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Waldgeister

von LadyAgi
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12
20.04.2019
01.05.2019
5
8.349
 
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20.04.2019 1.773
 
Kurz vorweg:
Man nehme:
-Eine Pagan Folk Band aus Deutschland.
-Die Besetzung von Herbst 2018 (Nina, Gina, Niklas, Peter, Andi)
-Eine handvoll Decknamen, da besagte Mitglieder der Band keine Künstlernamen besitzen, ich jedoch differenzieren möchte zwischen den Bühnencharakteren und den Privatpersonen
-Eine Inhaltsangabe, die leicht abgewandelt ist aus der Notiz zu dem Song Leshy aus dem Booklet der CD Mythos
- Und die wundervolle Musik von Waldkauz, die uns auf diesem Weg begleitet.
Fertig ist eine Geschichte über eine heidnische Reise, also Vorhang auf :)

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„Erst der helle Glanz des Morgens, lässt den Zauber Märchen sein“

Sanft  waberten die letzten Klänge des Liedes durch den Proberaum, hallten aus, gedämpft durch die Teppiche an den Wänden.

Nach dieser Eskalation und dem energiereichen letzten Teil dieses Liedes war Calia immer ein wenig erschöpft. Sie drehte sich um und ging zurück zu ihrer Harfe, setzte sich auf den Schemel und lehnte ihre Stirn an das kühle Holz.

„Waldlandreich als nächstes?“, schlug Löschi vor und blickte in die Runde. Eigentlich lautete Löschis Spitzname Leshy, aber nach einem entsprechenden Saufgelage eines Abends und gewisser Vorlieben wurde aus dem mystischen Namen eines Waldgeistes dieser Abklatsch. Calia schüttelte den Kopf.

„Können wir nicht eine kurze Pause machen? Wir proben schon seit Stunden…“, seufzte sie.
„Ich finde, sie hat Recht“, unterstützte sie Pan und stand hinter seinem Schlagzeug auf, um sich ausgiebig zu strecken.

Löschi zuckte mit den Schultern und nickte. „Meinetwegen. Sollen wir etwas rausgehen? Vielleicht finden wir im Waldlandreich vor der Tür etwas der wohl benötigten Energie“, meinte er und grinste bei der Anspielung auf ihre Songs.

„Solange ihr diesmal nicht wieder voller Inbrunst draußen singt und damit sämtliche Tiere des Waldes verscheucht“, warf Nornea ein und schmunzelte. Nicht, dass sie das ernst meinte. Sie mochte es, wenn man draußen entspannt zusammen saß und dabei zusammen sang. Zusammen singen war eine sehr entspannte Tätigkeit und sie wusste es zu schätzen.

„Dabei hast du letztes Mal angefangen“, stichelte Calia vergnügt und ging voraus.

-

Es war später Nachmittag, die Sonne stand bereits nicht mehr ganz so hoch am Himmel und es lag ein warmer Duft von Frühling in der Luft. Bald würde die Festivalsaison wieder losgehen und die gesamte Band voll im Griff haben. Als Waldkauz spielten sie inzwischen in ganz Deutschland und hatten sich in der Szene einen gewissen Namen gemacht. Dabei konzentrierten sie sich hauptsächlich auf Pagan Folk, arbeiteten viel mit Flöten, Drehleiern und Harfe und sangen von der spirituellen Seite der Natur, Fabelwesen und längst vergessenen Legenden.

Ihr Proberaum lag am Rande einer Kleinstadt, nur wenige Gehminuten von einem ruhigen Forstwald entfernt. Kaum dort angekommen, stimmte Löschi bereits ein Lied an und keine drei Sekunden später, fielen die Anderen lachend ein. Selbst Nornea ließ sich von der guten Stimmung mitreißen und sang nach einem gespielten Augenverdrehen ebenfalls mit.

Die gute Stimmung in der Band war ungebrochen, da konnte selbst ein langer Probetag nichts dran ändern.

„Pssst“, unterbrach sie Calia plötzlich und deutete auf einen Punkt unweit vor ihnen. Verwundert stoppten die Anderen ihr gerade gesungenes Lied.

„Schaut doch“, flüsterte sie, als sie weiterhin nur Verwirrung ernte. „Das da Vorne sieht aus wie Luchs!“, erklärte sie genauer.

Nun waren sie alle stehen geblieben. Tatsächlich befand sich weiter vorne auf dem Waldweg, dem sie gefolgt waren, ein Tier, welches Ähnlichkeiten mit einem Luchs besaß. Wie eine Statue stand es da und blickte neugierig in die Richtung der Band. „Seit wann gibt es denn hier wieder Luchse?“, fragte Elrond, der ewige Optimist der Band. „Vielleicht sind wir ja die Ersten, die den ersten Wiederkehrenden sehen?“, antwortete  Calia und bewegte sich nun langsam auf das Tier zu.

