Sandkastenliebe

GeschichteRomanze, Familie / P16
OC (Own Character) Richard Kruspe Till Lindemann
20.04.2019
22.08.2019
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Sie trafen sich weiterhin fast jeden Tag am Spielplatz. Richard ging sogar dann hin, wenn Maxime ihre Zeit nicht bei ihm, sondern bei ihrer Mutter verbrachte. Pippa, stellte er dabei freudig fest, gab sich zunehmend kooperativer und zugänglicher. Inzwischen schafften sie es sogar, sich länger als ein paar Sätze wie erwachsene Menschen miteinander zu unterhalten. Wenn es richtig gut zwischen ihnen lief, fühlten sich diese Gespräche nicht anders an als die mit seinen Freunden. Pippas zurückhaltende Art war Richard mittlerweile so vertraut, dass er sich gut darauf einstellen konnte. Diese Vertrautheit war es vermutlich auch, die bewirkt hatte, dass an die Stelle der Flirtversuche ehrliches Interesse getreten war und er die Hoffnung auf eine gemeinsame Nacht so gut wie begraben hatte.
Um ihr die geplante Party schmackhaft zu machen, erzählte er ihr an ihren 'zufälligen' gemeinsamen Nachmittagen immer in ein paar Sätzen, welche Fortschritte Khira und er bei der Organisation machten. Seit seiner Einladung hatten ihm alle anderen Bandmitglieder zugesagt und sogar angekündigt, ihre Frauen und Kinder mitzubringen, 'um ein bisschen Stimmung in die Bude zu bringen'.
„Wie groß wird die Gesellschaft denn sein?", wollte Pippa etwas unsicher wissen.
Richard schloss kurz die Augen und überschlug die Anzahl seiner Gäste. „Ungefähr zwanzig Mann, Erwachsene und Kinder gemischt. Mit euch beiden, versteht sich. Und mit Ollis und Pauls Töchtern. Die sind eigentlich nicht mehr in dem Alter, in dem man mit seinen Alten rumhängt, aber vielleicht machen sie ja mal 'ne Ausnahme." Er stieß sie leicht mit der Schulter an. „Haben Sie sich inzwischen entschieden? Ich muss das wissen, wenn ich mein Gewichtszunahmeprojekt weiterführen möchte." Seit Richard wusste, dass sie mit ihrer Figur nicht zufrieden war, brachte er ihr zu jedem Treffen etwas zu naschen mit, meistens die Art von Gebäck, die sich andere Frauen lieber verkniffen. An diesem Tag hatte er sich für etwas Klebrig-Süßes aus einer türkischen Konditorei entschieden, das sie soeben mit Genuss verspeist hatte.
„Sie nehmen diese Aufgabe sehr ernst, wie mir scheint", neckte Pippa mit einem dankbaren Lächeln. Die Freundlichkeit, die der Musiker seit einiger Zeit an den Tag legte, hatte nichts mehr mit der anfänglichen Sunnyboyattitüde  zu tun und war mehr als erholsam.
Richard erwiderte das Lächeln. Er schaute ihr dabei zu, wie sie sich die Finger ableckte, an denen eine Mischung aus Honig, Sirup und Nusssplittern haftete. Das sah unerwartet sexy aus und erinnerte ihn daran, dass er seinem  neuen Kumpel ursprünglich an die Wäsche gewollt hatte.
„Selbstverständlich. Ich kann doch nicht riskieren, dass du unter deiner kleinen Fee zusammenbrichst." Ihm war schon wieder ein 'Du' herausgerutscht. Das passierte häufiger, seit sie einander regelmäßig und freiwillig trafen. Wie immer ging Pippa nicht darauf ein und blieb bei ihrer Anrede streng beim 'Sie'.
„Wie gesagt, ich weiß es noch nicht", wiegelte sie ab. Vorsichtshalber hatte sie sich die Namen der einzelnen Bandmitglieder eingeprägt, um sie im Ernstfall mit dem gebührenden Respekt ansprechen zu können.
