Eine Frage der Gefühle

von Votis
GeschichteRomanze / P12
OC (Own Character)
14.04.2019
21.04.2019
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14.04.2019 2.007
 
H.B. wusste noch ganz genau, in welchem Moment er sich in Cross verliebt hatte.

Die Regierung NLAs hatte einen neuen Feiertag eingeführt, an welchem die Landung der Menschheit auf dem Planeten Mira gefeiert wurde. Das Fest fand von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht hinein im Geschäftsviertel statt. H.B. hatte sich extra an diesen Tag für mehrere Missionen gemeldet, um eine Vorwand zu haben, weshalb er nicht an der Feier teilnehmen konnte. In Wirklichkeit konnte er mit Festen und Partys nicht viel anfangen und sah sie als reine Verschwendung seiner wertvollen Zeit an. Commander Vandham stellte ihn an jenem Tag jedoch von seiner Arbeit frei, damit möglichst jeder auf der Feier „einen draufmachen konnte“, wie der Kommandant es bezeichnet hatte. H.B. blieb damit keine andere Wahl, als sich auf dem Fest sehen zu lassen, wie man es von einem Elite-BLADE erwartete. Er wollte lediglich kurz vorbeischauen und dann schnellstmöglich in sein Quartier zurückkehren. Doch ehe er sich versah, fand sich H.B. umringt von zahlreichen Verehrerinnen wieder, von denen eine jede hoffte, er würde sie zum Tanzen auffordern. Er war an keiner Beziehung mit einer der Damen interessiert, wollte sie jedoch auch nicht verärgern, indem er sie barsch zurückwies.
In diesem Moment sah er Cross, welche allein unterwegs zu sein schien. Zunächst hatte er seine Rivalin und Kameradin fast nicht erkannt, denn sie trug nicht ihre übliche Rüstung, sondern ein leichtes Sommerkleid. Auch ihr Haar war anders frisiert als wie gewöhnlich.
Irgendwie gelang es H.B. seine Verehrerinnen für einen Moment abzuschütteln und so forderte er Cross zum Tanz auf. Wenn er schon tanzen musste, dann mit jemandem, den er kannte und schätzte. Zudem bevorzugte diese Wahl keine der Damen, welche ihm so hartnäckig folgten. Cross lehnte seine Aufforderung allerdings ab und sagte, dass sie überhaupt nicht tanzen könne, doch da hatte H.B. bereits ihre Hand genommen und sie in Richtung der Tanzfläche geführt. Als er Cross versicherte, dass sie nichts weiter tun müsse, als seiner Führung zu vertrauen, willigte sie schließlich ein.
Die Band spielte eine eher klassische Musik mit einem einprägsamen Rhythmus. Zu Beginn legte Cross noch etwas zaghaft ihre Hand auf H.B.s Schulter, während er seine an ihrer Hüfte platzierte. Doch bereits nach wenigen Takten wirkte es, als haben die beiden schon immer miteinander getanzt. Zunächst überraschte es H.B., wie bereitwillig sich Cross von ihm führen ließ und ihm dabei kein einziges mal auf die Füße trat. Dann aber kam er nicht umher abermals festzustellen, wie schön sie in ihrem Kleid aussah. Diese Seite hatte er bis dahin noch nie von ihr gesehen.
An diesem Tag sah H.B. in Cross nicht die Rivalin, nicht zu zuverlässige Kameradin und auch keine gute Freundin, nein. An diesem Tag sah er in ihr nur eine wunderschöne Frau, von der jeder Mann sich glücklich schätzen konnte, sie an seiner Seite zu haben.
Beim letzten Takt des Liedes schließlich drehte H.B. Cross mit ein wenig zu viel Schwung, sodass sie gegen seine Brust stieß. Ein leichter Rotschimmer legte sich auf ihre Wangen, als sie sich der Nähe zu ihm bewusst wurde.

