Sandkastenliebe

GeschichteRomanze, Familie / P16
OC (Own Character) Richard Kruspe Till Lindemann
20.04.2019
19.09.2019
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„Tante Biggi war bedeutend lockerer als Tante Kerstin", bemerkte Till sarkastisch. „Hat mir ganz locker erzählt, dass Lena sich nicht mit den anderen Gören abgibt, wenn sie bastelt. Immer schön für sich allein und voll konzentriert. Kann sein, dass die sogar wusste, wer ich bin, hat aber nichts gesagt."
Sie befanden sich ungefähr auf halber Strecke zu Pippas Wohnung. Lena hatte kaum länger als bis zur ersten Ampelkreuzung im Wachzustand durchgehalten. Seitdem schlief sie selig in ihrem Kindersitz, Enzo fest an sich gedrückt.
„Schon möglich. Du kannst froh sein, Biggi abbekommen zu haben. Kerstin war auf sehr unschöne Art neugierig und hat versucht, mir ins Gewissen zu reden. Sie kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass du gut zu uns beiden bist."
Er schnaubte halb belustigt, halb verächtlich. „Die Ärmste."
„Dein Mitleid ehrt dich. Ich weiß, dass es aus tiefstem Herzen kommt", gab Pippa lächelnd zurück.
Till unterdrückte ein Lachen. Er wusste noch nicht, wie fest Lenas Schlaf war und dass es kaum etwas gab, das sie aufwecken konnte. „Es muss das Herz sein. Der Schritt ist es jedenfalls schon mal nicht."
„Oh, ich mag es, wenn du so schmutzige Sachen sagst, mein Hübscher." Ihr Handrücken strich liebevoll über seine Wange. „Es tut gut, nicht mehr gegen eine Wand zu rennen, wenn ich einen Scherz mache."
„Du kannst Richard gern noch etwas Training verpassen, wenn du mal wieder bei uns vorbeikommst. Lenas Geburtstag würde sich anbieten. Scholle selbst hat auch daran gedacht und der Rest wäre hocherfreut. Wir mögen eure Besuche, weil ihr uns so wunderbar von der Arbeit ablenkt." Tills Hand schob sich auf Pippas Oberschenkel. „Und ich mag es, wie du meine Ameisen zum Rennen bringst."
Jetzt fing er auch schon mit den Viechern an! Sie fand es lustig, wie er sich ihr anpasste. Sah man diesen eindrucksvoll gebauten Mann auf der Bühne, musste man annehmen, einen ungebändigten und völlig verrohten Brutalo um sich zu haben. Dass da stattdessen ein freundlicher und wohlerzogener Mann in den Kostümen steckte, dessen augenzwinkernder Humor sich nicht nur in seinen Texten äußerte, hatte auch Pippa zu Beginn ihrer Bekanntschaft erstaunt. Inzwischen wusste sie genau, wie sie seine Äußerungen, auch die, die unter die Gürtellinie zielten, zu verstehen hatte und war froh, dass sie den Sinn für Humor teilten.

„Nimmst du sie bitte? Wenn sie schläft, ist sie schwer wie ein Stein", bat Pippa Till, als sie ihr Auto geparkt und den Motor abgestellt hatte.
„Gern, aber die Kleine wird aufwachen und knatschig sein. Das sind sie immer, wenn man sie beim Schlafen stört", gab er zu bedenken.
Pippa kicherte vor sich hin. „Wenn von den beiden einer aufwacht, dann wohl eher Enzo. Wenn Lena schläft, dann schläft sie. Als ich sie ganz frisch bei mir hatte, hat mich das fast um den Verstand gebracht, weil ich erwartet habe, dass sie nicht durchschläft. Dann lag sie da, Nacht für Nacht, mit Enzo im Arm und hat selig geschlafen, während ich um ihr Bett herumgetanzt bin und mir Sorgen gemacht habe."
„Das ist normal. Ich glaube, das geht allen Eltern so, vor allem beim ersten Kind." Till hatte sich Lena und Enzo aufgeladen und trug sie hinter Pippa her durch das Treppenhaus. „Enzo schläft auch tief und fest, ganz wie seine Besitzerin. Kann es sein, dass der schnarcht?"
