Eine zweite Chance?

von Annest
GeschichteRomanze / P12
Mark Seibert OC (Own Character)
23.04.2019
29.05.2019
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Donnerstag schien die versprochene Sonne. Nach der Morgenrunde mit Linus setzte sich Carolin mit ihrem Frühstück in den Wintergarten, schob eine der schweren Türen auf und widmete sich ihrer Arbeit. Linus machte es sich zunächst bei ihr gemütlich, die Fußbodenheizung war zu angenehm. Als aber zwei Eichhörnchen durch seinen Garten jagten und ein erster Schmetterling sich auf die Büsche setzte, gewann sein Instinkt. Eine ganze Weile schnüffelte er umher, bellte die Eichhörnchen auf diverse Bäume und erschreckte einen Maulwurf. Schließlich kehrte er in den Wintergarten zurück.
Carolin saß mit angestrengtem Gesicht vor ihrem Laptop. Sie übersetzte einen Band mit Kurzgeschichten, in denen es wechselweise um Inzest oder Mord ging. An einem Frühlingstag gab es wahrlich angenehmere Dinge, die man tun konnte. Sie lehnte sich zurück und sah Linus an.
„Was denkst du, können wir schon zu Stella gehen?“ Der Hund stellte die Ohren auf und legte den Kopf schief. „Eigentlich werden wir erst in zwei Stunden erwartet, aber ich kann gerade kein Französisch mehr sehen und ich brauche Bewegung.“

Eine halbe Stunde später betrat sie den Vorgarten der Seiberts. Die Haustür war weit offen, Ilona stand mit Hacke und Harke im Beet und sah sie lachend an.
„Du kommst aber früh. Willst du mir ein wenig helfen?“
Carolin sah sich um. Dabei entdeckte sie Stella, die in einer Ecke am Zaun damit beschäftigt war, zu graben.
„Ich glaube, du hast schon Hilfe.“ Carolin schüttelte den Kopf und stellte den Rucksack ab.
„Lass sie ruhig. Da ist eine alte Wurzel, die wir gern entfernen wollen. Der Hund ist besser als jeder Spaten.“
Ilona widmete sich wieder dem Beet. Mit kräftigen Hieben bearbeitete sie die Rosen. Carolin pfiff laut. Stella hielt inne, zögerte kurz und kam dann zu ihr hinüber. Sie setzte sich neben Linus auf den Weg, die Zunge hing ihr aus dem Maul
„Sie verwandelt die Beete in eine Kraterlandschaft, wenn ihr das durchgehen lasst.“  Carolin begutachtete die Arbeit. Einzig die Forsythien und die Frühblüher wurden verschont, ansonsten sah es nach komplettem Umgraben aus. „Du gestaltest den Garten neu?“
„Nein.“ Ilona schüttelte den Kopf.
„Doch“, kam es aus einer Ecke, bevor sie weitere Erklärungen machen konnte.
Carolin sah zur anderen Seite vom Vorgarten. In einem Stuhl, in der Sonne, saß Mark, gut eingepackt in seinen Mantel, eine Wolldecke auf den Knien. Er lächelte. „Sie will Pfingstrosen pflanzen, mehrere Büsche. Genau da.“ Er zeigte auf den Zaun.
„Das war nur eine Idee“, mischte sich Ilona ein. „Erstmal muss der Garten vom Winter befreit werden. Nimmst du einen Kaffee bevor ihr zur Hundewiese aufbrecht?“
Das war ihr Plan gewesen. Weil sie damit gerechnet hatte, dass Mark im Bett lag wie in den letzten Tagen. Auf eine Begegnung mit ihm war sie nicht eingestellt.
Sie sah sich nach Linus um. Die Hunde hatten die Unaufmerksamkeit der jungen Frau genutzt und widmeten sich gemeinsam mit vollem Elan der Wurzel. Carolin seufzte und pfiff sie erneut zu sich. Sie wies auf Mark und die Tiere setzen sich zu seinen Füßen.
„Du verdirbst ihnen den ganzen Spaß“, grinste er.
„Ich rette den Garten deiner Eltern. Aufpassen, dass sie nicht wieder stiften gehen.“ Gehorsam griff Mark nach den Halsbändern, um die Hunde festzuhalten.

