Zuversicht und Konsequenz

von - Leela -
KurzgeschichteAllgemein / P12
Leutnant Atan Shubashi Leutnant Hasso Sigbjörnsen Leutnant Helga Legrelle Leutnant Mario de Monti Major Cliff Allister McLane Ordonnanz-Leutnant Spring-Brauner
18.04.2019
18.04.2019
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Cliff kam gerade gut gelaunt in das Starlight Casino, schaffte es aber nicht einmal ganz bis in den Raum hinein, als seine drei Kollegen aus der Kommandocrew auf ihn aufmerksam wurden und ihn abfingen, bevor er die Theke erreichen konnte. Der Kommandant der Orion sah seine Freunde erwartungsvoll und ohne böses zu ahnen an. „Hey Leute, gehen wir zusammen etwas trinken?“
      „Ja, weißt du, Cliff…“ Hasso räusperte sich nervös. „Vorher müssen wir mit dir reden.“
      Das Lächeln in Cliffs Miene rutschte etwas ab. „Wieso, was ist denn passiert?“
      „Ja, also, weißt du,…“ stammelte Hasso.
      Atan stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. „Nun sag’s ihm schon!“
      „Mir sagen, was?“ Langsam wurde Cliff ungeduldig.
      Hasso war es sichtlich unangenehm und wußte nicht so recht, wie er es anfangen sollte.
      „Wir haben die Orion bei einer Wette verloren!“ platzte es aus Mario heraus.
      Eine Sekunde der Stille schloß sich an, bevor es Cliff entsetzt entfuhr: „Was??“
      „Naja, das hat sich so ergeben.“ Atan kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
      Cliff war noch nicht mit staunen fertig. „So ergeben? Ihr wollt mich auf den Arm nehmen!“
      „Nein…“ Hasso konnte dem Blick seines Freundes nicht mehr standhalten und wich ihm verschämt aus. „Wir waren uns sicher, daß wir nicht verlieren können.“
      „Das war eine totsichere Wette, Cliff!“ versuchte Mario noch nachträglich, Stimmung zu machen. „Da konnte eigentlich nichts schiefgehen, und das hätte uns drei Kisten Whiskey eingebracht!“
      „Drei Kisten Whiskey? So viel ist sie euch also wert?“ Der Kommandant hatte jeglichen Humor verloren.
      „Nein, so ist es ja wirklich nicht, aber wir dachten ehrlich nicht, daß wir verlieren könnten!“ wandte Hasso noch einmal ein.
      Cliff massierte sich die schmerzende Stirn. „Die ganze Geschichte, bitte.“
      Die drei Crew-Mitglieder der Orion eskortierten ihren Kommandanten zu einer der Sitzgruppen in dem großen Saal des Starlight Casinos, wo sie sich bequemer setzen konnten. Dort begann Mario: „Ja, also, das war so…“


Ein Abend zuvor, in der gleichen Location:

Atan, Mario und Hasso hatten sich an der Bar des Starlight Casinos eingefunden und waren guter Dinge. Gerade als sie dort zusammen standen, betrat Ordonnanzleutnant Spring-Brauner das Casino.
      Die drei Kameraden wechselten Blicke und konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. So oft wie sie schon mit dem Leutnant aneinandergeraten waren, insbesondere Cliff, konnte man nicht mehr zählen, und in den meisten Fällen hatte die Crew der Orion nur deshalb den kürzeren gezogen, weil Spring-Brauner schlicht den richtigen Posten innehatte, auf dem er am längeren Hebel saß; selbst wenn er »nur« im Auftrage seines Vorgesetzen handelte und diesem zuarbeitete. Eine böse Falle, wenn man seinen Gegenüber einfach nicht ernst nehmen konnte. Schon jetzt konnten sich die drei alteingesessenen Raumfahrer ein Grinsen wieder nicht verkneifen, als sie den großen, etwas schlaksigen Mann beobachteten, der auf sie eher wie ein zu groß geratener Schuljunge wirkte.
