Wofür du lebst

von aquitania
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
22.04.2019
21.10.2019
16
92514
34
Alle Kapitel
84 Reviews
Dieses Kapitel
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Vorwort



Meine letzte Geschichte hier stammt vom August 2018. Eine lange Zeit…
Dabei schreibe ich (fast) immer. Es ist wahrscheinlich eine Art Sucht und Therapie gleichzeitig – recht praktisch, wenn sich mal etwas so sinnvoll ergänzt…

Es dauerte etwas, bis ich für eine neue Geschichte die richtige Inspiration fand. Ideen tauchten auf, wurden bearbeitet, verworfen, hervorgeholt, wieder verworfen, Schnipsel und Gedanken bewahrt für später, eventuelle andere Geschichten. Die üblichen Sinnkrisen halt, wenn man schreibt. Ein paar neue graue Haare inklusive - .

Immer noch beginnt bei mir jeder Entschluss zur Veröffentlichung einer Geschichte mit unglaublichem Herzklopfen. Ich frage mich dann immer, warum irgendjemand überhaupt interessiert sein sollte, mein Geschreibsel zu lesen.

Andererseits: auch wenn ich weiß, dass meine Geschichten weder inhaltlich noch stilistisch hohe Literatur sind, liebe ich es, zu schreiben. Und ich finde es toll, einen Text in einem Rahmen wie dieser Website vorstellen zu können. Ich möchte mich in dem, was und wie ich schreibe, weiter entwickeln. Und dazu gehört, irgendwann ins kalte Wasser zu springen. Einen Text einzustellen und die Interessierten um ihre ehrliche und kritische Meinung zu bitten. Dies ist mir wirklich wertvoll. Denn nur so lerne ich und kann künftig mehr Fehler vermeiden. Mich verbessern – es zumindest versuchen.

Gefühl muss in meinen Geschichten immer sein – da bin ich ganz mädchentypisch. Das birgt die  Gefahr, dass es (zu) kitschig wird. Ich versuche, dies zu vermeiden oder wenigstens einzudämmen. Auch in diesem Zusammenhang bin ich sehr dankbar für jede Meinung.

Da ich mich selbst beim Schreiben gern neu herausfordere, gibt es in dieser Geschichte zwei Neuerungen. Bisher habe ich immer als Ich-Erzähler geschrieben. Das ist hier anders – und war gar nicht so leicht. Außerdem veröffentlichte ich meine Geschichten immer erst, wenn sie beendet waren. Diese ist noch nicht fertig, ich schreibe laufend daran.

Das erste Kapitel ist relativ kurz, eine Art Prolog. Die anderen sind meist deutlich länger.

Der Vollständigkeit halber: Die vorliegende Geschichte entstammt ausschließlich meiner Phantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, mit Schauplätzen, Handlungen usw. sind zufällig und nicht von mir beabsichtigt. Die Rechte an der Geschichte liegen bei mir.

Danke an meine Schwester, die meine Texte liest, ehrlich kritisiert und ihre nervende Schwester und ihre tausend Fragen und Anmerkungen mit bemerkenswerter Gelassenheit erträgt.

Und vielen Dank an alle, die schon bis hierher durchgehalten haben. Vielen Dank an jede(n), der weiterliest und meiner Geschichte eine Chance gibt.

Vorhang auf…



1. Verlassen

Als Finn die Tür öffnete, stieg ihm ein wunderbarer Duft in die Nase.
"Bin wieder da!“, rief er und legte den Schlüssel auf den niedrigen Schrank im Flur seiner Wohnung.
„Hallo!“ Silke kam aus der Küche, er umarmte sie, küsste sie sanft, sehnsüchtig, spürte, wie sie den Kuss erwiderte. „Hast du Hunger?“, fragte sie dann.
„Ja und ja“, antwortete er grinsend und sie erwiderte sein Lächeln vielsagend.
„Und, was verführt dich jetzt mehr?“, fragte sie, während er ihr in die Küche folgte, „Dein Lieblingsessen oder…“
„Natürlich du“, grinste er immer noch breit, „aber ehrlich gesagt, hab ich heut früh das letzte gegessen…“
„Na, das kann ja keiner verantworten.“, sagte sie, drückte ihn auf einen Stuhl und belud seinen Teller mit Nudeln und ganz viel köstlicher Soße. Sie sah ihm lächelnd zu, während sie selbst kaum etwas aß. Aber bei seinem Lieblingsessen verwandelte sich Finn in einen kleinen Jungen, der selbstvergessen Gabel um Gabel in den Mund schob, jeden Bissen genoss und für den in dieser Zeit nichts anderes existierte als sein Teller. Verdammt süß irgendwie.