In der Küche nahm sie drei Tassen aus dem Regal, verteilte den Kaffee und füllte mit Milch auf. Mit dem Tablett balancierte sie zurück vors Haus. Sie zog einen Stuhl neben Mark, holte ein weiteres Sitzpolster aus der Kammer und brachte Stellas Leine mit, um beide Hunde davon abzuhalten, erneut den Weg zur Wurzel in die Ecke zu finden. Schließlich setzte sie sich.
„Wie geht es dir?“, fragte sie nach einer Weile, in der sie Ilona bei ihrer Arbeit beobachtet hatten. „Du siehst besser aus.“
Er nickte. „Es geht bergauf, seit gestern endlich. Der Schlaf der letzten Tage hat sehr gutgetan. Jetzt muss ich noch ein wenig Kraft tanken und dann kann ich die letzten Konzerte der Tour mitmachen.“
Carolin nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Er klang entschlossen und sie hatte sich geschworen, sich auf keine Diskussionen mehr einzulassen. Er lebte sein Leben, sie ihres.

Sie sprachen über dieses und jenes, Small Talk. Ihr fiel auf, wie leicht es in diesem Moment war, sich mit ihm zu unterhalten. Auch, wenn sie nicht in die Tiefe gingen. Neben ihm zu sitzen, jeder mit seinem Kaffee, während die Sonne sie wärmte. Das fühlte sich gut an, und richtig.
Hin und wieder schloss er die Augen, lehnte den Kopf zurück. Er hatte Farbe im Gesicht, wirkte insgesamt fitter als am Samstag. Hinzu kam, dass er seit einigen Jahren an Attraktivität gewonnen hatte, in Carolins Augen. Gegenüber einer Schulfreundin, die sie mal neugierig nach Mark fragte, hatte sie den alten Vergleich mit Wein bemüht. Der Sonnyboy war verschwunden, die Haare nicht mehr gefärbt, die Locken nicht mehr so schrecklich mit Gel und Schaum in Form gebracht. Er war erwachsener und es stand ihm.

Entschlossen stellte sie die Tasse beiseite, griff die Leinen und stand auf. „Ich gehe jetzt. Die Hunde brauchen mehr als nur umgraben.“
Sie warf Mark einen knappen Blick zu, der sie erstaunt ansah. „Viel Spaß“, brachte er schließlich hervor, als sie schon Richtung Tor unterwegs war. Mit dem Rucksack in der anderen Hand verließ sie den Vorgarten und brachte räumlichen Abstand zwischen Mark und sich.

***

Das gute Wetter hielt nicht bis zum Freitag durch. Die Sonne versteckte sich hinter Wolken, immerhin hielten die etwas höheren Temperaturen. Ilonas Aktionismus vom Vortag hatte Spuren hinterlassen, stellte sie fest, als sie durch das Gartentor trat. Nach ihrer Runde hatte Carolin Stella nur abgeliefert und sich entschuldigt, die Übersetzung war eine willkommene Ausrede.
Der Laptop jedoch war aus geblieben. Während Linus sich auf seiner Decke zusammengerollt hatte, saß Carolin mit einem Glas Wein im Wintergarten und starrte auf die Pflanzenkübel, bis es stockduster um sie herum gewesen war. Sie wurde nicht schlau. Nicht aus sich selbst, nicht aus Mark. Erst recht nicht aus der Situation zwischen ihnen.
Wie er sie angesehen hatte, als sie sich so plötzlich verabschiedet hatte. War da nicht etwas aufgeblitzt in seinen Augen? Bedauern? Der Wunsch, dass sie noch blieb? Oder war das ihre Einbildung? Eine tiefsitzende Hoffnung auf eine zweite Chance, von der sie sich einfach nicht lösen konnte?

