Die Ruhe nach dem Sturm

von CherryCat
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
John Sheppard Rodney McKay
14.04.2019
14.04.2019
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Die Ruhe nach dem Sturm

Es war nicht fair und einer winzig kleinen Stimme in Johns Hinterkopf war das auch voll und ganz bewusst. Allerdings war es sehr schwierig, auf diese Stimme zu hören, wenn alles Andere so viel lauter, präsenter, heftiger in ihm tobte.
Menschen waren gestorben. Atlantis hätte zerstört werden können und es hätte nicht viel gefehlt und John hätte Elizabeth verloren; seine Heimat und die erste Person in einer viel zu langen Zeit, die ihm vertraute und an ihn glaubte.
Und er wusste – wenigstens ein bisschen –, dass das niemandes Schuld war außer Kolyas und die der anderen Genii.
Aber gleichzeitig war es schwer, diese Wahrheit vor Augen zu behalten, nachdem es nichts mehr gab, worauf er sich noch konzentrieren konnte. Der Sturm war vorübergezogen, wörtlich wie auch metaphorisch, die Wogen hatten sich geglättet und nun stand John allein vor einer Zimmertür und kämpfte gegen die Wut, die tief in ihm pulsierte und drohte, jeden Moment überzukochen.
Jemand war verantwortlich und Kolya konnte er nicht erreichen. Es gab allerdings noch ein paar andere Personen, die er zumindest dafür verantwortlich machen konnte, dass die Situation nicht früher hatte aufgelöst werden können.
Irgendjemand, ein einziger Mann, an dem er sein Adrenalin loswerden konnte, bevor er darin implodierte.

McKay öffnete die Tür nur wenige Sekunden nach dem Klopfen. Er legte verwirrt den Kopf schief, als er John sah.
„Was verschafft mir diese Ehre, Major?“, fragte er statt einer Begrüßung.
John ließ den Blick über seine Gestalt schweifen. McKay sah immer noch zerzaust aus, blass um die Nase, ein wenig zittrig. Wahrscheinlich war er gerade im Begriff, sich zu erkälten, aber damit bekam er von John kein Mitleid; er war sich sicher, dass auch er vermutlich spätestens morgen vollkommen flachliegen würde, wenn das leise Kribbeln in seinem Rachen ein Indikator war.
„Sheppard?“
Er sah ruckartig wieder zu McKays Gesicht auf. Die Verwirrung war nun noch präsenter und erst jetzt bemerkte John, dass er ihn viel zu lange nur schweigend angestarrt hatte.
„Darf ich reinkommen?“, fragte er. Es würde auch niemandem guttun, dieses Gespräch auf dem Flur zu führen.
Ohne zu zögern, trat McKay einen Schritt zur Seite und ließ ihn ein.

Drinnen herrschte ein Chaos, das John nicht verwunderte. Offensichtlich hatte McKay es sich zur Aufgabe gemacht, alle persönlichen Laptops der ganzen Basis zu reparieren, die in den letzten Wochen zu Schaden gekommen waren. Überall lagen Einzelteile, Kabel, Schraubenzieher, Mikrochips und ähnlicher Kleinkram verstreut, und dazwischen einige Antikergeräte, an denen McKay in seiner Freizeit anscheinend auch noch arbeitete. John traute sich kaum, einen Schritt zu machen, aus Angst, auf irgendein unersetzbares Ding zu treten.
Als er sich zu McKay umdrehte, musterte dieser ihn mit einer Zurückhaltung, die John überraschte.
„Wenn du hier bist, um mir eins auf den Deckel zu geben, weil ich Elizabeth nicht aus der Schusslinie halten konnte, bist du zu spät“, stellte McKay nüchtern fest.
John blinzelte verdutzt. „Was?“
„Du kannst mir nicht mehr Vorwürfe machen als ich mir selbst gemacht habe.“
Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Er war beinahe entrüstet, weil McKay ihm mit diesem Satz die Genugtuung nahm, ihn nun für alles zusammenzufalten, was in den letzten Stunden geschehen war. Vielleicht hatte McKay das geplant, aber das kam ihm eher unwahrscheinlich vor; für einen so durchtriebenen Plan hatte das selbsternannte Genie bis jetzt nicht die sozialen Kompetenzen gezeigt.
„Wenn das also alles war ...“, fuhr McKay fort und warf einen vielsagenden Blick zur Tür.
John straffte die Schultern. „Das war nicht alles“, knurrte er, ohne zu wissen, was er dann noch wollte.
Nachdem er seines gerechten Zorns beraubt worden war, hatte er eigentlich keinen Grund mehr, noch zu bleiben. Aber nun war er schon einmal hier und es musste auch noch andere Dinge geben, die er tun konnte, um seine Anspannung loszuwerden. Wahrscheinlich wäre das sowieso produktiver, bis er die leise zitternde Wut in sich unter Kontrolle bekam.