Sie warf einen Blick in das grinsende Gesicht, das keinerlei Anstrengung oder Unbehagen verriet. Er schien das richtig gut zu können, dieses Familiendings.

Es hätte keinen Sinn gehabt, Maddalena aus dem Schlaf zu reißen, also beließ Pippa es ausnahmsweise dabei, sie auszuziehen und so, wie sie war, ins Bett zu stecken. Samt Enzo. Ihre Zimmertür ließ sie offen, falls Lena doch irgendwann unplanmäßig aufwachte.
„Und was machen wir jetzt mit der vielen Freizeit?" Till hatte sich hinter Pippa aufgebaut und ihr beide Arme um den Körper geschlungen.
Sie ließ ihren Kopf gegen seine Brust sinken und erlaubte sich, einen Moment lang nichts anderes als die kräftigen Muskeln wahrzunehmen, die die daran hinderten, sich zu bewegen. Ein unschlagbares Gefühl, das ihr bisher noch kein Mann hatte geben können. Sie fühlte sich gleichzeitig begehrt, beschützt und extrem weiblich.
„Da ist noch was Ungesundes im Gefrierfach. Darfst du sowas essen?"
Der Körper in ihrem Rücken bewegte sich in einem lautlosen Lachen. „Warum fragst du das immer? Ich esse alles, was ich mag. Oder hast du Angst um meine Modelmaße?"
„Das nicht, aber man hört die diversen Promis immer sagen, sie müssten darauf achten, was sie essen, blablabla. Da dachte ich, ihr seid auch alle so. Richard zumindest ist es."
Wieder musste Till lachen. „Weil der eitel bis in die Haarspitzen ist. Schade, dass Flake sich die Erkältung eingefangen hat, sonst hättest du auf dem Weihnachtsmarkt den lebenden Gegenbeweis erlebt. Der Mann isst fast alles und nicht zu knapp. Der Rest von uns treibt regelmäßig Sport, um nicht so alt zu wirken, wie wir sind. Dass das bei mir nicht vom Schachspielen kommt, kannst du dir sowieso denken."
„Doping, dachte ich immer. Oder etwa nicht?" Pippa wartete geduldig auf eine Reaktion. Sie testete immer noch aus, wann bei ihrem neuen Liebling die Schmerzgrenze errreicht war.
„Du hast so eine unglaublich große Klappe! Hast du dir dafür schon mal Ärger eingehandelt?" Den Scherz nahm er ihr nicht übel, arbeitete aber lieber daran, den Abend angenehm zu gestalten. Dass Pippa ihr dünnes Strickjäckchen komplett zugeknöpft wie ein langärmeliges Shirt trug, kam ihm sehr entgegen. Ein Knopf nach dem anderen verließ sein Knopfloch.
„Nicht so schönen wie jetzt gerade. Was hast du vor, du Leistungssportler?"
„Mir das ungesunde Abendessen verdienen." Wo sich das Schlafzimmer befand, wusste Till noch sehr genau. Was er dort mit Pippa anstellen würde, wusste er ebenso gut. Wenn er erst zwischen ihren gespreizten Schenkeln kniete, standen die Chancen gut, dass sie das Abendessen komplett vergaß.

Pippa lag regungslos da, eine Hand auf ihren Unterleib gelegt und die andere fest um Tills rechtes Handgelenk geschlossen. „Du musst wahnsinnig sein, mich so an der Nase herumzuführen. Es sollte verboten werden, das zu tun."
Er hatte mit ihr gespielt, sie immer wieder bis kurz vor den Höhepunkt getrieben und sich dann zurückgezogen, bis sie sich beide wieder etwas beruhigt hatten. Schon beim ersten Mal hätte sie ihn augenscheinlich am liebsten geohrfeigt. Beim dritten Mal hatte sie ihm frustriert den Rücken zerkratzt und beim vierten Mal mit Küssen versucht, ihn zum Weitermachen zu bewegen.
Till schmunzelte vor sich hin. Er hätte das Spielchen gern noch länger gespielt, aber auch bei ihm war der Wunsch nach Erlösung so heftig gewesen, dass er den Küssen letzten Endes nachgegeben hatte. Sie waren beide richtiggehend explodiert, hatten den Moment voll ausgekostet und sich so verausgabt, dass an Bewegung gerade nicht mehr zu denken war.
