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GeschichteDrama, Romanze / P18
23.04.2019
18.08.2019
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Leute, was für ein Tag ... Manchmal verflucht man seinen Beruf einfach nur.
Für die, denen es heute genauso ging ... Ein kleiner weihnachtlicher Ausflug, um runterzukommen. Na ja ... und für alle anderen ... :)

... ist diesmal auch etwas länger. Der Cut bietet sich einfach zu gut an ... Sorry hierfür :) Aber vielleicht mach ich damit ja sogar dem einen oder andren eine Freude. Wer weiß.

_______________________________________________

- Margaret -


„Also war das eine Ausnahme?“
„Definitiv, ja.“
Langsam gewann ich den Eindruck, dass dieser Kerl eben jenes Spiel wunderbar beherrschte, das ich so kläglich verlernt hatte. Es war also nicht der Mut, sondern vielmehr ein Fünkchen Trotz, der mich noch einmal nachhaken ließ. „Warum?“
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Tom kurz schmunzelte und zu Boden sah, aber er spazierte unbeirrt weiter. „Ich denke, du weißt warum.“

Ich war gleichermaßen erschrocken über so viel Direktheit wie empört über so wenig davon. Denn nun stand ich da mit einer Antwort, die mich in Zugzwang brachte. Früher … Ja, früher, da hätte ich frei heraus verkündet, dass der einzig mögliche Schluss wohl nur wäre, dass er mir verfallen war. Doch früher war ich in der Lage dazu gewesen, kilometerweit in hohen Schuhen zu laufen, ich hatte mich auf mein langes, lockiges, fast rotes Haar verlassen können, wenn es um meine Wirkung auf Männer ging und vor allem hatte ich keine Angst vor einem Fehltritt gehabt. Ich wäre hingefallen, aufgestanden, weitergelaufen als wäre nichts gewesen. Doch mittlerweile wusste ich, dass das Hinfallen immer leicht war, aber die beiden anderen Etappen … Kurzum: Ich machte einen Rückzieher.

„Weil du nicht gekündigt werden kannst“, erwiderte ich plump und war erleichtert, als Tom keineswegs den Eindruck machte, als hätte ich ihn damit vor den Kopf gestoßen. Stattdessen grinste er das meinem Empfinden nach breiteste Grinsen, seit ich ihn kannte und nickte.
„Familienunternehmen sind ein Fluch, aber das heißt nicht, dass es nicht auch einige wenige Vorteile gibt.“
„Mehr als diesen einen?“
Tom mimte kurz ein nachdenkliches Gesicht, das sich kurz darauf aufhellte. „Es gibt Tee auf’s Haus, so viel ich will.“
„Also zwei Vorteile?“

Er schmunzelte und das ging ihm nicht einmal verloren, als wir uns dem kleinen See des Parks näherten und sich dahinter eine regelrechte Jahrmarktsilhouette abzeichnete. „Ja, zwei müssten wohl stimmen.“
„Allerdings … Wenn dir das Hotel gehört, ist es im vereinfachten Prinzip ja dein Geld, das für den Tee ausgegeben wird. Also kaufst du dir selbst Tee, den du dann auf Arbeit trinken kannst.“
Tom sah mich an und zog seine Augenbraue zu einem empörten Blick in die Höhe – definitiv ein Mienenspiel, das er ausgesprochen gut beherrschte und das ihm auch hervorragend zu Gesicht stand. „Bis eben war ich dir eigentlich sehr wohlgesonnen. Aber du scheinst vergessen zu haben, dass dir für diesen Ausflug gegenwärtig nur ein einziger Komplize zur Verfügung steht.“ Er deutete ausschweifend auf die funkelnde Winterwelt, die sich da vor uns auftat – und vor der sich bereits eine Schlange gesammelt hatte. „Und zwar gegen das alles!“
„Für das alles“, berichtigte ich ihn grinsend.
„Wie dem auch sei …“

Wir stellten uns in der Schlange an und ich war tatsächlich dazu in der Lage, während dieser Wartezeit normale Konversation zu betreiben.
„Ich bin die vierte Generation“, erklärte er, nachdem wir uns hinter einer Gruppe Studenten eingereiht hatten. „Vor mir hat meine Mutter das Hotel geleitet und sie unterstützt den Betrieb nach wie vor. Vor ihr meine Großeltern … Der Rest erschließt sich wohl von selbst.“
Nur seine Mutter, bemerkte ich erneut. Kein Vater. Aber ich ließ es bleiben, noch einmal danach zu fragen. Tom hatte am Sonntag zuvor deutlich gemacht, dass das wohl keines der Themen war, mit denen er offen hausieren ging. Und ich war sicher, dass ich ihm mit diesem Rummel, der sich Weihnachtsmarkt nannte, schon weit genug aus seiner Komfortzone trieb.
Also entschied ich mich für eine andere Gegenfrage, von der ich hoffte, dass sie unverfänglicher war: „Und das Hotel … Ist das dein Traumjob?“

Er gab vorerst nur ein belustigtes „Mh“, von sich und zog dann seine Geldbörse, als wir das Ende der Schlange erreichten. Ich selbst löste mich von ihm, um nach meiner eigenen Handtasche zu greifen, aber ehe ich diese überhaupt geöffnet hatte, legte sich Toms Hand auf meinen Unterarm. „Denk nicht mal daran.“ Toms Worte waren nur ein Raunen, aber nachdrücklich und erschufen mit sofortiger Wirkung einen zarten Anflug von Nervosität, von der ich gehofft hatte, sie gebändigt zu haben.

Ich hätte widersprechen können, sicher. Ich hätte meinen Eintritt zahlen und damit vermitteln können, dass ich für diesen Abend auf gar keinen Fall auch nur die geringste Möglichkeit sah, mehr zu werden als freundschaftlicher Personenschutz auf einem Weihnachtsmarkt. Doch ich entschied kurzerhand, meine Tasche sofort sinken zu lassen, brav Danke zu sagen und dem Einlasser meinen Arm hinzuhalten, damit er das rote Bändchen mit den Schneeflocken daran befestigen konnte. Meiner Begleitung verpasste man ein ebensolches Schmuckstück und direkt darauf fanden wir uns in dem stimmungsvollen Gedränge dieses Weihnachtsmarktes wieder.

