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A mechanical human heart

von Lovelle
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16
Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
17.04.2019
27.07.2020
7
13.559
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02.07.2019 2.385
 
Kapitel 2

Wieder einmal zogen die Wochen ins Land und kein einziger Tag war vergangen, an dem ich nicht an das Ganze denken musste. Ich schleppte mich zur Arbeit immer mit dem Hintergedanken, dass ich ihn vielleicht wieder sehen konnte. Viel hatte sich seither verändert. Ich hatte angefangen normal zu essen und gab mir große Mühe mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Seine Worte, ich müsse mehr auf mich achten, hatten sich in meinen Kopf eingebrannt. Auch hier stellte sich mir die Frage, wie er es gemeint hatte. War das einfach nur das Resultat seiner Analyse? Ich war generell verwirrt, dass er solche Dinge machte wie sich anbieten etwas zu kochen, Tee zuzubereiten oder  mich zuzudecken, denn ich hatte mich genauer über sein Modell informiert.

Eigentlich waren diese Funktionen nicht standartmäßig einprogrammiert sprich, dass er es nicht von selbst tun würde. Kopfschüttelnd, um endlich mit den Gedanken bei der Arbeit zu sein, saß ich an meinem Schreibtisch. Für heute war Sturm angesagt – die dunklen Wolken, die sich bereits über den Himmel zogen, verhießen nichts Gutes. Ich streckte mich und drehte mich einmal auf meinem Schreibtischstuhl. Nur wenige Leute waren noch so spät im Büro. Alle waren sie nach Hause zu ihren Familien gefahren. Nur ein paar seltsame Gestalten zu denen ich mich zählte, waren so verrückt und arbeitete bis spät in die Nacht. Aber was hatte ich auch anderes zu tun.

Erneut versank ich in Gedanken bis mich je das Klingeln meines Handys aus meiner Starre riss. Ich griff danach und war verwundert, als ich die Nummer nicht erkannte. Wer wollte so spät noch etwas von mir? Vorsichtig drückte ich auf den grünen Knopf und hielt es mir ans Ohr.

„Hallo? Wer spricht da?“

„Guten Tag, spreche ich mit Nala Thompson?“

„Am Apparat? Mit wem spreche ich?“ Meine Hände fingen an zu zittern. Ich hatte eine Vorahnung, dass etwas nicht stimmte.

„Hier spricht Officer Morgan. Misses Thompson, ich hätte etwas persönliches mit Ihnen zu besprechen. Wäre es möglich, dass Sie mich in einer Stunde im Eden Club treffen?“ Mit weit aufgerissenen Augen saß ich da.

„Ich…also…n…natürlich. Aber…sagten Sie gerade Eden Club? Das ist das Bordell.“

„Richtig. Alles Weitere dann persönlich. Auf Wiederhören.“

„Aber ich…“, doch er hatte bereits aufgelegt. Völlig perplex legte ich mein Handy zurück auf den Tisch. In meinem Magen hatte sich ein Knoten gebildet und mich überkam eine leichte Panik. Was würde mich erwarten? Hatte mich gerade wirklich ein Officer angerufen? Siedend heiß fiel mir ein, dass ich meine Eltern anrufen sollte, um zu fragen, ob alles in Ordnung war. Eilig wählte ich die Nummer und hörte kurze Momente später die gewohnte Stimme meiner Mutter.

„Hallo Schätzchen, wie geht es dir? Wir haben dich so lange nicht mehr gesehen. Kommt uns doch mal wieder besuchen.“ Tränen der Erleichterung und des Schmerzes schossen mir direkt in die Augen. Zum einen wusste ich, dass mit meinen Eltern alles in Ordnung war, zum Anderen hatte ich es bisher nicht übers Herz gebracht ihnen etwas von der Trennung zu erzählen. Zum Glück wohnten sie nicht in Detroit sondern eine Stunde entfernt, weswegen sie meinen Zustand noch nicht gesehen hatten.

„Ja, alles bestens. Was macht Dad?“

„Ach, der schläft neben mir auf dem Sofa. Es freut mich sehr von dir zu hören. Ich muss jetzt auflegen. Ich will deinen Vater nicht wecken. Pass auf dich auf!“

„Ja Mom, das werde ich. Bis dann!“ Ich legte auf und atmete schwer aus. Es ging ihnen gut, aber wen hatte der Officer dann gemeint? Ich hatte doch sonst niemanden mehr. Mein Blick wanderte hinaus in die tiefe Nacht, die Sturmböen bogen bereits die Bäume und Platzregen hatte eingesetzt. Ich musste mich auf den Weg machen, dass ich es rechtzeitig schaffen würde, denn das Bordell lag auf der anderen Seite der Stadt.

