Wann läufst du nicht mehr weg?

von Maja32
GeschichteFamilie, Übernatürlich / P16
Castiel Crowley / Fergus MacLeod Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
24.04.2019
30.07.2019
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Katia

Tage. Wochen. Monate. Die Zeit verrinnt verdammt langsam. Sam und Madison machen sich Sorgen und wahrscheinlich auch Cas, aber ich kann nicht… jeden Morgen, an dem ich aufwache, holt mich der Schrecken ein. Die Welt hat ihre Farbe verloren. Sonnenaufgänge sehen genauso grau aus, wie Sonnenuntergänge. Ich erinnere mich ganz dunkel, wie wunderschön ich früher den Wüstensand fand, ganz besonders nachts, wenn über mir ein klarer Himmel voller Sterne schwebte. Jetzt ist alles… grau. Der Himmel macht mir Angst. Ich kann nicht mehr nach oben sehen, denn die Sterne… ich muss immer daran denken, was ich verloren habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich so fühlen kann. Oder muss.
Es gibt nichts mehr, was mir Freude macht. Es ist, als würde ich unter einer Glocke leben. Ich kann die Außenwelt sehen, aber alles kommt verzögert an, verschwommen. Und nichts dringt mehr raus. Irgendwie habe ich es in all den Monaten geahnt, glaube ich. Geahnt, dass Dean und ich kein Happyend haben werden, dass wir nicht glücklich bis ins Rentenalter miteinander die Zeit verbringen werden. Ich wusste, wie gefährlich sein Job ist und ich habe es irgendwie akzeptiert. Ich dachte immer, ich werde damit umgehen können, wenn es so weit kommt, dass ihm etwas passiert. Ich war der Meinung, vorbereitet zu sein. Das ich einfach dankbar für die Zeit sein kann, die wir gemeinsam hatten und dann meinen Weg weitergehe. Ich habe mich getäuscht.

Ich bin erschöpft. Es ist Monate her, dass ich mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen habe. Damals lag Dean noch eben mir. Jetzt… jedes Mal, wenn ich einschlafe, sehe ich grüne Augen vor mir. Ich sehe sein Gesicht und wie er mich anlächelt. Das fühlt sich so gut an. Und dann… dann verzieht sich sein Gesicht, ich sehe Flammen und Blut, er ist plötzlich weg und ich wache schweißgebadet auf. Ich habe mittlerweile Angst, überhaupt einzuschlafen. Cas bietet mir immer an, dass er mir hilft, dass er dafür sorgt, dass ich ruhig schlafen kann, aber was dann? Dann sehe ich ihn gar nicht mehr. Und die Träume sind alles, was mir geblieben ist. Ich kann das nicht aufgeben. Nicht mal, wenn es mich so quält, wie es das jetzt tut. Mittlerweile fehlt mir der Glaube daran, dass es sich jemals ändern wird. In Büchern liest man immer, dass Menschen aus Trauer sterben können. Ich habe das immer als kitschig abgetan und belächelt. Im Grunde… wirklich sterben kann man wohl nicht. Wenigstens nicht körperlich. Aber innerlich. Und wenn das Innere stirbt, zieht sicher irgendwann der Körper nach. Ich merke es jeden Tag. Und ich weiß, dass es auch meine Familie spürt.  

Nichts ist mehr, wie es war. Unter meiner Glocke kann ich nichts mehr riechen und nichts mehr schmecken. Sam und Madi bemühen sich sehr. Sie kochen jeden Tag für mich, aber ich… ich muss mich immer so zusammenreißen, um nicht zu brechen. Egal, was sie kochen, es riecht für mich fürchterlich und mein Magen krampft sich zusammen. Trotzdem würge ich herunter, was sie mir vorsetzen. Einfach nur, weil ich so ihren sorgenvollen Blick wenigstens kurz ersticken kann. Und den Vorträgen über die Gesundheit des Babys entgehe. Ich bemühe mich, den Anweisungen des Arztes Folge zu leisten, aber das ist nicht so einfach. Nicht, wenn die Welt stillsteht und so grau ist, wie meine. Wenn alles, was mich noch am Leben hält, das Baby in meinem Bauch ist. Sein Baby. Allein dieser Gedanke bringt mich fast um den Verstand. Was, wenn das Baby seine Augen erbt? Ich weiß, dass ich es nicht ertragen könnte, wieder in seine Augen zu sehen, ohne dass sie es wirklich sind. Ohne, dass er wirklich vor mir steht.

