Keno Lake

von Gershwin
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
23.04.2019
13.11.2019
90
192295
59
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Öh... joa. Ich weiß auch nicht so genau, ich mochte dieses Setting irgendwie, so eine Mischung aus Life is Strange und... Life is Strange :) Nicht, weil ich Life is Strange mag, eigentlich mag ich's nämlich nicht. Aber das Setting... ach, was weiß ich? Lest es einfach und sagt mir, was ihr davon haltet. Ich ertrag es nicht, wenn ich nichts schreibe, und bei dem hier fühl ich mich irgendwie wohl, so... entspannt und als würd ich eine Landschaft malen.

Viel Spaß^^
lgg

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1. Kapitel
Umzug




„Das ist es.“

„Oh mein Gott. Oh mein Gott, Marcus, es ist traumhaft.“

„Ich hab dir gesagt, es ist das perfekte Haus für uns.“

„Oh mein Gott.“

Bo drehte den Kopf und sah zu seiner kleinen Schwester, die neben ihm auf dem anderen Rücksitz saß.

‚Oh mein Goooott‘, formte er lautlos mit den Lippen und verdrehte dabei theatralisch die Augen, dass die Zehnjährige zu grinsen anfing.

„Schaut doch mal, Kinder, wie wundervoll“, sagte Paige und drehte sich auf dem Beifahrersitz um, um die beiden anzulächeln. „Und so viel Platz für dich zum Spielen, Josephine!“

„Yay“, machte Jo trocken. „Und wie lange müssen wir bis in die Stadt fahren, damit ich zum Fußballtraining komme?“

„Das kriegen wir schon hin“, sagte ihr Vater. „Vielleicht fährt auch ein Bus. Also, alles aussteigen!“

„Mit dem Bus?“, fragte Jo entgeistert, während sie sich abschnallte.

„Wenn Paige einen Kosmetiktermin hat“, meinte Bo. „Muss sie dann auch mit dem Bus fahren?“

„Damit fangen wir jetzt nicht an, Bo“, sagte Marcus entschieden. „Jetzt steig schon aus, der Umzugswagen kommt jeden Moment.“

Seufzend stieg der Siebzehnjährige aus dem Auto aus und reckte sich. Seine Beine waren schon seit Monaten zu lang für den Rücksitz, aber ein eigenes Auto kriegte er nicht. Sein Dad kaufte lieber ein neues Haus für sich und seine neue Frau und das neue Baby, das schon in Planung war. Und Bo und Jo mussten sich ihrem Schicksal fügen und mit umziehen in die langweiligste Kleinstadt der USA, nach Keno Lake in Oregon.

„Wow…“, machte Jo langsam, während sie das Haus betrachtete, vor dem sie standen. „Naja, groß ist es wirklich.“

Bo betrachtete seine kleine Schwester von der Seite. Sie war reichliche drei Köpfe kleiner als er, aber sie würde bald wachsen, insgesamt war sie groß für ihr Alter, dürr und sportlich. Ihre dunkelbraunen Haare hatte sie in zwei geflochtenen Zöpfen hinter ihren Ohren zusammen gebunden und oben drauf eine Cappy gegen die pralle Sommersonne gesetzt, auf dessen Vorderseite irgendeine Anime-Figur abgebildet war, die Bo nicht kannte, aber mit diesem japanischen Comic-Zeug konnte er sowieso nichts anfangen. Jo trug keine Röcke oder Kleider, auf solchen Mädchenkram stand sie gar nicht, außerdem behinderte sie so was nur beim auf Bäume klettern und Fahrrad und Inlineskater fahren.

‚Jo ist eben ein Wildfang‘, hatte Mom immer lächelnd mit den Schultern gezuckt, wenn Jo als Vierjährige mit aufgeschlagenen Knien oder blutigem Kinn aus dem Garten gekommen war, grinsend und verschwitzt, und Dad geschimpft hatte, dass Bo besser auf seine kleine Schwester aufpassen musste, dass sie sich nicht ständig verletzte.

„Aber die Gegend“, meinte Bo und sah sich in der Straße um.

Die Grundstücke waren groß, Kleinstadt eben, und die Straße, die zwischen ihnen hindurch führte, war breit und mit Bäumen auf beiden Seiten geschmückt. Das nächste Haus auf der gegenüberliegenden Seite war genau so groß und sah genau so alt aus, hatte genau so einen langweiligen Rasen rundherum und war vermutlich aus dem gleichen Fertig-Bausatz gefertigt worden wie das Haus, das Familie Barker beziehen würde. Es wirkte wie ausgestorben, aber vielleicht war das nur diese Straße.

„Kommt schon, ihr Zwei“, rief Marcus, der schon die Haustür aufschloss, während Paige neben ihm quietschend und in die Hände klatschend auf der Stelle hüpfte, dass ihre Möpse auf und ab wippten und Bo Sorge bekam, sie könnten aus ihrer tief ausgeschnittenen Bluse fallen.

