We're Damaged, But Not Dead

von Tongari
GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Edward Elric Riza Hawkeye Roy Mustang
19.04.2019
30.07.2019
3
14294
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
A/N: Diese Fanfic ist eine Partnerarbeit mit RizaElizabethHawkeye.
___________________________________________________________

1922.

Kaum zu glauben, dass bereits 7 Jahre seit dem wohl furchterregendsten Kampf in der Geschichte von Amestris vergangen waren.
Als ‘Vater’ damals mit seinem Plan ‘Gott’ zu werden, beinahe die gesamte Bevölkerung des Landes ausgelöscht hatte, war es nur der ungewöhnlichen Allianz an mutigen Alchemisten, Kämpfern, Ishvariern, den Soldaten aus Briggs und Roy’s Trupp und Greed zu verdanken, dass dieses Unheil verhindert werden konnte.
Einer von diesen Kämpfern war Edward Elric gewesen, der, mit dem Opfer seines Bruders, den Finalen Schlag gegen den ersten Homunculus ausführen konnte und somit den blutigen Kampf beendet hatte.
Seit dem hatte sich viel für den inzwischen 23 jährigen verändert. Ed hatte um Winry’s Hand angehalten, noch bevor er und sein Bruder zu ihrer großen Reise aufgebrochen waren.
Und im Jahr 1917 hatten Winry und er schließlich geheiratet.
Nur kurz darauf bekamen sie schon ihr erstes Kind. Ihren Sohn, Aiden Yuriy und ein weiteres Jahr später ihre Tochter Sara Trisha. Sie waren sich dahingehend einig sie nach ihren Eltern zu benennen. Als Andenken.
Ed könnte kaum stolzer als Vater sein. Aber trotz dessen, konnte er nicht für immer still sitzen bleiben, das wusste wohl auch Winry.
So sehr er seine Familie auch liebte, so sehr reizte ihn auch selbst nach seiner großen Reise die weite Welt noch immer. Und er war froh, dass Winry ihn nicht aufhielt. Wie sie immer sagte, mit ihm war es nicht langweilig.
Daher war Ed im Frühsommer 1922 ein weiteres Mal in den Zug gestiegen, wenn auch nur zu einer eigentlich kurzen Reise.
Doch hätte er gewusst, was ihn diese Reise bringen würde...


Der Freitagmorgen nach seiner Ankunft in Tahdu, hatten wirklich wunderbar angefangen.
Es war erst 9 Uhr morgens und bereits jetzt hatte Edward Elric die Schnauze voll.
Erst wurde er um kurz nach 5 von einem lauten Pärchen aus dem Nachbarzimmer des Hotels geweckt, die wohl zu viel und definitiv zu früh ihren Spaß hatten. Dann wollte ihn ein anhänglicher Verkäufer auf der Hauptstraße des kleinen Dorfes nicht loslassen, und kurz darauf hatte er eine halbe Stunde damit zugebracht sein Portemonnaie zu suchen, was im Endeffekt eben jener Verkäufer aus seiner Tasche gestohlen hatte.
Tja, und nun? Nun saß er nach einer 3 Stündigen Fahrt mit einem in Fotcett gemieteten Auto mitten in der Pampa, irgendwo zwischen Tahdu und Dameno fest.
Rauch stieg in dicken Schwaden aus der Motorhaube des dunkelgrauen Fahrzeugs, während Ed davor stand, die Arme vor der Brust verschränkt hatte und mit einem Fuß ein paar Mal gegen den gummierten Reifen trat.
Der Tag konnte ja wohl kaum schlimmer werden.
“Ich hätte es wissen müssen! Dieser verdammte Händler...!” knurrte Ed wütend, wohl auch zum Teil auf sich selbst und rieb sich die Nasenwurzel. “Natürlich musste der Motor abschmieren...und natürlich irgendwo im nirgendwo…” murrte Edward mit endloser Frustration in der Stimme, während er auf den qualmenden Motor des Wagens vor sich starrte. Ein kleiner Teil in ihm hoffte, es würde sich damit von selbst reparieren, je länger er es anstarrte, doch es war ihm klar, dass das vergebene Mühe war. Wenn er doch nur Alchemie nutzen könnte, dann wäre das in wenigen Sekunden erledigt, doch so? So stand er da, mitten in einer Einöde im Grenzgebiet zu Creta, ohne Wagen, ohne Karte und ohne Zivilisation für weitere 50 Meilen, wenn nicht sogar mehr.
Wenn Winry da wäre, würde sie das ganze in wenigen Minuten wieder zum Laufen bringen.
Ein leiser Seufzer entfuhr ihm, bevor er seinen Blick über seine Umgebung schweifen lies. Es gab nicht viel woran man sich hier orientieren konnte. Um ihn herum erstreckte sich eine weitläufige Tundra. Einige Felsformationen waren überall verteilt, während in der Ferne hier und dort größere Berg in den Himmel ragten und selbst die Vegetation ließ arg zu wünschen übrig. Von ein paar kniehohen Sträuchern einmal ganz abgesehen.