Ilona öffnete ihr mit einem strahlenden Lächeln die Tür.
„Du kommst gerade richtig. Der Käsekuchen ist abgekühlt und kann gegessen werden.“ Sie zog Carolin ins Haus.
„Aber ich will nur …“
„Keine Widerrede, Lin. Ich habe ihn extra für dich gebacken.“
„Ich kann später ein Stück mitnehmen.“
„Setz dich!“ Sie wurde auf einen Stuhl am Küchentisch gedrückt, keine Sekunde später stand ein Teller vor ihr. Während Ilona am Regal mit den Kaffeebechern klapperte, sah Carolin sich um. Mark saß auf dem Sofa, Stella hatte es sich neben ihm gemütlich gemacht.
„Sofa ist vermutlich auch verboten, oder?“
„Ja, das wissen eigentlich alle. Auch der Hund.“ Sie nahm die Tasse entgegen, die Ilona ihr reichte. Mark erhob sich und kam zu ihnen an den Tisch, während Stella sich zu Linus gesellte. Seine Mutter lud auch ihm ein Stück vom Kuchen auf und schob es über den Tisch.
„Mark geht es ein ganzes Stück besser heute. Wir waren vorhin beim Arzt, er hat grünes Licht gegeben für Fulda am Sonntag.“ Carolin erkannte eine Mischung aus Erleichterung und Wehmut in Ilonas Augen. Der Sohn war wieder gesund, aber damit musste sie ihn gehen lassen. Nachdem sie ihn ein paar Tage umsorgen konnte. Ihn, den sie so selten sah.
„Das ist doch prima“, meinte sie leichthin. Sie teilte ein Stück vom Kuchen ab und kaute. In zwei Tagen war er wieder fort. Das gab ihr die Chance, die Gedanken an ihn zu vertreiben.  Ihren Selbstschutz wieder stärker werden zu lassen. Er kehrte in sein Leben zurück und es blieb dabei - sie war kein Teil davon.
„Er wird dich und die Hunde gleich begleiten.“
Carolin verschluckte sich, auch Mark ließ kurz die Kuchengabel sinken und starrte seine Mutter an. Während Carolin nach Atem rang, sah sie zu Ilona, dann zu Mark. Er wirkte verlegen, aber da war auch Entschlossenheit in seiner Miene.
Was war hier los?

Nur zehn Minuten bevor sie geklingelt hatte, hatten Mutter und Sohn ein Gespräch beendet.
Ilona hatte genau hingesehen in den letzten Tagen. Die Blicke zwischen Mark und Carolin waren ihr genauso wenig entgangen wie die Unsicherheit, wenn sie aufeinandertrafen oder auch nur übereinander sprachen. Diese beiden Menschen, die seit Jahren umeinander schlichen, brauchten einen Schubs. Besonders ihr Sohn. Der nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin keine neue Beziehung eingegangen, aber wohl dennoch nicht ganz frei war.
„Was ist mit dieser Kollegin von dir?“, hatte sie gefragt. Telefoniert hatte er in den letzten Tagen nicht mit der ihr unbekannten Frau.
„Das ist nichts Ernstes.“
„Sieht sie das auch so?“
Seine Antwort war lediglich ein Schulterzucken gewesen.
„Mark, es ist deine Sache, wie du dein Leben lebst. Das haben wir dir immer gesagt. Aber ich kann dir nur raten, jederzeit ehrlich zu sein. Zu den Frauen, aber auch zu dir selbst.“ Sie atmete durch und wagte sich weiter vor. „Ich weiß, dass du mit deiner Mutter nicht gern über solche Dinge sprichst. Welche Kinder tun das schon. Trotzdem interessiert mich, was du für Lin fühlst.“
Mark sah auf, seine Mutter beobachtete ihn mit aufmerksamem Blick. Er schwieg, versuchte einmal mehr, seine Gedanken zu sortieren.
„Fühlst du etwas?“
„Ich weiß nicht. Ja. Schon, irgendwie. Es ist merkwürdig, ich kann es nicht erklären.“
„Versuch es.“
„Es ist … wie ein unsichtbares Band, das sich nicht trennen lässt. Egal was ich versucht habe in den vergangenen Jahren. Der Gedanke an sie ist nie ganz verblasst.“ Er schüttelte den Kopf. Eine Teenager-Liebe, mehr nicht. Nur wenige Wochen. Sollte Carolin sein Schicksal sein? Eine Vorstellung, die nicht in seine geordnete, disziplinierte Welt zu passen schien. Schicksal, das klang immer so unabwendbar, so unbeeinflussbar.

