Zeitenwandel

GeschichteKrimi / P12
Maya Fey Phoenix Wright
17.04.2019
18.08.2019
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Kapitel Neunzehn: Doppelspiel

Datum: 27. Oktober 2028
Zeit: 13:04 Uhr
Ort: Wright Anything Agency


Fassungslos starrte Athena auf den Mann, der im Drehstuhl saß. Sie hatte sein Gesicht in den letzten Wochen mehr als häufig gesehen, und doch konnte sie nicht glauben, wen sie da vor sich hatte. "Das . . . das muss ein Geist sein!"
Maya schüttelte energisch den Kopf. "Nein! Er wird nicht beschworen, das würde ich merken. Er ist quicklebendig!"
"Sehr verbunden, Miss Fey", bedankte sich Stone-Picker. "Ich fühle mich etwas gelangweilt, aber ansonsten kann ich allen versichern, dass mir nichts fehlt."
Philly Stance machte einen Schritt nach vorne. "Bill! Du . . . aber . . . wie ist das möglich?", stotterte sie überrascht.
Stone-Picker grinste nur. "Ach, Bill, Bill, Bill . . . was für ein überstrapazierter Name. Wusstet ihr, dass er nur aufgrund eines lahmen Scherzes entstand? Im Mittelalter war es eine Zeit lang Mode, die Anfangsbuchstaben eines Names zu tauschen, um jemanden zu verspotten. Aus Will wurde Bill, aus Rick wurde Dick, aus Ed wurde Ted . . ."
Philly sah ihn mit großen Augen an. War sie gerade noch glücklich darüber gewesen, einen totgeglaubten Freund wiederzusehen, fühlte sie jetzt eine wachsende Angst in sich aufsteigen.
"Wer sind sie?", fragte sie mit tonloser Stimme.
Stone-Picker lachte wie über einen gelungenen Scherz. "Aber, aber, Philly, du müsstest mich eigentlich erkennen. Immerhin haben wir jahrelang zusammengearbeitet. Buchstabe U,  V,  W,  X und Y im Atoz-Alphabet."
"Das waren nicht Sie! Das war Bill."
"Irrtum. Sie haben nur selten mit meinem Bruder zu tun gehabt."
Philly keuchte. "Ihr Bruder!"
"Ganz genau. William. Oder Bill, wie sie ihn nannten. Volle dreizehn Minuten älter als ich."
"Zwillinge?"
"Das ist die allgemeine Bezeichnung dafür, ja."
Philly hob abwehrend die Hände. "Nein! Völlig unmöglich! Das kann nicht stimmen! Sie . . . Sie lügen!"
Hilfesuchend wandte sie sich an Athena und Phoenix, die der Konversation mit wachsendem Staunen zugehört hatten. Doch leider konnten sie Philly diesmal nicht unterstützen.
Athena strich sich über ihren Ohrring. "Ich . . . ich konnte nichts heraushören, dass auf eine Lüge schließen lässt", sagte sie.
Phoenix, die Hand in der Tasche, in der sein Magatama lag, musste ihr zustimmen. "Er sagt die Wahrheit, soweit ich das beurteilen kann."
"Die Wahrheit? Wie kann das die Wahrheit sein?", stieß Philly hervor. Es war ihr anzusehen, dass sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Hier wurde gerade ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt, alle Erinnerungen verdreht, die sie von ihrer Arbeit hatte. Sie sah den Mann im Drehstuhl an, der ihrem ermordeten Chef so ähnlich sah.
Er streckte ihr eine Hand entgegen. "Gestatten: Harold Stone-Picker. Bis vor zwei Wochen leitender Geschäftsführer von Atoz."
Sie ignorierte seine Geste, starrte ihn nur weiter an. "Das ergibt keinen Sinn. Sie können die Firma nicht geleitet haben! Irgendjemand muss doch gemerkt haben, dass Sie nicht Bill sind!"
