Sillage

von Shiv
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Caesar A. Zeppeli Joseph Joestar Stands Suzi Q
15.04.2019
15.04.2019
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Sillage




Ein Geräusch, sich langsam nähernd, schleppend, aber dennoch alles durchdringend.
In den ersten Sekunden wusste er nicht einmal, was dieses Geräusch eigentlich verursachte. Es klang befremdlich und eigenartig, bis er endlich realisierte, dass dieses Geräusch vom Telefon stammte. Leicht runzelte er die Stirn, gab ein genervtes, tiefes Brummen von sich und öffnete für einen Moment die Augen. Draußen war es noch dunkel und wann…
Wann hatte er sich überhaupt schlafen gelegt?
Er wusste es nicht mehr. Es war beinahe als würde ihm der Weg bis zum Bett einfach vollkommen fehlen, auch wenn dies noch immer nichts bedeuten musste. Immerhin konnte man sich auch nie an den Beginn eines Traumes erinnern, wann genau er angefangen hatte. Doch ein schneller, flüchtiger Blick zur Seite verriet Joseph wenigstens schon einmal, das Suzi noch immer neben ihm lag, auch wenn er den Blick gleich wieder abwendete. Das fahle, bläuliche Mondlicht hatte den Raum eingenommen und in diesem Licht, mit dem wirren Pony und dem Gesicht halb in den Kissen vergraben, mit geschlossenen Augen sah sie ihm beinahe ähnlich. Auch dies war ein weiterer Grund, nicht so lang hinzusehen. Es schmerzte bereits wieder. Die Tage, welche zwischen all der Zeit bereits ins Land gezogen waren, spielten für das Ziehen in seiner Brust keine Rolle. Es war ein Mythos, dass Zeit alle Wunden heilte, denn…
Wie viel Zeit sollte noch vergehen?
Waren fast dreißig Jahre nicht genug, um wenigstens eine Linderung des Schmerzes zu bemerken?

Das Telefon verstummte. Anscheinend hatte der Anrufer aufgegeben, auch wenn Joseph ohnehin nicht verstehen konnte, wer um eine solche Uhrzeit noch bei ihnen durchklingelte. Zwar war er sich nicht sicher, wie spät es war, doch wenn es noch dunkel war, konnte es nicht nach sechs Uhr sein. Alles draußen wirkte als wäre es noch immer mitten in der Nacht. Wahrscheinlich war es das Beste, sich einfach wieder hinzulegen; weiterzuschlafen, auch wenn er sich mehr als nur hellwach fühlte. Dieses Klingeln hatte ihn vollkommen aus der Materie gerissen. Noch nie hatte jemand derart spät bei ihnen angerufen. Nicht einmal Holly rief um eine solche Zeit an, auch wenn der Zeitunterschied zwischen Amerika und Japan derart gravierend war, dass er sie nicht einmal dafür zur Verantwortung gezogen hätte.

Plötzlich zuckte er zusammen. Das Klingeln setzte erneut ein, Suzi neben ihm drehte sich auf die andere Seite, sah im Schlaf so zufrieden aus. Er wollte nicht aufstehen, wollte dieses verdammte Telefon einfach ignorieren, doch er wollte nicht, dass seine Frau aufwachte, dass sie ihn schon wieder beim Wachliegen erwischte. Sie machte sich ohnehin zu viele Sorgen. Die Albträume stoppten nicht, er war unausgeschlafen, musste sich mit all diesen Dingen herumquälen, den unnatürlichen Ereignissen, welche sein Stand auslöste.