***

„Es ist nicht gut, wenn Mark jetzt noch zwei Tage faul herum liegt und am Sonntag einfach so nach Fulda fährt und sich auf die Bühne stellt. Er sollte sich heute und morgen ein wenig fordern, um die Kräfte zu testen und richtig einschätzen zu können. Das hat auch der Arzt empfohlen.“ Ilona schnitt zwei weitere Stücke vom Kuchen ab. Sie holte eine Dose mit Deckel aus dem Küchenschrank und legte Gabeln dazu. „Nehmt das mit, Wasser hole ich aus der Kammer. Du solltest dich umziehen, oder willst du im Schlafanzug aufs Feld gehen?“
Sie sah ihren Sohn an. Der bewegte sich zunächst nicht. Als Stella winselte und sich von Linus vom Wassernapf verdrängen ließ, durchzuckte es ihn.
„Okay. Bin in ein paar Minuten wieder unten.“ Er schob den Teller weiter auf den Tisch und verließ die Küche. Carolin sah ihm nach, bevor sie Linus ermahnte. Zu spät eigentlich, es hätte gleich ein festes Wort gebraucht als er sich mit Stella angelegt hatte. Aber ihr Kopf war gerade nicht so frei wie er es hätte sein sollen.
„Ilona, ich …“, setzte sie an, doch diese machte ein Geräusch, das nach ‚Tutt-tutt‘ klang.
„Trink deinen Kaffee aus. Pass auf ihn auf, nicht dass er sich gleich übernimmt und über die Wiese jagt.“
„Das überlassen wir den Hunden.“ Carolin starrte gedankenverloren Linus an. Ein Spaziergang mit Mark zur Hundewiese. Freitag verbrachte sie oft zwei, manchmal sogar drei Stunden dort. Machte Übungen mit Stella und Linus, setzte sich ins Gras und genoss die Ruhe, kuschelte mit den Fellnasen.
All die Zeit mit Mark an ihrer Seite? Worüber sollten sie reden? Was sollte sie tun?

Schweigend verließ sie nach ihm das Haus und zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Das alte Ding war fleckig und mehrere Nähte ausgebessert. Genau richtig fürs Feld. Mark hatte sich einen alten Regenmantel von seinem Vater geliehen. Inzwischen war Harald nicht mehr so sportlich wie früher, die Schultern fielen ein, er hatte nach dem Infarkt Gewicht verloren. Aber die Jacke saß Mark wie angegossen und zeigte, dass auch sein Vater früher ein breites und trainiertes Kreuz hatte.
Auf der Straße drückte sie Mark die Leine von Stella in die Hand.
„Nimm sie kurz, so dass sie sich nicht weit entfernen kann solange wir in der Siedlung sind. Wenn wir freies Gelände erreichen, kannst du sie etwas laufen lassen.“ Sie vermied es, ihn anzusehen und ließ Linus eine Marke setzen. „Ableinen erst auf dem Feld oder wenn ich es sage.“
„Zu Befehl!“ Sie konnte ihn regelrecht lächeln hören. Seine Stimme klang amüsiert. „So streng habe ich dich gar nicht in Erinnerung.“
„Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt.“

