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Morgens um halb drei

KurzgeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Beast / Henry "Hank" Philip McCoy Professor X / Professor Charles Francis Xavier
19.04.2019
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Morgens um halb drei

Noch immer ungläubig starrte Hank auf seine Hände. Er hob den Blick und starrte in den Spiegel auf der anderen Seite seines Labors. Sein Verdacht bestätigte sich. Er sah wieder aus wie ein Mensch. Keine Spur von Beast war zu sehen.
„Ich wusste es, ich wusste, irgendwann schaffe ich es“, murmelte er und rückte seine Brille gerade. Erleichtert zog er sein Notizbuch zu sich und machte einige eilige Notizen. Dann lehnte er sich erschöpft zurück und schloss einen Moment die Augen. In den vergangenen sechs Monaten hatte er nicht viel anderes getan als an seinem Serum zu arbeiten und hin und wieder schnell zu essen und zu schlafen. Perfekt war sein Mittel noch nicht. Es würde seine Gestalt nicht dauerhaft verändern, aber immerhin war er einen großen Schritt weitergekommen.
Beiläufig griff er nach seinem Kaffee und nahm einen großen Schluck, ehe er ihn wieder ausspuckte. Er war kalt. Fluchend wischte er die Kaffeeflecken von seinem Notizbuch und stand auf. Dann würde er sich in der Küche eben einen neuen machen.

Das Haus war ungewohnt leise, als er auf den Gang trat. Sein Labor war so gut isoliert, dass er von dem Alltag in der neueröffneten Schule nichts mitbekam, aber sobald man es verließ, herrschte hier üblicherweise ein nicht zu überhörender Geräuschpegel. Die Wanduhr neben der Küchentür zeigte halb drei am Morgen an. Deswegen also die Stille.
Seufzend schob Hank die Tür auf und trat hindurch. Er war nicht der einzige, der um diese Zeit noch wach war.
„Morgen Charles“, sagte er und der Mann am Küchentisch drehte den Kopf zu ihm.
„Hallo Ha… wow.“ Charles‘ Augen weiteten sich erstaunt, dann lachte er. „Du hast es ja tatsächlich geschafft“, stellte er fest und drehte sich mit seinem Rollstuhl zu ihm herum, während Hank verlegen aber stolz grinste.
„Ja“, sagte er, „es ist noch nicht perfekt, aber ich komme der Sache näher.“
„Du willst also immer noch versuchen, deine Mutation zu verändern?“, fragte Charles und Hank nickte, während er die Kaffeemaschine auf der Anrichte einschaltete und nach dem Kaffeepulver suchte.
„Es ist das, was ich schon als Kind erreichen wollte. Ein Mittel finden, mit dem ich… normal sein kann. Zumindest äußerlich. Immer anders zu sein… ich wollte das nie. Ich wollte immer nur einmal so sein, wie alle anderen auch.“
„Hank, du bist nicht mehr anders, als alle anderen hier auch. Darum geht es hier doch. Herausfinden, wie wir mit unseren unterschiedlichen Mutationen leben und mit anderen Menschen normal zusammenleben können“, wandte Charles ein, aber Hank schüttelte den Kopf.
„Du verstehst das nicht. Wenn du willst, kannst du vollkommen unerkannt durch eine Stadt fahren und niemand sieht dich an. Du fällst nicht gleich auf den ersten Blick als anders auf“, widersprach er und Charles lachte.
„Hank, du klingst wirklich genau wie Raven.“

Die Erinnerung an die Gestaltwandlerin durchzuckte Hank und er wandte sich von Charles ab. Der Kaffee lief tröpfelnd in die Kanne. Abgesehen von dem Rauschen der Maschine war es komplett leise. Charles räusperte sich leise.
„Es tut mir Leid, ich hätte nicht darüber lachen dürfen. Vermutlich ist es für mich wirklich etwas anderes als für euch. Ich bin trotzdem der Meinung, dass wir unsere Mutationen nicht verstecken sollten. Sie sind ein Teil von uns. Wir können uns und andere nicht unser ganzes Leben belügen und vorgeben wir seien jemand anderes“, sagte und beobachtete Hanks Reaktion.
Dieser schwieg einen Moment, dann entgegnete er: „Das letzte, worüber ich mit Raven gesprochen habe war, dass wir, selbst wenn Mutanten in der Gesellschaft irgendwann akzeptiert werden, wir doch immer anders sein werden. Das Ideal wird immer der normal aussehende Mensch sein. Mit körperlichen Besonderheiten wird man immer auffallen und garantiert nicht nur positiv.“
„Also geht es dir um dein Aussehen? Darum, dass andere dich für gutaussehend halten? Ich hätte dich nicht für eitel gehalten“, stellte Charles verblüfft fest, aber Hank schüttelte den Kopf.
„Bin ich nicht. Nicht sehr. Es geht mir darum, dass ich nicht immer als Freak angesehen werden will“, erklärte er bestimmt und blickte Charles in die Augen. Dieser nickte langsam.
„Das verstehe ich. Ich glaube es wäre trotzdem besser, dass wir alle anfangen uns so zu akzeptieren wie wir sind. Wenn wir das nicht können, wie können wir erwarten, dass der Rest der Menschheit es tut?“, gab er zu bedenken und sein Gegenüber blickte zu Boden.
„Stimmt schon“, sagte er, „und irgendwann wird es vielleicht so weit sein. Aber jetzt noch nicht.“

