Der Dämon und die blaue Blume

GeschichteDrama, Mystery / P16
23.04.2019
16.05.2019
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Glossar:

Aniue – Älterer Bruder (sehr formelle, eher archaische Anrede)
Nee-chan - Ältere Schwester (informell, vertraulich)
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Mayu hatte nicht zu viel versprochen – die Kinder wollten Soyo gar nicht mehr von der Seite weichen, legten eine ungemeine Neugier an den Tag, wollten alles bis ins kleinste Detail wissen. Nicht, dass sich Soyo daran störte. Tatsächlich genoss sie die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde, wusste das Interesse der Kinder zu schätzen. Und so nahm sie sich die Zeit, die zahlreichen Fragen so ausführlich wie möglich zu beantworten. Sie erzählte ihnen von Shineha, der alten Hauptstadt Hazukis, all den verschiedenen Menschen, die dort anzutreffen waren und den schönen, exotischen Gegenständen und Lebensmitteln, die außerhalb der großen Städte nur sehr schwerlich zu finden waren. Sie berichtete ihnen aber auch von ihrer bisherigen Reise und den Orten, die sie gesehen hatte: Prachtvolle Städte, verschlafene Dörfer, malerische Landschaften... Zugegen, hin und wieder mochte sie ein wenig übertreiben, doch die Kinder schienen ihre Freude zu  haben und das war immerhin die Hauptsache, nicht wahr?
Das Dorf Numamura war an sich nichts Besonderes, doch es schien ein friedliches Örtchen zu sein. Die Erwachsenen, denen Soyo begegnete, hießen sie sehr freundlich in ihrer Heimat willkommen, legte weder die Schau noch die Ablehnung an den Tag, die Soyo von anderen Dörfern und Städten kannte. Zwar war es nicht so, als wären die Zeiten, die momentan herrschten, außerordentlich schlecht, doch der lange, blutige Bürgerkrieg, den die Bestrebungen der Izayoi-Familie mit sich gebracht hatten, hatte tiefe Spuren hinterlassen – Wunden, die auch jetzt, zehn Jahre nach der letzten Schlacht, noch nicht einmal ansatzweise zu heilen begonnen hatten. Viele Menschen hatten ihre Leben verloren, waren durch die Hand anderer, von Seuchen und Hungersnöten dahingerafft worden. Ganze Landstriche waren in dieser Zeit mehr oder weniger entvölkert worden, viele hatte ihre Heimat, ihren Besitz und ihre Liebsten verloren. Soyo selbst war damals noch zu jung gewesen, um das, was sich um sie herum zugetragen hatte, vollends verstehen zu können, doch Aiwa hat alles mitbekommen und litt bis heute darunter. Zwar bemühte sie sich sehr darum, es vor ihrer kleinen Schwester zu verbergen, doch dieser entging es nicht. Wenn sie doch nur wüsste, was sie tun könnte, damit Aiwa sich wieder besser fühlt... Dennoch – egal, was damals schreckliches vorgefallen sein mochte, so waren die Schwestern noch vergleichsweise gut weggekommen. Sie hatten das Glück gehabt, auf Menschen zu treffen, die sie als Familie angenommen  und stets unterstützt hatten, es noch immer taten, ihnen ein Zuhause boten, wohin sie immer wieder zurückkehren konnten.
Die Zeit verging rasch und schließlich wurden die Kindern von ihren Eltern zum Abendessen gerufen. Kaum begeistert kamen sie dem nach, allerdings nicht ohne Soyo das Versprechen abzunehmen, ihnen morgen noch ein bisschen mehr über Shineha und ihre  bisherigen Reisen  zu erzählen. Wahrscheinlich wäre es auch für Soyo selbst nun an der Zeit, zu Mayus Haus zurückzukehren, doch irgendwie war ihr noch nicht danach – viel mehr hatte sie Lust darauf, sich noch ein wenig im Dorf umzusehen, die Umgebung  auf eigene Faust zu erkunden. Besonders der Wald am Rande der Ortschaft hatte ihre Neugier geweckt. Wahrscheinlich war er weder etwas Besonderes noch sonderlich spannend, aber Soyo hatte Wälder schon immer geliebt. Daher folgte sie der schmalen Straße, die sie aus Numamura fortbrachte und, ein Stückchen weiter, in den dichten  Wald führte. Ein kleiner Bach, in dem sich einige kleine Fische tummelten, säumte den Weg, plätscherte ruhig und friedlich vor sich hin. Es duftete nach Wiese und Nadelbäumen, Gerüche, die Soyo ein wenig nostalgisch stimmten. Das, was ihr dann jedoch besonders in Auge stach, war der kleine, heruntergekommene Schrein, der am Waldrand, im Schatten der hochgewachsenen Bäume, zu sehen war. Er war winzig, bot gerade genug Platz, um ein kleines Opfer abzulegen, wirkte im Großen und Ganzen recht prunklos und vernachlässigt.
