Gejagt - Die Kupferchroniken

GeschichteFantasy / P12
17.04.2019
12.06.2019
8
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Ich erwachte schlagartig aus meinen Träumen, als die Entführer mich letztendlich doch gekriegt hatten. Als ich die Augen aufriss, wusste ich sofort wieder, wo ich war und was mit mir geschehen war. Was ich allerdings nicht wusste, war, wie lange ich geschlafen hatte. Es musste wohl ziemlich lange gewesen sein, da ich mich kaum noch erschöpft oder gerädert fühlte. Noch etwas starr setzte ich mich im Bett auf und trat dann an das Fenster.
Das da draußen war jetzt also meine neue Heimat. Eine große Stadt, viele Häuser, die meisten acht- oder zehnstöckig, in Weiß oder einem hellen Gelb gestrichen. Der Großteil sah relativ modern aus, aber dazwischen fanden sich auch scheinbar ältere Häuser, von denen stellenweise der Putz abblätterte. Auf ausnahmslos allen Dächern waren Photovoltaikanlagen. Die Straßen waren noch relativ leer, jedoch schlenderten die wenigen Menschen, die ich sehen konnte, meist zu zweit oder zu dritt scheinbar gemütlich dahin.
Ich selbst befand mich in einem Gebäude, das noch höher war als die anderen. Deswegen hatte ich einen guten Überblick über die Stadt. Hinter der weit entfernten Skyline erhoben sich Berge, über denen die Sonne noch tief stand. Daraus schloss ich, dass es früh am Morgen war.
Probehalber streckte ich meine Hand nach dem Fenstergriff aus, um es zu öffnen. Doch trotz wiederholtem Rütteln blieb das Fenster zu. Resigniert ging ich wieder zum Bett zurück und legte mich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und wartete ab. Irgendwann würde schon jemand hereinkommen, um mir irgendetwas mitzuteilen. Etwas anderes als Warten blieb mir ja sowieso nicht übrig.
Verloren starrte ich an die blütenweiße Zimmerdecke. Nein, „blütenweiß“ klang schön, nach Frühling, grünem Gras und blühenden Bäumen. Diese Zimmerdecke über mir war klinisch-weiß, ungesund-weiß, leblos-weiß.
Zuhause hatte ich mich auch immer so aufs Bett zum Nachdenken gelegt. Zuhause war meine Decke zwar auch weiß, aber dafür mit vielen Kratzern und Schrammen. Das hatte mein Zimmer menschlich gemacht. Aber mein Zimmer mit der Dachschräge über dem Bett und dem Schreibtisch unter dem Fenster würde nicht mehr sehen, nachdem was Cox und Caitlin gesagt hatten. Zumindest nicht in nächster Zeit, aber vielleicht konnte ich ja irgendwann doch wieder nachhause.
„Gib nicht auf. Auch wenn du sie hinter all den dunklen Wolken nicht sehen kannst, wird die Sonne trotzdem irgendwann wieder hervorkommen“, hatte Mum immer zu mir gesagt, wenn ich als kleines Kind traurig war. Letztendlich hatte sie sich selbst dann aber doch aufgegeben und sich widerstandslos in das schwarze Loch der Depressionen ziehen lassen, nachdem Dad mit Mick und seiner neuen Freundin nach Kalifornien abgehauen war. Ach, Dad. Obwohl ich seit seinem Weggang nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen war, vermisste ich ihn jetzt doch. Wenn nur irgendjemand aus meiner Familie hier gewesen wäre, sogar Dad und seine Freundin wären okay gewesen. Diese Abgeschiedenheit von der Außenwelt, von der Welt, die früher meine gewesen war, machte mich fertig.
Ich schloss die Augen, da mir die weiße Zimmerdecke zu grell wurde und plötzlich waren sie da, die Tränen. Ich konnte sie nicht mehr aufhalten. Zuerst nur eine, aber dann immer mehr liefen an meinem Gesicht herunter und tropften auf das Kissen. Aber ich weinte stumm, nicht ein einziger Laut kam mir über die zusammengepressten Lippen.
Plötzlich klopfte es an der Tür, worauf ich sofort aufhörte zu weinen und mir schnell mein tränennasses Gesicht an der Bettdecke trocknete. Da ging die Tür auch schon auf und Lynn schob einen Rollwagen herein.
„Guten Morgen!“, begrüßte sie mich gut gelaunt, wobei ihr mein verweintes Gesicht nicht entging. „Wie geht es dir? Hast du dich gut erholt?“
„Es ist in Ordnung. Ich bin nicht mehr so erschöpft wie gestern“, antwortete ich, „Wie lange habe ich geschlafen?“
„Eine ganze Weile! Fast 14 Stunden! Mittlerweile ist es sieben Uhr“, gab mir Lynn Auskunft. Dann nahm sie mir die Elektroden ab, die sie gestern an meinem Oberkörper befestigt hatte, und legte sie auf den Wagen. Von dort nahm sie auch einen Stapel frischer Klamotten und eine Haarbürste, die sie mir mit den Worten „Das ist für dich. Ziehe dich mal um, danach kannst du frühstücken“ in die Hand drückte.
Nachdem ich mich angezogen hatte und meine Haare einigermaßen in Ordnung gebracht hatte und aus dem Bad gekommen war, setzte ich mich aufs Bett uns machte mich über mein Frühstück her, das Lynn für mich auf den Nachttisch gestellt hatte. Hungrig stürzte ich mich darauf. Es bestand aus einer Scheibe Brot, einer Schale mit einem beigefarbenen Brei und einer dampfenden Tasse voll Tee. Der Brei schmeckte fad, eigentlich nach gar nichts, und die klebrige Konsistenz war auch sehr gewöhnungsbedürftig.
Lynn hatte sich neben mich gesetzt und schaute mir zu, was mich irritierte und ein wenig unter Druck setzte. Das hatte Lynn wohl bemerkt, denn sie erklärte: „Ich muss aufpassen, dass du alles aufisst. Das ist jetzt wichtig für deinen Körper, weil du ziemlich lange nichts zu dir genommen hast.“ Ich nickte nur und mache mich weiter über mein Essen her. Zum Schluss nahm ich vorsichtig einen Schluck Tee. Er schmeckte seltsam – süß und irgendwie metallisch – aber es war das Leckerste, was ich je getrunken hatte.
Als ich fertig war, stellte Lynn das Frühstückstablett zurück auf den Rollwagen und bedeutete mir, mitzukommen. „Paracelsus will dich jetzt sehen. Er wird wahrscheinlich anfangen, nach deiner Gabe zu suchen.“
Sofort zog sich mein Magen vor Aufregung und Nervosität zusammen.
„Was ist eigentlich deine Fähigkeit?“, fragte ich neugierig.
„Kann ich dir wann anders erklären. Ist kompliziert“, meinte Lynn kurz angebunden. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir auswich, doch dachte ich mir nichts weiter dabei.
Schweigend führte sie mich zu Paracelsus‘ Büro.
 
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