Finn ging duschen. Silke saß vor dem Fernseher, als er zurück kam. Er setzte sich neben sie auf die Couch. Nackt. Sie blickte ihn von der Seite an und fragte betont gleichmütig:
„Hast du was Bestimmtes vor?“
„Weiß nicht…“ erwiderte er, konnte sich das Grinsen aber nicht ganz verkneifen.
„Naja, dann…“, sagte sie achselzuckend, wandte sich wieder dem Fernsehbild zu und schaffte es im Gegensatz zu ihm, eine unbewegte Miene zu behalten. Sekunden später quietschte sie überrascht, als er sie einfach hochhob und sich über die Schulter legte. Lachend ließ sie sich ins Schlafzimmer tragen.
„Es ist mir wieder eingefallen“, grinste er, als sie unter ihm lag. Er stützte seine Arme neben ihrem Kopf ab, spürte ihren warmen Körper unter sich. Sie lächelte. Schlug unschuldig die Augen zu ihm auf.
„Ach? Ich bin gespannt…“
„Gut…“
Ihr Kopf hob sich ihm entgegen, sie erwiderte seinen Kuss, schmiegte sich an ihn, genoss seine streichelnden Hände, die langsam unter ihr Shirt glitten…

So war das gewesen, vor drei Monaten. Finn hatte geglaubt, dass Silke die Richtige sein könnte. War glücklich gewesen. Bis gestern.
Sie hatte die Nacht bei ihm verbracht, war morgens aufgestanden, hatte Brötchen geholt und Frühstück gemacht. Und nach dem Essen zu ihm gesagt:
„Finn, wir müssen reden.“
Auf einmal war ihm ganz flau im Magen geworden. Er hatte seine Kaffeetasse mit ins Wohnzimmer genommen und da saßen sie dann auf der Couch, wo Silke ihm mit stockender, dennoch ruhiger Stimme erklärte, dass sie sich von ihm trennen würde.
Finn hörte ihr ungläubig zu. Alles, was er fragen konnte, war:
„Warum?“
Sie sah ihn an. Ihre Augen schimmerten feucht, aber sie weinte nicht.
„Weil du mich nicht liebst, Finn.“
„Das… das ist doch totaler Unsinn!“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich weiß, dass Du mich magst. Sehr magst. Aber das… das ist keine Liebe.“
Er war wie vor den Kopf gestoßen.
„Ich versteh´ das nicht.“
„Ich kann Dir nicht erklären, wie sich Liebe anfühlt. Dafür gibt es kaum Worte. Sie… macht dich verrückt vor Glück. Sie füllt dich aus. Du weißt, dass du lebst, um sie zu fühlen. Weil sie vollkommen ist. Und das für einen anderen Menschen zu empfinden ist einfach unbeschreiblich.“
„Wieso glaubst du, ich fühle das nicht für dich?“
Silke sah ihn traurig an. „Weil es so ist. Das fühle ich und weiß ich. - Ich habe gehofft, dass es zwischen uns richtig ernst wird. Aber es soll wohl einfach nicht sein. Ich will dir keine Vorwürfe machen. Ich kann einfach nicht mehr. Auch nicht mehr länger warten auf etwas, das nicht passiert.“
Er schüttelte den Kopf. Das hier konnte doch nicht wirklich passieren!
Silke rollte jetzt doch eine Träne über ihre Wange. „Ich… wollte dir nie weh tun. Und du mir auch nicht, ich weiß. Und jetzt tun wir es doch.“ Sie wischte sich die nächste Träne von der Nase. „Ich liebe dich. Aber ich will jemanden, der mich genauso liebt wie ich ihn. Und – das tust du nicht.“

Die eintretende Stille empfand er als genauso unwirklich wie alles andere gerade.

