Der Weg nach Hawaii

GeschichteFreundschaft / P12
OC (Own Character) Steve McGarrett
22.04.2019
17.11.2019
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Ping.
Sara rollte sich unter ihrer Decke ein, in der Hoffnung, dass es nur eine Nachricht von jemand war, der nicht wusste, in welcher Zeitzone sie sich gerade befand. Doch sie hatte kein Glück. Das Mobiltelefon wiederholte unablässig das Ping, das sie eigentlich für einen dezenten Klingelton gehalten hatte, gerade jedoch nur noch nervig war.
Sie war noch keine vierundzwanzig Stunden wieder zuhause, nach einer Woche Dubai, und noch nicht wieder richtig angekommen. Bis auf das Glimmen der Uhrzeiger ihres Weckers und ein sanftes Leuchten im Flur war es stockdunkel.
Sie griff nach dem weiter klingelnden Telefon, das mit dem Display nach unten auf dem Nachttisch gelegen hatte. Es zeigte als Uhrzeit 5.04Uhr. Der hartnäckige Anrufer war Dr. Pine aus dem Naval Medical Center Portsmouth, das auf der anderen Seite des Elizabeth River lag und zum Stützpunkt Norfolk gehörte. Mit einem Seufzen nahm sie den Anruf an.
„Anderson.“
„Dr. Pine hier. Entschuldigen Sie, dass ich Sie geweckt habe. Sind Sie in Norfolk?“
„Seit ungefähr einundzwanzig Stunden, ja. Wie komme ich zu dem Anruf?“
„Erinnern Sie sich an unser Gespräch vor zwei Wochen? Über den jungen Mann, dessen Einheit in Baraki Barak in den Hinterhalt geraten ist?“
„Sicher. Warten Sie kurz.“ Etwas wacher legte sie das Telefon hin, schaltete die Nachttischlampe an und zog sich hoch. Dann nahm sie das Telefon wieder zur Hand. „So. Was ist mit ihm? Oder besser, mit ihnen, wir sprachen über zwei Männer. Welchen meinen Sie?“
„Chief Petty Officer Darren Todd“, erwiderte der Arzt.
„Doppelte Unterschenkelamputation, eine Niere“, grub Sara aus ihren Erinnerungen aus.
„Ja.“
„Und?“
„Er will reden.“
„Auf ein Mal?“, fragte Sara, obwohl sie die Antwort kannte. Es war beileibe nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam.
„Ich weiß. Der Anschlag war vor vier Wochen. Seit drei Wochen versuche ich, ihn zu einem Gespräch mit Ihnen zu bringen, oder dem Psychologen, oder irgendwem. Bisher hat er alles verweigert.“
„Das war mir bekannt.“
„Vor einer halben Stunde ist er aufgewacht, hat nach der Schwester geklingelt und gesagt, er will Sie sehen. Ich befürchte, wenn Sie zu lange warten, überlegt er es sich anders.“
Ächzend streckte Sara ihre Beine. „Okay. ETA dreißig bis fünfundvierzig Minuten. Mir steckt ein Vierzehn-Stunden-Flug in den Knochen.“
„Fahren Sie vorsichtig“, bat der Arzt.
„Immer, Dr. Pine.“
Sie brauchte ein paar Minuten, bis sie aufstehen konnte, ihre Beine nahmen ihr den langen Flug noch übel. Sara stellte die Kaffeemaschine an, dann ging sie zurück ins Schlafzimmer. Nach kurzer Überlegung entschied sie sich für Uniform und zog die Bügel mit den Service-Khaki-Sachen aus dem Schrank. Der Blick aufs Thermometer am Fenster ließ sie noch einen passenden Strickpullover dazunehmen.
Zehn Minuten und eine Tasse Kaffee später zog sie leise die Haustür hinter sich zu. Die Straße war noch komplett dunkel, als sie einstieg und den Motor des Prius anließ. Der Wagen war so leise, sie hatte nicht die Befürchtung, die ganze Nachbarschaft aus dem Schlaf zu reißen.