      „Was will der denn hier?“ frotzelte Atan. „Hat das Bälleparadies geschlossen?“
      „Ach, nun laß den armen Kerl doch seinen Whiskey trinken.“ konterte Mario ironisch. „Dann kann er schön schlafen.“
      „Na, dann sollte die junge Dame das Kissen gleich mitliefern.“ Atan nickte in Richtung der Bedienung. „Der kann doch bestimmt nichts ab.“
      Gerade beobachteten die drei, wie sich der Ordonnanzleutnant am anderen Ende der Theke niederließ und etwas bestellte.
      „Eigentlich schon ganz schön traurig, so allein hier im Starlight Casino zu sitzen.“ sinnierte Hasso. „Er scheint ja niemanden zu haben, mit dem er sich unterhalten kann.“
      Plötzlich blitzte es in Marios Augen auf. „Du, das ist die Idee!“
      Sein Kamerad sah ihn irritiert an. „Was meinst du denn damit?“
      „Na, laßt uns dem armen Kerl doch mal Gesellschaft leisten!“ schlug Mario fröhlich vor.
      „Sag‘ mal, bist du verrückt?“ Atans Blick sprach Bände. „Ich bin nicht hergekommen, um mich zu langweilen!“
      „Du, so langweilig wird das wahrscheinlich nicht!“ Mario war mit einem Mal ganz begeistert. „Jungs, den saufen wir unter den Tisch!“
      Als Atan und Hasso begriffen, konnten sie ein Grinsen nicht mehr zurückhalten. Hasso klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Das wird ein Spaß!“
      Die drei Verschwörer griffen zu ihren Gläsern und rückten an’s andere Ende der Theke auf, wo sie den deutlich irritierten Ordonnanzleutnant in ihre Mitte nahmen. Hasso legte kameradschaftlich den Arm um ihn. „Na, alter Junge, auch auf einen Feierabend-Whiskey hier?“
      „Offensichtlich!“ Sofort wirkte Spring-Brauner kühl und distanziert wie immer. „Wenn Sie mich also bitte nicht belästigen würden…“
      „Ach, kommen Sie, jetzt seien Sie doch nicht so!“ schaltete sich Mario ein. „Wir sind hier privat. Laßt uns zusammen anstoßen!“
      An den gestrafften Schultern des großen Mannes war bereits abzulesen, daß ihm die Situation nicht behagte. „Wenn diese Aktion darauf abzielen soll, daß Sie sich einen taktischen dienstlichen Vorteil verschaffen wollen, muß ich Sie enttäusch…“
      „Hey, haben Sie nicht zugehört?“ lachte Hasso. „Er sagte gerade, wir sind hier privat! Da kümmern wir uns nicht um dienstliches!“
      Atan grinste. „Wahrscheinlich hat er nur Angst, daß er sich blamiert, weil er nicht so viel verträgt wie unsereins!“
      „Darauf würde ich an Ihrer Stelle nicht allzu viel bauen!“ knurrte Spring-Brauner.
      Die drei Männer horchten alle sofort wie in einem einzigen Gedankengang auf.
      „Wie? Sie wollen es mit uns aufnehmen?“ stieg Mario sofort auf die gute Vorlage ein.
      „Ich will es mit niemandem »aufnehmen«, wie Sie so schön sagen!“ Die Stimme des Leutnants klang gereizt. „Ich sage nur, daß Sie bei Ihrer offensichtlichen Erwartungshaltung enttäuscht werden könnten!“
      „Och, das glaube ich nicht.“ Den Kommentar hatte Atan sich nicht verkneifen können.
      „Na, dann macht es Ihnen aber doch sicher nichts aus, das auf die Probe zu stellen, nicht wahr?“ implizierte Mario kameradschaftlich.
      Spring-Brauner verdrehte die Augen. „Ich halte es zwar für äußerst kindisch, aber wenn es Ihrem Seelenfrieden dient…“
      Atan grinste. „Der Kleine will es echt mit uns aufnehmen!“
      „Jaja, wir reden hier aber nicht nur von einem Glas!“ machte Mario aufmerksam. „Und wir sind geübt!“
      Der Blick ihres Opfers nahm etwas überhebliches an. „Sie können es ja darauf ankommen lassen!“
      Die drei Männer wechselten einen Blick und konnten sich nicht zurückhalten, laut loszulachen.