Nach einer Weile fuhr Silke fort, gefasster: „Wenn ich dir was wünschen darf, dann das: dass du die findest, mit der du das erlebst und die du von ganzem Herzen lieben kannst. Nur – ich bin das nicht. Ich gehe jetzt. Ich komme morgen noch mal, wenn du arbeitest, hole meine Sachen und lasse deinen Schlüssel da.“

Er starrte vor sich hin. Silke wirkte kurz unentschlossen, erhob sich dann aber und ging zur Tür. Erst als er hörte, wie sie ihren Mantel überzog, stand er ebenfalls auf. Stumm sah sie ihn an, traurig – und dann schloss sich die Tür hinter ihr.

Die Herbstsonne war warm, die Blätter strahlten um die Wette in leuchtenden Farben. Er hatte es in der Wohnung nicht mehr ausgehalten. Sie wohnten nicht zusammen, aber überall fand er etwas von ihr. Jedes Mal schnitt es ins Herz.

Der Park war belebt. Alle genossen die letzte Wärme, bevor die Kälte Einzug halten würde. Seine Schritte trugen ihn weiter, in den Wald. Hier war es ruhiger. Nach einer Stunde erreichte er den See. Er suchte sich eine Stelle am Ufer. Das Gras war trocken.

Unablässig kreisten seine Gedanken um Silke und um das, was sie gesagt hatte. Wie kam sie darauf, er würde sie nicht lieben? Er mochte sie doch, sehr sogar. Er sehnte sich nach ihr, wenn sie nicht da war, genoss ihre Gegenwart, wenn sie zusammen waren. Er war immer treu. Er nahm Rücksicht, hörte ihr aufmerksam zu. Wollte, dass sie glücklich war und bemühte sich darum. Er war ein ruhiger Typ, ein bisschen verschlossen. Grüblerisch. Trug sein Herz vielleicht nicht auf der Zunge. Aber er war ausgeglichen, sanft, mochte Zärtlichkeit. Kein Sensibelchen, trotzdem einfühlsam. Die Frauen, mit denen er zusammen war, mochten das. Wollte Silke jemanden mit mehr Leidenschaft? Aber das, dachte er, war eigentlich nicht das Problem zwischen ihnen. Der Sex war schön und sie hatte ihn genauso genossen wie er.

In den letzten Jahren hatte er ein paar Freundinnen gehabt. Es war immer eine Weile gut gegangen, dann hatten ihn die Frauen verlassen. Keine Trennung war von ihm ausgegangen. Alle diese Trennungen waren ruhig gewesen. Und traurig, na klar. Er hatte keine Szene gemacht, sondern sie gehen lassen. Hatte die Traurigkeit mit sich selbst abgemacht, manchmal geweint, allein.

Er fand keine Antwort auf die Frage Warum, so wie er sie bei den anderen Frauen nicht gefunden hatte. Versuchte, keine Schuldfrage zu stellen und ging doch mit sich selbst ins Gericht nach Fehlern, die er vielleicht gemacht hatte. Er hatte nie gemerkt, dass sich zwischen ihm und der jeweiligen Frau etwas geändert hatte, wenn sie Schluss machte. Hätte er etwas merken müssen? Übersah er etwas? War da eine stumme Erwartung, die er nicht erfüllte?

Er zweifelte, an sich, an allem, verzweifelte ein bisschen. Schmerz machte sich breit. Unverständnis, Weltschmerz. Es war zum Heulen.
Am Ende stand Trotz. Er wusste, dass es albern war. Eigentlich. Dann sollte sie doch gehen und bleiben, wo der Pfeffer wächst. Er brauchte sie nicht. Eine winzige Stimme in seinem Kopf sagte hoffnungsvoll: vielleicht kommt sie ja wieder? Aber das würde nicht passieren. Er wusste es.

Nach langen Stunden fand er etwas von seiner inneren Ruhe wieder. Vielleicht hatte er eben einfach noch nicht die Richtige gefunden. Erst als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, erhob er sich, wischte sich über die Augen und den Bart, in den ein paar Tränen gelaufen waren und ging nach Hause.
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