Sein Blick fiel auf den Verband, den McKay sich nach eigener Aussage selbst angelegt hatte. John wäre davon auch dann ausgegangen, wenn dieser das nicht mit seiner üblichen Mischung aus arrogantem Stolz und Mitleidsheischerei verkündet hätte. Kein Mitglied ihres Medizinerteams wäre auf die Idee gekommen, in Nicht-Krisenzeiten einen Verband über dem Ärmel anzulegen. Es gab viel zu viel Schmutz, zu viele Stofffetzen, zu viel … Alles, das dadurch in die Wunde gepresst werden und letztendlich im Schorf festkleben würde, was es unmöglich machen würde, irgendetwas davon zu lösen, ohne die Wunde erneut aufzureißen.
Nicht zum ersten Mal fragte John sich, wie McKay überhaupt bis jetzt überlebt hatte, obwohl er trotz seines angeblichen Genies manchmal unfassbar dumm sein konnte. Eigentlich sollte seine Hypochondrie ihm dabei doch behilflich sein, doch immer schien das nicht zu funktionieren.

„Herrgott, komm einfach her“, knurrte John, bevor er wusste, was er da tat, und griff in seine Jackentasche. Selbst auf Atlantis und in seiner Freizeit trug er immer Verbandszeug bei sich, für den Fall der Fälle. In Antarktika hatte ihm das das eine oder andere Mal einiges vereinfacht.
McKay blinzelte überrumpelt. „Warum das denn?“
Statt einer verbalen Antwort packte John sein Handgelenk und zog ihn näher, während er den Verband löste und abwickelte.
„Hey!“ McKay wollte den Arm zurückziehen, aber John ließ ihn nicht los und warf ihm nur einen drohenden Blick zu, der ihn augenblicklich einknicken ließ. Jetzt leistete er keinen Widerstand mehr, doch er schien immer noch verwirrt zu sein.
„Wie bist du überhaupt auf diese selten dämliche Idee gekommen?“, fragte John missbilligend.
Es war eine rhetorische Frage, aber McKay zog trotzdem defensiv die Schultern hoch. „Irgendwer musste es tun und Beckett war nicht dazu in der Lage und es gab andere Leute, deren Verletzungen wichtiger waren.“
John zog die Augenbrauen hoch, ohne vom Verband aufzusehen. „Wer zum Beispiel?“
„Du. Elizabeth.“ McKay zuckte unmerklich mit den Schultern. „Beckett selbst. Teyla nach ihrem Kampf gegen Sora.“
„Wie selbstlos“, murmelte John leise in sich hinein. Das war unfair, doch er konnte die Worte trotzdem nicht zurückhalten.
McKay zog ruckartig die Hand zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll das denn heißen, hm? Denkst du, ich bin egoistisch?“
„Willst du mir etwa erzählen, dass du nicht egoistisch bist?“
McKay wich vor ihm zurück. In seinen Augen stand ein Ausdruck, der nach aufrichtigem Schmerz aussah. „Ich bin kein Soldat, klar?“, fauchte er. „Ich bin Wissenschaftler. Ich wurde nicht dazu ausgebildet, Folter auszuhalten und so zu tun als wäre es mir egal, wenn meine Freunde bedroht werden.“ Fast lautlos fügte er hinzu: „Kann ja nicht jeder so suizidal sein wie du.“
John biss die Zähne aufeinander. „Das hat damit überhaupt nichts zu tun!“, fuhr er auf. „Ich dachte, man hätte euch Nerds klargemacht, worum es hier geht. Feindlicher Widerstand war eine Offensichtlichkeit, mit der ihr rechnen musstet.“
McKay starrte ihn nur fassungslos an und warf John damit vollkommen aus der Bahn. Eigentlich war er nun von Geschrei ausgegangen, dem gereizten Hinweis, dass das kein Argument war, weil McKay eben keine Erfahrungen hatte. Der Blick verunsicherte John auf eine Weise, die er niemals hätte zugeben können, weil er sich zu persönlich, zu nah anfühlte.
In Gedanken ging er schnell die letzten Sätze ihres Gesprächs durch, um zu sehen, ob er etwas Falsches gesagt hatte, aber er kam zu keinem offensichtlichen Ergebnis.