Langsam und lustlos erhob sich der Mann aus dem Bett, erschöpft durch die vielen, schlaflosen Nächte, welche er allein in jener Woche schon wieder hinter sich hatte. Anscheinend ging es wieder auf diese Zeit des Jahres zu. Immer wenn jener Tag näher rückte, wurde es schlimmer, dann steigerten sich die erdrückenden Gefühle so stark, dass es selbst für ihn kaum noch tragbar war. All das, was er bereits erlebt hatte, konnte nicht mit dem verglichen werden, was er immer wieder in diesen Nächten erlebte. Nichts konnte wahrlich schlimmer sein. Allmählich begann das Schellen des Telefons schon in seinen Ohren nachzuklingen. Auf eine gewisse Weise ließ es sogar Joseph unwohl fühlen und dies war nicht unbedingt etwas, das man als leicht oder simples Unterfangen bezeichnen konnte. Eigentlich benötigte es so viel mehr, um diesen Mann aus der Ruhe zu bringen, doch dieser einfache Anruf schien das Unmögliche zu vollbringen. Auch wenn dies möglicherweise auch nur daran lag, dass dieser Tag näher rückte.

Mit einer flinken, vielleicht ein wenig zu schnellen Handbewegung riss er das Telefon beinahe von der Gabel herunter und drückte es sich nach kurzem Zögern endlich an das Ohr. Das Gespräch begann für die Person am anderen Ende der Leitung somit mit einem Schnaufen.
„Joseph Joestar.“, meldete er sich.
In seiner Stimme schwang nicht einmal ein Funken Neugier mit, wer sie denn so spät aus dem Bett zu klingeln versuchte.
„Ich hoffe, es gibt einen guten Grund für diesen Anruf.“, fügte er seiner Vorstellung somit auch schon hinzu und nutzte die wenigen Sekunden, in welchen niemand auch nur ein Wort sagte, dazu, in die Leitung zu hören, über die Hintergrundgeräusche zu sinnieren, doch…
Er hörte keine. Es war einfach nur still, bis ein leises Lachen ertönte, welches ihm noch im gleichen Atemzug einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und seine Hand über seinen Hals wandern ließ.
„Also, mir war ja deutlich bewusst, dass du ungehobelt bist, aber so begrüßt man ganz sicher keinen alten Freund.“
Diese Stimme.

Sein Herz schien einige Takte zu überspringen, damit es gleich im Anschluss beginnen konnte zu rasen. Es schien so stark in seiner Kehle zu schlagen, dass er es förmlich hören konnte. Er bildete sich Dinge ein, so weit musste es schon gekommen sein und dennoch konnte Joseph sich in jenem Moment weder regen, noch eine Antwort formulieren. Sein ganzer Körper bebte unter dem Zittern seiner Hände während er nach Worten rang, die einfach nicht greifbar waren. Tief in seinem Inneren war er sich sicher, dass er sich einfach nur verhört hatte. Die Nacht war schon immer eine merkwürdige Zeit, eine Zeit, in der die Täuschung wohnte, in welcher sich die Schatten tummelten und die Gedanken mehr wogen. Seine Stimme war nur das, was er hören wollte, sie war da, weil er wollte, dass er da war – jeden einzelnen, verdammten Tag in diesen dreißig Jahren. Wenn er ehrlich sein sollte, wollte er auflegen. Ihm war schlecht, sein Magen drehte sich um und er presste sich instinktiv die Hand auf den Mund, während er schwer atmete. Er konnte sich einfach nicht dazu bewegen, den Hörer aufzulegen oder Worte zu formen, beides war nicht mehr möglich.
„JoJo?“
Konnte er sich das wirklich einbilden?

Die Art und Weise, wie er ihn JoJo nannte, es war die gleiche Tonlage, das gleiche gefährlich sanft und beruhigend wirkende Art des Sprechens, welche er selbst in einer ganzen Menschenmasse ohne Zweifel wiedererkannt hätte. Doch zu gleichem Maß war er sich mindestens auch sicher, das all dies nicht möglich sein konnte. All das klang verlockend und viel zu irreal. Er hatte ihn mit seinen eigenen Händen begraben und scheute noch immer keine kosten, um mindestens zwei Mal im Monat nach Italien zu fliegen, nur um Blumen an sein Grab zu legen. Seit dreißig Jahren. Theoretisch war es unmöglich, das er anrufen konnte und doch… Dieses leichte Grinsen, welches in seiner Stimme mit schwang…
Konnte er es sich wirklich einbilden, nachdem er es doch viel zu selten gehört hatte?
Die Erinnerung an die kleinen Details war beinahe verblasst, doch in diesem Moment kehrte alles zurück, wahrscheinlich sogar noch ein wenig intensiver als er es bei dem eigentlichen Erlebnis gespürt hatte. Wenn er ehrlich sein sollte, wollte er es nicht einmal infrage stellen. Joseph wollte regelrecht daran glauben, dass es die Wahrheit war, dass dies die echte Wahrheit war und er dreißig Jahre in einer Lüge und falschen Tatsachen gelebt hatte. Dieser Fakt war durchaus leichter zu verkraften, als der Gedanke, ihn wirklich verloren zu haben.