„Kein Traumjob“, warf Tom mir zu. Ich selbst hatte unser vorheriges Thema längst vergessen. Simple Situationen wie die Finanzierung von Eintritten ließen solche Dinge gern in den Hintergrund geraten. „Dass ich kein allzu großer Menschenfreund bin, war vollkommen ernst gemeint! Warum genau wolltest du hierher?“
Ich lachte. „Das willst du nicht hören.“
„Oh doch“, widersprach er mir. Dabei senkte er seinen Kopf sogar ein bisschen, damit seine Worte auch definitiv mich erreichten und nicht irgendwo über den Köpfen der Leute verloren gingen. „Entgegen meiner Aversion gegen Menschenmassen befinde ich mich eine Woche vor Weihnachten auf einem Jahrmarkt. Ein vollkommen wahnsinniges Unterfangen, falls meine Meinung relevant sein sollte. Also doch, der Grund dafür interessiert mich brennend.“
Ehrlich gesagt ging ich davon aus, dass ich der Grund war. Das war das Gefühl, das er mir gab und das, was ich aus seinen Worten heraushörte. Aber mir war klar, dass das weder die Antwort war, die ich ihm geben würde noch die, die er erwartete. „Ich mag es, dass hier so viele Menschen sind.“

Einen Moment lang konnte ich beobachten, wie er zu einer Antwort ansetzte, sie dann aber verwarf. Die Falte, die sich auf seiner Stirn bildete, zeugte von weiteren Überlegungen, doch schließlich kapitulierte er mit einem Kopfschütteln. „Ich fürchte, ich bin nicht in der Lage, dazu eine gesellschaftsfähige Antwort zu formulieren.“
Ich kicherte, weil ich nicht anders konnte. Mit einer solchen nicht gesellschaftsfähigen Antwort hätte ich durchaus gerechnet und leben können. Um aber mit Toms herzzerreißendem Hang zur Höflichkeit nicht zu spielen, gab ich ihm die Antwort auf seine indirekte Frage sofort, anstatt mit ihr zu spielen: „Man kommt nicht voran“, erklärte ich und deutete unnötigerweise auf die träge Masse vor uns, die selbst ich hätte überholen können, wäre Raum dafür gewesen. „Wäre Platz, würde man an allem vorbei hetzen. Ganz automatisch. Aber hier wird man ausgebremst. Und entweder regt man sich darüber auf oder man nutzt die Zeit für Gespräche“, mit diesen Worten schenkte ich ihm ein hoffentlich versöhnliches Lächeln, „ und für einen mehr als nur flüchtigen Blick auf die Stände. Man kommt nicht schnell voran und ich finde es schön, es auch einfach mal gar nicht erst zu versuchen.“

Tom sah mich kurz ungläubig an und schien dann über mein Gesagtes nachzudenken, ehe er den für ihn wohl einzigen folgerichtigen Befund formulierte. „Miss Forrester, Sie haben den Verstand verloren.“
„Heißt das, wir müssen umkehren und ihn suchen?“
Er hob seine Augenbrauen, zeitglich aber auch seine Mundwinkel. „Ist das ein ernstes Angebot? Denn wenn nicht, möchte ich dich bitten, nicht mit meinen naiven Hoffnungen zu spielen.“

Ich gluckste und dachte zum ersten Mal bewusst daran, dass ich Tom selbst noch nie hatte lachen sehen. Er hatte genug Humor bewiesen, um mir hin und wieder eines zu entlocken. Ich wusste, dass er in der Lage zu einem Lächeln war, zum Schmunzeln und wahrlich auch zum Grinsen. Sein Gesicht schien regelrecht zum Grinsen konstruiert worden zu sein. Daher fiel es auf, dass er so selten Gebrauch davon machte.
„Es tut mir leid“, gab ich zurück. „Ich wollte dich nicht der zuckersüßen Hoffnung einer menschenleeren nahen Zukunft aussetzen. Das war grausam von mir. Ich …“ Ich blieb stehen. „Riechst du das?“

„Muss ich raten oder verrätst du mir die richtige Antwort?“
„Natürlich riechst du das“, erwiderte ich. „Gebrannte Mandeln! Weihnachten!“
Tom schüttelte nicht den Kopf mit dem belustigten Lächeln auf dem Gesicht, das man Menschen zuweilen zuteilwerden ließ, die Magie an Orten entdeckten, wo man selbst keine mehr sah. „Oder wie die Tower Bridge das ganze Jahr hindurch.“
„Mh“, machte ich. „Ich sehe, du bist ein ausgesprochener Liebhaber dieser Saison.“
Er schien kurz zu einer Antwort anzusetzen, atmete sie dann aber wortlos wieder aus und schwenkte in seiner Erwiderung um: „Erspürt deine Nase auch die Richtung, in die wir für diese Leckereien gehen müssen?“

Ich lachte, wischte die leichte Unsicherheit hinweg, die mir sein Kommentar beschert hatte und schenkte ihm stattdessen ein schamlos triumphierendes Grinsen. „Verrat mir eins, Thomas Walsh – in welchem Grad musst du dich gerade zusammenreißen, um diesen Markt zu ertragen?“
Er erwiderte meinen Kommentar mit dem knappen Zucken eines Mundwinkels. „Glaub mir, es gibt Dinge, die mir mehr zusetzen als blinkende Lichter und touristische Kampftruppen. Also …“ Mit einer sagenhaften Beiläufigkeit legte er seine Hand an meinen Rücken – gerade fest genug, dass ich die Berührung unter meinem Mantel spüren konnte. „Welche Richtung?“

Vermutlich wäre es egal gewesen, welche Richtung wir einschlugen. Irgendeine Quelle dieses Geruchs hätten wir im Umkreis von fünfzig Metern wohl immer gefunden. Schlussendlich aber landeten wir vor einem Stand, hinter dem ein schwarzer Kessel regelmäßig frische Mengen gebrannter Mandeln produzierte, die nicht hinter einer Glasvitrine gelagert und warmgehalten wurden, sondern direkt in eine Papiertüte und darin in die Hand des nächsten Heißhungrigen wanderten.