„Wie spät ist es überhaupt?", fragte Pippa matt. Den Griff um sein Handgelenk löste sie immer noch nicht, fast so, als müsse sie dafür sorgen, dass er nicht urplötzlich die Flucht ergriff.
„Mal sehen", murmelte Till. Auch er klang nicht überwältigend munter, als er seine Armbanduhr vom Nachttisch nahm und versuchte, die Zeit abzulesen. „Das ist der größte Mist beim Älterwerden - die Arme werden irgendwann zu kurz. Da, schau' du mal nach."
„Gerade mal acht. Wie sieht's mit einer späten Stärkung aus? Ich habe da noch Pommes für den Backofen im Gefrierfach. Eine Ladung davon und ein Film im Fernsehen, um den postkoitalen Blues in Fett und Kohlehydraten zu ertränken?" Sie wandte ihm den Kopf zu, reichte die massive Uhr zurück und ließ sein Handgelenk los, um ihre Finger zwischen seine zu schieben.
Der Vorschlag bedurfte kurzer Überlegung, aber Lena schlief fest und die Nacht war noch jung, also konnte eine kleine Pause nicht schaden.
„Okay, aber zieh' dir nicht zu viel an."
In einer Hose und einem Shirt, beides gerade so weit gehalten, dass sie darin nicht schlampig wirkte, trat Pippa den Weg in die Küche an. Die Pommes wanderten auf das Backblech, das Backblech in den Ofen und Pippa weiter in ihr Wohnzimmer.
„Ah, wie schön! Da liegt Adonis, das Gemächt züchtig verhüllt, aber mit einer leichten Spur Erotik im Abgang." Auf Tills fragenden Blick hin, wies sie auf seinen Schritt. „Du solltest deinen Reißverschluss zumachen, wenn du mich nicht auf dumme Gedanken bringen möchtest."
Seine Hand zuckte nach Süden, schloss das Corpus Delicti und streckte sich ihr dann entgegen. „Scholle muss das gehasst haben. Adonis? Echt jetzt?"
Sie nickte nur, griff nach der Fernbedienung und durchforstete die Mediathek nach einem bestimmten Programm.
„So, das mag dich jetzt erstaunen oder vielleicht auch amüsieren, aber ich habe mich in die alten Folgen eures Polizeirufs verliebt. Die richtig alten aus den Siebzigern und frühen Achtzigern. Die sind ganz anders als unsere Tatorte."
Richtig, sie war ja nicht aus dem Osten. Till neigte dazu, das zu vergessen. „Kein Problem. Wenn du die Aufklärung von Verbrechen zum Nachteil des sozialistischen Staates oder einem seiner Bürger entspannend findest, bitteschön."
Sie warf ihm einen schmachtenden Blick zu. „Wie du das gesagt hast - entzückend!" Ernster fügte sie an: „Den Jargon verlernt man nicht, oder?"
„Schätze nicht."
Eine gute Viertelstunde lang saßen sie schweigend nebeneinander, Pippa dicht an Tills Schulter geschmiegt, und schauten Oberstleutnant Fuchs bei den Ermittlungen zu. Dann endlich war es Zeit, das verspätete Abendessen aus dem Ofen zu befreien und ganz primitiv in zwei Schalen ins Wohnzimmer zu befördern. Ketchup und Mayonnaise rundeten den Klassiker der gehobenen Imbissküche hervorragend ab.
„Ab und zu überfällt mich die Lust auf sowas Verbotenes. Da ist es hilfreich, eine dieser Tüten im Frost zu haben. Tut mir leid, dass das Mahl nicht feudaler ausgefallen ist", gab Pippa leicht beschämt zu.
Till zuckte ungerührt mit den Schultern. „Ich sagte doch, dass es okay ist. Die schmecken sogar richtig gut." Er drehte sich kurz zur Tür. „Glaubst du wirklich, dass Lena bis morgen früh schläft? Nicht, dass sie später in der Tür steht, wenn wir ..."
„Ich denke, die Chancen stehen gut, dass wir nicht erwischt werden. Und jetzt Ruhe, bitte. Ich möchte doch wissen, wie die beiden Helden da den Fall klären."