Für einen Moment hatte er sogar das Gefühl, als würde der altbewährte Geruch wieder in der Luft hängen; diese ganz spezielle Mischung von Seifenlauge und irgendeinem bittersüßen Parfum, welches er noch immer nicht definieren konnte. Eigentlich war es schon fast lächerlich, wie viel Zeit er doch investiert hatte, herauszufinden, was dieser Duft war, doch es war nie das gleiche. Mehrfach war die Duftnote ähnlich, doch im Endeffekt hatte er irgendwann aufgegeben, war sich sicher das einfach diese gewisse Note Angeber fehlte, dieser typische, signifikante Geruch nach Zeppeli.

Als er bemerkte, dass seine Hand sich um den Hörer des Telefons zu verkrampfen begann; das seine Augen brannten, resignierte sein Geist. Wenn er schon genug Schlafmangel erlitten hatte, um zu halluzinieren, dann konnte er auch antworten, konnte wenigstens für sich selbst die geschehenen Dinge abschließen, auch wenn er sich sicher war, dass diese Schuldgefühle nie wieder verschwinden würden. In ganzen dreißig Jahren hatten sie ihn nicht auch nur ein einziges Mal losgelassen.
Wieso also, sollten sie es nach weiterem Überdenken tun?
„Wenn du nicht mit mir reden willst, kann ich auch wieder auflegen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, weißt du.“
Tag?
Den ganzen Tag?
Wie spät war es und warum brachte ihn ausgerechnet das in jenem Moment aus der Fassung?
Augenblicklich begannen seine Augen durch den Raum zu schweifen, nach der einzigen Uhr mit digitaler Anzeige zu suchen, denn jene leuchtenden Ziffern konnte man schlecht übersehen.

3:12 Uhr


In Italien war es grundsätzlich sechs Stunden später als bei ihnen in New York. Was bedeutete, dass es bei Shiza in diesem Augenblick knapp nach neun Uhr war. Seine Worte machten demnach mehr Sinn als Joseph es vermutet hatte und ließen in ihm auch gleich wieder die Frage aufkommen, ob er sich etwas dergleichen wirklich einbilden konnte, wenn er in diesem Moment doch nicht einmal selbst daran gedacht hatte. Zwar war das Unterbewusstsein kein sonderlich fairer Gegner, doch das etwas dergleichen wirklich passierte… Wahrscheinlich konnte er sich die Frage ersparen, wie hoch die Chancen standen, dass etwas dergleichen wirklich passierte und dennoch war es realer als ein Traum. Träume fühlten sich anders an, Träume schmerzten mehr und zeigten ihm grundsätzlich nur das, was er nicht sehen wollte. Träume waren… Schreckliche Erscheinungen. Doch das, was in jenem Moment geschah, war etwas, das er schon seit Jahren wollte, etwas auf das er sinnlos hoffte. Diesen Gefallen würde sein eigener Verstand ihm niemals tun. Dieser war immerhin viel zu sehr damit beschäftigt, ihm immer wieder all das aufzuzeigen, was er falsch gemacht hatte, ihn die Reue jeden Tag spüren zu lassen. Ein leichtes Knacken, eine Verbindungsstörung in der Leitung riss Joseph aus seinen Gedanken, nur um ihn kurz darauffolgend ein Schnaufen hören zu lassen.
Addio, JoJo.“
„Warte!“
Joseph schrie förmlich in den Hörer, zerdrückte ihn beinahe unter der Kraft, welche er aufwendete, um das Zittern zu unterdrücken.