„Ach, das sagt sie immer", gab Richard mit einem Seufzen und einem Blick in den Himmel zurück. „Immer hält sie mich hin, um meine Ungeduld zu steigern. Womit habe ich das nur verdient?"
Pippa musste lachen, laut und von Herzen. „Nun mal halblang! Als käme es für Sie ernsthaft darauf an, dass ausgerechnet ich zu Ihrer Party erscheine." Sie wurde wieder ernst. „Ihre Freunde würden sich durch meine Anwesenheit sicher eher irritiert fühlen."
„Warum sollten sie? Die sind gespannt auf Sie und Ihre kleine Fee. Olli war so angetan von Ihnen, dass er den Rest der Truppe richtig neugierig gemacht hat. Das will was heißen, weil er für gewöhnlich nicht gerade überschwänglich ist." Auch das entsprach der Wahrheit, denn ihr ruhiger Bassist war nach der Plauderei mit Pippa ganz und gar nicht ruhig geblieben. Er hatte auch Richard mit seinem Bericht ein wenig die Augen geöffnet und seine Sicht auf Pippa Mertens korrigiert.
„Dann wäre es wohl sehr unhöflich, Ihre Einladung auszuschlagen", stellte sie nachdenklich fest. Dabei forschten ihre Augen eindringlich in Richards Gesicht.
„Kann man so sagen", entgegnete er lächelnd. Er hatte sich an diese durchdringenden Blicke gewöhnt und glaubte zu wissen, warum sie ihn so ansah. Sie prüfte ihn, wollte wissen, ob er das, was er sagte, auch wirklich ernst meinte. „Ich ... wir würden uns ehrlich freuen. Das hört sich lächerlich an, aber es wird ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad sehr schwer, echte Freunde zu finden, die nicht auf Privilegien oder eine Aufwertung ihrer Person aus sind."
Pippa dachte kurz über diese Aussage nach. „Ist das so? Die Leute sind sonderbar, nicht wahr? Was hätte ich denn davon, mich an Sie dranzuhängen?"
Ungeahnte sexuelle Freuden? Richard räusperte sich. „Nichts, was Ihnen etwas bedeuten würde, vermute ich."
Sie schnaubte leise auf. „Vermutlich." Erst da fiel ihr auf, dass ihn das wohl wieder beleidigt hatte. „Entschuldigung, Herr Kruspe, aber das ist nicht böse gemeint. Ich habe mich an Ihre Gesellschaft gewöhnt und freue mich inzwischen sogar über unsere Bekanntschaft. Aber ich kenne Sie als Richard Kruspe, den liebevollen Vater und als Richard Kruspe, die neugierige Nervensäge - nicht als Richard Kruspe, den obersten Rammstein-Frauenliebling. Das ist ein großer Unterschied, wie ich glaube. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das ist, wenn sich Ihnen nach einem Konzert die Zwanzigjährigen in kaum vorhandener Kleidung an den Hals werfen und darum betteln, beglückt zu werden. Was die davon hätten, erschließt sich mir auch nicht so recht." Ein kurzes Innehalten, dann holte Pippa deutlich hörbar Luft. „Oh, okay, es erschließt sich mir doch. Hat man denn etwas davon?"
Ob man etwas davon hatte, sich nach einem Konzert von ihm in sein Hotelzimmer mitnehmen zu lassen? Fragte sie das im Ernst? Richard konnte das Lachen nicht aufhalten. „Das dürfen Sie mich nicht fragen. Kann schon sein, dass das einigen Frauen einen Kick gibt. Falls es Sie beruhigt - ich komme auch langsam in ein Alter, in dem einem Mann nicht mehr alle Türen offenstehen." Dennoch waren es immer noch genügend offene Türen, um keine Not leiden zu müssen, aber das behielt er für sich.
„Sie lügen, um mir vorzumachen, Sie wären ein ganz normaler Mann mit einem ganz normalen Job und ohne diese gewaltige Wirkung auf Frauen. Das ist irgendwie süß." Zur Abwechslung war es nun Pippa, die ihn sachte mit der Schulter anstupste.