Stone-Picker ließ die Hand sinken. "Ach, wirklich? Und was ist mit Ihnen, liebe Philly? Haben Sie denn auch nur einen Moment lang Verdacht geschöpft?"
Sie schluckte hörbar. " . . . nein, niemals."
Ein triumphierendes Lächeln zeigte sich auf Stone-Pickers Gesicht. "Tja, sehen Sie. Es war eigentlich auch ganz einfach. Bill hat sowieso die meiste Zeit in seiner Hütte im Garten verbracht. Da normalerweise niemand dort hinein durfte, ist es keinem aufgefallen, wenn ich zur selben Zeit in der Stadt gearbeitet habe."
"Aber . . . aber warum das alles?", versuchte Philly, einen Sinn in der ganzen Sache zu finden.
"Bill war ein Genie, aber als Geschäftsmann eine Katastophe", erklärte Stone-Picker. "Er hatte nicht das geringste Gespür für Geld. Das war mein Metier, daher habe ich ihn an seinen Erfindungen basteln lassen, um die Firma leiten zu können."
"Das verstehe ich nicht", meldete sich Maya zu Wort. "Warum dieses Versteckspiel? Wieso durfte keiner erfahren, dass sie Zwillingsbrüder sind?"
Stone-Picker lehnte sich im Stuhl zurück, verschränkte die Hände auf dem Bauch. "Das hat vor allem finanzielle Gründe. Vor fünfzehn Jahren hatte ich den Fehler gemacht, die Spürhunde des Finanzamtes zu unterschätzen. Sie fanden heraus, dass ich ihnen eine gewisse Summe schuldig geblieben bin. Da ich das Geld bereits wieder investiert hatte, gab es kurzfristig keine Möglichkeit für mich, es zurückzuzahlen. Mir drohte ein längerer Aufenthalt hinter Gittern."
Er zuckte mit den Schultern. "Nun, das war natürlich nicht gerade eine angenehme Vorstellung. Da kam mir der Zufall zu Hilfe, in Form einer einsamen, steilen Küstenstraße. Bill und ich hatten gerade in San Diego über den Ankauf einer Ballonfabrik verhandelt. Es war sehr spät geworden, wir kamen erst nach Mitternacht von dort weg. Das Wetter war furchtbar, es regnete in Strömen. Wir waren etwa dreißig Meilen weit von der Stadt entfernt, als uns plötzlich ein Lastwagen auf unserer Fahrbahnseite entgegenkam. Ich riss das Steuer herum, wir kamen von der Straße ab, der Wagen überschlug sich und krachte die Uferböschung herunter."
Athena hob eine Augenbraue. "Im Autopsiebericht von Bill Stone-Picker wurden mehrere große Narben auf seiner Schulter erwähnt!"
"Gut aufgepasst, Miss Cykes, ich gratuliere. Ja, Bill hatte es schwer erwischt. Er blutete ziemlich stark und hatte das Bewusstsein verloren. Das Auto stand in Flammen, es war nur noch ein Wrack. Mir war wunderbarerweise nicht viel passiert, ich hatte nur ein paar Beulen und blaue Flecken. Irgendwie war ich aus dem Wagen geschleudert worden, hockte jetzt außer Sichtweite des Lastwagenfahrers, der oben an der Klippe stand und die Polizei informierte. Sie kamen etwa zehn Minuten später an, und ich achtete darauf, dass sie mich nicht entdeckten. Denn zu der Zeit hatte ich bereits einen Plan gefasst, wie ich dem Gefängnis entkommen könnte . . ."
"Sie haben ihren eigenen Tod vorgetäuscht", vermutete Phoenix.
"Richtig, Mister Wright. Die ganze Welt sollte glauben, dass ich ins Meer gestürzt bin und irgendwo im Pazifik mein Grab gefunden habe."
"Und ihr Bruder wusste nichts davon?", fragte Athena wütend. "Wie konnten Sie ihm das antun?"