Gewiss war er dem Schutzgott Numamuras geweiht. Jedes noch so kleine Dorf besaß eine Art Patron, ein  Geist oder eine geringe Gottheit, der jegliches Unheil von den Bewohnern fernhielt und von diesem im Gegenzug verehrt wurde. Soyo hatte sich schon gefragt, wo sich der hiesige Schrein wohl befand – normalerweise waren sie nämlich eher zentral gelegen. Neugierig trat Soyo näher, lugte in den Wegschrein hinein. In ihm befanden sich weder ein Bildnis noch eine Statue, nichts, was auf die Identität der Gottheit, die dem Heiligtum innewohnte, hinwies.
Als sie dann ein Rascheln und stetig lauter werdende Schritte hinter sich hörte, richtete sie sich wieder auf und wandte um, in der Absicht, einen Blick auf den Neuankömmling zu erhaschen.
„Du solltest dich vom Wald besser fernhalten – er hat noch nie jemandem etwas Gutes gebracht.“
Ein Junge von dreizehn oder vierzehn Jahren – er schien also in etwa in ihrem Alter zu sein – näherte sich ihr. Er hatte dunkelbraunes Haar und schwarze Augen, trug einen alten, verblichenen Kimono, musterte Soyo mit demselben unverhohlenen Interesse, welches auch sie selbst ihm entgegenbrachte. In seinen Armen hielt er einen runden, geflochtenen Korb aus Schilf, ein weißes Tuch verwehrte jeglichen Blick auf den Inhalt.
„Wirklich? Ist er für euch also eine Art verbotene Zone, oder wie kann ich das verstehen?“
„Für uns Kinder auf alle Fälle.“
Beim Schrein kam er zu stehen, stellte den Korb auf dem Boden ab, ehe er seine Aufmerksamkeit nochmals auf Soyo richtete. Er musterte das Mädchen prüfend, beinahe kritisch.
„Du bist bestimmt Mayus Gast, nicht wahr? Sie hat mir vorhin erzählt, dass sie zwei Fremde bei sich aufgenommen hat...“
Soyo nickte, verbeugte sich höflich.
„Genau – ich heiße Soyo. Ich bin mit meiner Schwester Aiwa hier, allerdings nur für ein paar Tage!“
Der Junge verbeugte sich ebenfalls, auch wenn seine Bewegung vergleichsweise hastig und ungelenk wirkte.
„Freut mich! Ich heiße Ryo. Ich hoffe, dass es euch in Numamura gefallen wird...“
„Es ist ein sehr nettes, kleines Örtchen“, erwiderte Soyo lächelnd. „Auf alle Fälle sehr idyllisch.“
„Ja, aber manchmal auch fast ein bisschen zu ruhig...“
Mit diesen Worten ging Ryo in die Hocke und kramte in dem Schilfkörbchen. Eine kurze Weile später förderte er einige Leckereien -  Manjuu, gegrillten Lachs, gekochte Eier, Reis mit roten Bohnen und sogar etwas geräucherten Aal ans Tageslicht, drapierte die Speisen vorsichtig im Schrein. Das mussten wohl die Opfer für den namenlosen Gott sein – äußerst großzügige Opfer, wohlgemerkt.
„Euer Gott scheint euch ja äußerst wichtig zu sein, wenn ihr  ihm ein solches Festmahl auftischt“, bemerkte Soyo.
Ryo atmete scharf ein, hielt in seinen Bewegungen kurz inne.
„Er ist kein Gott “, murmelte er schließlich, wobei  ein geradezu  greifbarer Widerwille in seiner Stimme mitschwang.
Das Mädchen hob die Augenbrauen, verschränkte die Arme.