Ich war gelinde gesagt begeistert – ja, ich jubelte sogar wie ein kleines Mädchen. Ich mag mir nicht ausmalen, was ich Toms Nerven damit antat. Aber wie ich schon sagte – Emotionalität entzog sich seit einigen Monaten meiner Kontrolle. Es war, als hätte dieses Schädel-Hirn-Trauma ein Ventil für wohl dosierte Gefühlslagen einfach abgeschlagen und nun rauschten Freude, Wut und überhaupt einfach alles unkontrolliert aus mir heraus. Und wenn ich eines gelernt hatte, dann dass es ziemlich egal war, welche Option mich gerade beherrschte – meine Umwelt konnte jede von ihnen belasten. Es stellte sich nur anders dar.
Ich beließ es also bei einem außerordentlich aufrichtigen Danke, als Tom zustimmte, sich eine Packung mit mir zu teilen. Wieder ließ er es gar nicht zu, dass ich auch nur meine Hand nach meiner Tasche ausstreckte, zahlte den vollkommen überzogenen Preis und wir liefen weiter.

Nach einem kurzen inneren Zwiespalt zwischen Undankbarkeit und dem Bedürfnis nach Klartext, seufzte ich einige Schritte später. „Tom? Du weißt aber hoffentlich, dass ich dich nicht nach deiner Gesellschaft gefragt habe, um möglichst kostengünstig durch den Nachmittag zu kommen, oder?“ Ja, ich hatte eine kleine Weile über diesen Satz nachgedacht, um ihn fließend und ohne nervöse Zwischenfälle formulieren zu können.
Tom warf mir einen Seitenblick zu und stieß dabei beinahe mit einem entgegenkommenden Mann zusammen, der es eiliger hatte als … im Prinzip jeder andere. „Ist das eine wörtlich zu nehmende Nachfrage oder der Auftakt zu einer Debatte?“
„Ich bin nicht sicher“, gestand ich. Es hatte mich genug Mühe gekostet, mir eine Formulierung einfallen zu lassen, die nicht mein Zugeständnis beim Eintritt wieder revidierte. Ich wollte es aufrecht erhalten, aber ich fühlte mich unwohl dabei, es über den gesamten Abend hinweg überzustrapazieren. Seine Nerven litten wahrscheinlich schon genug unter dem Gefallen, den er mir mit seiner Anwesenheit tat. Es bestand keine Notwendigkeit darin, dass seine Geldbörse in gleichwertige Mitleidenschaft gezogen wurde – die und mein Gewissen.

„Dann sagen wir einfach so: Hätte ich den Eindruck, dass deine Motivation rein finanzorientiert gewesen wäre, würde ich es dir nicht so leicht machen. Können wir uns darauf einigen?“
„Das ist nur eine Antwort, keine Einigung“, gab ich zu bedenken. „Eine Einigung wäre, wenn du mich das erste Karussell oder Fahrgeschäft zahlen lässt.“
Tom lächelte leicht in sich hinein, schüttelte den Kopf und griff dann in die Tüte gebrannter Mandeln, die ich ihm entgegenhielt. „Also doch eine Debatte. Aber meinetwegen, ich will mir nicht nachsagen lassen müssen, ich wäre neben dem von dir erwähnten Stock noch im Besitz anderer Fremdkörper oder Absonderlichkeiten. Also … wohin soll es gehen?“
Ich glaube, niemand hatte es mir bisher so leicht gemacht, meinen Willen zu bekommen. Daher ist hoffentlich verständlich, dass ich mich einer ausgewachsenen Überforderung gegenüber sah. Ich versuchte, mich umzuschauen und eine Idee zu erblicken, mit der ich Tom antworten und für die ich aufkommen konnte. Doch im Gegensatz zu ihm war es mir unmöglich, die umstehenden Leute zu überblicken.

Das Ergebnis meiner eingeschränkten Sicht war eine Wikingerschaukel, die offenbar ein derart humaner oder einfach willkommener Vorschlag war, dass Tom kurzerhand zustimmte, mir seinen Arm anbot und uns irgendwie zwischen diesen Menschenmassen hindurch auf unser Ziel zuführte. Dieses war nur die erste von einer ganzen Zahl an Attraktionen, zu denen Tom mich gleichmütig begleitete und ganz nebenbei dafür sorgte, dass das Bauchkribbeln, das einen auf einer solchen Fahrt gern überkommt, nie pausieren musste.

Allein die Art, mit der er mir vor und nach jedem Fahrgeschäft die Hand reichte und mir beim Ein- und Ausstieg behilflich war. Der Blick, mit dem er mich nach jeder Attraktion ansah und der unverhohlen nachhakte, ob alles in Ordnung sei. Aber er äußerte die Frage nicht, kein einziges Mal. Wusste er, wie dankbar ich ihm dafür war? Hatte er auch nur die geringste Ahnung, wie leicht er es mir machte, mich wohl zu fühlen? Egal, ob er neben mir, manchmal auch hinter mir die Stände passierte und mit den Menschenmengen mitschlich oder mit mir in einem Riesenrad saß. Auf dem Platz gegenüber, nicht neben mir, weil vermutlich eine Regel der geltenden Etikette es so verlangte. Die oder seine ihm eigene Zurückhaltung, die ich gleichermaßen verfluchte wie liebgewann. So sehr, dass es nicht allzu lange dauerte, bis in mir das Kopfzerbrechen über die Frage begann, wie dieser Abend enden sollte.

Nicht allzu bald, war die einzige Antwort, zu der ich kam, ehe ich Ablenkung in der Empörung darüber fand, wie sehr es meinem Begleiter an weihnachtlichem Kapitalismus mangelte.
Ich hatte Tom gerade davon erzählt, dass ich noch immer betete, das Geschenk für meinen Bruder würde rechtzeitig geliefert, immerhin wurde die Zeit allmählich knapp. Außerdem wollte ich nicht Stunden damit zugebracht haben, ihm ein ganzes Lexikon kinderfreundlicher Flüche zusammenzustellen, um ihm am Weihnachtsmorgen dann doch nur einen Gutschein überreichen zu können. Im Zuge dessen, dass ich meine Ängste schilderte, versuchte Tom mich offenbar damit zu beruhigen, dass er selbst noch kein einziges Geschenk organisiert oder sich überhaupt Gedanken dazu gemacht hatte. Einerseits glückte dieses Unterfangen, da es mich von meinem eigenen Zeitdruck ablenkte, andererseits katapultierte es mich schlagartig in tiefste Empörung über so viel Nachlässigkeit.