Eigentlich hatte er einen Besuch in Milos geplant gehabt. Er war seit ihrem letzten, ungewollten Abenteuer nicht mehr dort gewesen und wollte sehen wie es Julia in ihrer frei gekämpften Heimat erging.
Und wenn man schon mal an der Grenze zu Creta war, wollte er gleich die Randregionen erkunden. Es gab nicht viele Städte in der Nähe, wenig Zivilisation und viel offenes Gelände.
Als er vor wenigen Jahren seine Reise in den Westen gewagt hatte, während Alphonse in den Osten ging, war er zwar bereits in Creta gewesen, doch nicht so weit ab vom Schuss, wie er es jetzt war. Aber seit dem hatte es ihn gereizt auch abgelegene Regionen aufzusuchen, in der Hoffnung auf etwas Neues zu stoßen. Der Grenzkrieg zwischen Amestris und Creta war so gut wie ausgefochten und nur noch wenige Soldaten waren in Pendleton stationiert. Daher gab es auch weiter südlich Gebiete, in denen schon lange keine Kämpfe mehr stattfanden und die wollte Ed erkunden. Vielleicht hatte es Leute dorthin gezogen, die versuchten den Kämpfen im Westen aus dem Weg zu gehen und vielleicht konnte er helfen.
Er hatte am eigenen Leib erfahren, wie verzweifelt Menschen waren, die vom Krieg gebeutelt wurden. Immerhin hatte er bereits genug Ishvarier kennen gelernt, um das zu wissen.
Aber wenn er jetzt so darüber nachdachte, war der Gedanke, alleine abgelegene Gebiete nahe eines immer noch feindseligen Landes zu erkunden, kein sonderlich guter gewesen. Nur Winry wusste wohin er für diese eigentlich kurz Reise aufgebrochen war.
“Ahh, verdammt!”
Ed fuhr sich durch seine goldenen Haare. “Hilft ja alles nichts.”
Er schnappte sich seinen Koffer, der noch im inneren des Wagens lag und machte sich zu Fuß daran weiter zu kommen.
Es brachte ihm nichts dumm rum zu stehen und auf irgendetwas zu hoffen oder zurück zu gehen. So etwas kam für ihn nicht in Frage. In Bewegung zu bleiben und vorwärts zu gehen, war schon immer sein Motto gewesen und vielleicht hatte er ja Glück und stieß auf die Bahngleise, die ihn Richtung Milos führen würden.

Es dauerte jedoch nicht all zu lange, da bereute Ed seine Entscheidung auch schon. Der Wagen war bereits weit außer Sicht und ganz gleich wohin er blickte, es gab nur steinige Pampa. Langsam zweifelte er daran, dass er es bei Tageslicht schaffen würde überhaupt etwas belebtes zu erreichen, geschweige denn seinen Zielort.
Ein weiteres Mal blieb Edward stehen und sah sich um. Es gab weit und breit keine Zivilisation, darüber hatte er sich im Vorfeld bereits informiert gehabt. Zumindest keine, die irgendwo registriert war. Ob er doch zurück gehen sollte?
Nein! Auf keinen Fall. Auf seiner Reise vor einigen Jahren hatte er noch weit schlimmere Situationen gemeistert in denen er irgendwo festsaß, da war das hier ein Klacks.