Charles entgegnete nichts und beschloss, das Thema erst einmal fallen zu lassen. Hank goss sich derweil eine Tasse Kaffee ein und setzte sich zu Charles an den Tisch. Einen Augenblick schwiegen sie, dann fragte Charles: „Was genau war das eigentlich mit dir und Raven? Ihr habt ja offenbar eine Menge Zeit miteinander verbracht.“
Hank blickte wie ertappt auf die Tischplatte und Charles spürte auch ohne seine Kräfte zu benutzen, dass er richtig lag.
„Ich dachte mir sowas in der Richtung. Als Erik mir sagte er hätte euch beim Knutschen erwischt, habe ich ihm erst nicht geglaubt. Aber dann scheint es ja doch wahr gewesen zu sein“, stellte Charles fest und lachte leise. Hank warf ihm nur einen kurzen Blick zu, ehe er weiter die Holzmaserung des Tisches betrachtete.
„Wir haben nicht geknutscht. Wir hätten es fast getan, ja. Aber Erik ist dazwischengeplatzt“, gab er zu und Charles kicherte erneut.
„Ja, er sagte sowas in der Richtung. Also, du und Raven, was? Wie kam es dazu? Dass sie dich mag, habe ich mir gedacht, aber darauf wäre ich nicht gekommen.“

Hank atmete tief durch. Er hatte bisher niemandem von seinen Gefühlen für Raven erzählt. Nicht einmal ihr selbst gegenüber hatte er es aussprechen können.
„Ich… es ist einfach so passiert. Schon als ihr mich bei der CIA besucht habt, ist sie mir aufgefallen. Ihre Art, ihr Wesen… sie hat mich unglaublich fasziniert. Ich war so erleichtert, als ich sie wegen ihrer Mutation ansprechen konnte. Ich meine, ich hatte einen Grund mit ihr zu reden. Ich habe noch nie eine Frau einfach angesprochen. Aber mit ihr konnte ich einfach so reden und dann haben wir uns getroffen. Ich habe ihr von dem Serum erzählt und sie war sofort daran interessiert. Sie wusste sofort, warum ich das tue und wie ich mich fühle, weil es ihr genauso ging. Sie war bereit mir eine Blutprobe zu geben, damit ich damit an dem Mittel weiterarbeiten konnte. Und dabei kamen wir uns irgendwie immer näher und es ist einfach passiert. Oder vielmehr wäre es passiert, wenn Erik nicht aufgetaucht wäre.“
Charles hörte sich an, was er erzählte und lächelte.
„Sie hat mir nichts davon erzählt. Ich wusste, dass sie irgendwas beschäftigte, aber ich wollte sie nicht dazu drängen, mir irgendwas zu erzählen, ohne dass sie dazu bereit war. Raven und ich kennen uns schon fast unser ganzes Leben und sie hat mir immer alles erzählt. Zumindest soweit ich weiß. Ich dachte irgendwann würde sie schon damit herausrücken“, sagte er leise, „ich lag wohl falsch.“ Hank beobachtete ihn aufmerksam.
„Du vermisst sie auch, nicht wahr?“, fragte er und Charles nickte.
„Natürlich“, sagte er, „sie ist meine älteste Freundin und wir waren immer unzertrennlich. Ich wusste, dass wir teilweise unterschiedliche Ansichten hatten, aber ich habe es wohl lange verdrängt, wie sehr sich diese unterscheiden. Ich bin mir trotzdem sicher, dass wir sie wiedersehen werden. Genauso wie Erik. Trotz allem was geschehen ist, sind sie nicht unsere Gegner. Sie wollen letztlich das gleiche wie wir auch. Leben. So akzeptiert werden, wie sie sind. Nur der momentane Weg, für den sie sich entschieden haben… nun, ich denke sie werden sich doch noch auf ihre guten Eigenschaften besinnen und zurückkommen.“
„Meinst du“, fragte Hank und Charles nickte. „Ganz sicher.“

Einen Moment schwiegen sie und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, dann blickte Charles seinen Freund an.
„Du willst doch noch etwas anderes fragen, ich sehe es dir an.“ Hank nickte langsam und sah ihn ernst an.
„Meinst du sie ist nur wegen seiner Ideen mit ihm gegangen?“, fragte er und Charles entgegnete: „Weswegen sonst?“
„Nun, ich habe mich gefragt, ob sie und Erik vielleicht… ob sie sich von ihm angezogen fühlt. Raven und ich sind nicht im besten auseinandergegangen und soweit ich weiß, haben sie sich ziemlich gut verstanden“, gab er zögernd zu.

Charles blickte ihn ernst an und dachte daran, was er in Eriks Gedanken gehört hatte. Irgendwann auf dem Flug nach Kuba hatte Erik Raven angesehen und dabei waren ihm Erinnerungen an die vorige Nacht durch den Kopf geschossen und Charles, der nicht darauf vorbereitet gewesen war, hatte sie nicht rechtzeitig ignorieren können.
Ja, er wusste, was zwischen den beiden geschehen war, aber genauso wusste er, dass es für Erik nichts Ernstes war und auch bei Raven konnte er es sich nicht vorstellen. Dennoch, von diesen Geschehnissen konnte er Hank nichts erzählen. Zum einen weil er als falsch ansah, anderer Leute Geheimnisse zu verraten, zum anderen, weil er wusste, dass es für Hank nicht hilfreich sein würde.
„Erik hat ihr das versprochen, was sie immer wollte. So akzeptiert zu werden, wie sie ist. Deswegen ist sie mit ihm gegangen, nicht wegen etwas anderem. Sobald sie merkt, dass er ihr das nicht geben kann, wird sie zurückkehren.“ Hanks hoffnungsvoller Blick ließ ihn lächeln.
„Und dann solltest du die Chance nicht noch einmal verstreichen lassen“, sagte Charles, „sag ihr, was du fühlst. Sei ehrlich zu ihr.“
„Danke“, sagte Hank und seufzte leise.
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