Bis zum Ende der Welt

GeschichteDrama, Romanze / P18
Faith Seed Jacob Seed John Seed Joseph Seed OC (Own Character) Rookie / Junior Deputy
14.04.2019
11.09.2019
6
20613
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Kapitel 5
Whitetail Mountains


-1-
Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und er hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind.
Psalm 34, 19


Wie lange genau war Iris bereits wach und starrte an die Decke des Zimmers? Sie wusste es nicht; vielleicht fünf Minuten, vielleicht mehrere Stunden. Sie war hier erwacht und hatte sich seitdem nicht bewegt. Ihr Bruder war tot. Die Peggys hatten ihn erschossen. Iris kannte diese Information und doch konnte sie sich nicht bewegen. Es fiel ihr schwer zu Atmen und wenn sie probierte sich zu konzentrieren, begann sich alles vor ihren Augen zu drehen. Die Wut war wie verpufft, der metallische Geschmack von Blut, den sie noch immer auf der Zunge schmeckte, widerte sie an. Nie hätte sie gedacht, dass sie jemals so auszurasten würde, jemanden so verletzen könnte. Doch der Geschmack von Blut war ein dunkles Mahnmal.

Immer wieder kamen Personen an dem Zimmer vorbei, sie hörte die Schritte vor der Tür, doch niemand kam hinein. Nichtmal als die Tür sich öffnete und Jemand mit schweren Schritten hinein kam, sah sie auf. Ihr Blick verweilte an der Decke. “Du bist ja schon wach, Pup.” Jacob Seed hatte eine angenehme Stimme. Dunkel, rauchig und ruhig. Und obwohl er meist ohne große Emotionen sprach, spürte man doch den Spott in seiner Stimme. Sogar jetzt, wo er einen Spitznamen für sie nutze, fühlte sie die Gefahr, die von ihm ausging. “Steh auf”, befahl er, doch Iris bewegte sich kein Stück. Kurz war es ruhig, dann schnalzte Jacob mit der Zunge. Offensichtlich war er unzufrieden, dennoch kam er langsam näher und sein Narben geziertes Gesicht rutschte in Iris’ Blickfeld. “Ich muss sagen, ich war von deinem, nennen wir es bissigen, Einsatz überrascht. Jetzt steh auf, sonst muss ich dich zwingen.”

Langsam fokussierte Iris ihren Blick auf Jacobs Gesicht, auch wenn ihr schlecht wurde, die Wut wuchs langsam. “Du bist der Grund, dass mein Bruder tod ist”, sprach sie leise, ihre Stimme kratzig. Jacobs Gesicht ließ keine Möglichkeit zur interpretation, er müsste wirklich Poker spielen, er wäre unschlagbar. Nach ein paar Sekunden schüttelte er den Kopf. “Du hast dich auf unsere Seite gestellt, wolltest mit dem Feuer spielen und hast dich verbrannt. Du hast mir den Standort der Whitetail Militia und damit den Standort deines Bruders verraten. Du hast deinen Bruder getötet.” Iris’ Mund wurde mit einem Schlag trocken und sie starrte den rothaarigen Mann über sich geschockt an. Tief im inneren wusste sie, dass es nicht stimmte. Sie hatte ihren Bruder nicht getötet, sie hatte keine Waffe auf ihn abgefeuert. Dennoch änderte dieses Wissen nichts daran, dass sie sich schuldig fühlte. Denn ihr Beitragen war unbestreitbar.

Jacob musterte sie ruhig, bemerkte jede Emotion, die im Inneren von Iris brannte. Als sie sich langsam aufrichtete, hatte er das Gefühl, sie würde endlich hören. Doch damit, dass sie sich auf ihn stürzte und zu Boden riss, hatte er nicht gerechnet. Die zierliche Frau sprang weit oben gegen seine Brust und brachte ihn somit aus dem Gleichgewicht, kurz darauf prallte er auf den Boden und sie landete auf seinem Bauch. Wollte sie den gleichen Stunt veranstalten, wie bei seiner Wache vor wenigen Stunden noch? Iris begann gegen seine Brust zu schlagen und landete sogar einen Treffer in seinem Gesicht ehe er hart nach ihren Händen Griff und sie gegen ihre Brust presste. Mit einer gekonnten Bewegung rollte er sich über sie, presste sie mit seinem Körpergewicht nach unten während sie weiter zappelte. Wütend probierte sie ihn mit den Beinen zu treten, doch er war schwer und sein Gewicht hinderte sie daran, richtig Luft zu holen. Alles spielte sich binne weniger Sekunden ab, nichteinmal das Überraschungsmoment hatte ihr helfen können ihn zu überrumpeln.