Mit neuer Entschlossenheit setzte Ed seinen Weg fort, in der Hoffnung, überhaupt in die richtige Richtung zu gehen. Ein Kompass und eine Karte wären vielleicht nicht verkehrt gewesen…

___________

Wie lange war er nun schon unterwegs?
Minuten? Stunden? Ja, es mussten definitiv Stunden sein. Immerhin kam es ihm vor als laufe er bereits seit einer halben Ewigkeit durch diese Einöde.
Wo war er eigentlich? War er schon über der Grenze zu Creta? Es sah nicht so aus.
Leise vor sich hin grummelnd, blieb Ed bei einer kleinen Felsformation stehen und lehnte sich gegen den angenehm kühlen Stein. Ein langgestreckter Seufzer entwich seiner inzwischen trockenen Kehle.
“Winry bringt mich um, wenn ich mich ausgerechnet jetzt verlaufe und dadurch zu spät komme…” raunte er leise, was man beinahe als frustriert härte definieren können, wenn nicht dieses sehnsüchtige, sanfte Lächeln auf seinen Lippen läge.
Er hatte ihr versprochen innerhalb von zwei Wochen zurück zu kommen, rechtzeitig zu Sara’s Geburtstag. Doch wenn er sich hier jetzt verlaufen würde...er wollte gar nicht daran denken.

Langsam ließ sich Ed auf den Boden sinken, der Fels hinter ihm diente als stütze. Er zog seinen Koffer heran und mit flinken Händen wühlte er seine Wasserflasche und eine kleine Schachtel hervor, die er sich auf den Schoß stellte. Die Wasserflasche setzte er sofort an seine Lippen und nach ein paar hastigen Zügen, stellte er sie neben sich ab, bevor er sich der Schachtel widmete. Winry hatte ihm vor seinem Aufbruch einen selbstgebackenen Apfelkuchen mitgegeben, für den er gerade äußerst dankbar war.
Freudig nahm er sich ein Stück, schob es zwischen die Zähne und verstaute den Rest wieder in dem kleinen Schächtelchen in seinen Koffer, bevor er sich dem wunderbaren Geschmack in seinem Mund hingab.
Doch lange schien er es nicht genießen zu können.

Ein seltsames Geräusch ließ den ehemaligen Alchemisten abrupt aufhorchen und prompt hob er den Kopf. Eine ungewollte Anspannung erfasste instinktiv seinen Körper und kaum, dass er das Stück Kuchen runter geschlungen hatte - man wollte ja nichts verkommen lassen - schob er sich dicht an den Felsen gedrückt nach oben, um über ihn hinweg spähen zu können.
Gespannt lauschte er, doch für unruhige Sekunde erklang nichts in dieser trostlose Einöde. Und gerade als Ed glaubte sich das ganze eingebildet zu haben, ertönte jedoch erneut das Geräusch. Nun konnte er es deutlicher hören und es klang als würde Metall mit großer Wucht auf Metall treffen. Aber hier dürfte doch nichts sein. Es hätte irgendwo ein Verzeichnis gegeben, wenn es hier Mienen oder Bergwerke gab und er war sich sicher, dass er noch nicht in Creta war. Also was war es?

Seine goldenen Augen suchten das Gebiet vor ihm ab, aus dessen Richtung er das Geräusch vernommen hatte, welches nach kurzen Intervallen immer wieder zu hören war.
War es Neugierde? Oder eher ein ungutes Gefühl, was ihn antrieb nachsehen zu wollen? Er konnte es nicht sagen und dennoch trat er geduckt hinter dem Felsen hervor. Seinen Koffer und die Wasserflasche hatte er völlig verdrängt, zu sehr schien ihn dieser Moment gefesselt zu haben.
Ohne lange zu zögern, folgte er dem Geräusch. Warum er dabei immer wieder von Deckung zu Deckung hechtete, wusste Ed nicht einmal selbst, doch je näher er kam, desto unwohler fühlte er sich. Irgendetwas stimmte nicht, das wurde ihm immer deutlicher bewusst und nun wollte er wissen, was es war.
Gut 30 Meter hatte er bereits zurückgelegt, als endlich die Ursache des Geräusches in sein Blickfeld rückte. Und er konnte nicht fassen, was er sah.
Ein gewaltiges Soldatenlager in einer großen Senke.
So schnell er konnte, duckte er sich hinter einen mittelgroßen Felsen, der groß genug war um ihn zu decken, bevor er vorsichtig über den Rand hinweg lugte.
Es war kein festes Lager, nein, überall waren große Zelte gespannt und Soldaten huschten hier und dort zwischen ihn umher. Allesamt schwer bewaffnet. Und es waren keine Amestrier, das konnte Ed sofort ausmachen.
Es waren Creta-Soldaten. Aber was wollten die hier? Und in dieser Menge?
Er war sich ziemlich sicher, dass er die Grenze zu Creta noch nicht überschritten hatte, also war es noch das Gebiet von Amestris.
Schnell versuchte Ed eine grobe Zahl festzulegen, doch es waren mit Sicherheit über 300 Männer, wenn nicht sogar weit mehr. Immerhin erstreckte sich das Lager noch viel weiter gen Westen, als er sehen konnte.
Das sah gar nicht gut aus und das flaue Gefühl von eben war inzwischen zu einem inneren Aufschrei geworden. Das hier sah nicht nach einem simplen Grenz-Zwist aus. Das hier wirkte viel eher wie die Vorbereitung auf einen groß angelegten Angriff. Der Grenzkrieg zwischen den beiden Ländern spielte sich eigentlich viel weiter nördlich in Pendleton ab...wenn hier also eine so große Armee stationiert war und sie aus dem Hinterhalt Amestris angriffen...es würde fatal Enden. Bis die Einheiten des West Hauptquartiers hier eintrafen, hätten die Creta-Soldaten bereits große Teile des Gebietes überrannt und viel Städte zerstört.