"Nun, es schien mir einfach nicht ratsam. Zuerst musste ich alles regeln, um mein neues Leben anzufangen. Ich tauchte in San Diego unter, mietete mich unter falschen Namen ein.  Aber nachdem ich drei Monate später offiziell für tot erklärt wurde, reiste ich zurück nach L. A. und traf mich heimlich mit Bill."
Er neigte leicht den Kopf, wie bei einer angenehmen Erinnerung. "Ja, die Wiedersehensfreude war sehr groß beim guten Bill, doch ich machte ihm klar, dass niemand wissen durfte, dass ich noch lebe. Mein lieber Bruder hat mich dann in allem unterstützt . . ."
"Das ist . . . einfach unglaublich", platzte es aus Philly heraus. "Sie mießes Schwein! Sie haben ihn ausgenutzt!"
Stone-Pickers Gesicht wurde hart. "Keine Beleidigungen, ja? So etwas höre ich gar nicht gerne."
Er gab Clay Ditch ein Zeichen, der sofort seine Pistole in Phillys Rücken stieß. "Sei still", befahl er
mit rauer Stimme.
Athena horchte auf. Ditch war viel nervöser, als es den Anschein hatte. Vielleicht konnte sie das zu ihrem Vorteil nutzen? Sie durfte nur kein unnötiges Risiko eingehen, ein Schuss aus so kurzer Distanz war praktisch immer tödlich. Vor allem kam es auf den richtigen Zeitpunkt an . . .
Stone-Picker richtete sich in seinem Stuhl auf. "Und nun, da ich ihnen allen meine Lebensgeschichte erzählt habe - da sollten wir nun endlich zum geschäftlichen Teil kommen."
"Was verlangen Sie von uns?", fragte Phoenix.
"Ich dachte eigentlich, dass ich genaue Anweisungen gegeben habe", sagte Stone-Picker ungeduldig.
"SIE waren der Anrufer?", erkannte Maya erstaunt. "SIE haben Nick das ganze Geld überwiesen?"
"Natürlich. Auch wenn ich keinen Zugriff auf das Firmenvermögen mehr habe, stehen mir doch sehr ansehnliche Summen zur Verfügung."
Er zeigte auf Ditch. "Genug, um mir die Loyalität einiger hilfreicher Personen zu sichern."
"Und wir sollen also auch auf ihre Gehaltsliste kommen", stellte Phoenix fest.
"Wie schön sie das ausgedrückt haben", lobte Stone-Picker. "Ja, wer auf meiner Seite steht, der wird seinen gerechten Anteil bekommen."
Athena sah zu Ditch, der bei diesen Worten mermals nickte. Er hatte seine Waffe immer noch auf Philly gerichtet. Irgendwie musste sie ihn von ihr ablenken. Sie atmete tief ein und aus, hoffte, dass sie die richtigen Worte fand.
"Das muss sich für Sie ja enorm lohnen", sprach sie ihn an. "Immerhin besser, als in der Wüste nach einem Schatz zu graben. Die Hitze, der Sand - alles ziemlich unangenehm, nicht wahr?"
Ditch sah sie irritiert an. "Die Sache hat sich erledigt. Es gibt dort überhaupt keinen Schatz."
"Das ganze war nur ein Hirngespinst, von dem ich ihn zum Glück abbringen konnte", stellte Stone-Picker klar. "Zumal er sowieso nichts gefunden hätte."
"Da wäre ich mir nicht so sicher", erwiderte Athena.
Stone-Picker runzelte die Stirn. "Was soll das heißen?"
"Auf dem Gelände bei der Kirche lebt eine seltene Art von Pfeifhasen. Manuela d'Indole hatte sogar einen davon bei ihrer Zeugenaussage dabei."
"Na und? Was interessieren mich diese Viecher?"
"Oh, für ihre Pläne sind sie weitgehend uninteressant, aber was Mister Ditch angeht . . ."