Es mangelte seiner neuen Pippa nicht an Selbstbewusstsein, eine Tatsache, die ihm gut gefiel. Sie nahm keinerlei Rücksicht auf das, was er in der Öffentlichkeit darstellte. Promibonus gab es auch nicht, weder für ihn selbst noch für seine Kollegen. Richard hatte das sicher gewurmt. Till grinste unwillkürlich in sich hinein, weil es ihm nur recht war, von ihr als Mann und nicht als Star geliebt zu werden.

Lena hatte sie nicht gestört, sondern brav bis zum Morgen durchgeschlafen und sich wieder von ihrem Pinguindieb aus dem Bett locken lassen. Das Frühstück war danach die beste Zeit, sich über die Pläne für den Tag auszutauschen.
„Was steht heute an? Scholle hat mal irgendwann von Inkontinenzartikeln gefaselt. Das hat nicht viel Sinn ergeben und uns eher Angst eingejagt."
Pippa verdrehte die Augen. „Die sind mein Sorgenkind in den Apotheken. Aber man verschont mich derzeit damit. Diese Woche stehen ein paar Vorgespräche an. Sieht so aus, als hätte Jenny meine Visitenkarten fleißig in der Stadt rotieren lassen. Jedenfalls haben mich ein paar Ladenbesitzer kontaktiert und möchten gern über mögliche Konzepte sprechen. Die Nachmittage habe ich mir freigehalten. Für Lena, für dich, für eine Geburtstagsfeier ..."
„... für Enzo", vervollständigte Till schmunzelnd.
„Natürlich auch für Enzo. Der feiert mit, stimmt's, ragazza?"
„Enzo kriegt das erste Stück vom Kuchen!", bestimmte Lena in zappeliger Vorfreude.
„Das glaub' ich gern!" Till grinste noch immer, wurde dann aber schnell wieder ernst. „An mir wirst du leider keine Freude haben, weil Paul, Flake und ich nach Hamburg müssen. Interviews, die sich leider nicht nach Berlin verlegen ließen. Zu Lenas großer Sause sind wir aber wieder da."
„Aha, meint ihr, dass das gut ist, Flake so verrotzt durch die Welt fliegen zu lassen?", war Pippas einzige Sorge dabei. „Der steckt doch alle von hier bis hoch an die Nordsee mit seiner Erkältung an."
„Das Risiko müssen wir wohl eingehen, aber es geht ihm schon wieder besser. Ansonsten hast du keine Probleme damit?" Die letzte Frage wurde von einem skeptischen Blick begleitet.
„Nein. Sollte ich? Wenn du mich mit deinen schönen Augen so verkniffen anschaust, schätze ich, ich muss mir eine andere Antwort überlegen. Warte einen Moment." Sie warf sich theatralisch in Pose und drückte sich eine Hand aufs Herz. „Oh nein, Geliebter! Lass' mich nicht allein! Was soll ich nur ohne dich anfangen?" Während Tills Augen sich erst weiteten und dann wieder verengten, hob Pippa eine Augenbraue. „Besser so? Glaubst du, ich zerfleische mich vor Sorgen um deine Tugend?"
„Was ist denn los, Pippa?", fragte Lena vorsichtig nach. Sie verstand nicht, warum ihre Pippa so komisch gesprochen hatte.
Sie lächelte das Mädchen beschwichtigend an. „Alles gut, tessorina. Till wird ein paar Tage weg sein, das ist alles."
„Aber du kommst wieder, oder? Bringst du mir was mit?"
Typische Kinderfragen. „Natürlich komme ich wieder. Lass' dich überraschen, ob ich dir was zum Geburtstag mitbringe." Er schickte ein augenzwinkerndes Lächeln hinterher.
Die Kleine schenkte ihm wieder die Art von Lächeln, die später einmal Männer an den Rand eines Herzinfarktes bringen würde. „Komm' schnell wieder, Till. Darf ich aufstehen?"
Er tauschte einen schnellen Blick mit Pippa, dann nickte er zustimmend. „In Ordnung, kleine Forscherin. Wir sehen uns dann an deinem Geburtstag wieder."
Lena hüpfte von ihrem Stuhl, umarmte ihren Pinguindieb kurz und verschwand in ihr Zimmer.