Ed bis sich auf die Unterlippe. Er musste etwas tun. Wenn das hier wirklich ein geplanter Angriff werden sollte, konnte er nicht tatenlos herumsitzen. Auch wenn er keine Alchemie mehr benutzen konnte...unfähig zu handeln war er noch lange nicht. Und er würde sein Land, so verkorkst ihr Ursprung auch sein mochte, beschützen.
Aber er wusste, dass er nichts gegen diese Streitmacht ausrichten konnte. Selbst mit Alchemie wäre es eine unmögliche Aufgabe geworden, sich alleine dieser Armee zu stellen...was also sollte er tun? Damit ihm jemand glaubte, was hier vor sich ging, brauchte er Beweise...Beweise in Form von…
Mit fokussiertem Blick beobachtete Ed die Soldaten nacheinander, bis ihm jemand ins Auge fiel. Er schien ein hochrangiger Soldat zu sein. Er kannte die Ränge der cretarischen Armee zwar nicht, aber er würde schätzen vielleicht ein Generalmajor und wenn er seiner Brillenlosen Sehschärfe trauen konnte, schien der Mann irgendetwas in der Hand zu halten, was stark nach schriftlichen Befehlen aussah.
Ein verschmitztes Grinsen schlich sich auf Edwards Miene, während er in Gedanken bereits einen Plan zusammen schmiedete. Was wäre besser für einen Beweis, als die Marschbefehle der feindlichen Armee?
Jetzt musste er nur noch zusehen, dass er sie irgendwie in die Finger bekam ohne bemerkt zu werden...ach verdammt, wenn er etwas kleiner wäre, würde es ihm definitiv leichter fallen unbemerkt in dieses Zeltlager zu schleichen.
Ein leises, selbstironisches Lachen entkam ihm bei dem Gedanken, bevor er ihn jedoch schnell wieder verdrängte um sich auf das, was vor ihm lag zu konzentrieren.
Er war noch gut 10 Meter von den ersten Zelten entfernt, die er in kürzester Zeit überwand indem er sich von Deckung zu Deckung vor schlängelte. Er musste darauf acht geben, keinen passierenden Soldaten zu übersehen, der ihn womöglich entdecken könnte, doch allmählich kam er dem Zelt, in welches der hochrangige Soldat zuvor verschwunden war, immer näher.
Solange niemand damit rechnete, dass irgendjemand Fremdes in dem Lager war, würde man auch nicht unbedingt auf ihn achten. So hoffte Edward zumindest.
Vorsichtig tastete sich Ed immer weiter voran, bis er die Rückseite des Zeltes erreicht hatte. Zum Glück war es eines, das recht weit Außen lag und er somit nicht Gefahr lief, dass ihn jemand von hinten überraschte.
Mit Bedacht lehnte er sein Ohr an die Zeltplane, die den Innenraum von der Außenseite trennte und lauschte. Er hörte jemanden im Gespräch, aber schien er nicht vor ihm zu sein, sondern auf der anderen Seite, am Eingang.
Doch Edward zögerte. War es wirklich eine gute Idee?
Tja...ein zurück gab es nicht mehr und er musste irgendetwas tun. Das Militär im Westen musste Bescheid wissen, dass ein groß geplanter Angriff bevorstand und er war der einzige, der derzeit davon wusste. Er musste sie warnen, irgendwie.
“Ich hoffe du kannst mir verzeihen, wenn ich mich etwas verspäten werde, Winry…” hauchte Ed, ein wehmütiger Ausdruck auf seinem Gesicht. Ihm war bewusst, wenn er das hier aufklären würde, wäre er mit Sicherheit länger als 2 Wochen weg. Aber diese Gedanken musste er in eine hintere Ecke seines Bewusstseins schieben und sich auf seinen Plan fixieren.
Mit der größten Vorsicht, zupfte Ed einen der Heringe aus dem Boden um die Spannung der Plane zu mindern, bevor er den unteren Teil ein kleines Stück nach oben zog. Nur so weit, dass er - flach auf dem Bauch liegend - durch den Spalt in das Innere des Zeltes schauen konnte.
Ein alter Klapptisch stand direkt in seinem Sichtfeld nur etwas 2 Meter von ihm entfernt und er konnte die schwarzen Stiefel der zwei Männer sehen, die sich noch immer im Eingang des Zeltes unterhielten.
Links von ihm, an der langen Seite des Zeltes stand ein herkömmliches Feldbett, auf der anderen eine leichte, hölzerne Bank und so wie es aussah eine Art Truhe.
Ansonsten wirkte das Zelt erstaunlich leer und rustikal, was bedeutete, er hatte keine sonderbaren Versteckmöglichkeiten. Verdammt, das war nicht hilfreich.
Edward schnaubte leise, kaum hörbar und versuchte sich den bestmöglichsten Weg das ganze durchzuziehen einzuprägen.