Vielleicht hatte H.B. Cross damals ja auch bereits schon seit längerem geliebt, aber in jenem Moment waren ihm seine Gefühle zum ersten mal bewusst geworden.
Gleichzeitig war es das erste mal in seinem Leben, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Selbst wenn er Cross liebte, bedeutete dies nicht automatisch, dass er diesem Gefühl auch nachgeben musste. In seinem Bestreben der nächste Kommandant von BLADE zu werden, blieb eigentlich keine Zeit, sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Die Karriere hatte für H.B. schon immer an erster Stelle gestanden. So beschloss er zunächst, seine Gefühle für Cross zu unterdrücken. Fortan mied H.B. sie, so gut er konnte. Missionen absolvierte er entweder allein oder zusammen mit anderen BLADEs außer ihr. Doch je mehr er versuchte, eine Distanz zwischen sich und Cross zu erzeugen, umso schlimmer wurde seine Sehnsucht nach ihr. Immer öfter drifteten seine Gedanken zu ihr und raubten H.B. die Konzentration. Wann immer er Cross im Verwaltungsbezirk sah, wie sie sich mit anderen männlichen BLADEs unterhielt, spürte er eine zuvor unbekannte Wut in sich aufsteigen und er wünschte sich, dass er derjenige wäre, mit dem sie sprach. Um die Effizienz seiner Arbeit nicht zu gefährden, änderte H.B. sein Vorgehen und lud Cross bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit zu Missionen ein. Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt keine Beziehung mit ihr haben wollte, so konnte er sie dennoch in seiner Nähe haben. Wenn Cross sein Verhalten merkwürdig fand, sagte sie zumindest nichts. Allerdings funktionierte auch das nicht lange. Seit dem Tag des Festes war Cross´ Nähe wie eine Droge für H.B. geworden. Je näher er ihr kam, umso mehr wollte er sie bei sich haben. Es kam der Punkt, an dem er sich eingestehen musste, dass es ihm nicht genügte, ein guter Kamerad für sie zu sein. Cross gehörte zur Elite von BLADE, war stark und clever, war durchsetzungsstark und fürsorglich zugleich, und in seinen Augen die wundervollste Frau in ganz NLA. So betrachtet war es überaus logisch, dass H.B. sie an seiner Seite haben wollte. Und da Cross von seinen Karriereplänen wusste, war er überzeugt, mit ihr Beziehung und Karriere unter einen Hut zu bringen.

Doch falls H.B. Cross seine Liebe offenbaren würde, gab es keine Garantie, dass sie seine Gefühle erwiderte. Er benötigte einen Plan, wie ihr schlicht keine andere Möglichkeit blieb, als sich ebenfalls in ihn zu verlieben. Nun verhielt es sich so, dass sie durch ihre gemeinsamen Missionen bereits relativ viel Zeit miteinander verbrachten – allerdings nur auf beruflicher Ebene. Der nächste logische Schritt für H.B. war daher, Cross auch privat näher zu kommen. Er bezweifelte, dass ein ungezwungenes Treffen als einfache Freunde die richtige Maßnahme wäre. Cross war nicht dumm und würde in diesem Fall definitiv dahinter kommen, dass H.B. noch eine andere Intention verfolgte, gleichwohl sie sich nicht sicher sein würde, welche das sein könnte. Nein, H.B. musste deutlich machen, dass er an mehr als Freundschaft zu ihr interessiert war, durfte sie aber gleichzeitig auch nicht überrumpeln, indem er direkt mit der Tür ins Haus fiel. Die Situation erforderte ein subtileres Vorgehen. Am Ende entschied sich H.B. daher für ein klassisches Date.
Schritt zwei seiner Planung war der Frage gewidmet, was sie an ihrem Date unternehmen wollten. H.B. war vertraut mit Cross´ Stärken und Schwächen, mit ihren Vorlieben und Abneigungen sah es dagegen anders aus. Er beobachtete sie während ihrer gemeinsamen Missionen sehr genau, konnte aber nichts Besonderes feststellen. Es schien, als ob Cross ihr Privatleben und ihre Arbeit bei BLADE streng voneinander trennte. Was nebenbei bemerkt eine weitere Eigenschaft war, welche er an ihr schätzte. Dann allerdings ergab sich doch einen Augenblick, welcher H.B. in seiner Planung weiterhalf. Es war bereits Nacht, als er und Cross auf dem Rückweg von einer Mission in Sylvalum waren. Als sie dabei Primordia durchquerten, wanderte Cross´ Blick immer wieder flüchtig gen Himmel. In dieser Nacht gab es eine Aurora, welche am Himmel als ein Band aus blauen und grünen Licht schien. Auch wenn H.B.s Rivalin sich alle Mühe gab es zu verbergen, so war es doch offensichtlich, wie sehr ihr das nächtliche Farbenspiel gefiel. Anhand der Wetterdaten des FrontierNavs war es für einen Pathfinder seines Formates ein Leichtes zu berechnen, wann die nächste Aurora über Primordia erscheinen würde. Und noch viel leichter war es für H.B. einen Ort ausfindig zu machen, an welchem diese gut zu sehen war und gleichzeitig keine gefährlichen einheimischen Kreaturen lebten.
Mittlerweile waren mehrere Wochen ins Land gezogen, aber H.B. war überzeugt, dass seine akkurate Vorbereitung ihm den Weg zu Cross´ Herzen ebnen würde. Zunächst würde er sie ganz traditionell zu einem Abendessen in einem teuren, aber nicht zu formellen Restaurant einladen. Anschließend fuhren sie raus nach Primordia, wo H.B. ihr unter dem Licht der Aurora seine Gefühle offenbaren würde. Natürlich hatte er auch eine einige Alternativen in seine Planung miteinbezogen, um flexibel auf den Verlauf des Dates reagieren zu können. Aber am Ende stand fest, dass Cross gar nicht mehr anders konnte, als seine Gefühle zu erwidern.