„Und was dich angeht", seine Augen glitten über Pippas strahlendes Gesicht, „werden wir noch darüber reden müssen, wie viele Frechheiten ich dir noch durchgehen lassen kann."
Das bedeutete, durch die Blume gesprochen, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht war und er sich vorerst weiter von ihr necken ließ.
„Fein, dann denkst du in Hamburg fleißig darüber nach, wie viel du dir von mir noch bieten lassen willst. Wenn du allein in deinem Hotelbett liegst und dir zusammenfantasierst, wie du dir stattdessen deine Freizeit mit mir vertreiben könntest. Du merkst, dass die Betonung auf 'allein' liegt, oder?", erkundigte sich Pippa mit einem frechen Grinsen auf den Lippen.
Sie hatte betont leise gesprochen und währenddessen ihren Fuß an Tills Wade hochkriechen lassen. Zu ihrer Überraschung senkte er ertappt den Blick und wartete mit einer zarten Röte um die Ohren auf. Er reagierte auf sie, sogar in dieser wahrhaft unspektakulären Situation! Pippa durchströmten noch immer Glücksgefühle, weil ausgerechnet dieser Brocken von einem Kerl in ihr nicht vorrangig Lenas Tante, sondern eine begehrenswerte Frau sah. Auch dieses Hochgefühl hatte sie bei Richard nie empfunden. Ganz zu schweigen von den anderen Männern in ihrem Leben.
„Mutterseelenallein", meinte er nickend. „Es sei denn, Flake oder Paul kommen mal wieder zum Kuscheln vorbei." Damit hatte er sie, das war ihr deutlich anzusehen. Es war schwer, das Lachen zurückzuhalten.
„Ach, ihr ...? Beidseitig bespielbar, oder wie?"
„'Türlich. Wenn sich auf Tour mal keine passende Dame findet, muss es halt auch so gehen." Oh, er wünschte sich ein Foto ihres Gesichtsausdrucks! „Du glaubst mir das echt? Dass ich mit einem oder mehreren meiner Kollegen ein Nümmerchen schiebe, wenn sich keine Frau zum Ficken findet? Also wirklich!" Till schnalzte in gespielter Entrüstung mit der Zunge und schüttelte langsam den Kopf.
„Was weiß denn ich? Ihr Musiker seid doch mitunter recht ... eigen. Man kann den Leuten ja nur vor den Kopf schauen, oder?"
Auch wieder wahr. „Punkt für dich. Und für deine Gelassenheit. Dein erstauntes Gesicht war aber unbezahlbar!" Er langte über den Tisch, um ihr über die Wange zu streicheln. „Um das richtigzustellen: Nein, nix von wegen 'beidseitig bespielbar'. Ich würde Paul und Flake was husten, wenn die mit solchen Wünschen ankämen. Die mir übrigens auch." Ein Blick auf die Küchenuhr brachte kein anderes Ergebnis als die Kontrolle seiner Armbanduhr. „Nachdem wir diese wichtige Frage jetzt geklärt haben, muss ich leider schon gehen. Ich muss mich noch umziehen und ein paar Sachen einpacken, bevor ich den neugierigen Geiern unter die Augen trete."
„Okay, du Weltreisender. Ich bring' dich wenigstens noch bis zur Tür."
Pippa ließ sich an die Hand nehmen und eher langsam unter Küssen und Streicheleinheiten durch den Flur schieben. Sie beobachtete Till dabei, wie er in Schuhe und Jacke schlüpfte und in seiner Tasche nach dem Telefon suchte. Wollte er nicht zu spät kommen, musste er sich ein Taxi rufen.
„Ich melde mich bei dir. Am Abend, wenn du einsam und allein in deinem Bett liegst und dir zusammenfantasierst, was du am liebsten mit mir anstellen möchtest. Die Betonung liegt auf 'Bett', wie du hörst", konterte er ihre Frotzelei.
„Touché, Herr Dichter. Ich wünsche dir ein paar schöne Tage im Norden. Und bitte fall' deinen Kollegen nicht so lästig." Sie kam auf die Zehenspitzen, um die Distanz zu Tills Lippen zu überwinden. Nur zu gern ließ sie sich von ihm zeigen, wie er sich eine anständige Verabschiedung vorstellte.