Er wartete, bis die Fersen der Soldaten in seine Richtung zeigten, was bedeutete, dass sie ihm den Rücken zugekehrt hatten. Dann erst hob er die Plane so weit an, dass er hindurch schlüpfen konnte und hoffte, dass niemand den ungewöhnlichen Faltenwurf oder das leise rascheln des Stoffes bemerken würde.
Geduckt machte er sich so klein wie möglich - er hätte nie gedacht, das wirklich mal tun zu müssen - und hielt inne. Lauschend, wartete er einen Augenblick ob ihn jemand bemerkt hatte, doch zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass die Männer noch immer in ihr Gespräch vertieft waren. Ed stieß leise den Atem aus, den er bis eben noch angehalten hatte, bevor er auf allen Vieren und so leise wie es ihm seine Kleidung möglich machte, zu dem Klapptisch hinüber kroch. Zum Glück war dieser nicht sonderlich hoch, also konnte Ed in der Hocke sich ein wenig lang strecken um auf die zerkratzte Tischplatte zu schauen. Und da lag er. Der Marschbefehl.
Ein schneller Blick zu den beiden Männern hinüber um sicher zu gehen, dass sie ihn noch nicht bemerkt hatten und schon angelte Ed nach dem Blatt Papier auf dem Tisch. Er tat es halb Blind, hatte er sich bereits wieder in die Hocke begeben um nicht aufzufallen, aber er wusste ja nun wo der Wisch lag.
Mit flinken Fingern schnappte er es sich, doch kaum, dass er das Blatt angehoben hatte, hörte er ein Geräusch das ihm die Nackenhaare abstehen ließ, trotz das es nur leise war.
Das Rollen eines Stiftes.
//Oh nein...// schoss es ihm abrupt durch den Kopf, denn er wusste, würde er jetzt versuchen von oben danach zu greifen, würde er zu viel Lärm veranstalten, also blieb nur eins.
Ungewollt mit etwas zu viel Schwung warf sich Ed unter dem Tisch nach vorne, den Arm in einer dramatischen Geste ausgestreckt um den Stift noch aufzufangen, bevor er auf den Boden klapperte. Doch gerade, als der Stift mit einem leisen ‘tock’ in seiner offenen Handfläche landete und er schon durchatmen wollte, spürte er den Tisch über sich gefährlich nach vorne kippen. Er hatte aus versehen eines der ohnehin nicht gerade stabilen Tischbeine mit seinem Knie angestoßen und ihn somit in Schieflage gebracht. Es ließ sich nicht mehr aufhalten und Ed konnte nun nur noch die Augen zusammen kneifen als es laut schepperte, der Tisch gänzlich umkippte und alles was auf der Platte lag verteilte sich auf dem Boden.
Er brauchte nicht einmal auf zusehen um zu wissen, dass die zwei Soldaten ihn überrascht anstarrten.
“Eh...hehehe…” stieß Edward mit einem unsicheren Lachen hervor und sah angespannt zu den Creta-Soldaten hoch.
Das war gar nicht gut.
Bedacht, ohne allzu viele Bewegungen, rappelte sich Ed auf, blieb aber in der Hocke. Die Männer wirkten noch zu verwirrt, zu schockiert, als dass sie gleich reagierten, aber Ed wusste, es waren nur noch Sekunden die ihm blieben.
“Tut mir leid für die Störung, ich bin auch schon weg.”
So schnell er konnte warf er sich herum und schmiss sich förmlich in Richtung der Öffnung die er in der Plane hinterlassen hatte, bevor irgendjemand der Beiden noch etwas hätte sagen können. Er hechtete gerade mit dem Kopf voran unter der Plane drunter weg, da hörte er schon hinter sich den Kommandanten brüllen.
“EINDRINGLING!! FASST IHN!!”
Und kaum, dass er außerhalb des Zeltes war, schossen bereits die ersten Kugeln nur haarscharf an ihm vorbei und schlugen in den staubigen Boden ein. Der Dreck und die Steinchen die dadurch in die Luft befördert wurden, regneten wie kleine Schauer auf ihn herab wodurch er Schwierigkeiten hatte die Augen offen zu halten.
Dennoch hievte er sich zurück auf die Beine.
Das Zelt des Kommandanten war am Rande des Lagers gelegen, weshalb er nicht erst zwischen weitere Zeltreihen hindurch musste. Doch einfacher machte es das jetzt nun nicht. Er wurde entdeckt und nun würde vermutlich die halbe Streitkraft versuchen ihn aufzuhalten...oder gar erschießen. Hätte ja nicht schlimmer laufen können.
Doch für diese Gedanken hatte er jetzt keine Zeit. Er musste sich beeilen und außer Reichweite kommen. Hoffentlich hatten die keine schnellen Fahrzeuge, sonst war er wirklich erledigt.
Mit einem großen Satz sprang Ed die kleine Anhöhe hinauf und heraus aus der Senke, über die ersten kleinen Büsche und Felsen, die den Rand des Lagers säumten und setzte prompt in einen Sprint über, so schnell ihn seine Beine trugen.