Ich packte meine Tasche und eilte wenige Minuten später zum Aufzug, der mich hinunter zur Straße brachte. So schnell mich meine Beine tragen konnten, eilte ich zur Bushaltestelle. Eigentlich hätte ich mir ohne Probleme ein Auto finanzieren können, aber die Straßen waren so voll, dass es länger dauerte, als wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr. Der Wind peitschte mir die lockigen blonden Haare ins Gesicht, doch es war mir egal. Früher hatte ich sehr auf mein Aussehen geachtet und war darauf bedacht, was andere Menschen von mir hielten.

Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum Hank so reagiert hatte, als er mich sah. Ich wirkte scheinbar immer noch genauso auf andere, aber ich fühlte mich nicht mehr so. Auf eine gewisse Art hat es mir die Augen geöffnet, dass es auf mehr ankam, als Äußerlichkeiten. Der Bus kam angefahren und als ich einstieg sah ich, dass ich die Einzige war. Zitternd von der Kälte ließ ich mich im hinteren Teil nieder und fokussierte mich darauf, was mich gleich erwarten würde. Haltestellen zogen an mir vorbei als ich endlich am Ziel ankam, aufsprang und in den Hinterhof eines Gebäudekomplexes eilte.

Als ich noch jünger war, war meine alte Wohnung nicht weit von hier entfernt, weswegen ich genau wusste, wo ich hingehen musste. Triefend schloss ich die Tür hinter mir und kam in einem Auflauf von Polizisten zum Stehen. Überfragt suchte ich den Raum ab. Es war das erste Mal für mich, dass ich mich an so einem Ort aufhielt.

Zudem war dies nicht ein normales Bordell, sondern eines, in dem Androiden arbeiteten. An jeder Wand tanzten sie halb nackt hinter Glasscheiben und über eine Schaltfläche an der Seite konnte man sie auswählen und bezahlen. Ich fühlte mich sehr unwohl, denn es schien, als wäre der Anruf kein Scherz, sondern, dass tatsächlich etwas vorgefallen war. Einige Minuten vergingen, in denen ich unbeachtet rumstand, bis ein Officer auf mich zukam und mir die Hand schüttelte.

„Misses Thompson, richtig?“ Ich nickte nur und blickte ihn erwartend an. „Kommen Sie bitte mit mir in den hinteren Teil.“ Er wies mich an ihm zu folgen, was ich tonlos tat. Türen öffneten und schlossen sich, doch bevor ich in den letzten Raum treten konnte, blieb der Officer stehen und drehte sich zu mir um.

„Warum ich Sie gebeten hatte hierherzukommen hat folgenden Grund: Es tut mir leid  Ihnen mitzuteilen, dass ihr Mann ermordet wurde. Wir wurden vor wenigen Stunden darüber in Kenntnis gesetzt und ermitteln seither den Tathergang. Für alle Formalitäten würde ich Sie bitten, den Toten zu identifizieren. Fühlen Sie sich dazu bereit?“ Ich musste mich verhört haben. Das alles musste ein Scherz sein. Mein Ex-Mann sollte ermordet worden sein? Wir waren leider noch nicht geschieden wegen des Trennungsjahres, weswegen ich in den Akten immer noch als Kontaktperson vermerkt war.

Das war wahrscheinlich der Grund, warum sie mich anriefen. Obwohl ich so sehr von ihm verletzt wurde, war ich völlig geschockt über diese Kenntnis. So viele Fragen kreisten mir durch den Kopf: Wer hat ihn ermordet? Was machte er hier? Warum wurde er ermordet? Tränen schossen mir in die Augen, denn obwohl ich jegliche Gefühle ihm gegenüber verloren hatte, war somit auch ein Teil meiner Vergangenheit gänzlich gestorben. Mir war einfach alles zu viel und die gesamte Situation überforderte mich.