Zögernd folgte ihr auch der Rest fünfköpfigen Gruppe.

Und entgegen aller Erwartungen bewegte sich der vermeintliche Luchs ebenfalls auf sie zu. Leichtfüßig schien er regelreicht über den Boden zu schweben und behielt stets den Blickkontakt bei. Als sie nur noch wenige Meter von ihm trennten, sprang er plötzlich zur Seite, kletterte einen Baum hoch und balancierte auf einem Ast, der sich in Höhe ihrer Köpfe befand.

Bei näherer Betrachtung konnte Calia erkennen, dass es sich wohl viel eher um eine ungewöhnlich große, gestreifte Hauskatze handelte. Ein wenig enttäuscht, doch nicht den Fund des Jahres gemacht zu haben, streckte sie vorsichtig die Hand in die Richtung der Katze aus. „Bist wohl entlaufen, hm?“, meinte sie. Doch diese fauchte sie aggressiv an.

Und dann tat sie etwas, was wohl keiner so richtig glauben konnte:
„Leshy“, fauchte sie, was ein wenig Klang wie das Zischen einer Schlange.

Verwirrt ließ Calia die Hand sinken. „Hä?“, brachte sie nur heraus.

„Leshy“, kam es erneut von dem Tier. Etwas klarer und unmissverständlich.

Die Bandmitglieder tauschten unsichere Blicke. Hatten sie das etwa alle gehört?

Pan hatte als Erstes seine Sprache wiedergefunden. „Wir haben hier nur einen Löschi, keinen Leshy“, versuchte er die Situation verzweifelt aufzulockern. Keiner lachte.

„Leshy“, sagte die Katze erneut und sprang von dem Ast. Erhaben stolzierte sie zu der Gruppe, steuerte direkt auf Löschi zu und sah ihn an.

„Leshy“. Sie umrundete seine Beine einmal, dann lief sie nach vorne.

Sie machte Anstalten, ins Unterholz zu verschwinden, doch sie blieb stehen und drehte sich zu der Band um.

„Leshy“, wiederholte sie und blickte erwartungsvoll zu ihnen.

„Vielleicht sollen wir ihr folgen?“, versuchte es Löschi und ging in Richtung der Katze.

„Leshy“. Sie lief voraus und drehte sich immer wieder um. Zunächst folgte Löschi ihr nur zögerlich, dann wurde er selbstsicher, als sie sich immer wieder nach ihm umdrehte.

Der Rest der Band wusste sich nicht anders zu helfen, als ebenfalls dem Gitarristen zu folgen.

-

Es dauerte nicht lange, da wurden die Bäume immer dichter und das Unterholz immer schwieriger zu durchqueren. Gerade umrundeten sie einen Haselnussstrauch, da wurde der Wald lichter und vor ihnen eröffnete sich eine kleine Lichtung. Ein schmaler Bach schlängelte sich hindurch, zwei Kaninchen spielten am Ufer des Gewässers, doch stoben hakenschlagend davon, als sie die Menschen erblickten. Man hörte die Vögel in den Bäumen zwitschern und im Licht der Sonne glitzerte das Wasser, was diesem Ort fast schon zu einer magischen Kulisse machte.

„Das glaubt uns keiner, wenn wir das erzählen“, murmelte Nornea zu Pan, der neben ihr stand. Sie traute sich kaum lauter zu sprechen, so sehr hatte sie Angst, den Anblick vor ihr zu zerstören. Ihm den Frieden zu nehmen, den er ausstrahlte.

Löschi, der die ganze Zeit voraus gelaufen war, betrat nun als erstes die Lichtung. Ungläubig sah er sich einmal um. „Wie konnte uns dieser Ort all die Jahre entgangen sein?“, wollte er wissen, „Ich meine, wir gehen doch so oft hier im Wald spazieren.“ Nornea trat hinter ihn, griff seine Hand. „Manche Orte verstecken sich vor der Menschen, weil sie ganz der Natur gehören wollen“, sagte sie leise. „Aber warum hat uns die Katze dann-“, er hielt abrupt inne, als er bemerkte, dass die Katze nicht mehr hier war. „Die Katze ist weg“, erklärte er ernüchtert.