Nach kurzer Zeit ging ihr die Luft auf und sie stoppte damit, um sich zu schlagen. Mit kühlem, abschätzendem Blick musterte der älteste Seed sie. “Hast du dich beruhigt?”, fragte er sachlich aber etwas genervt. “Geh runter”, murmelte Iris nur als Antwort und blieb still liegen. Ihr war zum Schreien und zum Heulen zumute, dennoch wusste sie nicht, was sie als nächstes tun sollte. Jacob stand auf und verschränkte die Arme. “Ich frage nicht noch einmal. Steh auf.” Langsam erhob sich Iris und sah an sich hinab. Ihr Kleid war noch immer Dreckig, getrocknetes Blut und Schlamm an jeder Stelle. “Gut”, stellte er fest, “John und Faith waren zu freundlich zu dir, ich werde da anders sein.” Iris hatte keine Zweifel an der Aussage, schnaubte trotzdem kurz.

“Dein Bruder hat mir versprochen, dass für mich und meinen Bruder ein Platz bei euch frei ist, wenn ich euch helfe. Jetzt ist mein Bruder tod und es ist nicht meine Schuld, sondern deine.” Iris wusste, sie hatte keine Chance Jacob irgendetwas zu tun, weder im Kampf noch emotional, doch ihre Angst vor den Seeds war wie weggeblasen. Was hatte sie auch groß zu verlieren? Ihren Platz im Bunker? Ohne ihren Bruder wollte sie diesen eh nicht. Jacob wirkte nicht wirklich interessiert an ihrer kleinen Rede. “Geh duschen, Kleidung liegt im Bad.” Jacob war gut im Befehle erteilen, zeigte auf eine anliegende Tür. Iris widersprach nicht und machte sich nur auf den Weg.

Zwar fühlte sich die Dusche gut an, allerdings hielten Gedanken Iris davon ab, das warme Wasser zu genießen. Eigentlich war die Situation doch zum Heulen, warum also vergoss sie keine einzige Träne? Ihr Bruder war tot und sie stand unter der Dusche, während der Mörder vor der Tür wartete. War sie so kaputt? War dieses Gefühl der Hilflosigkeit das, was Menschen mit PTSD fühlten? Waren es depressionen? War es einfach nur Stress? Iris hatte nie eine psychische Krankheit gehabt, vielleicht war sie wirklich einfach nur kaputt. Jacob hämmerte gegen die Tür. “Beeilung”, donnerte seine dunkle Stimme durch das Holz und Iris trocknete sich ab und sah sich die Kleidung an. Es war eines der Kleider, die Faith ihr besorgt hatte. War sie hier? Egal ob Faith manipulativ war oder nicht, sie war die einzige der Seeds, der sie wirklich Vertraute. Vielleicht war es das Bliss, wer weiß - aber zumindest wurde sie dort nicht geschlagen.

Iris zog sich an und schlüpfte in ein altes paar Turnschuhe. Sie sah zwar frischer aus, fühlte sich jedoch genauso schlecht wie vorher. Als sie die Tür öffnete, stand Jacob mit verschränkten Armen vor ihr. Er musterte sie mit prüfender Genauigkeit, ehe er ihr in die Augen sah. “Folg mir.” Ohne auf eine Antwort zu warten, machte er sich auf den Weg, er ließ keinen Widerspruch zu. Er hätte genausogut Beifuß sagen können -  denn es war offensicht, dass er den gleichen Gehorsam wie von einem Hund verlangte. Wenn sie nicht schnell genug war, dann rief er ihr zu, sie sollte sich beeilen. Sie starrte auf seinen Hinterkopf und dachte über verschiedene Wege nach, ihren Bruder zu rächen. War das Mordlust?



-2-
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene.
Hebräer 13,3


Nur nebenbei bemerkte Iris, wo sie sich befanden, als sie das Gebäude verließen. Viele Peggys trainierten um sie herum, doch sobald Jacob sich näherte, herrschte sofort ein angespanntes Klima. Die Männer schienen ihn zu respektieren. Fühlte es sich so beim Militär an? Doch viel interessanter als die Peggys waren die Käfige. Käfige gefüllt mit Menschen. Mitglieder der Resistance aber auch vereinzelte Zivilisten und sogar Peggys lagen im Schlamm am Boden. Einige beleidigten Jacob als er vorbei lief, andere klammerten sich an die Stangen und flehten um ihr Leben, die letzte Gruppe lag gebrochen im Schlamm und vegetierte vor sich hin. Es war grausam und Iris stoppte mehrmals um jemanden anzustarren, wurde jedoch jedes Mal von Jacob dazu aufgefordert, weiterzulaufen.