Sie liefen zügig durch die Straßen, ließen die Siedlung hinter sich. Erst dann verlangsamte Carolin das Tempo. Mark hatte Schritt gehalten, aber sie konnte ihn schneller atmen hören.
„Hast du noch was vor heute?“, machte er einen nächsten Scherz. Carolin schüttelte nur den Kopf und starrte auf den Weg vor sich. Sie ließ Linus etwas mehr Leine. Mark folgte ihrem Beispiel, denn Stella zerrte dem Rüden zum kleinen Graben hinterher, der sich am Feld entlang zog. „Tut mir leid, dass Mama dich so überfallen hat mit ihrem Vorschlag.“
Carolin brummte nur, erst nach einer Weile fand sie ihre Stimme wieder.
„Sie hat ja recht. Ein wenig Bewegung und frische Luft tun dir gut.“
Endlich brachte sie es auch fertig, ihn anzusehen. Er hatte die Wollmütze auf, einzelne dunkelblonde Strähnen guckten darunter hervor. Hinter der Brille seine grünen Augen. Sie verstand, dass er damit Frauen in Träume und ganz andere Gedanken stürzen konnte.
„Die Erholung in den letzten Tagen hat ebenfalls sehr gutgetan. Muss ich zugeben.“ Er sah hinauf zu den grauen Wolken. „Auch, wenn es schwerfällt. Das war ein sehr eindeutiges Signal vom Körper.“
Linus und Stella begannen, um einen Stock zu streiten. Carolin ruckte an beiden Leinen und die Hunde folgten dem Befehl.
„Gut, dass du drauf gehört hast“, nahm sie den Faden wieder auf. „Freust du dich auf die Bühne?“
„Sehr. Ohne geht es einfach nicht in meinem Leben. Auch die Kollegen fehlen mir.“
„Jürgen?“, grinste Carolin.
„Nein, der nicht unbedingt.“ Er lächelte sie an.

Wieder liefen sie schweigend nebeneinander. Carolin fiel auf, dass das nicht unbedingt unangenehm war. Eher so, als würde jeder seinen Gedanken nachhängen, während sie trotzdem zusammen waren.
Am Tor zur Hundewiese angekommen, zog sie den schweren Riegel zurück. Niemand war zu sehen, aber das konnte sich jederzeit ändern. Es war früher Nachmittag, irgendwann würden die ersten anderen Hundebesitzer kommen. Für den Moment gehörte das Feld ganz ihnen. Sie leinten die Hunde ab und Stella jagte mit wehenden Ohren davon. Linus folgte ihr in gemächlicherem Tempo.
„Ich dachte, du willst mit ihnen trainieren?“ Mark schloss das Tor.
„Später. Jetzt dürfen sie einfach ein wenig rennen und toben“, erwiderte Carolin, während sie den Rucksack abnahm und gegen einen Baumstumpf lehnte. Mark legte die runde Hülle, die er getragen hatte, dazu.
„Was ist das eigentlich?“, zeigte er auf die dunkelblaue Plane.
„Ein Tunnel, fürs Training. Wirst du sehen.“
Er nickte und sah sich um.
„Wirklich ein tolles Gelände. Das hat der alte Bauer einfach so abgetreten?“
„Sein Sohn, nachdem der das Land geerbt hat.“ Carolin folgte Mark, der ein paar Schritte am Zaun entlang ging. Hier und da lagen Bälle oder stand ein Hocker am Rand. Hinterlassenschaften anderer Hundebesitzer.
„Der Alte war furchteinflößend, zumindest als wir Kinder waren.“ Mark drehte sich einmal um die eigene Achse. „Früher hat er hier Mais gepflanzt. Mit Adrian bin ich häufig mit dem Fahrrad hergefahren. Es war eine Mutprobe für uns, ins Feld und mitten in die Pflanzen zu laufen. Irgendwie hatte man früher das Gefühl, der Bauer kriegt das ganz genau mit.“
Kopfschüttelnd lehnte er sich gegen einen Holzpfahl, der tief in die Erde geschlagen war.
„Tatsächlich hat er uns ein paar Mal erwischt, dann hat es was gesetzt. Wir haben uns nie getraut, es Mama und Papa zu erzählen. Sie wären wohl auch nicht erbaut gewesen, Felder waren verboten. Das hier ganz besonders, vermutlich wussten sie um die Reaktionen vom Alten.“ Er lachte bei der Erinnerung. Carolin beobachtete ihn und versuchte, sich Mark als Kind vorzustellen.
„In meiner Kindheit gab es keine Verbote.“ Sie lehnte sich gegen eine der Querstreben, die sich um das Feld zogen und dem Zaun die nötige Stabilität gaben.
„Nicht eines?“ Mark sah sie erstaunt an.
„Im Grunde nicht. Ich sollte frei und unabhängig aufwachsen. Erst als wir nach Hessen gezogen sind und mein Vater diesen Bürojob antrat, war da plötzlich eine bürgerliche Mauer um mich. Benimm dich, sei rechtzeitig zu Hause, mach keinen Ärger. Schneid dir die Haare vernünftig.“