„Aber es sind nur noch fünf Tage!“, gab ich zu bedenken. „Jedenfalls, wenn ich heute und Weihnachten selbst nicht dazu zähle. Du kannst doch unmöglich gar nichts … Das geht nicht. Wie viele Geschenke brauchst du denn?“
„Im Prinzip gar keines, ich …“
„Gar keines?“ Hätte ich nicht gerade einen beinahe vollen Becher Kinderpunsch in der Hand gehalten, hätte ich mein Erstaunen noch mit Gesten unterstrichen. So aber blieb es bei einem fassungslosen Blick, den Tom viel zu gelassen erwiderte, während er an seinem – wie könnte es anders sein – Tee nippte. „Aber du musst doch Menschen haben, die dir wichtig sind! Also brauchen die Geschenke. Mir ist egal, wie kindisch das klingt, aber … Da!“ Ich deutete auf den erstbesten benachbarten Stand. „Schneekugeln. Jeder mag Schnee. Irgendwem kann man damit sicher eine Freude machen.“
„Irgendwem sicher“, stimmte Tom mir mit einem kritischen Blick auf den Verkaufsstand zu. „Aber vermutlich würde ich damit eher Skepsis als Freude provozieren. Und ich könnte das nicht einmal übelnehmen.“
„Dann musst du dir etwas Besseres überlegen.“
Er runzelte die Stirn – vermutlich zu Recht. „Ist das eine Intervention?“

„Es ist wichtig. Wenn man Menschen hat, die einem etwas bedeuten, kann man das doch nicht ausgerechnet an Weihnachten ignorieren. Ich meine … Es ist …“ Ich seufzte in einem kleinen Moment der Selbsterkenntnis. „… nicht dein Problem“, beendete ich. „Entschuldige.“
„Darf ich erfahren, was genau nicht mein Problem ist?“
„Dass ich vermutlich übertreibe“, erwiderte ich, ließ ein kurzes, unbehagliches Zögern zu, entschied dann aber doch, mich wenigstens ein bisschen zu erklären. Ich konnte es wohl unmöglich schlimmer machen, als meine Mutter es schon getan hatte und er war dennoch hier, nicht wahr? „Nein, eigentlich übertreibe ich sogar ziemlich sicher. Du weißt schon … Unfall und all das. Die letzten Jahre sind James und ich nur zum Essen zu unseren Eltern gefahren, um unsere Pflicht und Schuldigkeit zu tun. Geschenke gab es schon ewig keine mehr und … Ja. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich mich an letztes Weihnachten erinnere. Die letzten paar Wochen vor dem Unfall sind etwas verschwommen, also kann es genauso gut sein, dass es im Jahr davor war, dass ich gelangweilt am Tisch gesessen und gewartet habe, dass es vorbei ist und ich mit James zu irgendeiner Party kann. Aber da es eh in jedem  Jahr gleich ablief, ist das wohl auch nebensächlich.“
Tom nickte, leerte seinen Becher Tee und warf ihn in einen nahestehenden Abfallbehälter. „Und nun die große Erkenntnis, wie wichtig solche Anlässe eigentlich sind. Ich verstehe, was du meinst.“

Ich war mir ziemlich sicher, dass er das nicht tat, aber ich sah davon ab, ihm das so zu sagen. Ganz gleich, wie oft ich im vergangenen Jahr diese oder andere Floskeln des Verständnisses gehört und gehasst hatte. Tom traf keine Schuld, dass er keine Ahnung hatte und ich mochte ihn mittlerweile zu sehr, um sie ihm doch in die Schuhe zu schieben. Also beließ ich es bei einem „Ich hoffe nicht“, einem Lächeln und dem subtilen Drängen zum Aufbruch, indem ich meinen Punsch ebenfalls hinunterkippte und die Schultern straffte. „Wie auch immer. Du weißt, was noch fehlt?“
Er sah fast erschrocken aus, als ich das sagte. „Ich fürchte, ich habe keine Ahnung.“

„Kettenkarussell“, stieß ich mit so viel Ehrfurcht aus, wie es diesem Klassiker des Jahrmarktes gebührte.
Womit ich nicht gerechnet hatte, war Toms Reaktion. „Auf gar keinen Fall.“ Noch während ich ihn etwas irritiert ansah, redete er weiter. „Sieh mich nicht so an, diesmal meine ich es wirklich ernst. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich heute schon zu vielerlei Gelegenheiten eine gewisse Abneigung präsentiert und dann nachgegeben habe, aber ein Kettenkarussell …“ Er atmete tief ein. „Tu mir das nicht an. Bitte, wir könnten …“ Suchend sah er über seine Schulter und wurde schnell fündig: „Dieser Turm da!“
Ich folgte seinem Blick und entdeckte den Freefalltower, an dem gerade das kreisrunde Rondell heraufgezogen wurde. Man kann mir vermutlich nicht verdenken, dass ich ziemlich verwirrt war. „Dir ist klar, dass das keine Aussichtsplattform ist, oder?“

Tom nickte und zuckte dabei gleichmütig mit den Schultern. „Die Konstruktion fällt runter, ich weiß“, versicherte er parallel zu dem gedämpften Schreichor, der aus eben dieser Richtung zu uns schallte.
„Und das ist dir lieber als ein albernes Kettenkarussell?“
„An Kettenkarussells ist rein gar nichts albern, Verehrteste. Diese Gebilde sind die reinste Marter. Der Turm wirkt dagegen einigermaßen harmlos. Außerdem habe ich mir einmal sagen lassen, freier Fall wäre besser als Sex.“
Wäre der Wind Toms sehr unerwartetem Themenumschwung nicht bereits zuvorgekommen, hätte dieser mich wohl leicht erröten lassen. Vor allem aber erreichte dieser Mistkerl sein Ziel: Meine Neugier hatte ihren Fokus verloren und anstatt weiter nachzubohren, welches Problem ein erwachsener Mann bitte mit einem Kettenkarussell haben konnte, widmete ich mich der interessanteren thematischen Option. „Und von wem hast du dir das sagen lassen?“

„Von einer Freundin“, gab er knapp zurück und ich glaubte, seiner Stimme ein Schmunzeln anhören zu können, das sein Gesicht nicht zeigte. Dieser Bastard spielte also mit mir.
„Und diese … Freundin … ist eine zuverlässige Quelle?“
Auf diese Nachfrage hin zeigte sich das erahnte Grinsen auch auf seinen Zügen. „Ich fürchte, das kann ich nicht beurteilen. Ich war nie zugegen, wenn sie ihre Vergleichswerte bezogen hat.“
Ja, es entbehrte mit Sicherheit jeder Logik, aber ich war durchaus ein kleines bisschen erleichtert über diese Antwort. Und es hätte mich nicht gewundert, wenn Tom mir dies auch ansah. Meine Erwiderung äußerte ich, ohne auch nur einen Moment zu lange darüber nachgedacht zu haben: „Also müssen wir uns selbst ein Bild machen?“