Von innen machte das Haus noch mehr her als von außen, und während Jo gleich die mit Teppich bezogene Treppe hoch rannte, spazierte Bo erstmal langsam durch das leere Erdgeschoss.

„Na, Großer?“, fragte sein Dad und ging neben ihm her. „Was hältst du davon?“

„Das Haus ist viel zu groß, wir haben überhaupt nicht genug Möbel.“

„Wenn das nicht mal ein Luxusproblem ist, das wir ganz einfach lösen können. An die Garage bringen wir einen Basketballkorb an, dann können wir ein paar Bälle werfen, was hältst du davon?“

„Bälle werfen“, wiederholte Bo seufzend, schob sich die verschwitzten, dunklen Haare aus der Stirn, dann ging er zur Treppe, um sich das Obergeschoss anzusehen. „Hier ist es heiß wie in der verfickten Hölle.“

„Bo!“

Bo stieg die Treppe hinauf und sah sich dort die Zimmer an. Fünf gab es, eins mit angrenzendem Badezimmer, das würde wohl das Schlafzimmer für Dad und Paige werden. Im angrenzenden Zimmer wollte Bo sicher nicht schlafen, lieber am anderen Ende des Hauses. Doch das Zimmer dort hatte sich Jo schon unter den Nagel gerissen. Sie stand in dem großen Raum mit den vier Eckfenstern und schaute hinaus in den Garten hinterm Haus.

„Das ist das größte Zimmer, das krieg ich“, sagte Bo.

Seine kleine Schwester drehte sich zu ihm um und winkte ihn heran.

„Guck mal, da ist ein Wald hinterm Haus.“

Bo trat mit ans Fenster und schaute auf das Waldstück.

„Cool.“

„Ob man da ein Baumhaus bauen kann?“

„Bestimmt. Es sei denn, das ist Naturschutzgebiet oder so. Trotzdem ist das hier mein Zimmer.“

„Ne, ich will hier rein, ich war zuerst hier!“

„Aber ich bin dein großer Bruder.“

„Du hast die anderen Zimmer noch gar nicht gesehen, vielleicht sind die ja viel schöner.“

Bo schnaufte frustriert und boxte seiner kleinen Schwester gegen die Schulter, dann schlurfte er raus, um sich die anderen Zimmer anzusehen. Unten konnte er seinen Dad reden und Paige quieken hören, diese Nervensäge konnte überhaupt nicht normal reden, oder sie machte es nur, weil Dad so drauf stand. Hundertpro.

Er öffnete die Tür gegenüber von Jos Zimmer und beschloss auf der Stelle, dass er hier sicher nicht schlafen würde. Der Raum war winzig, da passte gerade so ein Bett und ein Tisch rein und es gab auch nur ein Fenster. Bo wollte gerade umdrehen, als er eine Tür entdeckte, die er zuerst für die Schranktür gehalten hatte, die aber ein Stück offen stand. Stirnrunzelnd ging Bo näher heran und öffnete sie weiter. Dahinter war kein Schrank, sondern eine steile Treppe, die wohl auf den Dachboden führte. Bo nahm die Stufen, langsam und vorsichtig, wer weiß, wie stabil die noch waren, bis er auf einmal auf einem geräumigen, vollkommen leeren Dachboden stand mit Fenstern an den beiden gegenüber liegenden, spitz zulaufenden Wänden. Der Boden bestand aus grobem Holz, die schrägen Wände auch, und von der Decke hing eine nackte Glühbirne.

„Bo?“, rief Marcus von unten. „Wo bist du?“

„Hier“, rief Bo und stieg die Treppe wieder herunter.

Unten stand sein Dad in der Zimmertür.

„Jo hat sich das Zimmer ausgesucht, das eigentlich für dich gedacht ist. Wenn du willst, rede ich mit ihr-„

„Ich nehm das hier“, sagte Bo.

„Wie… die kleine Abstellkammer?“

„Und den Dachboden.“

„Oh“, machte Marcus wenig begeistert. „Naja, irgendwo müssen wir unsere Kisten und ein paar Sachen lagern.“

„In der Garage? Die ist doch riesig. Ich will auf den Dachboden. Ich trag mein Bett auch selbst hoch und bau es auf.“

Marcus dachte einen langen Moment nach, dann nickte er langsam.