Das Gegenteil hatte sie getan, erinnerte sich Mark. Als sie sich in jenem Sommer der neunziger Jahre näher kennenlernten, hatte Carolin eine Masse an Dreadlocks auf dem Kopf gehabt.
„Danke, dass du Samstag nach Dresden gekommen bist“, wechselte er unvermittelt das Thema. Sie standen nebeneinander am Zaun und beobachteten die Hunde, die weit entfernt am Waldrand umeinander jagten. „Extra gefahren bist.“
„Schon okay“, unterbrach sie ihn. Mit dem linken Fuß scharrte sie etwas Erde hin und her, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Wegen mir. Das ist bei Weitem nicht selbstverständlich, Carolin, das weiß ich.“
„Sonst hätte niemand fahren können.“
„Du hättest ablehnen können.“
„Hätte ich.“ Sie vermied es weiterhin, ihn anzusehen.
Sie wusste, dass sie nicht hätte ablehnen können. Er ahnte es vermutlich. So sehr sie sich auch gegen die eigenen Gefühle zu wehren versuchte, sie kam nicht dagegen an. Er war das Licht, sie die Motte.

„Kannst du mir verzeihen?“
Überrascht hob Carolin den Kopf und blinzelte ihn an.
„Unsere letzte Begegnung. Die Vorwürfe, die ich dir gemacht habe. Ich weiß, dass das unfair war. Wusste ich damals schon.“
„Warum hast du diese Dinge dann gesagt?“ Sie rückte ein Stück von ihm weg.

Er schwieg. Sah zu den Hunden, die weit entfernt hin und her liefen. Ab und an bellten sie, vielleicht huschte eine Maus über den Boden. Carolin wartete ab.
„Es war ein lausiger Versuch“, meinte er schließlich. Sein Blick kehrte zu ihr zurück. Sie standen sich gegenüber, im grauen Licht eines Märztages. Er stützte einen Arm auf den Pfahl. „Ich will dich nicht schon wieder verletzen.“
„Sag es einfach.“ Sie verengte die Augen, als würde ihr das helfen, aus ihm und dieser Situation schlau zu werden.
„Ich habe versucht … dich von mir fort zu treiben. Vor zwei Jahren, als Papa den Infarkt hatte und ich dich nach Hause gebracht habe. Dieser Kuss, das war für mich selbst total überraschend. Ich dachte, du und ich, das läge hinter mir, uns, seit all den vielen Jahren. Eine Erinnerung an Jugendtage. Ich hab dich damals ganz schön überrumpelt, oder?“
Er stockte. Carolin nickte nur, ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
„Anschließend habe ich mir eingeredet, dass das nur an der Situation lag. Papa, seine Krankheit, die Sorge um ihn. Nach dem zweiten Kuss einige Monate später ging das nicht mehr. Gleichzeitig kam mir der Gedanke … absurd vor. Du und ich.“ Er hob die Hände in einer entschuldigenden Geste. „Unsere Leben sind so verschieden. Ich hatte eine Freundin, war zufrieden in dieser Beziehung.“

Linus hielt im Spiel mit Stella kurz inne. Mit gespitzten Ohren sah er über das Feld. Aber sein Frauchen und ihr Begleiter standen am Zaun und beachteten die Hunde überhaupt nicht. Mit einem Gähnen drehte er sich herum und schnüffelte nach dem Frosch, der sich ins Gras verirrt hatte und vor ihnen flüchtete.