Dieses eine, einzelne Wort hatte den inzwischen Neunundvierzigjährigen mehr ausgelaugt als der Kampf gegen Kars, als all die anderen Auseinandersetzungen, welchen er schon beigewohnt hatte. Er war vollkommen außer Atem und seine Kehle schmerzte. Anhand des rauen Gefühls in seiner Kehle konnte er vermuten, dass er viel zu laut geschrien hatte, was ein erneutes Seufzen von der anderen Seite der Leitung bestätigen ließ. In jenem Moment war er nicht einmal mehr fähig, sich Gedanken darüber zu machen, ob er damit Suzie geweckt hatte. Seine Gedanken fanden für etwas dergleichen keinen Platz mehr, sein Kopf war einfach zu voll, machte in jenem Moment bei so gut wie allem Abstriche, verbannte jegliche Logik vorerst aus seinem Leben. Es war nicht so wichtig wie dieser eine Moment, der möglicherweise Letzte, welcher ihm noch blieb. Diese Möglichkeit auszuschlagen wäre… Einfach nicht das, was sich wirklich in seinem Sinne befand. Es wäre das Nächste, was er auf ewig bereuen würde.
„Mamma mia, dreißig Jahre sind vergangen und du hast dich kein bisschen verändert.“, schnaufte der Zeppeli am anderen Ende der Leitung, doch er lächelte.
Man konnte es deutlich hören, dass er lächelte. Es war unverkennbar, eine Seltenheit – viel zu selten – allein deswegen würde Joseph es wahrscheinlich immer aus seinen Worten heraushören können.
„Shiza… Bist du es wirklich?“
„Wer soll ich denn sonst sein? Du kannst mir nicht erzählen, dass du jetzt schon senil wirst.“, konterte der Blonde gleich.

Ja, wahrscheinlich hätte er wirklich so reagiert. Allein dieser Gedanke sorgte dafür, dass sich dem Joestar ein reumütiges Lächeln auf die Lippen schlich.
„Shiza, es waren dreißig Jahre. Wie…? Wieso…?“
Es war nicht möglich.
Er konnte sich nicht einmal dazu überwinden, die Fragen zu stellen, die ihm in Gedanken herumschwirrten. Auf eine gewisse Weise hatte er das Gefühl, das er etwas auslösen könnte, würde er selbst noch einmal etwas ansprechen, was deutlich besser aufgehoben war, wenn man es totschwieg. Vor allem aber wollte er auch Shiza nicht erinnern, welcher noch immer so klang wie damals. Ihm selbst hörte man diese dreißig vergangenen Jahre an der Stimme an, doch… Nicht bei Shiza.
„Hör‘ auf, Fragen nach dem wie und wieso zu stellen, das bringt uns nicht weiter.“, gab der Zeppeli gleich wieder.
Joseph konnte sich anhand seiner Worte sogar schon beinahe zusammenreimen, dass er dort, am anderen Ende, irgendwo an einem öffentlichen Telefon stehen musste, sich in diesem Moment wahrscheinlich die Hand an die Stirn legte und den Kopf schütteln. Es war beinahe als hätte er es förmlich sehen können, wenn er nur die Augen schloss. Doch diesen Schritt wollte er in jenem Moment nicht gehen. Er wusste nicht, ob er das Risiko eingehen konnte, sein Gesicht in jenem Moment noch einmal so deutlich zu sehen, dass es beinahe greifbar erschien. Erneut hatte er das Gefühl als würde sich seine Kehle zuschnüren. Das schlucken wurde deutlich schwieriger, aber nicht nur durch den Kloß in seinem Hals, sondern auch durch die schmerzhafte Trockenheit.