Doch der Untergrund war uneben. Es war schwer darauf zu rennen ohne das Gleichgewicht zu verlieren, wenn man immer wieder über lose Steine stolperte die man nicht gesehen hatte. Aber nichts desto trotz kämpfte er sich weiter durch das Gelände. Die lauten Rufe der Soldaten und die schnellen Schritte der schweren Stiefel hinter ihm hätten kein besserer Ansporn sein können um ihn anzutreiben.
Aber wo lief er eigentlich hin? Ed hatte völlig die Orientierung verloren. Lief er gerade gen Osten? Weiter gen Westen? Er hoffte nicht. Wenn er nach Creta kommen würde, wäre das sein Untergang.
Hektisch sah der ehemalige Alchemist sich um, in der Hoffnung in dieser Einöde von Tundra etwas zu finden, was ihm helfen könnte. Sein Herz schlug immer schneller. Es gab nichts wo er sich verstecken konnte, nichts was er als Waffe zur Verteidigung nutzen konnte. Wobei, gegen eine ganze Gruppe an schwer bewaffneten Soldaten zu kämpfen, ohne selber Schusswaffen einzusetzen...oder Alchemie war ohnehin reiner Selbstmord.

Er konnte den plötzlichen Schuss hinter sich hören und für den Bruchteil einer Sekunde hoffte Ed, er würde ihn verfehlen, doch die leise Hoffnung wurde harsch zunichte gemacht. Der Einschlag in seinem linken Bein war deutlich zu spüren, was ihn sofort aus dem Tritt brachte. Unbeholfen stolperte Ed nach vorne und selbst der Versuch sich mit den Armen abzufedern schlug kläglich fehl als er ungebremst auf den steinernen Boden schlug. Sofort rang er nach Luft und biss die Zähne so stark zusammen dass er es knirschen hören konnte. “Verdammt!” der Fluch kam ihm schneller über die Lippen als ihm lieb war, als er sich versuchte mit den aufgeschürften Händen vom Untergrund wegzudrücken. Es war kein Schmerz in seinem Bein, hatte die Kugel zum Glück nur seine Automail getroffen...doch er wusste sofort, dass einer der Kolben beschädigt worden war, die die Beweglichkeit der Prothese ermöglichte und somit seine Chance auf eine Flucht noch weiter schmälerte.
Er kniff für einen Moment die Augen zusammen. Ed war sich bewusst, dass er nicht sitzen bleiben durfte. Er musste weiter, die Soldaten hatten schon viel zu dicht aufgeholt und wenn er bereits jetzt schon in Schussweite war, würden die nächsten Schüsse vielleicht richtige Vitalpunkte treffen. Obwohl es eher so schien, als versuchten sie ihn nur bewegungsunfähig zu machen und nicht zu töten. Aber darauf konnte er nicht hoffen.
Mit aller Mühe kämpfte sich Edward zurück auf seine Beine, testete einen kurzen Augenblick aus inwieweit er seine Automail bewegen konnte, bevor er ohne noch länger zu zögern erneut los lief. Wobei laufen in seinem Falle nicht einmal mehr zutraf.
“Jetzt könnte ich Mustangs Hilfe gut gebrauchen…Der Mistkerl ist immer gut für eine Ablenkung...Mist das darf er echt nicht hören.” knurrte Ed, mehr zu sich selbst, nicht zuletzt um seinen klaren Verstand zu behalten. Wenn er jetzt komplett in Panik verfiel, würde er den Soldaten ein nur noch leichteres Ziel abgeben. Aber nichts desto trotz hatte er ein neues Problem, wie er zu seinem Leidwesen feststellen musste.
Er wusste nicht wohin er noch laufen sollte. Viel weiter würde er mit seiner beschädigten Automail nicht kommen und wenn er nicht bald irgendeinen Ausweg fand, wars das. Und das wollte er eigentlich vermeiden.
Doch wie es schien, wurde ihm seine Entscheidung ohnehin viel zu abrupt abgenommen. Aus der Ferne hatte er es nicht recht wahrgenommen, doch nun, wo er nur noch wenige Meter davon entfernt war, drehte sie ihm der Magen um.
Eine Schlucht...eine Sackgasse…und das direkt vor ihm.
Die Schlucht schien sich über eine große Fläche links und rechts von ihm zu erstrecken und direkt hinter ihm rückten die Soldaten immer näher. Er hatte keine Fluchtmöglichkeit mehr. Was sollte er tun?
