Synthetische Worte

GeschichteHumor, Romanze / P16 Slash
Ben Hargreeves / Nr.6 / The Horror Diego Hargreeves / Nr.2 / The Kraken Five / Nr.5 / The Boy Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
18.04.2019
06.07.2019
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Synthetische Worte


1. Ich hatte nie Geld für Heroin



Alles begann wieder mit diesem Schlag ins Gesicht. Einfach alles, das Klaus unter der nach Einhornscheiße riechenden Erde aus Amphetaminen und Benzodiazepinen beerdigt hatte.

Klaus berührte die geschwollene Wange wohl zum tausendsten Mal in der Nacht, um sich zu vergewissern, dass es real gewesen war. Er spürte das Pochen der gereizten Haut, grinste und schwor sich innerlich die Stelle nie wieder zu waschen. Doch dann stieg es wieder hervor, wie ein verwester Kadaver aus dem Grab der vergangenen Hoffnungen, die Sehnsucht nach Ben und das, was sie nie hatten. Nur diesmal war es eine abscheuliche Form von dem, was es einst war. Faulend, unnahbar, von Maden zerfressen.

Ben war noch immer tot.

Kalter Schweiß perlte an Klaus‘ Stirn hinunter. Er war sich nicht ganz sicher, ob das die fortlaufenden Entzugserscheinungen waren oder die Angst davor, wieder nicht zu wissen, was er mit sich selbst anfangen sollte.

„Yo, du siehst aus wie ein trauriges Snickers, das jemand angebissen hat“, bemerkte Ben aus der Dunkelheit heraus, der bis eben am Schreibtisch über ein Kreuzworträtsel gebeugt war. „Und dann hat die Person gemerkt, dass es ein ekliges Snickers war. So echt übel. Mit Kakerlakengeschmack.“
Klaus Lippen umspielte ein trostloses Lächeln.

„Du könntest doch so ein Snickers vertragen“, konterte Klaus zurück.

„Alter, das war unter der Gürtellinie“, sagte Ben, der seit seinem Tod nicht essen konnte. Manchmal glitt Ben durch einen Löffel oder eine Gabel hindurch, die ihm Klaus hinhielt, aber der Geschmack war nur ein graustufiges Abbild von der bunten Geschmacksexplosion, die es eigentlich sein sollte. Oder zumindest beschrieb es Ben so. Ben lehnte sich zu Klaus vor und fuhr mit ernster Miene fort: „Ich würde sterben für dieses Snickers.“

Klaus versuchte angestrengt nicht loszulachen und sagte: „Oh, keine Sorge, ich sorg schon dafür, dass du dieses Snickers bekommst. Wenn du versprichst, mich nicht nochmal zu schlagen. Benni, das tat nämlich echt weh. Und normalerweise bezahlen mich die Leute auch mit paar Scheinchen, um meine Tränen aufzuwischen, wenn mich jemand schlägt.“

„Hier“, sagte Ben, der seine geballte Faust ausstreckte, als ob er etwas halten würde.
Mit einer hochgezogenen Braue hielt Klaus seine tätowierten Handflächen darunter, als Ben langsam seine Faust öffnete. Nichts.

„Geistermoneten. Kauf dir was Schönes“, erläuterte Ben und wand sich wieder dem Kreuzworträtsel zu.
Perplex starrte Klaus eine Sekunde lang auf seine leere Hand, ehe er bitter auflachte. „Ich fiel drauf rein und war nicht mal dicht“, bemerkte er mehr zu sich selbst.

„Eines Tages“, sagte Ben.

„Ja“, antwortete Klaus, dessen Mund sich auf einmal seltsam trocken anfühlte. Eines Tages. Dies war etwas, was sie oft sagten, oft ohne Bedeutung. Aber diesmal hatte es Bedeutung. Es war egal, ob sie die Apokalypse verhindern können oder nicht. Wenn nicht, dann wären sie beide tot. Aber wenn doch, dann würde Klaus weiter mit Ben üben ihn zu materialisieren. Er könnte Ben wieder in die Seite piksen, seine perfekten Rabenhaare zerzausen, ihn umarmen. Und selbst wenn es nur für einen weiteren Schlag wäre. Auch nur das wäre okay, wenn er etwas von Ben wieder spüren könnte.