„Es sieht wohl ganz danach aus“, sprach er mit bemerkenswerter Ruhe. Nur das Funkeln in seinen Augen und das Schmunzeln, das um seine Mundwinkel zuckte, verrieten, dass er möglicherweise nicht ausschließlich an den Part des Karussells dachte. „Wollen wir?“ Mit dieser Frage hielt er mir seine Hand entgegen und warme Finger umschlossen meine, als ich sie ergriff und erst wieder losließ, als wir die Kasse des Towers erreicht hatten und er sie schlichtweg benötigte, um den Eintritt zu zahlen. Immerhin beim Passieren des Kassenhäuschens bemerkte ich einen kritischen Blick, den Tom nach oben zur Spitze des Turmes warf, während wir uns zu der Reihe der Wartenden gesellten. Aber seine Erleichterung, dem Kettenkarussell entkommen zu sein, blieb groß genug, um diese vermeintlich bessere Wahl durchzuziehen.

Als wir an der Reihe waren, half er mir in einen der Sitze und machte sich sogar die Mühe, meinen Sicherheitsbügel nach unten zu ziehen und kurz zu prüfen, ob er auch wirklich fest saß. Spontan hatte ich den Gedanken, dass er diese Sorgfalt nur vortäuschte, um mich an diesem Sitz zu fixieren und dann wegzulaufen, aber er ließ sich tatsächlich auf dem Platz neben mir nieder. Ich lachte, als ich hörte, wie Tom tief durchatmete, während er seinen eigenen Sicherheitsbügel zu sich zog und sich damit jeder einigermaßen unkomplizierten Möglichkeit zur Flucht beraubte.

„Du bereust es gerade, dass du deine Begleitung hierfür zugesagt hast, oder?“
„Ich bereue lediglich, dass ich nicht auf meine Vernunft Acht gegeben habe und die jetzt zusammen mit deiner verschollen ist. Das ist nun vermutlich kein passender Zeitpunkt, um mein Vetorecht zu erwähnen, nehme ich an?“

Ehe ich ihm hätte antworten können, verkündete eine ohrenbetäubende Ansage den Start unserer Fahrt und wir setzten uns in Bewegung. „Alles okay?“, rief ich in Toms Richtung, erhielt aber keine Antwort. Es war gut möglich, dass er mich über die laute Musik und den Wind hinweg gar nicht verstand. Sicherheitshalber nahm ich seine Hand. Er drückte meine kurz und ich wollte gerade den Versuch wagen, über meinen Sicherheitsbügel hinweg einen Blick in seine Richtung zu werfen, als ich das Klicken der Entriegelung hörte und wir in die Tiefe stürzten.
Auf das Kribbeln im Bauch und das Hochgefühl, das der Fall verursachte, folgte ein stechender Schmerz, als dieser ausgebremst wurde. Ich fluchte leise, als die Fahrt damit nicht endete, sondern wir erneut in die Höhe gezogen wurden. Eigentlich war ich mir sicher gewesen, dass unmöglich irgendwer diesen Fluch hätte hören können, aber ich hörte Toms Stimme neben mir fragen, ob alles in Ordnung sei. Erst, als ich spürte, wie sein Daumen über meinen Handrücken strich, wurde mir klar, wie fest ich seine Finger quetschte und lockerte meinen Griff ein wenig. „Tut mir leid“, rief ich gegen den Lärm an. Eigentlich hatte ich noch irgendeinen Vergleich zum harmloseren Kettenkarussell bringen wollen, aber da ging es schon wieder bergab.

Wir absolvierten noch einen weiteren Sturz, dann wurden wir wieder bis zum Boden hinabgelassen. Als wir dort ankamen und unsere Sicherheitsbügel sich lösten, ließ Tom sofort meine Hand los, sprang auf und half mir, meinen Bügel nach oben zu drücken. „Okay, wie schlimm ist es?“
„Was?“
„Die Hüfte. Wie schlimm?“

Ich runzelte die Stirn und stemmte mich mühsam aus meinem Sitz, während ich ein „Geht schon“ hervor presste. Tom half mir auf die Beine und legte einen Arm um mich, sobald ich stand. Für den Moment schien er die höfliche Distanz, die er den ganzen Abend lang gewahrt hatte, vollkommen vergessen zu haben. Ich schrieb das der Sorge zu, mit der er mich ansah, während wir Schritt für Schritt die Treppen der Plattform hinabstiegen.
„Tut mir leid“, murmelte er, als wir wieder im Getümmel standen. Sein Arm stützte mich noch immer leicht und ließ mich kurz mit der Idee spielen, Schmerzen vorzutäuschen, um diese Geste noch einige Augenblicke länger beibehalten zu können. Doch das entsetzlich aufrichtige schlechte Gewissen von Tom schlug mir diesen Gedanken wieder aus dem Kopf. „Ich hätte einfach diesem Kettenkarussell zustimmen sollen. Mit viel gutem Willen wäre das schon gegangen. Kannst du laufen?“
„Kann ich“, versicherte ich. „Es ist alles in Ordnung.“
„Du brichst mir also fast die Hand, weil alles in Ordnung ist? Und jetzt behaupte nicht, die Fahrt hätte dir Angst gemacht.“

Gut möglich, dass es ihn unendlich verwirrte, als ich ihn daraufhin frei heraus anstrahlte. Es war ein wenig unheimlich, dass er auf ein zu festes Halten seiner Hand keine obligatorische Ängstlichkeit vermutete, sondern genau die richtigen Schlüsse zog. Aber er schien sich tatsächlich Gedanken, vielleicht sogar Sorgen gemacht zu haben. Und ich konnte nicht leugnen, dass mir die Art gefiel, mit der er das tat. Ziemlich gut, sogar.
„Ich habe mich erschreckt“, gab ich fast schon entschuldigend zurück. „Als es das erste Mal gebremst hat und da auf einmal … egal. Ich kann stehen und laufen. Ich werde nur lieber nichts mehr fahren. Aber solange es nicht schlimmer wird, kann ich es aushalten. Du musst nur damit leben, dass ich langsamer bin. Also … noch langsamer.“