„Naja…“, brummte er gutmütig. „Ich will wirklich, dass ihr Zwei euch hier wohl fühlt.“

„Danke, Dad.“

Marcus klopfte seinem Sohn auf die Schulter und lächelte. Er musste etwas hoch gucken, Bo war über ihn hinaus gewachsen, immerhin acht Zentimeter. Sie sahen sich nicht besonders ähnlich, beide von Marcus’ Kindern schlugen sehr nach ihrer Mutter, dünn, lang und mit dunkelbraunem, feinem Haar, mandelförmigen, grün-grauen Augen und feinen Sommersprossen auf der Nase und um sie herum. Marcus war stämmig und hatte breite Schultern, seine Haare waren schon ganz grau, früher waren sie rot gewesen, und er hatte blaue Augen. Seine Kinder sahen ihm nicht das geringste Bisschen ähnlich. Vor allem Bo hatte nichts von seinem Dad bekommen, er war schlank, sehnig und vielleicht etwas zu alternativ, er zog die alten Sport-Shirts, die sein Dad ihm vermachte, nur zum Schlafen an, tagsüber trug er meistens offene Hemden und darunter unbedruckte T-Shirts. Er mochte auch diese ärmellosen Shirts mit Kapuzen und Zugbändern vorne, aber die zog er selten an, schon gar nicht zur Schule, seit einer seiner Klassenkameraden ihn mal als Schwuchtel bezeichnet hatte wegen seinem Outfit.

Manchmal glaubte Bo, dass seine Schwester mehr Kerl war als er. Jo war wild und robust, heulte nicht rum und war immer nur mit Jungs befreundet, weil Mädchen ihr viel zu anstrengend und zimperlich waren. Das fand Bo aber gut, Jo war seine beste Freundin und sie hatten schon immer alles miteinander gemacht, waren auf Bäume geklettert, hatten die alte Nachbarschaft erkundet, die nicht besonders viel hergegeben hatte, und Jo hatte ständig bei Bo mit im Zimmer übernachtet, früher noch öfter, bis Paige eingezogen war.

Bo verbrachte den ganzen Tag damit, seinen Kram Kiste für Kiste hoch auf den Dachboden zu schleppen, dann die Möbel. Seinen Schreibtisch musste er komplett auseinander schrauben, mit Dads Hilfe in Einzelteilen hoch schleppen und oben wieder zusammen bauen. Und die ganze Zeit hatte er dabei das hochfrequente Geplapper von Paige im Ohr, die unten die Küche einräumte und vom Kleinstadtleben schwärmte, von den süßen Läden und den freundlichen Leuten, dabei hatte sie noch keinen einzigen Nachbarn kennen gelernt.

„Morgen machen wir das mit der Schulanmeldung“, sagte Marcus, als sie beim Abendessen saßen.

Es gab Pizza, die er selbst hatte abholen müssen, weil keine Pizzeria in der Nähe einen Lieferservice hatte. Kein Lieferservice, das kam definitiv auf Bos Kontraliste, als würde die ihm jetzt noch was bringen, sie waren ja schon umgezogen.

„Die Grundschule ist hier in der Stadt, zur Highschool musst du wohl den Bus nehmen, Bo, die ist nämlich ein paar Meilen weit weg im Nachbarort.“

„Den Schulbus?“, fragte Bo irritiert. „Warum kann ich kein Auto kriegen?“

„Weil wir nur ein Auto haben und du dir doch wohl nicht zu schade bist, den Bus zu nehmen. Ich brauch das Auto, um zu meinen Kunden zu fahren.“

„Super“, murrte Bo missgelaunt und stützte das Kinn in die Handfläche. „Dafür sind wir an den Arsch der Welt gezogen, um einen noch weiteren Schulweg zu haben.“

„Jos Schule ist näher dran als früher“, sagte Marcus und nahm sich noch ein Stück Pizza.

„Früher sind wir immer alle mit dem Schulbus gefahren“, sagte Paige. „Da war das ganz normal. Aber heutzutage-„

„Heutzutage?“, fragte Bo. „Du hast doch selbst erst vor fünf Jahren oder so deinen Abschluss gemacht.“

„Ich nehm das mal als Kompliment“, sagte Paige, aber sie guckte dabei, als habe sie ganz genau verstanden, dass es nicht als Kompliment gemeint war.

„Kann ich mit dem Fahrrad fahren?“, fragte Jo an ihren Dad gewandt.

„Ich nehm dich morgen mit, dann kannst du dir den Schulweg ansehen.“

„Vielleicht kann ich in den Nachbarort auch mit dem Fahrrad-„, fing Bo an.

„Das ist viel zu weit und geht über die Landstraße, das ist viel zu gefährlich“, winkte Marcus ab.

„Ich bin siebzehn, Dad. Ich kann auf einer Landstraße Fahrrad fahren.“

„Du nimmst den Bus. Da lernst du auch Leute kennen, das tut dir mal ganz gut.“

„Ich wette, Paige muss nirgendwohin mit dem Bus fahren.“

„Das reicht jetzt, Beauregard.“

Bo stöhnte laut und genervt auf, als er seinen vollen Namen hörte, und stand vom Tisch auf.

„Nacht.“

„Bo!“

Der Siebzehnjährige sprang die Treppe hinauf und ließ seine Familie am Tisch zurück. Jo sah ihren Vater an, der nur hilflos mit den Schultern zuckte.

„Pubertät“, meinte er.

„Klar doch“, sagte Jo und biss in ihr Pizzastück.