„Tatsächlich? Was ist er dann? Ich meine, ihr habt ihm immerhin einen kleinen Schrein errichtet, oder sehe ich das falsch?“
„Das nicht, aber...“
Ryo biss sich auf die Unterlippe, senkte den Blick; wovor hatte der Junge denn auf einmal eine solche Angst?
„Es bringt Unglück, über ihn zu sprechen oder auch nur seinen Namen zu sagen. Aber solange wir Opfer bringen, lässt er uns in Ruhe und das ist die Hauptsache.“
Er räumte die restlichen Lebensmittel in den kleinen Schrein, richtete sich auf und faltete die Hände zusammen, so, als würde er ein Gebet sprechen. Dann verbeugte er sich knapp und griff anschließend nach dem nun leeren Körbchen.
„Wir sollten ins Dorf zurückgehen“, richtete er das Wort unruhig an Soyo, die ihn bis eben stumm beobachtet hatte. „Es gibt sonst Ärger, wenn ich zu lange trödel.“
Sie nickte lediglich, schloss sich Ryo, der sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte, an, allerdings nicht ohne nochmals ihren Blick nochmals auf den Schrein und zum Waldrand schweifen zu lassen. Normalerweise würde sie nun denken, dass die Bewohner Numamuras lediglich ihrem Aberglauben anheim gefallen waren, aber Ryos Verhalten wirkte dafür irgendwie zu seltsam. Auf alle Fälle wollte sie nun unbedingt wissen, was er ihr verschwieg.
„Warum bringt es denn Unglück, über diesen... nun, über dieses Wesen zu sprechen?“, fragte sie weiter. „Ist denn in der Vergangenheit irgendetwas Schlimmes passiert?“
Zu ihrer Enttäuschung zuckte Ryo mit den Schultern.
„Wenn ich ehrlich bin, weiß ich das auch nicht so genau – ich sage dir nur das, was ich von den Erwachsenen weiß.  Ich habe ihn auch noch nie gesehen, aber mein Vater sagt, dass er ein grauenhaftes Monster ist, das im Wald umherstreift; er soll sogar die alte Priesterin umgebracht haben, weißt du?“
„Das ist ja grauenhaft!“
„Ja, nicht wahr? Na ja, auf jeden Fall ist das auch der Grund, warum niemand mehr in  den Wald geht.“
Soyo sprach es zwar nicht aus, aber sie war sich nicht sicher, ob sie diese Geschichte wirklich glauben sollte. Ein böses Wesen, das den Wald heimsuchte und nur mit regelmäßigen Opfern milde gestimmt werden konnte... Das klang für ihren Geschmack ein wenig beunruhigend. Andererseits kannte sie viele Märchen und Legenden, die von derartigen Begebenheiten handelten – ihre Mutter hatte es stets geliebt, Aiwa, Kamui und ihr diese Geschichten zu erzählen, auch wenn sie die einzige gewesen war, die tatsächlich daran geglaubt hatte. Heute betrachtete sie vieles selbstverständlich um einiges skeptischer, doch das bedeutete nicht, dass sie deswegen keinen gesunden Respekt vor der Welt der Götter und Dämonen hegte.
„Wie lange werdet ihr eigentlich in Numamura bleiben“, wollte Ryo schließlich wissen.
Soyo tippte sich nachdenklich gegen das Kinn.
„Hm, gute Frage – solche Entscheidungen überlasse ich eigentlich lieber meiner Schwester. Aber ich hoffe, dass wir nicht so schnell abreisen werden, mir gefällt es in eurem Dorf bisher nämlich ziemlich gut!“
Daraufhin lächelte Ryo schüchtern.
„Wirklich? Das freut mich! Ich finde es ja ein bisschen öde, aber meine Mutter würde mir niemals erlauben, einfach so fortzugehen...“
Soyo grinste schräg.
„Nun ja, unser Bruder findet es auch nicht gerade toll, aber das ist meiner Schwester egal! Und mir macht es ziemlichen Spaß, durch das Land zu reisen und all diese verschiedenen Orte zu sehen!“
Auch wenn sie sich, wenn sie ehrlich war, an manchen Tagen schon nach ihrer Heimat sehnte – was sie selbstverständlich niemals offen zeigen würden. Doch selbst wenn sie  das täte, so würde  sich Aiwa kaum  darum scheren. Sie hatte ihr Ziel vor Augen, eines, in  das sie sich zu sehr verbissen hatte, um es auch nur in Erwägung zu ziehen, davon  abzulassen.