Leicht strich er noch einmal mit den Fingern darüber, auch wenn er wusste, dass dies nichts nutzte. Er hätte etwas trinken müssen, doch er hatte das Gefühl, würde er seine Augen auch nur einige Zentimeter von dem Telefon entfernen, alles einfach wieder vorbei sein würde. Er würde wieder einfach weg sein und eine Lücke hinterlassen, die sich nicht einmal mit viel Fantasie und den verschiedensten Versuchen schließen ließ. Dieses Mal jedoch, würde sie wahrscheinlich sogar noch größer sein. Er würde noch mehr von ihm mitnehmen, wenn er noch einmal verschwinden sollte. In diesem Moment war das Halten des Hörers allein fast genauso intensiv als würde er die Hand von Shiza halten, selbst wenn das nicht möglich war.
„Ich habe jedes Recht zu fragen, warum du dich erst jetzt meldest.“, sprach der Joestar die Worte absichtlich langsam aus, wollte ihm irgendwie deutlich machen, dass er diese Antwort brauchte.
Sie war in diesem Moment notwendiger als sein Schlaf oder alles andere, an was er sonst noch hätte denken können. Nichts hätte auch nur im Ansatz wichtiger sein können. Er musste die Worte einfach aus dem Mund des Zeppeli selbst hören und dieser hatte bestenfalls auch eine gute Erklärung parat – selbst, wenn er ihm dies wohl niemals entgegengebracht hätte. Nicht in diesem Moment. Vielleicht dann, wenn all die ungesagten Worte endlich gesagt waren, doch wirklich erst dann.

Für einen Moment herrschte nach der Frage das tiefste Schweigen vor, welches Joseph bisher erlebt hatte. Nicht einmal Suzi schwieg ihn nach einer Auseinandersetzung derart lang an. Eigentlich redete sie dann immer besonders viel, um ihm unterschwellig in ihren Worten all die Fehler aufzuweisen, wegen welchen es überhaupt erst zu dem Streit gekommen war, doch er wusste genau, das Shiza stur war – sehr stur; genau wie er selbst. Wahrscheinlich passten sie aus diesem Grund so gut zusammen.
„Du bist verheiratet.“, folgten die Worte nach einer schier endlos erscheinenden Pause, radierten all die Gedanken aus, welche von Vernunft sprachen, davon, dass er ihn selbst begraben hatte und es für ihn einfach nicht möglich war, dies überhaupt zu wissen.
Dennoch klangen die Worte Shizas in jenem Moment beinahe wie ein Vorwurf, als wäre er deswegen… Auf eine gewisse Weise enttäuscht. Doch vor allem in jenem Moment war sich Joseph nicht sicher, ob er vielleicht auch nur wollte, das Shizas Worte sich so anhörten.
Was erwartete er auch?
Natürlich war er verheiratet, musste immerhin den Namen der Familie fortführen und hatte sich gleichzeitig jemanden gesucht, der ihn immer wieder an den Zeppeli erinnerte, eine Frau, die ihn im richtigen Licht, schlafend, immer an ihn erinnern würde und es vor allem deswegen jedes Mal schmerzte. Für immer, um ihn nicht zu vergessen, selbst wenn dies ohnehin unmöglich war.

Er hatte sich ohnehin die ganze Zeit schon durch sein Leben gezogen. Erst hatte Stroheim ihn zu ihm nach Italien geschickt und dann hatte er sich einfach wie ein roter Faden durch sein Leben gezogen. Ohne ihn hätte er seine eigene Mutter niemals kennengelernt, ohne ihn hätte er Kars nicht besiegen können. Es ging im Grunde immer nur um ihn, selbst nachdem er sich für seinen Willen und Weg geopfert hatte. Vergessen hatte er ihn nicht eine Sekunde lang.
„Spielt das in diesem Moment irgendeine Rolle?“
„Ich denke nicht.“
„Wo bist du?“, fragte Joseph im Anschluss beinahe ohne wirklichen Zusammenhang, doch er musste es wissen. Noch am gleichen Tag würde er einen Flug buchen und zu ihm kommen.
Sicher würde Suzi Verständnis haben, hatte immerhin auch Verständnis für die augenscheinlich immer größer werdende Distanz in ihrer Ehe. Sie sagte nicht einmal mehr etwas dazu, das sie seit ihrer Hochzeitsnacht – wie zuvor – nur Rücken an rücken schliefen und Joseph die meisten Nächte ohnehin auf der Couch verbrachte. Trotz allem liebte Suzi ihn und er wusste sie zu schätzen. Sie war eine wundervolle Frau, bei welcher es eigentlich schon beinahe schade war, dass sie sich an ihn verschwendete. Doch auch das spielte in diesem Moment keine Rolle – nicht mehr. Er konnte Shiza am anderen Ende der Leitung atmen hören und das wirkte beruhigender als sämtliche andere Wundermittel, welche Suzi zu kennen schien.
„In Italien, wo denn sonst, JoJo?“