„Misses Thompson, setzten Sie sich. Ich werde Ihnen ein Glas Wasser holen.“ Doch ich reagierte überhaupt nicht auf seine Worte. Starr blickte ich auf das Bild, das sich vor mir auftat, als er einen Schritt zur Seite gemacht hatte. Neil saß zusammengesackt da, die Würgemale blutunterlaufen, die starren Augen mit geplatzten Adern durchzogen, der Mund aufgerissen. Es war ein scheußlicher Anblick und je länger ich hinschaute, desto schlechter wurde mir.

Ich sackte auf dem Boden zusammen und Tränen liefen mir die Wange hinab. Mein Verstand war nicht im Stande das alles hier zu verarbeiten. Immer heftiger schlug mein Herz und mein Atem wurde unregelmäßig. Ich steigerte mich immer mehr hinein, dass wenig zu einer Panikattacke fehlte. Der Officer war neben mir zum Stehen gekommen. Ich konnte sehen, wie sein Mund sich bewegte, aber seine Worte erreichten mich nicht. Auch das Glas Wasser, das er direkt vor mich hielt, ignorierte ich.

Wieso passierten mir so viele schlimme Dinge? Neil war tot – ermordet in einem Bordell. War er ein Freier? Nein, das konnte nicht sein. Er hatte mich doch verlassen, um sich jemand anderen zu suchen für eine Familiengründung. Was wollte er dann hier? Wieso wurde er erwürgt? Hatte er Geldprobleme? Ärger mit jemandem? Was war hier nur vorgefallen? Nach weiteren Minuten, die mir vorkamen wie eine Ewigkeit richtete ich meinen Kopf nach oben und konnte in der hinteren Ecke zwei Gestalten erkennen, die zuvor noch nicht dort waren.

„Misses Thompson? Können Sie mich hören?“ Langsam stellten meine Augen wieder scharf und ich griff mit zittriger Hand nach dem Glas Wasser, das ich mit einem Zug leerte.

„Vielen Dank!“ Ich reichte ihm das Glas, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und stand langsam auf. Ein erneuter Würgereiz durchströmte meinen Körper, als ich nochmals zu Neil blickte, doch jetzt erkannte ich auch, wer dort hinten stand: Hank und Connor. Mit schnellen Schritten rannte ich auf sie zu.

„Lana!“, sagte Connor umgehend in einem Ton, den ich nicht definieren konnte. Er war weder kühl noch voller Emotionen.

„Connor, was ist hier geschehen?“ Ich schluckte den Kloß meinen Hals hinunter und räusperte mich.

„Wir wurden hierher zitiert, da es wieder einen Angriff eines Abweichlers gab. Dieser Mensch hatte zuvor eine Androidin zerstört, da sie sich widersetzt hatte und wurde daraufhin von einer anderen Androidin erwürgt. Wie ich sehe, kanntest du diesen Mann?“ Wieder liefen mir Tränen die Wange hinab, aber nicht vor Trauer, sondern Schock darüber, was ich gerade gehört hatte.

„Er…er war mein Ex-Mann…Wir…wir haben uns vor einigen Monaten getrennt. Seither hatten wir keinen Kontakt mehr.“ Ich schaute ihm direkt in die Augen. Aus irgendeinem Grund gab es mir Halt – es beruhigte mich.

„Kann mich jemand aufklären, was diese Intimität hier soll?“ Hank hatte sich eingeschalten und wirkte sehr verstimmt. Ich drehte mich zu ihm um. Es fühlte sich seltsam an mit ihm zu sprechen nachdem, was vorgefallen war.

„Erinnern Sie sich nicht mehr an die Nacht in der Bar?“

„Doch, Connor hat mir ausführlich Protokoll darüber gegeben, was passiert ist. Das erklärt jedoch nicht, was dieses Freundschaftliche Getue soll.“ Grimmig verschränkte er die Arme vor der Brust. Nun wurde es mir auch zu bunt. Was spielte das hier gerade für eine Rolle, wie ich mich mit Connor unterhielt?

„Ich glaube, wir haben momentan mehr Probleme als das hier, meinen Sie nicht?“, giftete ich. Hank grummelte, bevor er erneut das Wort ergriff.

„Nein, denn all das hier…“, er machte eine Handbewegung, die uns zeigte, dass er die gesamte Umgebung meinte, „ gehört zu dieser Scheiße, in der wir uns befinden. Androiden, ha, das ich nicht lache. Sie sind friedlich, sie tuen niemandem was, sie sind perfekt und fehlerfrei! Ich könnte kotzen, wenn ich die Werbung höre.“ Nun platzte mir jedoch der Kragen.