Ed hasste es zuzugeben, doch langsam bekam er tatsächlich Panik.
Die Creta-Soldaten hatten bereits auf ihn geschossen, wenn sie ihn eingeholt hatten, würden sie ihn definitiv töten. Das durfte nicht passieren. Nicht, wenn er eine Familie hatte zu der er zurück wollte.
Doch nun stand er mit dem Rücken zur Wand...oder in diesem Falle mit dem Rücken zum Abgrund. Er war noch nicht nahe genug zum Rand um zu wissen was unten war, aber eigentlich wollte er es auch gar nicht so genau herausfinden.
10 Meter...7 Meter...5 Meter...2 Meter...Ed blieb stehen. 1 1/2 Meter von der Kante entfernt, bevor er sich herum wandte.
Creta’s Soldaten hatten inzwischen zu ihm aufgeschlossen und versperrten ihm nun völlig jegliche Möglichkeit zu fliehen.
Ed schluckte hart bei dem Anblick.
Nach einem kurzen Moment des Schweigens und stillen Anstarrens, trat der Kommandant der Creta-Soldaten vor und streckte seine Hand fordernd in Edwards Richtung aus.
“Gib uns die Papiere, dann werden wir davon absehen dich auf der Stelle hinzurichten.”
Die dunkle Stimme hallte durch die scheinbar endlos tiefe Schlucht.
Ed jedoch, setzte einen Schritt zurück. Er spürte bereits wie sich unter seinem Fuß die ersten Steine lösten und hinter ihm in den Abgrund rieselten. Noch ein-zwei Schritte und er würde ihnen folgen. Er saß wirklich in der Klemme und das nicht zu knapp.
Außer Atem und mit hektischen Blick sah Ed sich erneut um. Es musste doch etwas geben was er tun konnte um aus dieser Sache wieder raus zu kommen. Mit Alchemie wäre das kein Problem gewesen...naja, vielleicht doch, aber es wäre definitiv einfacher lebend zu entkommen.
Vielleicht wenn er auf Zeit spielte um nachdenken zu können? Das hatte schon mehr als einmal funktioniert.
Edward fixierte seinen Blick auf den Kommandanten, während sich seine Hand in seiner Manteltasche um den gestohlenen Marschbefehl enger schloss.
“Und was wird danach, wenn ich es euch gebe? Ihr werdet Amestris angreifen und unzählige, unschuldige Zivilisten werden mit reingezogen.” rief Ed stur zurück mit vielleicht ein wenig zu viel trotz in seiner Stimme als im Moment gut für ihn wäre.
Doch anstatt darauf einzugehen, wie Edward erhofft hatte, schnaubte der Heerführer nur verächtlich.
“Wenn du die Befehle nicht freiwillig rausrücken willst, holen wir uns die Papiere von deiner Leiche, Junge.”
Der Kommandant hob einen Arm in die Höhe und prompt setzten die Soldaten neben ihm ihre Gewehre an.
Ed biss sich auf die Lippe, sein gesamter Körper war bis aufs Äußerste gespannt.
Zitterte er etwa?
Verflucht noch eins.
Er hasste es in den Lauf einer Waffe zu blicken und noch mehr hasste er es, wenn er nichts tun konnte um das zu verhindern.
Aber so einfach würde er sicher nicht klein beigeben!
“Ich werde nicht-!” weiter kam er gar nicht erst.
Die Schüsse fielen schneller als Ed überhaupt reagieren konnte und bevor er seinen Satz hätte zu Ende sprechen können, war es ein sengend heißer Schmerz der ihn abrupt zum Schweigen brachte. Er brauchte einige Sekunden um wirklich zu begreifen dass er gerade tatsächlich getroffen wurde, doch die Wucht, mit der die Projektile seine rechte Schulter, seinen Oberschenkel und seinen Unterbauch durchschlugen, ließen keine Zweifel daran offen. Er taumelte nach hinten, bis ein erstickter Aufschrei seiner Kehle entwich als sein Fuß plötzlich ins Leere trat. Wild ruderte Ed mit seinem linken Arm in der Hoffnung seinen Fall noch irgendwie auszugleichen oder irgendwo halt zu finden, doch es war nichts in seiner Reichweite. Nichts, das ihn hätte vor dem Absturz retten können.
Auf einmal fühlte sich alles wie in Zeitlupe an.
Das Blut begann seine Kleidung um die Eintrittswunden herum dunkelrot zu färben, während die Soldaten immer weiter hinter der Kante verschwanden.