Erneut konnte der Joestar beinahe fühlen, dass der Zeppeli seinen Kopf schüttelte. Doch wenigstens stand es für ihn somit fest; er würde definitiv noch am gleichen Tag einen Flug buchen, auch ein Last-Minute-Ticket, wenn es denn nicht anders möglich war. Im Grunde war es egal, Hauptsache er schaffte es möglichst schnell, nach Italien. Sein Herz schlug viel zu schnell in seiner Brust. Das Adrenalin ließ ihn beinahe schwindlig fühlen. Für einen Moment musste er sich gegen die Wand lehnen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.
„Rom?“
Das Lächeln in der Stimme des Joestar musste in jenem Moment deutlich zu hören sein, bevor er sich mit der freien Hand durch das Haar fuhr. Seine ganze Stirn war verschwitzt, er war überall verschwitzt. Diese ganze Situation hatte ihn vollkommen aus dem Konzept gerissen, alles durcheinandergebracht, was er sich über die Jahre aufgebaut hatte. Die Wände in seinem Kopf waren niedergerissen. Seinen eigenen Herzschlag kontrollierend, bemerkte er nicht einmal, das Shiza am anderen Ende der Leitung zögerte. Er schwieg, die Leitung knackte erneut, doch dieses Mal bemerkte Joseph es nicht.
„Ja, die ganze Zeit schon. JoJo… Ich muss auflegen, glaubst du, du schaffst es?“, nahm Shizas Stimme bei diesen Worten wieder den üblichen, ruhigen und sanften Tonfall an und Joseph ließ es sich nicht nehmen, gleich zu nicken.
„Ich schaffe es so schnell wie möglich und ich werde eine Weile bleiben.“
„Gut… Ich werde dich noch einmal anrufen.“, bestätigte der Zeppeli dann auch schon seine Worte und legte auf.

Das Freizeichen des Telefons wirkte schon beinahe entspannend, auch wenn er das eigentlich nie auf diese Weise gesehen hatte. Es war ein vollkommen anderer Moment, vielleicht war es dann auch möglich, ein Geräusch als vollkommen anders zu empfinden, selbst wenn es sich im ersten Moment komisch anfühlte. Shiza hatte zum Ende ihres Gesprächs immerhin auch ein wenig komisch gewirkt. Wahrscheinlich hatte er einfach nur nicht damit gerechnet, dass er sich selbst nach dreißig Jahren noch immer an seinen Geburtstag erinnerte.
Doch wie sollte er diesen auch vergessen, wenn er jeden einzelnen an seinem Grab verbrachte?