„Nun hören Sie mir mal genau zu. Mein Ex-Mann wurde erwürgt nachdem er einen Androiden mutwillig zerstört hat. Ich glaube ihre Fehlersuche bezieht sich hier in die falsche Richtung.“

„Wollen Sie mir damit sagen, dass sie diese Maschinen in Schutz nehmen? Sie haben keine Gefühle und genau das ist das Problem.“

„Und Menschen werden nicht zu Mördern? Merken Sie noch etwas? Es kam zu dieser Auseinandersetzung, nachdem zuvor Gewalt gegen die Androidin von ihm ausging, nicht anders herum.“

„Warum nehmen Sie sie so in Schutz? Ihr Mann wurde ermordet!“

„Ex-Mann!“

„Das ist egal. Fakt ist, dass wegen der Hand eines Androiden ein Mensch gestorben ist.“

„Sie haben doch keine Ahnung wie egal mir dieser Mensch ist. Sie wissen nicht, was er mir angetan hat. Und falls Sie es genau wissen wollen, warum Connor und ich so miteinander reden? In der Nacht, als ich sie in mein Haus gelassen habe, war er da und hat sich um mich gekümmert. Er war menschlicher als die Meisten – er war einfach für mich da ohne Wenn und Aber. Und was machen Sie? Anstatt sich um die wirklichen Fakten zu kümmern schüren Sie nur weiter Unmut bei dem Thema, das die Medien bereits zerrissen haben.“ Ich drehte mich um und lief mit schnellen Schritten aus dem Bordell. Den Rufen des Officers, ob er es nun war oder nicht und ob ich für ein Verhör zur Verfügung stand, antwortete ich einmal mit ja und einmal mit nein. Es war finstere Nacht, als ich an die frische Luft trat. Wieso musste alles nur noch komplizierter werden? Wieso hatte mich das alles jetzt so aufgewühlt, dass ich nicht mehr vernünftig denken konnte?

„Fuck“, schrie ich laut in den Himmel und riss mir vor Wut einige Haare aus, als ich vor Verzweiflung durch meine Haare fuhr.

„Lana?“ Als ich diese Stimme hörte, drehte ich mich blitzartig um.

„Connor?“

„Hank hat mich geschickt, um nach dir zu schauen wegen des Verhörs.“

„Du kannst ihm sagen, dass es kein Verhör geben wird! Ich bin raus.“ Wieder sagte er nichts, womit ich jedoch in diesem Moment nicht umgehen konnte. „Tut mir leid, Connor!“ Mit diesen Worten drehte ich mich um und war schon fast aus dem Hinterhof draußen, als er mich am Handgelenk packte. Völlig überrascht blickte ich ihn an.

„Lana, ich…Würdest du bitte zumindest mit mir sprechen? Es ist wichtig, für die Ermittlung.“ Für ein paar Momente blieb ich stehen und tat nichts. Der Regen prasselte auf uns herab und durchweichte unsere Kleidung. Ich fing sichtlich an zu zittern, nicht nur, wegen des Regens, sondern weil ich komplett mit der Situation fertig war. Connor blickte mich unaufhörlich an und obwohl ich einfach nur davonrennen wollte, war ich erneut bewegungsunfähig. Der Regen lief mir das Gesicht hinab und verwischte so meine Tränen. „Lana? Du frierst. Wir sollten aus dem Regen gehen!“ Wiedermals war ich geschockt darüber, wie er mich behandelte. Wieso das Ganze? Ein erneuter Schauer lief mir den Rücken hinab, weswegen ich ihm mit einem Nicken zustimmte. Er wies mit einer Handbewegung an, dass ich doch wieder hineingehen sollte, doch ich würde auf gar keinen Fall nochmals einen Schritt in das Gebäude setzten.

„Nein, da gehe ich nicht mehr rein. Wenn wir reden wollen, dann wo anders!“ Ich sah, wie Connor für einen Moment nichts tat, bevor er mir antwortete.

„Wie wäre es mit dem Café Nuit einen Block weiter?“

„In Ordnung.“ Ohne mich noch einmal umzudrehen, gingen wir schweigend die Straße entlang und betraten wenig später den kleinen Raum.
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