Auf dem Weg zum Krankenhaus begegneten ihr nur drei Fahrzeuge, ein Zeitungslieferant, ein Zivilfahrzeug und ein Streifenwagen. Der Mann an der Zufahrt grüßte sie mit Namen, als sie anhielt und ihm ihren Ausweis zeigte.
„Nicht nötig, Commander Anderson. Wenn ich Sie nicht mehr erkenne, brauch ich nen Augenarzt oder was gegen Alzheimer. Sie sind früh unterwegs. Alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Ja, Connelly, danke. Ich bin wegen jemand anderem hier.“
„Viel Glück.“
„Danke.“
Sie ließ den Wagen über die Absperrung rollen und steuerte die Behindertenparkplätze an. Sara stieg aus, richtete ihre Kopfbedeckung und verschloss das Auto. Die Umhängetasche über der Schulter lief sie leicht schaudernd wegen der morgendlichen feuchten Kühle in das Gebäude.
Dr. Pines Zimmer hätte sie auch im Schlaf gefunden, zu oft war sie schon hier gewesen. Ein Pfleger, der gähnend an ihr vorbeilief, grüßte sie freundlich. Der Arzt öffnete auf ihre erstes Klopfen.
„Danke, dass Sie gekommen sind.“
„Hat Chief Todd seine Meinung geändert?“
„Bis jetzt nicht. Sara... Das mag pathetisch klingen, vor allem in der x-ten Wiederholung, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie dankbar ich bin, dass Sie das immer wieder tun. Wollen Sie eine Schmerztablette?“, fragte er nach einem prüfenden Blick.
„Danke, nein. Ich muss mich nur warmlaufen. Was können Sie mir über Todd sagen?“
„Sein physischer Zustand ist stabil, die Stümpfe heilen gut. Wir konnten beide Knie erhalten. Die verbliebene Niere arbeitet. Die weiteren Verletzungen heilen ebenfalls gut, er hatte einige Splitter abgekriegt. Todd schwankt zwischen Apathie und Aggression. Kein Fall ist gleich, aber er ist gewissermaßen ein klassisches Bild.“
Sara nickte. „Mhm. Was ist aus dem anderen Mann geworden, von dem Sie mir erzählt hatten?“
„Er hat sich nach zehn Tagen hier selbst entlassen, um zu seiner Familie zurückzukehren. Dort war er drei Tage. Jetzt ist er stationär im VA Krankenhaus in Detroit. Akute PTBS.“
„Einer von vielen.“
„Ja. Bevor wir zu Chief Todd gehen, kann ich aber noch mit einer guten Nachricht aufwarten.“
„So?“
„Rita Conners hat geschrieben.“
Sara konnte sich an die junge Offizierin erinnern. Der Lieutenant war vor drei Jahren bei einem Autounfall bei einer Militärübung verletzt worden. Sara war zufällig in der Klinik gewesen, als Conners ihre ersten Gehversuche gemacht hatte. Trotz eines Altersunterschieds hatten sie sich gut verstanden und sich bis zum Ende von Conners Reha einige Male getroffen.
„Wie geht es ihr?“
„Gut. Sie hat sich verlobt. Ich soll Ihnen Grüße bestellen.“
„Danke. Wo finde ich Chief Todd?“
„In 6.14. Ich denke, Sie kennen den Weg.“
„Ernsthaft?“ Sara drückte sich aus ihrem Stuhl hoch. „Ist das Zufall oder haben Sie ihn mit Absicht dort hin verfrachtet?“
„Zufall“, entgegnete Pine, als sie ihre Tasche aufhob. „Viel Glück.“

Auf dem Flur passierte sie eine Schwester, die einen Wagen schob, von dem es nach Kaffee roch. „Hallo Commander. Möchten Sie etwas?“, fragte die Frau lächelnd.