Jeder sagt mir, dass es irgendwann besser wird. Aber wann? Wann wird dieser bohrende Schmerz endlich aufhören? Es vergehen keine zehn Minuten, in denen ich nicht an ihn denke. In denen er mir nicht unsagbar fehlt. Obwohl es Monate her ist… ich kann es nicht mal aussprechen. Er ist nicht mehr da. Es gibt Momente, in denen ich so wütend bin, dass ich am liebsten etwas zertrümmern würde. Ich tue es nicht, ich habe schlichtweg nicht die Kraft dazu. Meistens bin ich aber nicht mal wütend. Ich spüre einfach nur einen unfassbaren Schmerz, der nicht in Worte zu fassen ist.

Am Schlimmsten ist es, wenn ich aus dem Küchenfenster sehe. Von dort kann ich Babys Carport sehen. Sie steht dort und scheint nur darauf zu warten, dass Dean wiederkommt, einsteigt und Gas gibt. Auf dem Weg in ein neues Abenteuer. Nur wird es kein neues Abenteuer für ihn mehr geben. Niemals wieder. Und trotzdem steht sein Wagen da und wartet. Ein einsames Symbol für den verdammten Verlust.
Sam hatte den Vorschlag, sie wegzubringen. Er sprach nicht unbedingt von einem Verkauf, aber er schlug vor, sie ein wenig weiter weg in einer Garage zu lagern. Ich glaube, er dachte vor allem daran, dass ich nicht mehr dieses Bild vor Augen habe. Vielleicht auch daran, dass ich nicht mehr tun würde, was ich nun mal tue. Er hasst es, ich weiß das, aber traut sich nicht, es laut auszusprechen.
Das Wüstenklima und der ganze Sand tun Baby nicht gut. Dean hat immer… ich glaube, ich habe tausend Vorträge darüber gehört, dass man sich hier mehr um sein Auto kümmern muss, als in Staaten, die nördlicher gelegen sind. Ich habe seine Worte immer im Ohr und ich tue, was ich glaube, tun zu müssen. Alle zwei Wochen schnappe ich mir einen Gartenschlauch und wasche Baby. Sie wissen alle, dass ich dabei nicht gestört werden will, ganz egal, was sie davon halten. Und auch unabhängig davon, dass es mir mit wachsendem Bauchumfang nicht leichter fällt.
Jedes Mal, wenn ich den Schlüssel von Baby von unserem, oder inzwischen besser meinem, Schlüsselbord nehme, fühlt es sich an, als würde das Metall mir ein Loch in die Hand brennen. Ich erinnere mich daran, wie Dean mir den Schlüssel schenkte, manchmal denke ich, das wäre erst gestern gewesen.
Nachdem ich den Staub und Sand von Baby gewaschen habe, nehme ich die Politur, die auch Dean immer verwendet hat. Ich bin Sam dankbar dafür, dass er immer dafür sorgt, dass genug Politur da ist, obwohl er es hasst, wenn ich mich um den Wagen kümmere.

Ich weiß nicht mal, warum ich das tue. Aber ich tue es. Wenn ich fertig damit bin und Baby frisch poliert ist, gönne ich mir ein paar Minuten von Ruhe und Frieden. Ich öffne die Beifahrertür und setze mich in sie. Sie riecht innen immer noch nach Dean, nach seiner Lederjacke. Ich schließe die Augen und stelle mir ein paar Minuten lang vor, dass wir unterwegs sind, er nur schnell tankt und sich gleich wieder auf den Fahrersitz fallen lässt, die Tür mit dem typischen Quietschen schließt und mich anlächelt. Bis ich die Augen öffne und weiß, dass es niemals wieder so sein wird, ist alles gut. Alle zwei Wochen gönne ich mir diese paar Minuten von Frieden.
Die Wahrheit sieht anders aus. Baby wird ihre nächste Fahrt erst machen, wenn Deans Kind sie zum sechzehnten Geburtstag geschenkt bekommt. Sam hat bereits gesagt, er will sie nicht. Also wird sie als einziges Erbe an sein Kind gehen. Bis dahin werde ich mir alle zwei Wochen diese paar Minuten gönnen, in denen ich wenigstens so tun kann, als wäre alles in Ordnung. Es ist schlimm genug, wenn die Realität mich wieder einholt. Ich glaube nicht mehr daran, dass es jemals weniger wehtun wird.
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