Sie folgte Jacob so lange über das Gelände, bis er stehen blieb und Iris fast in seinen Rücken lief. Vor ihnen standen Käfige gefüllt mit Wölfen. Sie fletschten die Zähne, knurrten und teilweise griffen sie sich sogar gegenseitig an, doch alle stoppten sie sofort, als Jacob näher kam. Wie hatte er es geschafft wilde Tiere so zu trainieren? Langsam glitt ihr Blick über die Käfige, dann erstarrte sie in der Bewegung. In einem kleinen Käfig zwischen den Wölfen, bewacht von zwei Peggys mit schwerer Bewaffnung, kniete ihr Bruder. Er rüttelte an den Gitterstäben, die sich keinen Zentimeter bewegten. Einer der Peggys hob das Gewehr und wollte ihm gegen die Finger schlagen, doch Jacob stoppte ihn. “Ab”, knurrte er und brachte die zwei Peggys mit seinem knappen Befehl zum gehen. Iris stand nur wie angewurzelt da, Mund in verwirrung weit geöffnet.

Jacob musterte erst den junior Deputy, dann die junge Frau neben ihm, die langsam nach vorne schritt und sich vor ihrem Bruder im Schlamm hin kniete. Auch sie umfasste die Gitterstäbe und begann schließlich doch zu weinen. “Du lebst, oh Gott, du lebst”, flüsterte sie, doch ihre Stimme war kaum mehr als ein Windhauch. Damian umfasste ihre Hände über den Gitterstäben und drückte diese sanft. Erleichterung überwältigte sie und Iris begann erst stärker zu weinen, dann zu lachen und schließlich sah sie wütend zu dem Seed auf, noch immer mit Tränen in den Augen. “Du hast mir gesagt, ich wäre für seinen Tod verantwortlich!” Jacob, unbeeindruckt von ihrem Wutausbruch - er war Schlimmeres von vom jüngsten Seed gewöhnt -, stand mit gestraffter Haltung vor ihr. Er zuckte nur mit den Schultern. “Er lebt, doch hast du nicht das getan, wofür du da warst. Der Deputy hasst uns noch immer, oder Damian?” Iris Bruder zog Luft durch die Nase ein und Spuckte vor Jacobs Füße.

“Fick dich, Jacob. Ich werde deine kleine Brüder noch immer ins Gefängnis bringen, aber vorher tue ich ihnen noch etwas weh.” Scheinbar kannte Damian genau die wunden Punkte, die er drücken musste, um Jacob Gefühle zu entlocken, denn der Seed beugte sich langsam vor. Starrte Damian wütend an. “Wenn es nach mir ginge, wärt ihr beide schon längst tod”, begann Jacob, doch Damian unterbrach ihn. “Es geht aber immer nach Joseph, oder Jaky?” Damians Seitenhiebe waren gemein und normalerweise würde sie ein Grinsen auf seinen Lippen erwarten, doch ihr Bruder sah Jacob nur kalt an. Jacob stoppte und blieb einige Sekunden ruhig, ehe er weiter sprach: “Joseph sagte mir, ihr würdet gemeinsam mit uns in den Garten kommen.” Eine schwere Hand legte sich auf Iris Schulter und Jacob zog sie auf die Beine. “Jedoch hat deine Schwester uns gesagt wo ihr euch aufhaltet und jetzt hast du deine kleinen Soldatenfreunde getötet. Wie fühlt es sich an so verraten zu werden? Dann Freunde zu töten?” Damians Blick huschte kurz enttäuscht zu seiner Schwester, dann jedoch wurde er wieder zornig. “Wie es ist meine kleinen Soldatenfreunde zu töten? Wenigstens habe ich sie danach nicht gegessen, Seed”, fauchte Damian zurück und dieses Mal war es wohl zu viel. Jacob schnellte vor und griff Damian durch das Gitter am Kragen, er zog ihn hart zu sich hin, dass sein Kopf gegen die Stäbe knallte. “Ich muss nur die Musik spielen und könnte dich alles tun lassen. Ich werde es genießen dich zu brechen, Damian.”