      Hasso lehnte sich mit verschlagenem Lächeln vor. „Wie wäre es mit einer kleinen Wette?! Wer den längeren Atem hat, gewinnt – Sie, oder wir drei zusammen.“
      „Hey, Hasso, das ist eine gute Idee!“ begeisterte sich Mario.
      „Dann muß sich aber der Wetteinsatz lohnen!“ erklärte Hasso.
      Atan hob die Schultern. „Wie wäre es mit einer Kiste Whiskey?“
      „Ja, aber für jeden von uns!“ stellte Mario gleich klar.
      Spring-Brauner hielt den Blick seiner Kontrahenten. „Gut, und was sind Sie bereit zu setzen? Wenn mein Einsatz 3 Kisten Whiskey sind, und jeder das gleiche zu investieren hat, würde das bedeuten, ich bekäme neun Kisten Whiskey von Ihnen!“
      „Nee, nee, nee, so funktioniert das nicht!“ hakte Atan gleich ein. „Jeder von uns bekommt eine Kiste Whiskey von der Gegenseite! Es muß ja gerecht bleiben!“
      „Wir können uns auf drei Kisten für mich einigen! So kriegt jeder seinen eigenen Wetteinsatz im Zweifel raus!“ schlug Spring-Brauner vor.
      Atan schaute noch so unschlüssig, daß Mario herzlich lachte. „Mensch, Atan!“ Er klopfte seinem Kameraden auf die Schulter. „Was haben wir denn zu verlieren? Bei dieser Wette würde ich sogar noch die Orion einsetzen!“
      Spring-Brauner horchte merklich auf. „So?!“
      „Das glauben Sie uns wohl nicht!“ bemerkte Hasso provozierend.
      „Es steht Ihnen frei, es unter Beweis zu stellen!“ meinte Spring-Brauner ungerührt.
      „Deal!“ Ausgerechnet Atan schien gerade noch mal über ihre Erfolgschancen nachgedacht zu haben.
      „Dann sind wir uns einig?“ faßte Mario noch einmal zusammen. „Gewinnen wir, bekommt jeder von uns eine Kiste Whiskey. Gewinnen Sie, bekommen Sie die Orion.“
      Die vier Männer schlugen ein.
      Spring-Brauner hob sein Glas. „Zum Wohl!“


Das Starlight Casino der Gegenwart:

Cliff fühlte sich latent ohnmächtig. Die zwischenzeitlich von Hasso georderten Whiskey-Gläser standen noch unangetastet auf dem Tisch zwischen ihnen. „Hasso hat also die Wette vorgeschlagen. Und du, Mario, hast die Orion eingesetzt. Und Atan hat das ganze besiegelt.“
      Die Gruppe schwieg betreten.
      „Naja, mal ehrlich, was hätten wir den erwarten sollen? Wenn der gewinnt, dann hat er die Orion auch verdient, dachten wir!“ meinte Atan kleinlaut.
      „So? Dachtet ihr!“ wiederholte Cliff.
      Mario rang die Hände. „Na, wer hätte denn auch ahnen können, daß das ganze so läuft…“


Ein Abend zuvor im Starlight Casino:

Die Bedienung brachte gerade neue Gläser und räumte das Arsenal der leeren ab, die den Kontrahenten der Wette bereits zum Opfer gefallen waren. Die vier Männer lagen sich lachend und singend in den Armen.
      Mit der Zeit war die Stimmung immer lustiger geworden. Spring-Brauner hatte »Where could I go but to the lord« angestimmt, und seine drei Zufallskumpane waren genauso lallend, grölend und jenseits jeder harmonischen Tonlage mit eingestiegen. Seitdem stimmten alle im Wechsel ein neues Lied an, was schon bald dazu führte, daß kameradschaftlich die Arme umeinander gelegt und zu den eigenen mißtönenden Darbietungen geschunkelt wurde.