Richard schluckte. Nein, an seinem Leben war wirklich nicht viel normal. „Na gut, ich kann mich nicht beklagen." Mit Geständnissen wie diesem rückte eine Liebesnacht mit Pippa immer weiter in die Ferne, das war mal klar.
Sie klopfte ihm kameradschaftlich auf den Rücken und meinte anerkennend: „Das klingt doch schon viel ehrlicher."
Beide lachten leise in sich hinein.
„Wir müssen jetzt. Lena gehört dringend in die Badewanne", teilte Pippa etwas unwillig mit. Die Aufzüge, die mit diesen Bädern verbunden waren, waren ihr ein Graus. „Maddalena, Gummiband!", rief sie das Mädchen, das sie die ganze Zeit über fest im Blick behalten hatte.
„Ich begleite euch noch paar Schritte." Als Lena zu ihm gerannt kam und wie selbstverständlich die Arme in die Luft reckte, um von ihm getragen zu werden, hob er sie ebenso selbstverständlich hoch und setzte sie sich auf die Hüfte. „Na, kleine Fee, hast du wieder im Dreck herumgeforscht?"
„Ja, da drüben", bestätigte Maddalena nickend. Ihre Hände waren angeschmutzt, genau wie ihr T-Shirt.
Pippa, die drei Kreuze machte, dass der Spielplatz und die angrenzenden Anlagen sehr sauber waren, erschrak. „Um Gottes Willen, du machst den Herrn Kruspe ganz dreckig!"
„Kein Problem. Schwarzes Shirt", grinste er. Die kleine Hand, die sich in seinem Genick am Stoff des Shirts festkrallte, konnte ihn nicht schrecken.
Wie schon in den vorangegangenen Tagen begleitete Richard die beiden bis zu einem  bestimmten Punkt, an dem sich Pippa verabschiedete und Lena neben sich laufen ließ. Sie wollte ihn nicht wissen lassen, wo sie wohnte.

„Das ist ja alles sehr schön, Scholle, aber wo ist dein Ehrengast?", fragte Schneider mit einem raschen Blick zum Hinterausgang.
Alle waren vor einer guten Stunde eingetrudelt und es herrschte beste Stimmung in Richards Hinterhof. Nur Pippa und Maddalena hatten sich nicht blicken lassen. „Weiß nicht. Vielleicht ist ihr was dazwischengekommen", gab sich Richard vage.
„Haste ihr ooch die richtje Adresse jenannt?", wollte Paul Landers, Rhythmusgitarrist der Band, wissen.
„Habe ich. Sie war sich nicht sicher, ob sie's schafft." Richards Hoffnungen schwanden zusehends.
„Dabei hast du dir die ganze Mühe nur ihretwegen gemacht", zog Till Lindemann, Texter und Sänger der Band, seinen Kumpel gutmütig auf.
„Habe ich nicht. Ich wollte mal wieder einen Abend mit euch allen verbringen."
„Hallo? Guten Abend. Ich suche Herrn Richard Kruspe." Während vier Frauen synchron in dieselbe Richtung wiesen, wandten sich vier Männerköpfe zu ihr um. Pippa war das  unangenehm. Sie sah, wie Richard sich aus der Gruppe löste und zu ihr eilte. Die Freude in seinem Blick hatte etwas Beruhigendes.
„Guten Abend, Frau Mertens. Guten Abend, kleine Fee. Es ist mir eine Ehre. Was haben Sie denn da mitgebracht?" Er wies auf den großen Behälter, den sie unter dem Arm trug.
„Einen Nudelsalat nach dem Rezept von Lenas Oma. Ich wusste ja nicht, was ... also, was man bei Ihnen so ..." Sie kam sich auf einmal sehr unzulänglich vor.
„Perfekt! Leute, das ist Frau Philippa Mertens. Die kleine Schönheit an ihrer Seite ist ihre Nichte Maddalena." Er hatte allen eingebläut, Pippa nicht beim Vornamen zu nennen. Das Unverständnis darüber hatte sich erst gegeben, nachdem er ihnen von den Gründen für die distanzierte Haltung berichtet hatte. „Frau Mertens, das sind meine Kollegen Landers, Schneider, Lorenz, Riedel und Lindemann. Paul, Christoph, Flake, Olli und Till - nur der Vollständigkeit halber. Dazu die Ehefrauen der Herren Riedel, Schneider, Landers und Lorenz - namentlich Marie, Ulrike, Arielle und Jenny. Das bunte Wirrwar da hinten sind die Kinder, denen wir noch nicht zu uncool sind." Richard zwinkerte Pippa aufmunternd zu. „Nimm' Platz. Darf's was zu trinken sein?"