Ditch, der unruhig zwischen Athena und Stone-Picker hin und her sah, runzelte die Stirn. "Warum? Ich verstehe nicht?"
Athena blickte kurz zu Phoenix, nickte kaum merkbar in Richtung Maya und Will. Er verstand sofort, nickte ebenso unauffällig. "Sehen Sie, bei meinen Nachforschungen bin ich auch mit einem dieser Pfeifhasen in Kontakt gekommen. Dabei konnte ich sein Fell berühren, das diese erstaunliche gelbe Farbe hat. Und wissen Sie was?"
Jetzt sah sie Ditch direkt in die Augen. "Als ich meine Hand wegzog, war die Farbe auch an meinen Handschuhen."
Sie hielt ihm ihre Finger unter die Nase, die im Licht der Schreibtischlampe golden glänzten.
"Die Pfeifhasen haben deshalb ein goldenes Fell, da sie ihren Bau in den verschütteten Katakomben angelegt haben, in denen sich der Schatz der Kirche befindet!"
Ditchs Augen traten beinah aus den Höhlen, als er die goldüberzogenen Finger betrachtete. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, klappte ihn mehrmals auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ohne den Blick von Athenas Hand zu lassen, drehte er den Kopf in Richtung Stone-Picker. "Was . . . was soll das? Sie haben mir versichert, dass es dort nichts zu holen gibt! Warum haben Sie mich angelogen?"
"Ich habe nicht gelogen", fuhr ihn Stone-Picker an. "Ditch, seien Sie kein Idiot! Wenn mein Plan aufgeht, dann kriegen Sie viel mehr als dieser Schatz überhaupt wert sein kann! Ich brauche nur den Apparat und die Pläne!"
"Die Pläne sind nutzlos", sagte Athena. "Sie sind unvollständig."
"Und wenn schon! Mit dem Prototyp zusammen kann man alles genau rekonstruieren!"
Athena schüttelte den Kopf. "Der Apparat ist zerstört worden."
"WAS?" Stone-Picker sprang auf. "Sie lügen!"
"Nein, es stimmt", kam ihr Phoenix zur Hilfe. "Ein Mann names Abel hat versucht, ihn an sich zu bringen. Es kam zu einem Kampf, bei dem das Gerät völlig demoliert wurde."
Auf der Stirn von Stone-Picker perlten große Schweißtropfen. "Gah! Das . . . das kann nicht sein!"
"Soll das heißen, es war alles UMSONST?", kreischte Ditch wütend.  "Zwei Wochen lang habe ich in der Wüste in dieser Bruthitze geschuftet, immer in diesem ätzenden Schutzanzug. Und das nur, weil ich Ihnen geglaubt habe, dass wir es schaffen werden, diese verdammte Anlage zum Laufen zu bringen!"
"Das hätte nur funktioniert, wenn wir die richtigen Antennenform gewusst hätten", blaffte ihn Stone-Picker an. "Verdammt, wir hätten es beinah geschafft!"
"Und jetzt haben wir GAR NICHTS!", brüllte Ditch. Mit rotem Kopf stieß er Philly zur Seite, zielte mit der Pistole auf Stone-Picker. "Alles nur Ihre Schuld!"
Mit einem Satz war Athena bei ihm, packte seinen Arm, zog ihn blitzschnell über ihre Schulter und schleuderte Ditch quer durchs Zimmer. Er knallte gegen die Wand, ließ die Pistole fallen und krümmte sich auf dem Boden zusammen.
"KEINE BEWEGUNG!"
Athena fuhr herum zu Stone-Picker, der plötzlich einen kleinen, goldenen Revolver in der Hand hielt. Sein Gesicht war vor Zorn verzerrt, als er den Lauf der Waffe auf sie richtete.
Ein Knall, ein Blitz, dann herrschte Stille.


+++
Showdown!
Tja, wie werden unsere Helden diese Situation überstehen?
Die Antwort gibt es im letzten Kapitel, dass am Sonntag erscheint!
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