*


„Joestar?“
Suzis helle Stimme erklang bereits kurz nach dem dritten Freizeichen in der Leitung.
„Mama!“, ertönte Hollys Stimme gleich im Gegenzug, „Ich wollte fragen, wie es Papa geht. Ich weiß ja, dass es nicht einmal mehr ein Monat ist… Geht… Es ihm gut?“
Für einen Augenblick zögerte die gebürtige Italienerin, drehte sich um, sah über die Schulter hinweg und beobachtete ihren Mann für einen Augenblick, welcher in einer augenscheinlich sehr unbequemen Position auf dem Sofa lag, die Decke von sich geschoben, das Kissen ebenfalls nur auf dem Boden liegend.
„Heute morgen habe ich das Telefon wieder neben der Gabel gefunden und er hat gestern wieder getrunken, aber ich vermute, dass er es schaffen wird. Immerhin sind das die einzigen Wochen, in denen er trinkt.“, seufzte Suzi leicht, versuchte, dann aber auch schon wieder zu lächeln.
Immerhin lag es noch nicht einmal allzu lang zurück, dass ihre Tochter nach Japan gezogen ist und ihre eigene Mutter wollte sie ganz sicher nicht verunsichern und damit dafür sorgen, dass sie sich vielleicht doch gegen ihr Herz entschied und zurückkam.
„Außerdem bin ich mir sicher, dass er beschützt wird. Er redet zwar all diese komischen Sachen und hört Dinge, die niemand sonst hört, wenn er betrunken ist, aber… Ich weiß, dass es ihm wehtut und deswegen bin ich froh, dass er sich am Morgen nie erinnert. Oh… Warte, ich glaube, er wacht auf.“, lächelte Suzi, welche für einen Augenblick mit der Hand das Mikrofon des Telefonhörers bedeckte, um sich zu ihrem Ehemann umzudrehen und diesem einen guten Morgen zu wünschen.

Als Antwort bekam sie in jenem Moment nicht mehr als ein leichtes Grummeln, während er sich einfach nur die Stirn hielt und sich danach fragend umsah. Wenn er sich richtig erinnerte, dann hatte er sich am Abend eigentlich sogar einmal in das Ehebett gelegt, aber die Erinnerung war derart schwammig, dass er es nicht mehr genau definieren konnte. Nachdem Suzi sich schlafen gelegt hatte, hatte er sich dem Alkohol gewidmet, doch was er danach gemacht hatte… Er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt ins Schlafzimmer gegangen war. Auf dem Tisch stand auf jeden Fall noch die halbleere Flasche mit einer edel aussehenden Etikettierung; italienischer Wein. Dann sah er jedoch endlich zu Suzi auf, bemerkte, dass sie das Telefon in der Hand hielt und wurde von einem doch sehr merkwürdigen Gefühl durchzuckt. Irgendetwas erinnerte ihn an dieser Situation, doch er konnte es einfach nicht ausmachen. In seinen Gedanken ließ sich nichts mehr finden. Alles fühlte sich mehr als irreal an.
„Ist das Holly?“, rang er sich schließlich zum Fragen durch und Suzi nickte.
„Sie lässt fragen, wie es dir geht.“
„Sag ihr, dass es mir gutgeht. Ich habe einfach nur das Gefühl, das ich irgendetwas wichtiges vergessen habe…“, schüttelte er den Kopf und richtete sich langsam auf, bis er es wieder bemerkte.
Da war schon wieder dieses unerklärliche, rankenartige Gewächs an seiner Hand, welches er seit Jahren sehen konnte aber anscheinend sonst niemand bemerkte. Vielleicht war es auch das, was er vergessen hatte, sich endlich einmal darüber zu erkundigen, was dieses schemenhafte Etwas eigentlich war.




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Sillage; das Rückbleiben eines Duftes, auch wenn der Auslöser des Duftes bereits lang verschwunden ist.

Ich habe mir im Übrigen durchaus etwas für die Bedeutung hinter der Geschichte überlegt, lasse euch aber selbst entscheiden, wie ihr sie deuten möchtet. Ich denke mal, da ist noch recht viel Spielraum für Interpretationen und so würde ich es gern auch halten. Interessieren würde mich aber echt mal, auf welche Weise ihr das alles interpretiert. Vielleicht schaffe ich es durch diese Geschichte dann auch endlich einmal, damit abzuschließen, das verfolgt mich jetzt schon seit einigen Jahren. Außerdem will ich schon seit ca. 2017 mal in diesem Fandom veröffentlichen.

Aber genug davon, vielleicht lesen wir uns ja nochmal; ich plane hier noch einige andere Sachen, die hoffentlich nicht so traurig sind.

Eure Shiv :3
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