Jacob spuckte den Namen förmlich aus, dennoch war Jacobs Stimme ruhig und berechnend - nur seine Gesichtszügen spiegelten seine wahren Gefühle von Hass und Kälte wieder. Er warf den Deputy zurück in den Schlamm, drehte sich dann zu Iris um. “Komm”, rief er und stapfte davon. Damian sah seine Schwester flehend an, doch was konnte sie schon großartig tun? Jacob zu Boden werfen und darauf bestehen, dass er ihren Bruder freiließ? Das hatte ja vor einigen Minuten schon sehr gut funktioniert. Sie warf einen entschuldigenden Blick zurück, flüsterte, “Ich komme wieder zu dir zurück”, dann folgte sie Jacob. Sie musste fast rennen um seinen großen Schritten folgen zu können. Er ging zurück ins Haus und die Treppe nach oben. Er schloss die Tür zu einem Zimmer auf, klein, mit einem Schreibtisch, einem Bett und einem Schrank. Kaum etwas, das auf benutzung schließen ließ.

Jacob zog den alten Holzstuhl unter dem Schreibtisch hervor und zeigte auf ihn. “Setz dich.” Wie immer war sein Ton befehlend und Iris folgte einfach seiner Anweisung. Beide blieben ruhig, Iris noch immer überwältigt von dem hin und her ihrer Gefühle. Lange würde ihr Herz das nicht mehr mitmachen. “Die Schwächsten von allen sind die, die ihre Familie verraten. Nicht das es mich stören würde, wenn es um den Deputy geht, allerdings will ich dich verstehen lassen, dass ich alles tue um meine Familie zu schützen.” Sein Blick verriet Iris genau, was er von ihr hielt, doch die Anschuldigung tat weh. “Mir ist egal ob ich Schwach bin oder nicht, aber ich habe meinen Familie nicht verraten!”, fluchte sie wütend und wollte vom Stuhl aufstehen, doch Jacob machte einen warnenden Schritt nach vorne. Sie blieb sitzen.

“Ich hab ihn nicht verraten”, wiederholte sie vehement, “ich tue alles, um ihn vor sich selbst zu retten!” Nervös kratzte Iris über ihren Arm und sah vor sich auf den Boden. “Ihr wisst alle, dass ich an nichts von dem Glaube, was Joseph erzählt. Aber ich weiß, dass er mit dem Untergang recht hat. Ich will doch nur, dass mein Bruder mit mir überlebt. Ist es selbstsüchtig? Ja! Aber ich habe ihn sicherlich nicht verraten!” Nachdem sie gesprochen hatte, sah sie flehend zu ihm auf. “Du würdest doch auch alles für deine Brüder tun! Ich würde über die Leichen aller Bewohner von Hope Country steigen, nur um mit ihm zu überleben. Nenn mich schwach, nenn mich selbstsüchtig oder moralisch falsch - ist mir egal. Aber sag niemals, ich würde nicht alles für meine Familie tun!”

Iris atmete schwer nach ihrem Ausbruch, Jacob wirkte weiterhin unbeeindruckt, allerdings waren seine angespannten Schultern etwas nach unten gesunken. Er brummte leise, nachdenklich, dann nickte er. “Ja, du bist schwach. Aber wie ich bereits deinem Bruder sagte - auch die Schwachen haben ihren Sinn.” Er ging zu dem kleinen Fenster des Raumes, sah nach unten auf den Hof. “Die Schwester des größten Sünders hat uns gewählt. Alles läuft in die richtige Richtung - das zumindest sagen unsere Männer.” Er klang nicht überzeugt, lachte leise und kalt über diese Aussage, aber sah weiter nach unten auf den Hof. “Außerdem hast du mir den Standort der Whitetail Militia gebracht.” Iris wusste nicht, woher sie den Mut nahm, aber sie erwiderte schlicht: “Wann genau bist du fertig mit deinem Monolog?” Jacob zog eine Augenbraue in die höhe, wurde jedoch nicht wütend. “Ich bemerke die Verwandtschaft.”



-3-
Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.
Matthäus 25, 40


Jacob war kein angenehmer Zeitgenosse und er schien es sich als persönliche Aufgabe angenommen zu haben, Iris zu tyrannisieren. Andererseits fühlte sich Iris schlecht sich selbst so zu bemitleiden, während neben ihr Menschen in Käfigen gefangen waren. Sie fühlte sich wie ein Schoßhund, morgens weckte er sie auf, nahm sie mit zu jeder seiner täglichen Aufgaben - sei es Peggys zu trainieren, Gefangene zu züchtigen oder schlichtweg zu essen. Er redete kaum mit ihr, außer die paar Befehle, die er Iris gab. Ab und zu, fast schon provokant, führte er sie am Käfig ihres Bruders vorbei. Jedes mal versetzte es ihr einen Stich, von Tag zu Tag sah er schwächer aus. Was Jacob nicht wusste war, das sie dagegen bereits etwas unternahm. Sie hatte gesagt, sie würde alles für ihren Bruder tun und das war auch so - nur gut Ding will Weile haben.