„Wie lief's heute, schöne Pippa?"
Sie hatte Tills Telefonnummer sicherheitshalber kein Kontaktbild zugewiesen und den Anruf ohne große Bedenken angenommen, weil sie ihn so herbeigesehnt hatte. Erst Richards interessierter Blick ließ sie erahnen, wie neugierig der Gitarrist war und dass er die kräftige Stimme seines Kollegen womöglich auch ohne Lautsprecher erkennen würde.
„Einen Moment, bitte. Ich habe gerade Besuch." Pippa nickte Richard kurz zu und verkrümelte sich eilig ins Schlafzimmer. „So, jetzt sind wir ungestört. Falls Richard nicht an der Tür lauscht. Mein Vorgespräch lief gut. Am Ende gab's zwar ein 'Wir melden uns bei Ihnen', aber da ging es eigentlich nur noch um die Terminfindung", plauderte sie.
„Richard ist bei dir?" Die eifersüchtige Frage verdrängte den Rest ihrer Antwort.
Sie schloss kurz die Augen. Mochte Till sie wirklich so sehr, dass er in seinem alten Freund immer noch Konkurrenz witterte? „Ja, er hat sich spontan mit einer Flasche Wein und drei Portionen Essen vom Chinesen bei mir eingeladen. Ein Überfall, der mir nicht wirklich gelegen kam. Wegschicken konnte ich ihn aber auch nicht." Sie stieß leicht frustriert die Luft aus. „Stell' dir vor, er wäre hier auf dich getroffen! Du hast es ihm doch noch nicht gesagt, oder?", fragte sie besorgt. Die Idee, dass Richard nur gekommen war, um sie auszuhorchen, drängte sich plötzlich auf.
Till atmete ebenso hörbar aus wie Pippa ein paar Sekunden zuvor. „Nein, ich habe keinen Ton gesagt. Kann sein, dass sie sich was zusammengereimt haben, aber definitiv wissen können sie es nicht, Scholle eingeschlossen." Er löste sich wieder von dem Verdacht, Pippa könne ihn mit seinem Kumpel hintergehen. Wäre dem so, hätte sie ihm von dessen Besuch nichts erzählt und auch nicht eilig das Zimmer verlassen müssen. Außerdem hatte sie vollkommen recht damit, dass Scholle nicht wissen konnte, wo er inzwischen seine Nächte verbrachte. „Freut mich, dass du einen neuen Kunden an Land ziehen konntest. Engstirnig oder eher aufgeschlossen?"
„Moderat aufgeschlossen. Eine Dame ausnahmsweise. Sie lässt mir freie Hand bei der Gestaltung und entscheidet dann, ob mein Kurs mit ihrem übereinstimmt. Und bei dir? Hast du dich von neugierigen Journalisten ausquetschen lassen?"
„Das versuchen sie immer mal, aber wir beantworten keine Fragen, die nicht vorher abgesprochen waren."
Sie hatte das Lächeln in seiner Stimme gehört. „Sehr weise. Immer schön die Kontrolle behalten. Wie geht's Flake?"
Das Lächeln wurde zu einem Lachen. „Der hat ordentlich herumgehustet und geschnieft, um so wenig wie möglich sagen zu müssen. Hat nur bedingt funktioniert, weil Paul ihm das nicht durchgehen lassen hat."
Pippa erwischte sich dabei, wie sie sich die Hände, die zur Stimme in ihrem Ohr gehörten, auf ihrem Körper wünschte, die Lippen, die die Sätze sprachen, auf ihrem Mund fühlen wollte und unbewusst aufseufzte.
„Was ist los? Das klang gerade herzzerreißend."
„Ihr seid einfach zu niedlich, weißt du das? Allesamt. Euer Talent zur Komödie ist unübertroffen." Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann wesentlich eindringlicher fort: „Kannst du mich später nochmal anrufen? Ich möchte so richtig allein mit dir sein, nicht mit Richard in der Küche, der nervös auf seinem Stuhl herumrutscht, weil er befürchtet, ich hätte ihn dort vergessen. Ich möchte, dass du mir nette Dinge ins Ohr sagen kannst, ohne dass wir dabei gestört werden."