      Der Whiskey landete zum Teil schon mehr neben dem Glas anstatt im Inneren der Gäste, dafür hatte man zusammen viel Spaß. Mittlerweile war man beim Du angelangt.
      „Du, sag’ mal, wie heißt du eigentlich?“ lallte Hasso schließlich und bemühte sich, Spring-Brauner in seinem unkoordinierten Zustand die Hand zu geben. „Ich bin der Hasso!“
      „Konstantin!“ lallte Spring-Brauner zurück und schlug nur durch puren Zufall paßgenau in den Handschlag ein.
      „Konstantin? Wie »Konstantin, der Große«?“ Hasso lachte. „Ha, na, wenn das mal nicht paßt!“ Der ältere Offizier der Orion lehnte sich vor und deutete verschwörerisch zu seinen beiden anderen Kollegen, die schon nicht mehr ganz geradeaus gucken konnten. „Das sind Atan und Mario. Feine Kerle, sage ich dir! Mit denen kann man Spaß haben und gut trinken!“ Er hob das Glas und rief: „Auf Konstantin!“
      Atan und Mario taten es ihm gleich und stimmten ein: „Auf Konstantin!“
      Konstantin Spring-Brauner hob sein Glas so schwungvoll, daß die Hälfte überschwappte und brachte, so gut es in seinem Zustand ging, hervor: „Auf Hasso, Mario und Atan!“
      Die vier Gläser stießen zusammen und brachten den ersten harmonischen Laut seit langem in diesem ungewöhnlichen Kleeblatt zustande. Die vier Männer nahmen synchron einen kräftigen Schluck. Keiner von ihnen achtete mehr auf Haltung, solche Kleinigkeiten, wie die Kleidung saß, waren egal, und Spring-Brauner scherte es auch nicht, daß sich seine sonst so sorgfältige Frisur verabschiedet hatte.
      Sie lachten gemeinsam über die flachsten Witze und legten immer wieder noch einen drauf, um sich an Niveaulosigkeit zu überbieten, wobei gerade der sonst eher anständig und bieder wirkende Ordonnanzleutnant zu überraschen vermochte. So schritt der Abend voran, und der eigentliche Zweck, der zu dieser Zusammenkunft geführt hatte, trat fast in den Hintergrund.
      Nach einiger Zeit jedoch forderte die Wettgrundlage unweigerlich ihren Tribut, und es begann, gerade als eine neue Runde ausgeschenkt worden war. Atan sank als erster bewußtlos auf den Tresen.
      Hasso stupste ihn an. „Hey, nu laß uns doch hier nicht im Stich!“ brachte er undeutlich hervor.
      „Ach, das packen wir auch so!“ lallte Mario, nahm noch einen kräftigen Schluck, und rutschte kurz darauf am Tresen zu Boden.
      „Schlafen wie die Babys.“ stellte Hasso nach einem kurzen Test fest.
      „Aber es ist doch noch gar nicht Schlafengeh-Zeit.“ bemerkte Konstantin überrascht.
      Hasso legte den Arm um ihn und lehnte sich verschwörerisch vor. „Paß mal auf, mein Junge. Ab jetzt heißt es nur noch du und ich! Wir beide machen das jetzt unter uns aus! Darauf trinken wir jetzt noch einen!“
      Die beiden Männer stießen an und nahmen einen kräftigen Zug. Anschließend sackte Hasso vom Barhocker.
      Konstantin sah sich um, stutzte, und senkte den Blick zu Boden. „Nanu? Bin ja plötzlich ganz allein…?!“


Und wieder zurück im Starlight Casino der Gegenwart:

Cliff sah in die Runde und wußte gar nicht, was er sagen sollte. „So ist das also gewesen.“ betrachtete er es nüchtern. „Ausgerechnet Spring-Brauner hat euch aus der Kante gekippt!“
      „Du verstehst also, in welcher Lage wir uns befunden haben.“ implizierte Mario erleichtert.