„Und was machen wir jetzt?“, warf Elrond in die Runde. Sein Gesichtsausdruck – wie immer kühl und distanziert. Wenn man ihn nicht näher kannte, konnte man meinen, dass er ständig schlecht gelaunt war und alles mit einer faszinierenden Gleichgültigkeit hinnahm, doch war er in Wirklichkeit ein begeisterungsfähiger Mensch, ein Introvertierter, dem es schlichtweg egal war, ob die Anderen wussten, was er gerade fühlte. Er trug seine Emotionen nicht offen zur Schau, dafür lebte er sie viel mehr. Wenn er mit geschlossenen Augen, im Takt der Musik wippend den Bass auf der Bühne spielte, gab es für ihn nur noch sich selbst. Und dabei war sein Gesichtsausdruck meist regungslos, obwohl er innerlich so voller Zufriedenheit und Glück war. Irgendein Fan fragte ihn mal, warum er ständig so schaue wie Elrond aus Herr der Ringe und als er es daraufhin lächelnd erklärte, war ihm die Ähnlichkeit zu dem Elbenkönig ebenfalls aufgefallen. Dieser schaute nämlich auch meistens etwas verbittert drein und so war der Name hängen geblieben.

Dennoch erübrigte sich seine Frage, als ein mächtiger Hirsch die Lichtung betrat. Genauso wie die Katze war er größer als andere seiner Spezies. Ein wohlgeformtes, gigantisches Geweih und der muskulöse Körper bewiesen eindrucksvoll, warum er als König des Waldes galt. Sein hellbraunes Fell wies keinen Schmutzfleck auf, doch sein Geweih war stellenweise mit Moos bewachsen. Er warf einen Blick zu den Menschen, dann lief er auf einen Baum zu, wo sich ein Vogel in einem Netz verfangen hat und regungslos da hing. Er berührte das Tier mit seiner Schnauze und sofort begann es sich zu winden und kläglich zu schreien. Erneut warf der Hirsch einen Blick zu der Menschengruppe am anderen Ende der Lichtung und es schien fast schon vorwurfsvoll zu sein.

Nornea reagierte als Erstes. „Wir müssen ihm helfen!“, sagte sie und beeilte sich, zu dem gefangenen Tier zu kommen. Sie hörte nur die Schritte der Anderen, die ihr folgten.

Als der Hirsch sie näher kommen sah, trottete er gemächlich und mit einer majestätischen Grazie zurück in den Wald und war genauso schnell verschwunden wie er gekommen war.

Nornea murmelte einige beruhigende Worte zu dem Vogel und fummelte umständlich am Netz herum. „Hat jemand eine Schere?“, fragte sie in die Runde, doch erntete nur Kopfschütteln. „Weil ich auch immer mit Scheren in den Wald gehe“, witzelte Elrond mit einem kaum erkennbaren Schmunzeln auf den Lippen, „Aber ein Feuerzeug. Vielleicht kann man das Netz durchbrennen?“, schlug er vor und reichte es ihr. Nornea nahm es dankend entgegen. „Doch wie brenne ich das jetzt durch, ohne das Tier zu verletzen?“, fragte sie ratlos. „Calia, mach du das, ich denke, du hast die beste Feinfühligkeit in den Fingern“, meinte sie dann und übergab das Feuerzeug der rothaarigen Harfespielerin der Band.

„Wünscht mir Glück“, sagte diese mehr zu sich selbst als zu den Anderen und zündete vorsichtig an der Schnur.

Nach einigen Minuten ließ sie das Feuerzeug sinken und betrachtete zufrieden ihr Werk. Sie hatte in das Netz ein ausreichend großes Loch gebrannt, um den Vogel, der sich bei näherer Betrachtung als ein Waldkäuzchen entpuppte, zu befreien. Vorsichtig griff sie nach dem Tier und entwirrte das Netz um es herum, sodass es kurz darauf befreit war. Zuerst blieb es noch etwas verwirrt auf ihrer Hand sitzen, dann erhob es sich und stieg in die Lüfte davon.

„Waldkauz hilft einem Waldkauz“, kommentierte sie das Geschehen und lächelte glücklich.

„Dann hätten wir unsere Arbeit für heute ja getan“, freute sich auch Nornea, „Lass uns zurück zum Proberaum gehen, ich glaube das war genug Action für heute“. Die Blonde drehte sich zum Rest rum und strahlte über das ganze Gesicht. Einem Tier zu helfen führte unweigerlich zu einem Freudegefühl, was die ganze Band glücklich machte. Nur Elrond zeigte, wie immer, kaum eine Regung.

Doch als sie in die Runde blickte, verschwand ihr Lächeln.

„Wo ist Löschi?“
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