste, damit sie diese losbekam. Sie blockierten ihre Fähigkeiten noch zusätzlich, aber sobald sie den Raum verließe, würden sie keinerlei körperliche Beeinträchtigung hervorrufen. Eine grausame Art ihr das zu entziehen, auf das sie immer vertrauen konnte. Bieger sind selten. Und alles andere als gerne gesehen.
Reines Glück war es, dass man ihr nicht den Hals umdrehte, wo sie doch schon nicht nach ihren Eltern kam. Dem Noblen Hause ihrer Vorfahren entstammten ursprünglich Brecher, Silberne, die Lebensenergie bündeln, verändern und entziehen konnten. Seelenbrecher nannten sie manche. Jene konnten mit ihrer Kraft sowohl erschaffen, wie auch zerstören und waren somit wertvolle Verbündete des Königshauses. Ihre Mutter stammte aus dem Hause Blonos. Das Blutheilen hatte sie an ihre zweitgeborenen Tochter weitergegeben, die älteste der drei Xerxes kam ganz nach ihrem Vater. Warum Solandis nicht an ihrer statt die Front zu sehen bekam wunderte sie nach wie vor. Sie ist wie für die höfische Politik und Zwietracht geschaffen.
Darum musste sie herhalten, denn eine Brecherin und Blutheilerin waren in den Städten lieber gesehen als eine wie sie es war. Die einzige deiner Art, ein Fehler im System. Zwischen all den Roten war sie nur eine weitere Silberne, die deren baldigen Tod plante. Keinen interessierte ihre grausame Gabe oder was sie damit zu tun vermochte. Denn davon wusste niemand. Genau wie niemand wusste, dass sie des Nachts klammheimlich die Abzeichen der toten Soldaten von ihren Uniformen riss, nachdem die paar Untergeben, die sie hatte, auf ihren Befehl hin die Leichen stapelten. Sie erinnerte sich nicht an ihre Gesichter, so sehr sie es auch versuchte, nur eines geisterte in ihrem Kopf herum. Ein weiterer Soldat, mittlerweile tot, aber nicht durch feindliche Waffen. Offiziell hieß es, er habe unglücklicherweise im Weg gestanden, als sich ein Schuss aus einem Gewehr gelöst hatte und war vor dem Zelt der Siebzehnjährigen zusammengebrochen. Er war tot noch bevor seine Knie den Boden berührten. Zuvor hatte er einen Brief abgegeben, ihn nicht einfach in den Postsack gesteckt, der angeblich wöchentlich ausgeleert und versendet wurde. Sie wusste es besser; man verbrannte die Briefe. Er war für das Bombenkommando ausgewählt worden und hatte offenbar im Sinn, dass seine Familie ihn nie wieder sehen würde.

Die Stiller des Hauses Arven waren ihr seit ihrem vierzehnten Geburtstag unsympathisch. Damals hatte sie die Leute in den weißen Gewändern gruselig gefunden, mittlerweile verspürte sie Zorn. Mit ihrer vermaledeiten Fähigkeit blockierten sie die ihre und hinderten sie somit daran, einen nach dem anderen zu zerfetzen.
Die Stiller sahen die junge Frau vor ihnen kaum an. Ihr Mitleid galt nicht diesem Geschöpf, sondern dem Hause Xerxes, dessen jüngster Emporkömmling das Oberhaupt des Hauses vernichtet hatte. Ein einziger Stich, dann war er umgekippt und verblutet. Seine Tochter hatte seit man sie aus dem Zelt geführt und schnellstmöglich nach Archeon geschafft hatte kein Wort gesprochen. Von ihrer Gräueltat traumatisiert oder geistig auf dem Nullpunkt angekommen hieß es. Hinter vorgehaltener Hand munkelte manch Adliger, die junge Xerxes würde diese Fassade bloß aufsetzen um möglichst unzurechnungsfähig dazustehen. Weder das eine noch das andere entsprach der Wahrheit.
Sie war Taktikerin. Eigentlich hätte sie somit wissen müssen wie sie sich zu verhalten hatte und wie jenes Verhalten auf ihr Urteil einwirken konnte. Aber wie ihr Vater einst gesagt hatte, lag ihre Begabung bei Rauch und Nacht und Nebel Aktionen, nicht aber bei Menschen.
Menschlich gesehen war sie wie alle Silbernen; sie setzten ihr falsches Lächeln auf und behielt provokante Gedanken für sich. Sie redete wenn sie gefragt wurde, nicht aber, wenn etwas nicht ihrer Moral entsprach. Jedes Wort konnte gegen sie verwendet werden und deshalb hielt sie es für richtig nichts zu sagen, bis man sie vor den Rat führte. Ihre Augen waren zu Boden gerichtet, blickten nur einmal hoch und fingen prompt einen Brunnen mit kristallklarem Wasser ein. Oben, in den Grenzlanden, war das Wasser rot. Damit war sie aufgewachsen.

Auf ihrem Weg dorthin, zu ihrem Tribunal, bemerkten nur wenige aufmerksame Augen das rote Tuch um ihr Handgelenk, dass ihr langsam aber sicher das Blut abschnürte. Es stammte von einem toten Soldaten. Die weit aufgerissenen Augen als er den Toten vor ihrem Zelt gefunden hatte verfolgten sie noch immer in ihren Albträumen.








[A/N: Die kursiven Sätze sind mehr oder minder Gedankengänge der Protagonistin.]
Guten Abend, guten Morgen, guten Tag & alles was dazwischen liegen mag!
Ich bin mir nicht sicher, wer den ersten Versuch von „Stained red“ gelesen hat, aber ich persönlich hatte mit dem ersten Teil meiner Leseprobe ein Problem. Er war verwirrend, langweilig und irgendwie hatte er rein gar nichts mit meinem Charakter zu tun.
Darum versuche ich es hier mit einer neuen Version.
Prinzipiell bestehen meine Leseproben immer aus zwei Teilen, die meistens vor den Ereignissen der eigentlichen Fanfiktion stattfinden. Der zweite Teil hierzu spielt genau vor Beginn der Fanfiktion und fängt teils noch vor dem ersten Band an. Dachte ich zumindest vorerst. Tatsächlich sind beide Leseproben Ausschnitte aus den Kapiteln 1 und 5/(-8).
Ich muss ehrlich sagen, ich bin etwas enttäuscht von mir selbst; normalerweise sind meine Leseproben besser...
Ich weiß, ich weiß, ich beschwere mich immer, dass Hauptcharaktere immer die mit besonderen Fähigkeiten sind und ich eigentlich gerne mal ein Buch mit einem stinknormalen Charakter als Protagonisten lesen würde, aber die junge Taktikerin Miss A. Xerxes ist nunmal einfach so aus meiner Feder gesprungen. Da konnte ich sie schlecht mit selbiger vom Tisch kicken.
Und auch hoffe ich, dass der obige Text nicht mehr allzu verwirrend ist. Ich vergesse hin und wieder, dass die Leser meinen Plot und Hintergrund nicht im Kopf haben. Ich versuche daran zu arbeiten, bisher mit nur mäßigem Erfolg. Pardon diesbezüglich, ich hoffe dennoch irgendwen für „Stained red“ und „Scarlet soldier“ begeistern zu können.
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