Tom lachte nicht. Tom lachte sowieso nie, wie mir schien, aber er schmunzelte nicht einmal, sondern nickte nur.
„Wirklich“, setzte ich also noch einmal nach. „Ich denke nicht einmal, dass ich Schmerzmittel brauchen werde. Aber weißt du, was jetzt gut tun würde? Glühwein.“
„Bist du sicher, dass das eine vernünftige Idee ist? Falls die Schmerzen schlimmer werden, wirst du Medikamente brauchen und ich denke nicht, dass es sich empfiehlt, die nach Alkoholgenuss einzunehmen.“
Da war er also wieder – Toms Stock im Arsch. Er hatte mir fast ein wenig gefehlt. „Vorschlag: Da ich sowieso mit nichts mehr fahren werde, gilt deine Pflicht als Begleitung so gut wie überstanden. Wir laufen langsam zurück zum Auto und auf dem Weg dorthin gibt es noch einen Glühwein. Falls es also wirklich schlimmer wird, bin ich ja dann zu Hause und kann anstatt von Schmerzmittel einfach noch so viel Alkohol zu mir nehmen, dass ich besinnungslos werde und der Effekt ist im Prinzip derselbe. In Ordnung?“
„Ich bin gerade nicht sicher, ob du das für eine ernsthafte Option hältst.“

„Was den ersten Teil angeht, durchaus. Beim zweiten weiß ich es auch nicht so genau“, gestand ich. Um genau zu sein, fühlte ich mich auch nicht imstande, über den Zeitpunkt meiner Heimkehr hinaus zu denken. Ich hatte längst nicht meine Überlegungen zu der Frage abgeschlossen, wie dieser Abend enden würde, wenn es nach mir ging. Aber in diesem Moment holten sie mich mit voller Wucht wieder ein. Und mit ihnen drängte sich das Gefühl auf, dass es grenzenlos dämlich gewesen war, nun den Heimweg zu thematisieren. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich damit eine brüske Abfuhr oder eine mindestens zweideutige Einladung formuliert hatte. Angesichts dieser Unsicherheit war ein Funke Alkohol ganz klar etwas, das es anzustreben galt. „Tom, wir sind auf einem Weihnachtsmarkt. Wenigstens ein Glühwein ist also Gesetz und das möchte ich ungern brechen wegen einer Eventualität.“

Es schien wirklich Einiges an Grübelei zu brauchen, ehe Tom zu dem Schluss kam, zu nicken und mir mit einem „Meinetwegen“ zu antworten. Ganz offensichtlich machte er sich wirklich Gedanken – ob nun um mich, meine Hüfte oder meinen verdorbenen Geschmackssinn und ich mochte, dass ihm mindestens einer dieser Aspekte nicht egal war. Und hätte er sich nicht doch noch zu einem Schmunzeln durchgerungen, wäre wohl nur noch ein weiterer seiner besorgten Blicke nötig gewesen und ich hätte auf den Glühwein verzichtet – allein, um Tom von dieser Grübelei zu befreien.
Doch er kombinierte seine zögerliche Zustimmung mit dem Lächeln eines Mannes, der einsah, dass es ihm nie gelingen würde, einen Wunsch abzuschlagen. Ich entschädigte ihn hoffentlich mit einem aufrichtigen, dankbaren Strahlen und hakte mich bei ihm unter, als wir langsam weiter liefen. Aus lauter Rücksicht war Tom zuweilen noch langsamer als ich. Vielleicht aber ging es ihm ähnlich und er war ebenso unentschlossen, was passieren sollte, sobald wir sein Auto erreichten.

Ich ergatterte einen Becher des traditionellen Weihnachtsdrinks nur drei Stände vor dem Ausgang, um es nicht durch Menschenmassen hindurch manövrieren zu müssen. Und als Tom anstelle eines Glühweins erneut den Tee wählte und ich mich eines entzückten Kicherns nicht erwehren konnte, fand er auch sein Grinsen wieder. „Du wirst niemals erleben, dass ich so ein Zuckergebräu einem Tee vorziehe. Abgesehen davon muss ich fahren.“ Mit diesen Worten reichte er mir meinen Becher und wir machten uns sehr, sehr langsam auf den Weg zum Ausgang.

„Ein Mann mit Prinzipien?“
„Und Geschmack“, ergänzte er inbrünstig und warf mir einen verschmitzten Seitenblick zu. Vermutlich wusste er, dass vor allem dieses Argument sich als stichhaltig erweisen würde. Und es gelang mir nicht einmal, das vor Tom zu verbergen. Mein Gesicht verzog sich automatisch, als ich den ersten Schluck gekostet hatte und … Ja, ich hatte keine Ahnung, was genau ich da getrunken hatte, aber in meiner Erinnerung war Glühwein eigentlich etwas, das ich mochte. Dieses Zeug allerdings …
„Willst du meinen Tee?“ Ich hörte jene sanfte Stimme an meiner Seite und diese fürsorgliche Frage. Ich spürte sogar seine Schulter, die sich tröstlich an meine schmiegte, als er sich zu mir beugte.  Entsprechend überrascht war ich, als ich mich Tom zuwandte und ein derartiges Maß an Gehässigkeit in seinem Blick erkannte.
„Du willst dir wirklich diesen Glühwein antun?“, fragte ich skeptisch. Und auch ein wenig hoffnungsvoll. Die Vorstellung, diesem schadenfrohen Engländer ein solches Getränk anzutun, war durchaus einladend.
„Davon kann keine Rede sein, nein. Aber deinem Gesicht nach zu urteilen wäre es wohl kein großer Schmerz, den an einen Papierkorb zu übergeben.“

Zugegebenermaßen war das Angebot nicht uninteressant, aber ich schüttelte den Kopf. „Das habe ich mir selbst eingebrockt. Also stehe ich das jetzt auch durch. Außerdem …“
„… das Glühweingesetz.“
Ich lachte. „Ganz genau.“ Tom gehörte also zu den Männern, die einem tatsächlich zuhörten. Also zu denen, von denen ich geglaubt hatte, dass sie gar nicht existierten. Allerdings hegte ich den leisen Verdacht, dass er sich nicht davor scheuen würde, derlei Erkenntnisse wie das Glühweingesetz auch gegen mich zu verwenden, wenn die Situation es erforderte.
Den Glühwein bewältigte ich, bis wir das Auto erreicht hatten. Noch während ich damit kämpfte, den letzten Schluck meine Kehle hinunter zu zwängen, warf ich den Becher in einen der Mülleimer.