      Das war der Moment, in dem der Raumschiffkommandant die Nerven verlor. „Verstehen, verstehen. Mir fehlt es gerade an jeglichem Verständnis!“ fuhr er auf. „Sagt mal, habt ihr komplett den Verstand verloren? Wie kann man nur so blöd sein? Ist euch eigentlich klar, was ihr da veranstaltet habt? Die Orion ist Eigentum der Raumflotte! Na, dann spart jetzt mal schön darauf, daß ihr sie euch irgendwann leisten könnt, damit ihr eure Wettschulden einlösen könnt!“
      Die drei Kameraden sahen ziemlich betreten aus der Wäsche. Hatten sie sich Rückhalt von ihrem Vorgesetzten und Freund erhofft, oder zumindest Verständnis, wurden sie nun eines besseren belehrt.
      Cliff kam gar nicht über die Dummheit seiner Kollegen hinweg. „So eine Wette einzugehen, die ihr nicht einlösen könnt – unverantwortlich ist das!“
      „Naja… Meint ihr denn, Spring-Brauner löst die Wette überhaupt ein?“ fragte Atan. „Er weiß ja, daß wir die Wette nicht einlösen können.“
      „Ja, vielleicht gibt Konstantin sich ja auch mit einem Ersatz zufrieden.“ überlegte Hasso. „Womit wir wieder bei den Kisten Whiskey wären!“
      Mario winkte ab. „So wie ich den kenne, hat der uns jetzt fest in der Hand. Der wird keine Ruhe mehr geben! Und wenn es nur ist, um uns unser Versagen immer wieder unter die Nase zu reiben.“
      „Egal wie, Fakt ist, die Orion kann er nicht bekommen.“ brachte Cliff es auf den Punkt. „Sie gehört uns nicht einmal, und ihr braucht nicht zu glauben, daß ich für den meinen Kommandantenposten aufgebe!“
      „Na, Gott sei Dank.“ murmelte Atan.
      „Ja, aber genau darum geht es ja!“ stieg Mario an der Stelle wieder ein. „Noch haben wir Zeit. Der wird jetzt erst mal zwei Tage seinen Rausch ausschlafen, in der Zeit können wir uns überlegen, wie wir würdevoll wieder aus der Sache herauskommen – sofern er sich dann überhaupt noch an alles erinnert.“
      „Ja, genau! Richtig, Mario, ihr könnt überlegen, wie ihr würdevoll aus der Sache wieder rauskommt!“ bestätigte Cliff und lehnte sich unbeteiligt mit verschränkten Armen zurück.
      „Na toll! So viel zum Zusammenhalt in der Crew!“ beschwerte sich Atan. „Du hilfst uns nicht, Helga hilft uns nicht…“
      Jetzt mußte Cliff doch grinsen. „Helga kennt die Geschichte auch schon?“
      „Ihr haben wir davon vorhin schon erzählt.“ bestätigte Hasso.
      „Und?“ wollte Cliff wissen.
      „Sie hat sich halb totgelacht und gesagt, sie ist mal gespannt, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen.“ erzählte Hasso betreten.
      „Recht so! Ihr habt euch in diese mißliche Lage gebracht, also seht zu, wie ihr da wieder rauskommt!“ Er hob sein Glas zum Gruße und nahm entspannt einen Schluck.
      Hasso sank in seinem Sessel zusammen. „Naja, vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Konstantin ist eigentlich ein ganz feiner Kerl.“
      „Ja. Hätte nicht gedacht, daß man so viel Spaß mit ihm haben kann.“ bestätigte Atan.
      „Am besten machen wir einfach den Deal mit den Kisten Whiskey und gestehen unsere Niederlage ein.“ meinte Mario. „So kommen wir am besten da raus.“
      „Hauptsache damit gibt er sich zufrieden.“ murmelte Atan.
      „Warum sollte er nicht? Seine Genugtuung hat er jetzt sein Leben lang, dagegen ist die Orion als Einsatz Peanuts.“ prophezeite Mario.
      Cliff grinste. Mittlerweile amüsierte ihn die Situation immer mehr. „Ihr seid mir so Spezialisten. Was bin ich froh, daß ich an der ganzen Aktion nicht beteiligt gewesen bin.“
      Mario knuffte ihn in die Seite. „Du bist mir echt ein schöner Freund. Das werde ich mir merken, für den Fall, daß du mal in der Klemme steckst!“
      „Mit Selbstverschulden, vergiß das bitte nicht.“ erinnerte Cliff verheißungsvoll.