„Ein Wasser, bitte." Wein wäre schöner gewesen, aber sie verbot sich Alkohol, seit das Jugendamt sie im Würgegriff hielt. Er hatte sie wieder geduzt, ohne es zu merken. Als würde sie dazugehören. Als wären sie so richtig miteinander befreundet.
Till hatte sich Richards kleine Eroberung unauffällig angesehen. Als Richard neben ihm eine Wasserflasche öffnete, meinte er kaum hörbar: „Die ist nicht zart, die ist dürr. An der ziehst du dir beim Ficken einen Splitter ein." Er konnte nicht verstehen, warum sein Freund sich ausgerechnet zu dieser Frau hingezogen fühlte.
Richard nickte leicht. „Weiß ich doch. Wir arbeiten daran, das in den Griff zu kriegen." Mehr sagte er dazu nicht, lächelte nur leicht und verschwand mit dem vollen Wasserglas.
„Vielen Dank." Pippa schaute nach unten und strich Maddalena über den Kopf. „Lässt du bitte mal los, Lena? Ich möchte mich gern hinsetzen." Die Kleine fremdelte, weil 'ihre Maxi' an diesem Abend nicht allein war. Sie klammerte sich an Pippas Beine und beobachtete die anderen Kinder. „Du musst nicht schüchtern sein, tessorina. Niemand tut dir was, versprochen."
„Was ist denn los, kleine Fee? So schüchtern kenne ich die große Forscherin gar nicht." Richard sank vor Lena in die Knie und strich ihr über die Wange. „Soll ich dich zu Maxime hinbringen?"
Wieder schaute Maddalena erst fragend zu Pippa hinauf, bevor sie ihm zunickte. „Ja, bitte." Sie ließ sich bereitwillig auf den Arm nehmen und die paar Meter zu den anderen Kindern tragen.
„Eins mehr oder weniger, darauf kommt's bei Scholle ja nicht an", bemerkte eine der Frauen neben Pippa amüsiert.
„So bleibt er wenigstens im Training. Bei ihm weiß man ja nie, ob das Ende der Fahnenstange schon erreicht ist", entgegnete eine andere.
Das klang nicht sehr schmeichelhaft in Pippas Ohren. „So ist das nicht", beeilte sie sich. „Lena würde das sonst nie ... nicht bei einem Fremden." Verdammt noch eins, ihr stiegen schon wieder Tränen in die Augen. Dabei hatte sie gehofft, sie hätte das nach ihrem Besuch beim Jugendamt an diesem Nachmittag schon hinter sich gebracht.
Die Frau, die wie die Jüngste der Runde wirkte und zu Christoph Schneider gehörte, wenn Pippa sich nicht täuschte, beugte sich etwas nach vorn. „Oh, so war das überhaupt nicht gemeint. Scholle kann wunderbar mit Kindern umgehen. Ihre Tochter ist bei ihm bestens aufgehoben. „Wir finden es nur lustig, wie selbstverständlich er den Papa gibt."
„Ich schätze, Maddalena fehlt der Vater", murmelte Pippa. Sie wischte sich über die feuchten Augen und zog die Nase hoch.
„Du bist allein mit ihr?", fragte die Frau, die direkt neben ihr saß. „Sie, Entschuldigung. Sie sind allein mit der Kleinen?"
„Bin ich. Herr Kruspe ist der einzige Mann, der für Maddalena sowas wie eine männliche Bezugsperson ist. Sie vertraut ihm. Sonst würde sie nicht so reagieren."