Der Atem am Hamburger Ende ging schneller, als die Fantasie die Arbeit aufnahm. „Sehr gern, schöne Pippa. Ich möchte, dass du in deinem Bett liegst, wenn ich dich wieder anrufe."
„Okay. Bis dann", gab sie gepresst zurück.
„Bis später."
Obwohl Pippa sich bewusst war, dass ihr Gesicht gerade keine unbeteiligte Blässe aufwies, schlenderte sie bewusst lässig zurück in die Küche, wo Richard noch immer über den Resten des Essens und einer Pfütze Rotwein saß.
„Rufen deine Geschäftspartner noch nach Dienstschluss bei dir an?", erkundigte er sich etwas argwöhnisch.
„Nein, das war ein Bekannter, der einfach mal wieder hören wollte, wie's mir geht." Es ging ihn nichts an. Sie war ihm nicht zur Rechenschaft verpflichtet. Er würde die Wahrheit noch früh genug erfahren. „Entschuldigst du mich nochmal kurz? Ich möchte nachschauen, ob Lena schon schläft. Für gewöhnlich döst sie schnell weg, wenn sie eins ihrer Hörspiele laufen hat."
Richard nickte und lehnte sich zurück. „Kein Problem. Soll ich mitkommen?"
Sie wehrte schnell ab und schlich den Flur entlang zu Maddalenas Zimmer. Ein kleines Lämpchen verbreitete gemütliches Licht und die CD mit der Geschichte vom 'Wasserdichten Willibald' neigte sich dem Ende zu, ohne dass ihre Zuhörerin noch etwas davon mitbekam. Sie zog die Bettdecke über Lenas Schultern, kuschelte Enzo wieder an sie und schaltete den CD-Player aus. Als sie sich vergewissert hatte, dass ihre ragazza davon nicht wieder aufwachte, schaltete sie auch das Licht aus und schlich ebenso leise zurück in die Küche.
„Alles gut. Lena schläft tief und fest."
Richard lächelte das Lächeln, das Frauenherzen reihenweise zum Schmelzen brachte. „Das kennen wir nicht anders, oder?"
„Nein, glücklicherweise nicht." Pippa genehmigte sich den letzten Schluck Wein aus ihrem Glas. Sie konnte ihren Kopf nicht davon abhalten, ihre Gedanken auf die Reise zu schicken - auf eine Reise über vernarbte Haut und straffe Muskeln, über Piercings und weiche Lippen. Sie erschauderte und rieb sich über die Unterarme, auf denen sich die feinen Härchen durch eine kräftige Gänsehaut aufgestellt hatten.
„Ist dir kalt?", wollte Richard voller Mitgefühl wissen. Er lehnte sich wieder vor und strich ihr leicht über die Schulter.
Pippa tat so, als müsse sie ein Gähnen unterdrücken. „Geht schon. Ich bin ein bisschen groggy. Man denkt immer, die Vorgespräche wären ein Spaziergang im Park. Wie anstrengend sowas ist, spürt man dann erst hinterher."
Er verstand die Andeutung. „Dann solltest du dich hinlegen und ausschlafen. Morgen steht das nächste Gespräch an, richtig?"
„Richtig", bestätigte sie.
„Dann lasse ich dich jetzt mit dem Abwasch allein und verzieh' mich wieder. Danke, dass du den Abend mit mir verbracht hast." Richard ließ sich noch bis zur Tür bringen und zum Abschied kurz umarmen. „Wir sehen uns an Lenas Geburtstag, oder? Wir gehen alle davon aus, dass ihr zwei uns besuchen kommt."
„Das haben wir vor. Die ragazza ist jetzt schon total aufgeregt. Mir bleibt also gar keine andere Wahl, als sie bei euch feiern zu lassen." Sie lächelte ihn verschmitzt an. „Schön, dass du vorbeigeschaut hast. War ein schöner Abend."
„Finde ich auch. Gute Nacht, Süße."
„Nacht, Richard." Pippa schloss die Tür hinter ihm, verfrachtete schnell das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine, stellte die Gläser auf der Ablage neben der Spüle ab und ging ins Bad. Sie hatte schließlich noch eine Verabredung an diesem Abend.