In diesem Moment schnaubte McKay leise. „Was wolltest du überhaupt mit einem Wissenschaftler in deinem Team, Mr. Righteously Fearless? Ich bin ein Feigling. Das weiß jeder hier.“
„Blödsinn.“
McKay zog die Augenbrauen hoch.
Wieder stockte John und eine Sekunde lang wusste er nicht, wie er sich erklären sollte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er in diesem Gespräch in die Ecke gedrängt werden könnte, aber McKays Art, zu streiten, war nervenaufreibend und anstrengend und völlig ungewohnt für einen Soldaten.
Doch ihm war klar, dass es hier, in diesem Augenblick, nur die Wahrheit zwischen ihnen geben konnte. Sie waren ein Team und John fühlte sich verantwortlich, ob er wollte oder nicht.
„Ich hätte dich nicht ausgewählt, wenn ich dich für einen Feigling halten würde“, knurrte er widerwillig. „Du hast in den letzten Wochen bewiesen, dass du mutig sein kannst, wenn du willst.“ Deshalb hatte es ihn überhaupt so getroffen, dass McKay dann doch so schnell eingeknickt war.
McKay schnaubte ein weiteres Mal, aber jetzt klang es sogar noch weicher als zuvor. „Oh ja, wenn ich will“, ätzte er. „Ich habe mir natürlich ausgesucht, in einer Situation festzustecken, aus der es logisch betrachtet keinen Ausweg mehr hätte geben dürfen. Ich habe mir ausgesucht, nicht zu wissen, dass du der verdammte Superman bist und Unmögliches vollbringen kannst. Alles meine Schuld.“
In seiner Stimme lag ein Unterton, der John auch den letzten Rest Wind aus den Segeln nahm. Er konnte nicht wütend bleiben, nicht unter diesen Umständen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass technisch gesehen nichts hiervon wirklich McKays Schuld gewesen war, so simpel es auch war, seine Machtlosigkeit an ihm auszulassen. Sich jetzt jedoch so direkt mit McKays eigenen Gefühlen konfrontiert zu sehen, machte es John unmöglich, ihn anzugreifen.

Er atmete tief durch und zwang sich dazu, seine Schultern zu entspannen. „Das meinte ich nicht“, sagte er mit einer Stimme, von der er hoffte, dass sie versöhnlich klang. „Wir lassen unsere Leute nicht zurück. Ich dachte, das würdest du wissen.“
„Ist ein bisschen schwierig, wenn keiner mehr da ist, der mich nicht zurücklassen könnte.“
„Irgendjemand wird immer da sein. Das ist ein Versprechen.“
Einige Sekunden lang musterte McKay ihn nur. Die Unsicherheit sprach ihm aus jeder Pore und John hätte sich am liebsten selbst dafür geschlagen, dass ihm das nicht früher aufgefallen war. Er musste auf sein Team achten, auf jedes Mitglied davon; sich von McKays so offensichtlicher, laut projizierter Selbstsicherheit blenden zu lassen, war ein dummer Fehler.
Schließlich entspannte McKays Haltung sich. „Klar“, murmelte er und obwohl in seiner Stimme leiser Sarkasmus mitschwang, war John sich sicher, dass das nur Selbstschutz war.
Er streckte eine Hand nach McKays Arm aus. „Darf ich dann endlich deinen Verband wechseln?“, wollte er wissen. „Es bringt niemandem was, wenn du dich jetzt erst mal selbst mit einer Blutvergiftung aus dem Verkehr ziehst.“

McKay riss die Augen auf. „Oh Gott, ist das wirklich eine Gefahr?“, fragte er panisch; der Streit schien augenblicklich vergessen zu sein.
Der Wechsel war so abrupt, dass John beinahe ein Schleudertrauma davontrug, aber eigentlich war ihm das auch nur recht. Er konnte nicht gut mit aufrichtiger Offenheit umgehen.
Er nickte ernsthaft. „Was denkst du, warum ich überhaupt hier stehe, hm?“
McKay stieß ihm seinen Arm fast ins Gesicht. „Dann mach schnell! Oder sollte ich nicht doch lieber in die Krankenstation gehen? Vielleicht ist da mittlerweile weniger los und ich bin sowieso Priorität geworden, wenn das echt möglich ist. Ich bin zu wichtig für diese Expedition, die wären doch alle völlig aufgeschmissen, wenn ich ausfalle!“
Jetzt konnte John das Lachen nicht mehr zurückhalten, obwohl er versuchte, es wie ein Husten klingen zu lassen. „Dann gib mir mal deinen Arm, bevor du noch umfällst und auf der Stelle stirbst.“
Trotz seiner Mühe hörte McKay offensichtlich den neckenden Unterton. Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Lass das! Damit ist nicht zu spaßen!“ Als John nur wortlos grinste, fügte er heftiger hinzu: Hör auf! Was ist so lustig?“
„Gar nichts, Rodney. Komm einfach her und lass mich machen.

Ende
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