Auch die Frau, die Pippa beinahe gegenüber saß, lehnte sich nach vorn. „Olli hat erzählt, wie schön es war, Sie und ihre Tochter zu beobachten. Er war beeindruckt von ihrem Umgang mit der Kleinen und mit Maxime. Wenn mal was ist, können Sie sich gern an uns wenden. Wir sind oft genug Strohwitwen, wenn die Männer beruflich unterwegs sind. Das ist gar nicht so weit davon entfernt, die Kinder allein großzuziehen."
Die Frauen wandten zeitgleich ihre Köpfe dem Kindergelächter zu, das aus der Hofecke zu ihnen drang.
„Na, bitte, Ihre Tochter fügt sich bestens ein. Kein Fremdeln mehr."
Pippa lächelte die Frau, von der sie glaubte, dass sie Jenny hieß, an. „Meine Nichte. Ja, sieht so aus, als würde Lena sich wohlfühlen."
„Nichte, Tochter - ist doch gleich. Sie sind für das Mädel verantwortlich, also ist sie Ihre Tochter." Die dunkelhaarige Schönheit - Ulrike? - zwinkerte ihr zu. „Trinken Sie aus Prinzip keinen Alkohol?"
„Eigentlich nicht, aber ... ich sollte besser nüchtern bleiben."
„Ein Gläschen Sekt macht noch nicht besoffen", entschied die Frau, die wahrscheinlich zu Paul Landers gehörte, und stand auf, um Pippa ein Glas zu holen.
Während seine Kollegen sich dem Grill widmeten, nahm Till sich die Zeit, Richards neue Errungenschaft aus gebührender Entfernung weiter eingehend zu betrachten. Irgendwas stimmte nicht mit ihr. Ihre Augen sahen gerötet aus, ihre Schultern hingen und sie schien Probleme zu wälzen, wenn die Mädels sich nicht gerade mit ihr unterhielten. Hätte er ein Urteil zu dieser Frau abgeben sollen, hätte er sagen müssen, dass sie wirkte, als wäre sie am Ende ihrer Kräfte angelangt. Er drehte sich um, um sich ihr Kind anzuschauen. Das Mädchen war tatsächlich so niedlich wie ein Püppchen und auffallend gut erzogen. Sie schrie nicht herum und zankte sich nicht mit den Kindern seiner Kollegen. Er bemerkte, dass die Kleine immer mal wieder innehielt und sich zu ihrer Tante umdrehte, als müsse sie sich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Irgendwann entschuldigte sich Richards Freundin und verschwand im Haus. Seine Gedanken hingen aber weiterhin an ihrem traurigen Gesicht fest.
„Du beteiligst dich heute wohl gar nicht an der Grillorgie?" Khira stand plötzlich neben ihm und grinste frech.
„Hi. Schön, dass du uns Gesellschaft leistest. Nee, ich halte mich zurück. Schau' dir das Chaos doch an - wie die Bekloppten, bis das Fleisch sich in Briketts verwandelt." Till grinste die junge Frau schief an. „Ist die Freundin deines Vater immer so zurückhaltend?"
„Sie ist nicht seine Freundin, soweit ich weiß. Eine Bekannte, würde ich sagen. Ob sie immer so ist, weiß ich nicht, weil ich sie erst ein Mal gesehen habe." Sie schaute sich um. „Wo ist sie denn hin? Sie musste vorhin mal auf's Klo, aber das ist auch schon 'ne Viertelstunde her. Soll ich mal nachschauen?" Khira glaubte zwar nicht, dass Pippa ihr die Bude auf den Kopf stellte, aber man konnte ja nie wissen.
„Ich mach' das. Ist sicherer", hielt Till sie zurück und ging auf den Hintereingang des Hauses zu.
Er musste nicht lange nach ihr suchen, denn sie saß auf einer der Treppenstufen zwischen Hinterausgang und erstem Stock.
„Darf ich?"
Pippa nickte und rückte ein wenig beiseite, um dem muskelbepackten Koloss Platz zu machen. Sie registrierte einigermaßen erstaunt, wie geschmeidig und vorsichtig seine Bewegungen waren, als er sich neben ihr niederließ.
„Brauchen Sie ein Taschentuch?"