„Wenn Sie mir mit einer Tasse Tee und einer Scheibe Toast aushelfen würden, Andrea, wäre ich sehr dankbar. Mein Körper hat noch nicht wieder Ostküstenzeit drauf.“
„Gerne doch. Hier, bitte.“
Sara verbrannte sich beinahe den Mund, als sie den heißen Tee trank, aber es machte wach und der Toast stillte den gröbsten Hunger, der sich während des Gesprächs mit dem Arzt trotz der unchristlichen Uhrzeit bemerkbar gemacht hatte.
„Hat Chief Todd schon gegessen?“
„Nun ja, ich verbuche es als Erfolg, dass er sein Tablett heute nicht nach mir geworfen hat.“
„Klingt nach einem sehr temperamentvollen Kandidaten.“
Die Schwester lachte trocken. „Wenn das Ihr neuer Freund ist, dann viel Spaß.“
„Danke.“ Sara seufzte. So viele Vorschusslorbeeren hatte sie schon lange nicht mehr bekommen. Aber sie war freiwillig hier, sie konnte jederzeit gehen.
Am Ende des Flurs erreichte sie Zimmer 6.14. Das Fenster neben der Zimmertür gab den Blick auf den immer noch dunklen Himmel frei. Ein Stück entfernt sah sie die Scheinwerfer der rund um die Uhr erleuchteten, nie schlafenden Norfolk Base. Sie klopfte und schob die Tür auf.
„Nein, ich will nichts essen. Nein, ich will nicht aufs Klo. Und wenn diese komische Navy-Tussi nicht bald auftaucht, kann sie der Teufel holen“, schallte es ihr entgegen. Der Mann im Bett war unrasiert, eine Narbe zierte seine rechte Gesichtshälfte, die rotblonden Haare standen ihm zerzaust und wirr vom Kopf ab.
„Tja. Ich bringe weder Essen, noch Sie aufs Klo. Und es ist Ihr Glück, dass Sie krankgeschrieben sind, sonst würde die Navy-Tussi jetzt dafür sorgen, dass Sie der Teufel holt, Chief. Dann würden Sie für zehn Tage in den Bau wandern, wegen ungebührlichen Verhaltens gegenüber einer Offizierin.“
Todd sah sie wütend an. Damit waren die Fronten wohl geklärt. „Was wollen Sie?“
„Die selbe Frage könnte ich Ihnen stellen. Schließlich haben Sie mich um fünf Uhr morgens aus dem Bett holen lassen“, erwiderte Sara, ging in den Raum und schloss die Tür. „Ich bin Lieutenant Commander Sara Anderson und ich werde jetzt einfach so tun, als hätten Sie mir einen Stuhl angeboten, denn meine Beine bringen mich um.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie den Besucherstuhl von der Wand und setzte sich.
„Sie haben wenigstens noch Beine.“
„Mag sein. Nur dass ich sechs Monate in genau dem Bett da verbracht habe, um wieder laufen zu können. Dass ich noch Beine habe, verdanke ich einer experimentellen Operation von Dr.Pine.“
„Ach ja?“
Sara griff in ihre Tasche, holte eine Mappe heraus und warf sie dem Chief zu.
„Was ist das?“
„Mein Weg hierher.“
Er sah sie ungläubig an. Dann zog er sich die Mappe heran und schlug sie auf. Sie wusste, was er sah. Fotos ihrer Beine, kurz nach der Einlieferung und nach diversen OPs, höllisch aussehende Schienen, Rollstuhl, Gehversuche.
„Landmine?“, fragte Todd schließlich, nachdem er eine Weile schweigend durch die Mappe geblättert hatte.
„Nein. Mein Mann wurde im Irak verwundet und kam mit einer schweren PTBS zurück. In einer akuten Episode hat er einen Autounfall verursacht. Ich saß mit im Wagen, als er den Berg hinunterstürzte.“
„Und wo ist er jetzt?“
„Tot.“
Der Chief sah sie ungläubig an. „Was zum Teufel machen Sie hier? Und warum will Pine, dass ich mit Ihnen rede?“
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