Klaus bemerkte wie er die Luft anhielt. Sein Vater hatte gewusst, dass er so etwas konnte und hatte es ihm doch nie gesagt. All die Jahre verschwendet, vergeudet, Ben an seiner Seite gehabt, ohne zu wissen, zu was er im Stande sein könnte. Und dann war da Ben, der keinen Gedanken daran verlor, sondern nur mit weit aufgerissenen Augen zu ihm blickte und dann lachte wie ein Irrer, als er realisierte, dass das erste, was er nach 13 Jahren im Diesseits vollbracht hatte, seinem Bruder eins in die Fresse Schlagen war.

Und doch machte diese neue Fähigkeit alles nur schlimmer. All die Gefühle, die Klaus für tot erklärte, wurden durch den Kuss der Liebe a.k.a. den Schlag der Frustration wieder aus dem Geisterland wiederbelebt. Klaus war wirklich ein Masochist, aber das lag auch nur daran, dass Ben echt gut aussah, wenn er vor Wut loderte. Oder wenn er nicht vor Wut loderte. Oder wenn er nichts tat. Eigentlich war Klaus einfach nur so ein Masochist und Ben hatte damit nichts zu tun, aber es hörte sich einfach besser an, wenn Dinge in Ben ihre Ursache hatten.

Klaus blickt zu Ben, dessen Gesichtszüge von einer Straßenlaterne erhellt waren. So wie er dasaß, wirkte er fast lebendig. Lebendig und schön und doch unerreichbar. Ich würde sterben für dieses Snickers. Ich würde sterben für dich, dachte sich Klaus und fuhr die geisterhaften Gesichtszüge in der Luft mit dem Finger nach. Er merkte, wie sein Herz einen qualvoll einen Schlag aussetzte. Entweder lag es daran, dass sein Herz versagte, die Reste von Ecstasy durch seine Venen zu pumpen oder es war der unausweichliche Gedanke daran, dass…

Ben noch immer sein Bruder war.

Also nicht ganz technisch, aber… Klar, Klaus war schon immer krank im Kopf aber…

„Ätzende Substanz, 5 Buchstaben“, murmelte Ben, der das Kreuzworträtsel studierte, sah hoch zur Decke und begann an seinen Fingern Buchstaben abzuzählen. „K… L… A…“

„Essig, du widerliches Scheusal“, erwiderte Klaus aus seinem Tagtraum erwachend und warf ein Kissen nach Ben, das sogleich durch Ben hindurchgleiten würde. Doch dazu kam es nie. Mit einem schwungvollen Aufprall traf das Kissen Bens Gesicht, der das Gleichgewicht verlor und mitsamt Stuhl krachend auf den Boden knallte.

„Heilige Maria Mutter Gottes“, schrie Klaus auf und griff sich theatralisch an die Brust. „Das tut mir so leid. Wirklich leid.“

„Ich ersticke dich mit diesem Kissen im Schlaf“, sagte Ben, der sich aufrappelte und nach dem Kissen griff, aber seine Hände wurden wieder durchscheinend.

„Eines Tages“, bemerkte Klaus und erwiderte das schiefe Grinsen, das ihm Ben schenkte. Für den Moment sollte sich Klaus freuen und vergessen, dass er das alles irgendwie verkacken würde so wie er es immer tat.

Er schloss die Augen und dehnte seinen Nacken. Ein fernes Klingeln in seinem Ohr rief ihm zu, nach pinken Tabletten in seiner Jackentasche zu suchen, aber er krallte seine zitternden Hände in das vom Schweiß durchtränkten Betttuch. Wenigstens sah er kein Nilpferd mit Durchfall mehr, das ihm ins Gesicht schiss. Jetzt war es nur noch Zoya Popova, die ihn zwang aus einer Hundeschüssel zerdrückte Butterkekse zu koksen.

„Mann, ich hasse es auszunüchtern“, klagte Klaus und presste die blaue Bettdecke gegen sein Gesicht. Die imaginäre Zoya Popova fischte einen Brownie irgendwo aus den Untiefen ihrer Bluse, aus denen ihre massiven Brüste quillten.

„Ich auch, Klaus. Ich auch“, sagte Ben, der auf dem Bettende Platz nahm. „Aber du schaffst es. Ich glaube daran.“

Doch daran hatte Klaus seine berechtigten Zweifel.


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Das Dach knarrte und bröckelte über ihnen, den Staub des letzten Jahrhunderts aufwirbelnd. Wer zur Hölle kam überhaupt auf die brillante Idee, Vanya, eine tickende Zeitbombe, in einem Ort der schönsten Kindheitserinnerungen einzusperren? Fucking Luther.