Tom war ebenfalls stehen geblieben und wartete geduldig auf mich. Sein Kopf war leicht zur Seite geneigt und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel und wenn mich nicht alles täuschte, auch seine Augen. Nur war in der Zwischenzeit die leichte Häme daraus gewichen.
Ich denke, wenn ich im Nachhinein einen expliziten Moment bezeichnen müsste, in dem ich mich in Thomas Walsh verliebte, dann war es der, als er mir mit genau diesem Lächeln auf dem Gesicht seinen Becher entgegenhielt. „Das wird helfen.“

Obwohl ich zuvor abgelehnt hatte, seinen Tee zu übernehmen, konnte ich dieses Angebot unmöglich ausschlagen. Andernfalls, so befürchtete ich, würde ich den pelzigen Nachgeschmack nie wieder loswerden.
Der Tee, von dem ich da trank, war schwarz. Ganz und gar – in Sorte und Zubereitung. Keine Milch, Sahne oder irgendeine traditionelle Absonderlichkeit, die man Tee gelegentlich angedeihen ließ. Und mir fiel auf, dass der Becher, den ich da in der Hand hielt, noch beinahe randvoll war.

Als ich Tom erstaunt ansah, sagte er nichts, sondern trug lediglich dieses besondere Grinsen im Gesicht, das man gar nicht mehr ablegen kann, wenn ein Plan aufgegangen ist. Und ich stand da und starrte ihn an, weil mir nichts einfiel, das ich hätte sagen können.
„Es ist nur Tee, Maggie“, sagte er schließlich, deutete mit einem Nicken in die Richtung, in die wir gingen und reichte mir seine Hand. „Wir sind gleich da.“
Ich verharrte einen Moment, ehe ich seine Hand ergriff. In diesen ein oder zwei Sekunden gab ich mir Mühe, mich an das nervöse Poltern unter meiner Kehle zu gewöhnen. Ich scheiterte kläglich und machte es nur noch schlimmer, als ich meine Finger um seine schloss – Toms Blick fest erwidernd mit dem stummen Versuch, ihm deutlich zu machen, dass das unmöglich nur Tee war. Dass ich es besser wusste und er selbst mit Sicherheit auch.

Wie hätte er es auch nicht besser wissen können? Ich meine … ernsthaft! Die Karten lagen auf dem Tisch – vielleicht nicht in provokant blinkenden Leuchteffekten, aber sie lagen da – unmissverständlich. Und dennoch deckte niemand sie auf. Tom fragte, ob der Tee half, anstatt vielleicht anzubieten, noch etwas anderes zu unternehmen als meine Heimkehr. Und als wir schließlich am Ziel ankamen, ausgestiegen waren und uns gegenüberstanden, küsste ich ihn nicht, sondern fragte allen Ernstes, wieso er Angst vor Kettenkarussells hatte.
Vermutlich wird man in seinem Leben vierzehn oder fünfzehn und lernt, dass irgendjemand einen Schritt weitergehen muss und dass es vollkommen legitim ist, sowohl wegen dieses Schrittes nervös zu sein als auch wegen der Gefahr, sein Zeitfenster zu verpassen.

Und dann steht man da mit dieser Erkenntnis, ist irgendwann 29 und noch immer vollkommen erstarrt von ihrem Glanz. Immerhin hatte ich mir im Laufe der Jahre genug Gelassenheit angeeignet, um nicht verschämt zur Haustür zu flüchten, sondern den Moment noch etwas in die Länge zu ziehen und auf mehr Reife und Mut bei meinem Gegenüber zu hoffen. Heldenhaft, ich weiß. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass Gesten wie die mit dem Tee mir vollkommen neu waren. Ich war es gewohnt, Cocktails bezahlt zu kriegen, die keinerlei Zweifel an der Motivation des mäßig edlen Spenders ließen. Gut, dieser Schwarztee ließ vermutlich ebenso wenig Zweifel an Intentionen, allerdings machte er mich nicht betrunken und wie sich nun herausstellte, war dieser Aspekt kein nebensächlicher.

Das Resultat war, dass Tom und ich nebeneinander an seinem Wagen lehnten und uns unterhielten. Nichts weiter. Oder zumindest nur sehr wenig weiter. Es war schön, Schulter an Schulter an sein Auto gelehnt auf der Straße zu stehen und immer wieder seinen Blick aufzufangen. Ich genoss diese einträchtige Art der Nähe, sehr sogar. Der Unterschied zu den Männern, die ihre Hände nicht von meinem Hintern oder mindestens meiner Taille hatten lassen können, war zu deutlich, um ihn nicht zu schätzen. Und doch kreiste ein Teil meiner Aufmerksamkeit immer um die Frage, ob dieses angenehme, sichere Gefühl, das Tom mir gab, bröckeln würde, wenn … Ja wenn, dieser Mund, dem ich immer öfter dabei zusah, wie er sich zu diesem Schmunzeln verzog, mich küsste. Oder wenn die Hände, deren Gesten seine Worte untermalten, mich berührten.

Unglücklicherweise war ich eine Frau und sehr wohl in der Lage dazu, mir all diese Fragen zu stellen und gleichzeitig einen ganzen Wasserfall nervösen Geplappers von mir zu geben. Ich hielt noch immer den Pappbecher mit Tee in den Händen – froh, denen damit etwas zu tun geben zu können. Von meinem Redeschwall hielt mich das allerdings nicht ab. Dabei hörte ich Tom eigentlich wirklich, wirklich gern zu. Doch statt ihn öfter zu Wort kommen lassen, erzählten ich und meine Nervosität von meiner Abneigung gegen Weihnachtsmänner, die sich nach Toms knapper Analyse aber vielmehr als Abneigung gegen das Vortragen von Gedichten herausstellte.
Der arme Mann ertrug noch einige dieser Ausführungen und zeigte ein beeindruckendes Talent dafür, sogar Interesse für meine Anekdoten zu zeigen. Er stellte ernsthaft Nachfragen zu all dem Humbug, den ich von mir gab. Im Prinzip kann man also wohl festhalten, dass er selbst schuld war. Nichtsdestotrotz war ich vor mir selbst erschrocken, als ich mich dabei ertappte, ihm zu erzählen, wie ich mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin und Freundin diverse Reparaturen in unserer Wohnung eher improvisiert als durchgeführt hatte. Irgendwo bei diesem Thema unterbrach ich mich schließlich selbst mit einem „Oh Gott, was rede ich hier eigentlich?“