„Ich hab’s auch versucht.“ Carolin bückte sich und zupfte einen langen Halm aus der Erde. Überbleibsel der Hafersaat, die dem Mais gefolgt war, bevor hier die Hundefläche eingerichtet wurde. „Wusstest du, dass ich damals echte Gefühle für dich entwickelt hatte? Als du dich getrennt hast?“
„Ich habe es geahnt, denke ich“, nickte er.
„Das ist nie ganz vergangen.“ Ihr kamen Tränen, die sie versuchte, durch heftiges Schlucken zu unterdrücken. „Unterschwellig war es wohl immer da, auch wenn ich es selbst nicht verstanden habe. Niklas hat mir das vor Augen geführt, als er sich von mir getrennt hat.“
„All die Jahre?“ Er wusste, wann die Beziehung in die Brüche gegangen war, das hatte Ilona ihm mal erzählt.
Sie konnte nur noch mit den Schultern zucken, die Stimme wollte ihr versagen. Sie sah zur Seite, wischte sich energisch die Tränen weg.
„Warum hast du nie was gesagt?“
Ein bitteres Lachen suchte sich seinen Weg an die Oberfläche.
„Was hätte ich denn sagen sollen?“ Die Frage kam heftiger als sie es beabsichtigte. „Wie du selbst erkannt hast, jeder von uns lebt sein Leben. Du warst in einer Beziehung. Hätte ich da einfach auftauchen sollen und sagen ‚Hi, Mark, wie gehts? Übrigens, ich bin immer noch verliebt in dich’?“
Sie zog die Packung mit den Taschentüchern aus der Jacke, schnäuzte sich kurz.
„Hätte ich dir nachrennen sollen wie ein Teenager? Nein, ich habe auch einen Stolz.“
Er stand vor ihr, sah sie an. Sein Blick ließ kaum erkennen, was er gerade dachte, aber sie hielt ihn nicht mehr aus. Drehte sich weg und sah über den Zaun zum Feld nebenan. „Ich bin so dumm“, flüsterte sie.

Er hatte es gehört.
„Du bist vieles, Lin, aber nicht dumm.“
„Wie würdest du es nennen, wenn man jahrelang an einem Menschen hängt, der unerreichbar ist?“ Sie nutzte ein weiteres Taschentuch, dann drehte sie sich zu ihm zurück. Noch immer stand er da, mit dem Arm auf dem Pfahl. Hinter ihm erhob sich der Wald in der Ferne. Seine Augen streiften über ihr Gesicht, schienen Detail um Detail zu betrachten.
„Nein. Nicht unerreichbar.“

Sie war sanft. Hätte er Carolin mit einem Wort beschreiben müssen, er hätte Sanftmut gewählt. Sie hatte ein freundliches, geduldiges, fast schon zartes Wesen. Er konnte sich nicht erinnern, sie jemals wütend erlebt zu haben. Sie konnte launisch sein, sicher. Auch mal brummig. Aber nie aufbrausend.
Es tat ihm weh, sie so traurig und verletzt zu sehen. In diesem Moment, auf der Hundewiese, während ein leichter Nieselregen einsetzte, hätte er alles gegeben, um ihr diesen Schmerz zu nehmen.

„Was soll das heißen?“
„Ich hab dich sehr gern. Du bedeutest mir mehr, als du vielleicht denkst.“ Er brachte ein schiefes Grinsen zustande. „Ich Esel habe die letzten Tage gebraucht, um das zu akzeptieren. Nun kann ich nur hoffen, dass ich meine allerletzte Chance nicht schon verschenkt habe.“
Ein Windstoß fuhr in ihre kurzen Haare. Mark beobachtete das Spiel.
„Ich mochte die Dreads sehr, sie waren was Besonderes.“ Er lächelte. „Aber ich mag auch die neue Frisur.“
„Die Friseurin sagt, ich sehe aus wie ein Junge damit.“ Sie zupfte unsicher an einer Strähne.
„Quatsch.“

Einem Impuls folgend, lehnte Mark sich vor, streckte den Arm lang aus und strich ihr das Haar aus der Stirn. Er hielt inne, seine Fingerspitzen an ihrer Schläfe. Sah ihr in die Augen. Wollte seine Hand zurückziehen, aber da hielt sie ihn fest. War ihm von einer Sekunde auf die nächste ganz nah.

Carolin reckte sich, suchte seine Lippen. Er kam ihr entgegen. Der Bart kratzte, als sie sich vorsichtig küssten. Nur einen Atemzug. Dann trennten sie sich. Plötzlich war da dieses Lächeln in seinen Augen.
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