      Hasso und Atan sahen gerade auf, als sich jemand zu ihnen gesellte. Gerade blieb Ordonnanzleutnant Konstantin Spring-Brauner hinter der Sitzbank ihnen gegenüber stehen und lehnte sich lässig zwischen Mario und Cliff auf die Lehne. „Guten Abend, meine Herren!“ Die ganze Ausstrahlung des sonst so reservierten Mannes war mit dem, was die Männer von der Orion kannten, nicht mehr zu vergleichen. Von der sonstigen Unsicherheit und Reserviertheit war nichts mehr zu merken. Statt dessen wußte er genau, welche Position ihm gerade zu eigen war, und spielte sein Blatt selbstbewußt wie nie aus. „Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt und halten sich an Ihren Wetteinsatz!“
      Cliff musterte seine drei Freunde schmunzelnd, welche verlegene und panikerfüllte Blicke tauschten.
      „Ja, also, was den Wetteinsatz angeht…“ begann Mario. „Sie bestehen doch nicht wirklich auf die Orion, oder?“
      „Oh, die Idee kam nicht von mir!“ erinnerte der Ordonnanzleutnant tiefgründig.
      „Ja…“ Hasso räusperte sich leicht. „Aber Sie wissen ja, daß man nicht einfach so die Orion verwetten kann.“
      „Aber Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie nicht liefern können!“ implizierte Konstantin provozierend. „Wettschulden sind Ehrenschulden!“
      Unter den Betroffenen wurden verhaltene Blicke getauscht.
      „Also, sagen wir es mal so…“ begann Mario. „Wir können nicht sofort liefern. Aber wir haben uns ja nicht über eine genaue Frist unterhalten!“
      „Ja, genau!“ stieg Atan begeistert auf die Vorlage ein. „Selbstverständlich bekommen Sie die Orion. Es braucht nur ein bißchen Zeit!“
      Cliff hielt sich zurück, sich die Hand vor die Stirn zu schlagen und schüttelte nur den Kopf.
      „So…! Und über welchen Zeitrahmen reden wir hier?“ erkundigte sich Spring-Brauner interessiert.
      „Naja, lassen Sie es uns mal so sagen: Sie hätten die Kisten Whiskey auch erst mal besorgen müssen.“ wich Mario aus.
      „Ah. Dann reden wir also von wenigen Tagen.“ Der Leutnant konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, das anzeigte, daß er genau wußte, in welche Lage er die Männer der Orion brachte – und daß er es durchaus genoß.
      „Lassen Sie sich überraschen!“ platzte es aus Atan heraus, um erst mal einen Status Quo herzustellen.
      Cliff beobachtete das Spektakel vergnügt aus neutraler Position und genoß seinen Whiskey.
      Während sie noch mitten in der Verhandlung waren, kam Helga auf die Gruppe zu. Mit einem Lächeln stellte sie ein großes Paket, das in Packpapier eingeschlagen war, auf dem Tisch ab. „So, Sonderlieferung für Ordonnanzleutnant Spring-Brauner! Tut mir leid, Jungs, daß es so lange gedauert hat. Der Papierkram, ihr wißt ja.“
      Vier verwirrte Blicke wandten sich der jungen Frau zu, und auch Cliff schaute erstaunt und sichtlich neugierig zu seiner Kollegin herüber.
      Als keiner reagierte, schaute Helga auffordernd in die Runde. „Was ist denn nun? Wollt ihr euren Wetteinsatz nun einlösen? Ihr habt mich doch nicht umsonst gebeten, alles für euch in die Wege zu leiten!“ drängte sie, ohne die orientierungslosen Mienen der Männer zu beachten, die noch gar nicht wußten, wie ihnen gerade geschah.