„Du hast Recht.“ Das war ehrlich gesagt nicht die Art von Antwort, die ich von Tom erwartet hatte. Und offenbar war ihm das auch bewusst. „Wegen der Geschenke“, ergänzte er. „Ich sollte welche kaufen. Wenigstens für ein, zwei Leute.“
„Du hast mir also nicht zugehört“, schlussfolgerte ich. „Gott sei Dank.“
„Du meinst bei den Ausführungen zu deiner handwerklichen Vergangenheit? Doch, natürlich! Mein persönlicher Favorit ist die Duschstange, die für mehr Stabilität mit Geschenkband an der Deckenlampe fixiert wurde. Allerdings mag ich mir den Vorgang dieser Installation nicht bildlich vorstellen. Ich fürchte, der stellte sich arbeitsschutztechnisch eher bedenklich dar.“
„Unmöglich“, erwiderte ich. „Technisch völlig ausgeschlossen. Du bist ein Mann. Du kannst dir nicht Gedanken machen, feststellen, dass ich Recht hatte, mir zuhören und dir auch noch bildliche Vorstellungen zu dem machen, was ich da erzähle. Das ist wider die Natur.“

Tom nickte zuerst verständnisvoll, verzog sein Gesicht dann aber zu einem vorsichtigen „Aber“, ehe er dieses auch verbal vortrug: „Allerdings sind wir in London. Wir haben Bäume und Parks, aber von ursprünglicher Natur kann da wohl keine Rede sein. Betrachte mich als asphaltierte Straße.“
„Als ...“ Ich lachte, als dieser abstruse Vergleich mich erreicht hatte. „Nein, ich glaube nicht.“
„Was wiederum beweist, dass kreatives Denken mir nicht liegt. Dir offenbar schon. Wenn ich an deine Ausführungen denke, dann sogar in einem eher bedenklichen Maß.“
„Von bedenklich kann wohl kaum ...“
„Was machst du morgen Abend?“
Ich blinzelte überrascht den Tee an, ehe ich meinen Kopf drehte und Tom ansah. Er erwiderte meinen Blick erwartungsvoll, während sich in meinem Kopf Gedanken überschlugen. „Morgen Abend?“ In meiner grenzenlosen Überforderung war ich nicht zu mehr fähig als einer Wiederholung seiner Frage. Und man darf mir glauben, dass es mir einfach zuwider war, dass ich mich nicht imstande fühlte, wenigstens für einen Augenblick über diesen Dingen zu stehen.

„Ganz genau“, bestätigte Tom mit einer Gelassenheit, die … Ehrlich gesagt war ich ein wenig neidisch deshalb. Andererseits auch empört. Es war nicht fair, falls ich die Einzige von uns beiden sein sollte, die hier stand und sich noch immer über den Abschluss dieses Abends Gedanken machte. Darüber hinaus zu denken schien völlig abwegig. „Wie ich schon sagte: Du hast Recht. Ich brauche Geschenke. Und die sogar bald. Allerdings bin ich ratlos und wäre für kreative Unterstützung ehrlich dankbar. Außerdem hast du offenkundig ein Händchen für Geschenkband.“
„Hast du vor, Duschstangen und Lampen zu verschenken?“
Tom zuckte mit den Schultern. „Ich möchte nichts im Voraus ausschließen. Wenn sich das als das richtige Präsent entpuppt … Warum nicht?“

Was für eine dumme Frage. Als ob ich in der Lage dazu gewesen wäre, auch nur einen schlüssigen Grund zu finden, weitere Zeit in Toms Nähe abzulehnen. „Okay“, sagte ich schlicht.
Und mit diesem Okay endete auch der Abend. Nicht abrupt, natürlich. London mochte nicht über herkömmliche Natur verfügen, aber doch wenigstens über höfliche Menschen. Tom kalkulierte kurz einen Zeitpunkt, zu dem er mich am nächsten Tag abholen würde. Sich einfach in der Stadt zu treffen, lehnte er kategorisch ab. Und schließlich verabschiedete er sich, indem er kurz auf den Teebecher deutete, den ich nach wie vor in den Händen hielt. „Falls du beabsichtigst, den noch zu trinken und ihn vorher in eine Mikrowelle zu stellen … Tu mir den Gefallen und erzähl mir nicht davon. Es würde mir das Herz brechen.“

Kurz war ich erleichtert, dass ich offenbar nicht die einzige Person auf der Welt war, die tatsächlich erkaltete Getränke in der Mikrowelle aufwärmte – Tom schien bereits Erfahrung mit dieser Art von Menschen zu haben. Allerdings bedauerte ich, dass ihn der Gedanke daran eher mit Abscheu erfüllte und gleichzeitig erschreckte mich die Erkenntnis, dass man mir diese Unart offenbar ansehen konnte.

Während ich noch überlegte, ob ich sie leugnen sollte, bedachte Tom mich mit diesem Lächeln, das … Wenn ich versuchen würde, zu beschreiben, was es mit mir machte, wenn er mich so ansah, könnte ich mich vermutlich auf dieselbe Stufe stellen, auf der ich jedes rettungslos verliebte Teenagermädchen einordnete. Jedenfalls war es genau dieses Lächeln, mit dem er mir eine gute Nacht wünschte und dann … für einen Moment nichts passierte, bis ich mich besann, dass ich nun zur Haustür würde gehen müssen, weil es unhöflich von ihm wäre, in sein Auto zu steigen und mich am Straßenrand stehen zu lassen.

„Bis morgen“, murmelte ich und folgte dann exakt dem Plan: umdrehen, zur Haustür laufen, aufschließen, zurücksehen, noch einmal kurz lächeln, eintreten. Tür zu und Fluch ausstoßen über die grenzenlose Dämlichkeit meiner selbst. Diesen Ablauf meisterte ich bravourös, ehe ich mich nach rechts wandte und die Tür zu meiner Wohnung aufschloss.
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