Dann war Ed im freien Fall.

Viel zu viel auf einmal schoss ihm in diesen kurzen Sekunden durch den Kopf, bis er ein Bild seiner Familie vor Augen hatte. Winry...Aiden...Sara...Alphonse…Würde er sie jetzt nie wieder sehen?
Nein! So durfte es doch nicht enden. Nicht hier, nicht jetzt, er-!
Der plötzliche Aufprall presste ihm sämtliche Luft aus den Lungen, doch anstatt dass er reflexartig Sauerstoff einatmete, drangen nur Massen an eiskaltem Wasser in seinen Mund, was ihm das lebenspendende Atmen so brutal verwehrte. Er japste und spuckte Wasser, während sein Gehirn versuchte mit dem Rest Sauerstoff irgendwie die Situation zu analysieren.
Er musste in einen Fluss gestürzt sein. Ein Wunder, dass er bei dem Aufprall aus der Höhe nicht trotzdem draufgegangen war, aber das hieß alles nichts.
Er konnte nicht atmen und immer wieder wurde er durch die starke Strömung unter Wasser gedrückt und mitgezerrt. Sein rechter Arm und sein Oberschenkel fühlten sich erschreckend taub an und jedes Mal, wenn es ihm irgendwie gelang die Augen zu öffnen, sah er nur rot um sich. Er verlor zu schnell zu viel Blut.
Sein Kopf war wie leergefegt und nur noch Furcht schien seinen Körper kontrollieren zu wollen. Er ruderte unkontrolliert mit seinem linken Arm um irgendwie über Wasser zu bleiben, doch auch durch seine Automail wurde er stetig weiter in die Tiefen gezogen.
“Shit!!” keuchte Ed atemlos, bevor ihm langsam Schwarz vor Augen wurde und ihm die Sinne schwanden.
Review schreiben