Ryo machte große Augen.
„Da musst du mir noch unbedingt mehr erzählen! Im Gegenzug kann ich dir dann gerne noch ein wenig die Gegend zeigen – ich weiß nicht, wie viel du schon gesehen hast, aber keiner kennt die Umgebung hier besser als ich!“
Soyo nickte vergnügt; zwar hatte die Kinder ihr schon das ein oder andere gezeigt, doch die Führung war recht chaotisch gewesen. So ein nettes Angebot wie das, welches ihr Ryo gemacht hatte, würde sie daher gewiss nicht ausschlagen.
„Dann ist es abgemacht!“

Am Dorfeingang wurde Soyo bereits von Aiwa in Empfang genommen, die offenkundig nach ihrer kleinen Schwester gesucht hatte.
„Da bist du ja, ich habe mich schon wirklich gefragt, wo du wohl wieder abgeblieben bist! Das Abendessen ist schon beinahe fertig und du hast mal wieder keinen Finger dafür krummgemacht“, begrüßte sie Soyo mürrisch.
Diese zuckte neckisch mit den Schultern.
„Schon gut, ich werde dafür morgen helfen. Außerdem weißt du doch genauso gut wie ich, dass ich in der Küche nicht sonderlich viel tauge...“
Aiwa hob die Augenbrauen, sparte sich jedoch jeglichen Kommentar. Stattdessen deutete sie auf den mit Wasser befüllten Kübel, der neben ihr im Gras stand.
„Im Gegenzug kannst du ja wenigstens den Eimer tragen – ich bin vorhin schon zweimal zum Bach gelaufen, jetzt bist du an der Reihe, deinen Beitrag zu leisten.“
Soyo verdrehte gespielt die Augen, fügte sich jedoch der Anweisung ihrer Schwester. Zuvor wandte sie sich allerdings nochmals Ryo zu, der Aiwa sichtlich neugierig musterte.
„Nee-chan, das hier ist übrigens Ryo. Er wohnt hier im Dorf und hat angeboten, mir morgen nochmals die Gegend zu zeigen.“
Der Junge zuckte zusammen, als sein Name fiel, verbeugte sich dann hektisch.
„S-Sehr erfreut!“
„Ebenfalls. Meine Schwester wird es dir gewiss schon gesagt haben, aber mein Name ist Aiwa. Wie dem auch sei, ich hoffe, dass dir Soyo nicht allzu sehr zur Last gefallen ist.“
Ryo schüttelte vehement den Kopf.
„Ganz und gar nicht!“
„Dann ist gut. Sollte sie dir allerdings zu anstrengend werden, dann kannst du ihr das auch gerne so sagen.“
„Nee-chan, bitte! Als ob ich anstrengend wäre!“, empörte sich Soyo, woraufhin sich auf Aiwas Gesicht ein vages, wenn auch amüsiertes Lächeln abzeichnete.
Dann legte sie ihrer kleinen Schwester sanft die Hand  auf die Schulter.
„Komm', gehen wir – es wäre ziemlich unhöflich, Mayu noch länger warten zu lassen.“
Und so verabschiedeten sich die beiden von Ryo und kehrten zum Haus ihrer Gastgeberin zurück. Drinnen erwartete sie bereits ein äußerst üppiges Abendessen – Soyo hätte nicht damit gerechnet, dass es so reichlich ausfallen würde. Es gab gegrillten Fisch und Reis, rote Bohnen, Suppe und eingelegtes Gemüse. Während des Essens tauschten sich Mayu und ihre Tochter Maki über die neusten Vorkommnisse im Dorf aus, befragten die Schwestern zu ihren Reisen oder sprachen über das, was in den nächsten Tages noch so alles anstand. So, wie es aussah, gab es so einige Dinge, bei denen Soyo und Aiwa den beiden Frauen zur Hand gehen konnten – die Wäsche musste gemacht und das Dach repariert werden, die Felder benötigten Pflege und auch der Stall sollte mal wieder ausgemistet werden. Doch solange Soyo ein warmes Bett und anständige Mahlzeiten hatte, machte es ihr nichts aus, dafür auch entsprechend zu arbeiten.
Mit ihren Stäbchen schnappte sie sich ein Stückchen geräucherten Aal, schob es in den Mund. All diese Speisen hatte auch Ryo seiner Gottheit dargebracht...