Der große Tag war endlich gekommen. Heute würde H.B. Cross endlich um ein Date bitten. Es war früher Nachmittag und die beiden waren gerade von einer Mission nach NLA zurückgekehrt. Es war kein schwieriger Auftrag gewesen und hatte sich binnen kurzer Zeit erledigen lassen. Als Cross sich gerade verabschieden wollte, hielt H.B. sie auf. „Warte noch einen Moment. Es gibt da eine Sache von höchster Wichtigkeit, die ich gern mit dir besprechen würde“, sagte er.
„In Ordnung, worum geht es?“, erwiderte Cross.
„Das kann ich hier nicht sagen“, erklärte H.B., „würdest du mich heute Abend im Geschäftsviertel treffen? Es würde mir wirklich viel bedeuten.“
Cross sah ihn einen Moment lang schweigend an, ehe sie schließlich nickte. „Wenn dir so viel daran liegt.“
Perfekt, der erste Teil von H.B.s Plan hatte funktioniert. „Exzellent! Ich werde dir Ort und Zeit auf dein Comm-Gerät schicken.“

Am Abend wartete H.B. zur verabredeten Zeit im Geschäftsviertel. Dadurch dass er nicht seine gewöhnliche Rüstung trug, sondern ein weißes Hemd zusammen mit schwarzer Hose und Jacke, sahen ihm noch mehr – in erster Linie weibliche – Fans als wie sonst hinterher. Doch all diese Blicke kümmerten ihn diesmal nicht im Geringsten. Heute würde seine gesamte Aufmerksamkeit einzig und allein Cross gelten. Auf die Minute pünktlich erreichte sie den Treffpunkt und grüßte H.B. mit einem freundlichen Lächeln.
Sein Lächeln wiederum verging dem Pathfinder allerdings bei ihrem Anblick. Cross erschien in voller Rüstung, so als ob sie jeden Moment bereit wäre, sich mit einer wilden Kreatur anzulegen! Er hatte nicht erwartet, dass sie ein besonders ausgefallenes Outfit tragen würde, aber zumindest eine Art von Freizeitkleidung wäre für ihre Verabredung weit angemessener gewesen. Alle Varianten, die H.B. vorbereitet hatte, um Cross zu begrüßen, waren mit einem Schlag aus seinem Gedächtnis gewischt.
„Hallo H.B. Ich hoffe, du musstest nicht zu lange warten“, sagte Cross, „also worum geht es denn nun? Von mir aus können wir direkt los.“
Dieser jedoch hatte den Schock noch nicht überwunden. „Einen Augenblick, wovon sprichst du da? Und überhaupt du kannst doch nicht allen Ernstes annehmen, dass eine Frau ihre Arbeitskleidung bei einem Date tragen sollte“, sprach die Enttäuschung aus H.B. Er bereute seine Worte jedoch umgehend. Im Grunde war es doch völlig gleich, welche Kleidung Cross trug, aber das hier hatte ihn einfach komplett überrumpelt.
Cross ihrerseits sah ihn ebenso überfordert an: „Was? Nein, natürlich nicht! Aber wie kommst du jetzt darauf? Wer hat mit wem ein Date?“
H.B. konnte nicht glauben, was er da hörte und verstand allmählich selbst nicht mehr, was hier vor sich ging. „Du und ich, wir beide sind hier und jetzt auf ein Date verabredet“, gab er zu erinnern.
Bei diesen Worten färbte sich Cross´ Gesicht in ein tiefes rot. „Wie bitte? Aber du sagtest doch, dass du mit mir etwas sehr Wichtiges besprechen willst. Ich dachte, du meinst unsere nächste Mission so wie immer“, erwiderte sie und klang dabei ein wenig hilflos.

Jetzt endlich verstand H.B., welchem Missverständnis Cross erlegen war. Sie hatte seine Einladung vollkommen fehlinterpretiert und angenommen, dass er sie auf eine weitere Mission einlud, nicht aber auf ein romantisches Date! Aber hatte er sich wirklich so missverständlich ausgedrückt? Darüber konnte er später nachdenken. Jetzt galt es zu retten, was noch zu retten war! Doch Cross ergriff vor ihm das Wort: „In Ordnung, warte ein paar Minuten. Ich bin gleich wieder da“, sagte sie, machte ohne H.B. anzusehen auf der Stelle kehrt und lief in Richtung Verwaltungsbezirk davon.
H.B. blieb irritiert zurück. Noch ehe er überlegen konnte, ob er Cross aufhalten oder ihr vielleicht folgen sollte, war diese bereits außer Sichtweite. Er hatte keine Ahnung, was sie nun vorhatte, aber wenn sie sagte, dass sie wiederkommen würde, vertraute H.B. ihr. Dadurch hatte er zumindest kurz Zeit herauszufinden, wo in seiner Planung ihm ein Fehler unterlaufen war.
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