      Den drei kühnen Wettspezialisten stand die Verwirrung noch deutlich in den Mienen geschrieben, so daß Cliff als erster reagierte, auch wenn er selbst ebensowenig eine Idee hatte, was Helga in der Zwischenzeit veranlaßt hatte. „Tja, daran solltet ihr euch gewöhnen: Wenn Helga einen Auftrag bekommt, führt sie diesen schnell und gewissenhaft aus. Da müßt ihr nicht lange warten.“ Er schob Konstantin das Paket zu. „Nun nehmen Sie es schon!“
      Noch mit sehr skeptischer Miene kam der Leutnant herum und setzte sich auf einen freien Sessel. Unter den genauso neugierigen Blicken der kompletten männlichen Belegschaft der Orion begann er, das Paket auszupacken. Auch Helga beobachtete ihn neugierig.
      Unter der Verpackung kam ein in Blau und Silber gehaltener Karton zum Vorschein, und anhand des Aufdrucks konnte man nun sehen, was drinnen war: Es handelte sich um ein ferngesteuertes Modell der Orion aus dem Souvenirshop.
      Atan, Hasso und Mario staunten unverhohlen, und konnten nicht vermeiden, daß ihnen die Erleichterung pur in’s Gesicht geschrieben stand.
      Konstantin betrachtete die Schachtel erstaunt.
      „Na, was sagen Sie?“ wollte Helga triumphierend wissen. „Ihnen wurde die Orion versprochen, jetzt haben Sie eine Orion!“
      In den Augen des Ordonnanzleutnants leuchtete es begeistert. Anscheinend war er nicht böse darum, nicht die Original-Orion zu bekommen. „Das ist ja großartig! So eine hätte ich mir als Kind gewünscht, wenn es die damals schon gegeben hätte!“
      „Probieren Sie sie doch mal aus!“ schlug Cliff schmunzelnd vor.
      Der Aufforderung kam der glückliche Wettgewinner gleich nach. Sorgfältig packte er das Modell aus, schnappte sich die Steuerungseinheit und suchte sich einen ruhigen Platz in dem großen Raum, von dem aus er die kleine Orion starten konnte.
      Am Tisch wandte sich nun die ganze Aufmerksamkeit der jungen Frau zu.
      „Das war eine grandiose Idee! Mensch, Helga, du bist die beste!“ platzte es aus Atan heraus.
      „Ich weiß!“ erwiderte sie mit triumphierendem Lächeln.
      „Du hast uns im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet!“ stimmte Mario zu.
      „Wenn du das man nicht vergißt! Und jetzt hätte ich gerne die Auslagen für die Orion von euch!“ Sie legte den Kaufbeleg auf den Tisch und hielt ihren Kollegen auffordernd die Hand hin; – und es schien, als würden die drei Männer erst jetzt registrieren, daß die Orion auch bezahlt werden mußte.
      Cliff lachte herzlich, als die drei Männer ihre Portemonnaies zückten. „Tja, unsere Helga ist schon ein Goldstück: Geschäftstüchtig und Retter in der Not! Ohne sie hättet ihr ganz schön alt ausgesehen.“
      „Dafür bezahle ich meinen Anteil auch gerne, Cliff, das kannst du mir glauben!“ Mario gab Helga seinen Kostenanteil herüber.
      „Und günstiger als eine Kiste guter Whiskey ist es auch.“ stimmte Atan zu, als er seiner Kollegin das Geld reichte.
      Hasso rundete, so wie seine zwei Mitstreiter, seinen Betrag ebenfalls auf. „Stimmt so!“
      „Gut. Dafür gebe ich jetzt auch eine Runde aus.“ Helga winkte der Bedienung und bestellte noch eine Runde Whiskey für alle.
      „Aber nicht, daß das so endet wie gestern!“ warnte Cliff, halb ernst, halb im Scherz.
      „Nee, darauf passen wir jetzt schon auf!“ versprach Hasso lächelnd.
      Nun wieder entspannt und deutlich erleichtert lehnten sich die drei Crewmitglieder der Orion zurück, während Helga sich amüsiert zu den Männern setzte, und mit ihren vier Kameraden den Whiskey genoß. Zusammen beobachteten sie Konstantin Spring-Brauner, der gerade aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten sein ferngesteuertes Orion-Modell ausprobierte.
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