„Mein Vater hat mich auf den Mond geschickt“, presste Klaus zischend zwischen seinen gepressten Zähnen hervor, während er versuchte Diego wach zu halten. „Der Mond hier, der Mond da. Nächstes Mal sorge ich dafür, dass er ein Freifahrtschein in die nächste Galaxie bekommt. Kein Rückgaberecht.“

„Lass mich liegen“, keuchte Diego, der um den Atem rankte.

„Noch eine tote Klette kann ich nicht brauchen“, erwiderte Klaus und zerrte an Diegos Schulter, um ihn zum Aufstehen aufzufordern. Diego lachte nur schwach. „Im Ernst, wenn du tot wärst, könnt ich nie mehr Margaritas auf obdachlose Junkiekinder werfen und mir gleichzeitig in Ruhe einen runterholen“, fuhr Klaus fort, doch den Anflug von Panik in seiner Stimme konnte er nicht überdecken.

Mehr und mehr Schutt und Stuck löste sich von der Decke und rieselte hinab wie weißer Sand. Ein furchtbares Krachen ertönte von der anderen Seite des Gebäudes. Gebrüll. Das ohrenbetäubende Reiben von gegeneinander reibendem Stein. Und dann fiel das erste Holzbrett, dann das zweite. Vanya wütete und brachte den Boden zum Beben.

Plötzlich packte eine Hand Diegos und Klaus Körper und riss sie weg von dem Giebelbalken, der geradeaus auf die Stelle knallte, an dem sie bis eben noch lagen.

„Klaus, du warst das Junkiekind, das mit Margaritas beworfen wurde von dem Schizophrenen, der dir Crack verkauft hatte“, wand Ben ein, der beide weiter ins Freie schleifte und schließlich losließ. Am wolkenlosen, blauen Himmel flog eine Reihe Rotfinken vorbei. Ziemlich unpassend für den Tag der Apokalypse. Oder vielleicht träumte das Klaus nur und es regnete eigentlich, aber dies war egal, denn der blaue Himmel passte einfach besser zu Bens missbilligendem Gesicht, mit dem er ihn ansah.

„Zerstöre meine Realität nicht, Benni“, rief Klaus im Singsang, als Diego ein lautes Stöhnen von sich gab. Diego würde wieder zu sich kommen. „Ich hol mir aber viel lieber vor dir einen runter als vor Diego“, fügte Klaus so leise hinzu, dass es niemand hören konnte, während Ben die Seitenstraße ausspähte.

Klaus, das arme Junkiekind, spürte noch immer den Abdruck, den Bens fester Griff hinterlassen hatte, auf seinen Oberarm, der sich kalt und unerfüllt anfühlte wie nach einem Druckverband, den Klaus fest umgeschnallt hatte, um die perfekte Vene für den nächsten Schuss zu finden.  

Aber das goldene Heroin konnte sich Klaus auch nie wirklich leisten. Und Ben war noch so viel besser als das.


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Der Mond strahlte hell, als Vanya ihn zum Zerbersten brachte. Klaus stöhnte laut auf. Wenigstens Luther hätte noch auf dem Mond sein können, denn eigentlich war alles seine Schuld, und ihn auf dem beschissenen Mond sterben zu sehen, würde Klaus‘ psychischer Gesundheit sicher guttun. Und trotzdem stand Luther neben ihm wie er leibt und lebt und sah so unschuldig und überrascht nach oben.

Toll. Wirklich toll. Sie würden vom Mond zerquetscht werden wie klitzekleine Ameisen. Klaus wäre ehrlich gesagt lieber durch eine Überdosis gestorben. So hatte er es sich zumindest immer vorgestellt. Dann wäre er als Geist nicht zu entstellt und könnte doch noch vielleicht ein paar Punkte bei Ben landen, der selbst in Geistergestalt noch verdammt heiß war. Ob das realistisch war oder nicht, darüber wollte Klaus aber auch nicht denken.

„Leute“, rief Nummer Fünf und zerschnitt damit die eiserne Stille, „Kommt her. Ich versuche uns wegzubringen.“

„Hast du das schon mal gemacht?“, fragte Diego zurück, der Fünfs ausstreckende Hand umfasste. Klaus warf einen Blick zu Ben, der fordernd mit dem Kopf in Fünfs Richtung deutete.