„Vorhin habe ich mich übrigens ein wenig in der Gegend umgesehen“, ergriff das Mädchen dann schließlich das Wort. „Draußen, beim Wald, habt ihr einen kleinen Schrein – was genau hat es damit eigentlich auf sich? Ryo hat mir nichts genaueres sagen können...“
Kaum hatte sie diese Frage ausgesprochen, schien die Temperatur im Raum schlagartig um mehrere Grade zu fallen, wurde geradezu eisig. Sowohl Mayu als auch Maki hielten in ihren Bewegungen inne, das Gespräch erstarb. Offenbar hatte Soyo etwas Falsches gesagt, auch wenn sie nicht genau verstand, was genau nun eigentlich das Problem war. Die Stimmung, die nun zwischen den Frauen herrschte, war eigenartig, unbehaglich. Der tadelnde Blick, mit dem Aiwa ihre Schwester bedachte, machte es natürlich auch nicht unbedingt besser.
Letztendlich war Mayu diejenige, die sich als erste wieder gefangen hatte. Rasch setzte sie wieder ein Lächeln auf, allerdings eines, dem jegliche Wärme und Aufrichtigkeit fehlte.
„Du meine Güte, ich hätte dich wirklich davor warnen sollen, zum Wald zu gehen! Aber das ist allein mein Fehler, du, als Fremde, hättest es schließlich auch nicht wissen können...“
Fahrig strich sie sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, dachte offenkundig darüber nach, was sie wohl als nächstes sagen sollte.
„Im Wald lauern einige... gefährliche Gestalten. Haltet euch einfach von ihm fern, dann gibt es auch nichts zu befürchten.“
Soyo runzelte die Stirn, schaute zu ihrer Schwester hinüber, der in diesem Moment wohl ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.
„Was für Gestalten? Gibt es etwas, das wir für euch tun können?“, fragte Aiwa vorsichtig.
„Es ist lieb, dass du fragst, aber nein, ich fürchte, dass dies etwas ist, mit dem uns niemand helfen kann. Und eigentlich wäre es besser, würden wir dieses Thema nicht mehr weiter diskutieren -...“
Manjushage “, murmelte Maki, die mit abwesendem Blick in ihre Reisschüssel starrte. „So nennen wir ihn. Er ist... ein böser Geist, der uns nun schon seit mehr als einem Jahr plagt...“
„Maki, bitte!“, zischte Mayu, doch die jüngere Frau zeigte sich unbeeindruckt; sie sah auf, bedachte ihre Mutter mit einem erschöpften Blick.
„Sie können ruhig wissen, was er getan hat – ich bin mir sicher, dass sie unsere Warnungen dann ernster nehmen werden.“
„Es bringt Unheil, auch nur seinen Namen in den Mund zu nehmen! Diese Unterhaltung ist hiermit beendet!“
Zu Beginn war Soyo davon ausgegangen, dass Ryo mit seiner Geschichte ein wenig übertrieben hatte, doch nun, nachdem sie diese Szene miterlebt hatte, dachte sich das nicht mehr. Würde es sich lediglich um eine diffuse Schauergestalt handeln, dann hätten Mayu und Maki gewiss nicht so reagiert, wie es gerade getan hatten, oder? Ihre Furcht war echt, so viel konnte Soyo mit Sicherheit sagen.
Doch was war Manjushage und was hatte er diesem Dorf angetan? Was war nur vorgefallen, dass er von allen offenbar so sehr gefürchtet wurde? So, wie es aussah, würde Soyo zwar vorerst keine Antworten auf ihre Fragen erhalten, doch jetzt, da es so offensichtlich geworden war, dass hier, in Numamura, etwas im Argen lag, würde sie die Sache gewiss nicht einfach so auf sich beruhen lassen.
...Andererseits war es nicht so, als würde sie diese Sache irgendetwas angehen. Sie war eine Fremde, die Angelegenheiten des Dorfes brauchten sie nicht zu interessieren – das war zumindest das, was ihr Aiwa später gewiss sagen würde. Und Prinzip hätte sie mit diesen Worten auch vollkommen Recht.
Allerdings war Soyo nicht wie Aiwa und dies war eine Tatsache, von der die Schwestern schon mehr als einmal profitiert hatten. Und letzten Endes war es dem Mädchen bisher immer gelungen, seinen Kopf durchzusetzen - warum also sollte es dieses Mal anders sein?
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