Diesmal schüttelte Pippa den Kopf. „Nein, danke. Geht schon wieder."
Till war erleichtert, denn er wusste, dass er kein Taschentuch bei sich trug. Er drehte ihr seinen Kopf ein wenig zu. „Sie haben's nicht leicht, stimmt's?"
Sie wollte das instinktiv bestreiten, aber irgendetwas an diesem kräftigen Kerl flößte ihr Vertrauen ein. „Nicht so wirklich."
„Möchten Sie mir davon erzählen? Ich kenne mich ein bisschen aus mit Ihrer Situation."
Er hatte eine angenehm leise und sanfte Stimme in exakt der Tonlage, die sich wie ein Wundpflaster auf die Nerven legte. Ohne große Einleitung berichtete Pippa davon, wie sie zu Lena gekommen war und was sich seitdem in ihrem Leben abspielte.
Till hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, fragte er nach: „Nur, dass ich das richtig verstehe - das Leben mit Maddalena wäre an sich kein Problem, wenn das Jugendamt nicht wäre?"
Sie nickte zustimmend.
„Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?" Die Frage war nicht unhöflich gemeint. Till konnte das Alter der zarten Lady nur nicht gut schätzen.
„Zweiunddreißig", entgegnete Pippa mit tränenerstickter Stimme.
„Danke. Was genau spielt sich da auf dem Amt ab?", wollte er wissen.
Sie erzählte von den ständigen Vorladungen, den Vorwürfen, den Drohungen und den häufigen Begutachtungen durch die Kinderpsychologin. „Ich kann mir nicht erklären, wieso die das tun. Lena führt ein ganz normales und behütetes Leben bei mir. Trotzdem wird mir ständig unterstellt, ich würde das Kind vernachlässigen oder gefährden. Ehrlich, ich halte nichts von diesem Helikoptergetue, aber ich passe auf die Kleine auf wie ein Luchs. Es geht ihr gut bei mir." Gegen ihren Willen verwandelten sich ihre Atemzüge in Schluchzer. Die warme Hand, die sich auf ihren Rücken legte und vorsichtig darüberstrich, beschleunigte den Zusammenbruch nur. „Schauen Sie mich an! Ich bin vor lauter Schiss total abgemagert, weil ich befürchte, dass die mir Lena wegnehmen, sobald irgendwer mit dem Finger schnippt."
„Shh, shh, da wird uns schon was einfallen. Ich weiß, dass man es mit den Behörden nie leicht hat, aber Ihre Schilderungen klingen schon sehr außergewöhnlich. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mich bei meinem Anwalt nach einem Spezialisten für Familienrecht erkundige?" Es machte Till nichts aus, das Häufchen Elend an seiner Seite zu siezen und ihr seine Hilfe anzubieten. Wenn ihr tatsächlich so übel mitgespielt wurde, musste man ihr beistehen, so einfach war das.
„Gern, aber ich glaube nicht, dass der was ausrichten kann."
Till erhob sich wieder und hielt Pippa seine Hand hin. „Glaube ich schon. Ich rede hier nicht von einem x-beliebigen Pfuscher, sondern von einem Fachmann. Lassen Sie mich nur machen." Er lächelte ihr noch einmal aufmunternd zu. „Wenn Sie eine Telefonnummer für mich hätten, wäre es einfacher für den Anwalt, Sie zu erreichen."
„Draußen in meiner Tasche." Sie griff nach der Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Als sie vor ihm stand, drückte sie die Hand ein wenig stärker. „Herr Lindemann? Danke."
„Kein Problem. Gar kein Problem, Frau Mertens." Einem Impuls folgend, schloss er die zerbrechliche Frau in seine Arme. Wahrscheinlich hatte Scholle das bisher versäumt. Oder Pippa hatte es nicht zugelassen. Jedenfalls machte die Frau in seinen Armen nicht den Eindruck, als hätte irgendwer sie in der letzten Zeit getröstet und ihr Mut zugesprochen. „Wir kriegen das schon hin, glauben Sie mir."
„Was zum ..." Richard stand wie vom Donner gerührt in der Tür und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.
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Den Rest der Party gibt's dann nächste Woche.