„Nein“, erwiderte Fünf, dessen andere Hand von Luther umschlossen wurde, der im anderen Arm Vanya trug. „Aber die Gleichung müsste stimmen.“

Klaus überquerte die Distanz zu Fünf mit großen Schritten und fügte sich mit Allison zusammen in den Kreis wie die letzten Puzzleteile. Er spürte, wie Bens große Hand seinen Rücken berührte. Zum ersten Mal in Klaus‘ Leben überkam ihn ein Schwall eiskalter Angst. Das letzte Mal, als er zeitreiste, war Ben nicht dabei. 10 Monate in Vietnam und von Ben keiner Spur und was, wenn Geister prinzipiell nicht zeitreisen konnten und-

Ein elektrisches Summen durchschnitt seinen Gedankenfluss. Nummer Fünfs Gesicht war von Konzentration und Anstrengung verzerrt. Der Mondbrocken wirkte auf einmal unglaublich groß und gefährlich schnell, so wie er auf die Erde zuraste. Eine temporale Anomalie verschwamm die Grenzen der Raum-Zeit, die bläulich über ihnen schwebte. Und dann wurden sie verschluckt. Allison drückte seine Hand, aber Klaus hatte nur Fokus auf die Hand, die noch immer an seinem Rücken klebte. Doch der Druck wurde kleiner und kleiner und auch die Handfläche, die gegen ihn gepresst war, wurde immer geringer und geringer. Das durfte nicht passieren. Ein heller Blitz blendete seine Augen und hüllte alles in Weiß ein, als sich Klaus umdrehen wollte.

Hart prallte Klaus gegen den Asphalt, der Watte in seine Nase zu schieben schien. Es fühlte sich an, als wäre er nach einem 12 Stundenflug aus dem Flugzeugt gekickt worden, weil er andere Passagiere mit Bettelaktionen belästige. Mit wackligen Beinen richtete er sich auf. Ein kühler Wind blies ihm ins Gesicht. Das Erste was er sah, war Fünf mit einem aufgeschürften Knie, der im Flüsterton fluchte und ein Buch vollgekritzelt mit Zahlen und Formeln aus seiner Jackentasche zog. Dann sah er Allison und Diego, die aus einem Berg Laub hervorkrochen. Und Luther, der all seine Fleischmasse verloren hatte und ein gebrechliches, kleines Mädchen hielt. Es war Vanya.

Und sie waren wieder 17.

„Ben?“, fragte Diego mit ungläubiger Stimme und fixierte einen Punkt rechts an Klaus vorbei. Klaus wirbelte um sich. Ben stützte sich an einer Mülltonne ab und hievte sich nach oben. Klaus blickte wieder zu Diego, der eindeutig Ben anstarrte. Klaus sah zurück zu Ben. Der schwarzhaarige Junge zeigte keine Anzeichen von Lichtdurchlässigkeit oder Transluzenz. Seine Haut hatte einen rosigen Farbstich und seine Augen…

Klaus hinderte sich daran erotisch aufzustöhnen und biss sich in die Faust. Seine Augen reflektierten seit über einem Jahrzehnt wieder Licht wie schwarzer Rauchquarz. Funkelnde Augen, gegen die er nichts hatte, wenn sie ihn ausziehen würde.

Im gleichen Moment warf sich Allison um Bens Hals und brach in Tränen aus, ehe sich Diego und Luther sich dazugesellten. Klaus blieb versteinert stehen.

Er hörte nicht einmal mehr, wie Nummer Fünf unberührt das Datum verkündete.

Ben lebte und der einzige Gedanke, den Klaus fassen konnte, war: „Shit, er wird mich verlassen.“

Die Tageszeitung war datiert mit 12. Oktober 2006.


To be continued




Yoooo, ich liebe diese Fucking Serie. Ich liebe Klaus, ich liebe Ben. Beide zusammen ist wow. Ich weiß nicht, wie sehr es sich lohnt diese FF weiterzuschreiben, denn ich hab keine Ahnung wie beliebt die Serie in Deutschland ist. Wenn ich bis jetzt jemanden fragte, kannte niemand die Serie und ich sah auch erst heute die ersten FFs dazu. Aber Umbrella Academy hat nicht mal ne eigene Kategorie auf fanfiktion.de also bin ich mir etwas unsicher.
Würde mich jedenfalls mega über Feedback and Hate freuen und ob ihr das Pairing auch so liebt! :D
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