Abgesehen davon, das Jacob fast nie zu schlafen schien - der Tag begann um 5 Uhr nachts und endete frühestens um Mitternacht -, spornte er sie zu Hochleistungen an. Hochleistungen, die sie nicht erbringen konnte. Iris wurde dazu verdonnert das Training der Peggys mitzumachen, nur beim Schusstraining wurde sie entlassen. Doch Iris war nicht sportlich - sie war weit davon entfernt. Viel mehr war sie einfach nur abgemagert und schwach. Muskeln waren kaum zu sehen. Bereits nach einer Liegestütze lag sie im Schlamm - wenn es überhaupt eine wurde. Jedes Mal machte Jacob sie vor versammelter Mannschaft fertig, doch es ließ sie kalt. Iris wusste, im vergleich zu dem was andere hier erfuhren, waren die Beleidigungen nur leere Worthülsen. Jacob vertraute auf das Wort seines Bruders - wenn Jacob sagte, Iris war wichtig, dann würde er ihr nichts tun. Das änderte nichts daran, dass er sie herumscheuchen, als wäre es seine liebste Aufgabe.

Vor ihr im Schlamm lag ein großer Autoreifen. Die Aufgabe war es, ihn umzudrehen und so eine Strecke zu absolvieren. Die meisten Peggys waren schon bei ihrer dritten Runde, Iris hatte nicht einmal eine geschafft. Verzweifelt krallte sie sich in das kalte Leder und drückte den Reifen nach oben, doch immer wieder rutschten ihre Füße im Schlamm nach hinten ab und sie verlor den Halt. Wieder und wieder probierte sie es, doch bei ihrem letzten Versuch landete sie mit dem Gesicht im Schlamm. Erschöpft blieb sie liegen - es war ihr egal wie lächerlich es aussehen musste. Sie hatte seit Tagen kaum richtig geschlafen, kaum gegessen und ihrem Bruder ging es noch schlechter. Ihr war übel vor Sorge, ihr Körper gab langsam nach.

Ein Schatten erschien über ihr und blockte die warmen Sonnenstrahlen vor ihrer Haut. Langsam sah sie auf, in der Erwartung von Jacob fertig gemacht zu werden, doch es war nicht der älteste Seed. Stattdessen lächelte John auf sie hinab. “Vielleicht sollte man dich mal mit einem kalten Schlauch abspritzen, so dreckig wie du bist”, feixte er und Iris presste ihre Lippen fest zusammen. Sie würde sogar lieber die harschen Worte von Jacob hören, als nur ein Wort von dem jüngsten Seed. “Aber vielleicht magst du es auch dreckig”, stellte er mit dunkler Stimme fest und kniete sich etwas hin, betrachtete ihr schmutziges Gesicht von Nahem. Iris ging nicht auf die Aussage ein und setzte sich auf, die Sportkleidung, die ihr einige Nummern zu groß war, voller Dreck. Sie wollte etwas erwidern - endlich traute sie sich parole zu geben -, doch Jacob kam ihr zuvor.

“John, sie soll trainieren. Was willst du?”, sprach der Ältere und Iris war ihm fast schon dankbar. “Entschuldige John, ich bin leider beschäftigt”, sagte sie triefend vor Sarkasmus und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Schlamm klebte nun an seinem teuren Hemd. Es war ein lächerlich kleiner Sieg, aber in ihren momentanen Umständen fühlte sie sich toll. Es war das erste Hoch seit Tage und als sie sich wieder bückte um den Reifen zu stemmen, klappte es sogar. Doch viel weiter war sie so von den zwei Seeds nicht entfernt und ein zweites mal schaffte sie es nicht den Reifen zu heben. Die Männer betrachteten sie am Boden mit dem Schlamm und dem Reifen kämpfend. John wirkte so amüsiert, dass er sich nicht einmal über sein Hemd beschwerte. Stattdessen stellte er belustigt fest: “Joseph möchte nach all dem was passiert ist, noch einmal zu einem Essen zusammenrufen. Du bist auch eingeladen, Iris.” Die Art und weise wie er ihren Namen aussprach war ihr zuwider. So zuckersüß und falsch.

“Warum sagt er mir das nicht über Funk? Warum kommst du vorbei?” Wie immer sachlich und direkt sprach Jacob seine Fragen aus. John sah nur zu Iris runter. “Ich habe mich angeboten, immerhin wollte ich meinen großen Bruder auch mal wiedersehen.” Jacob schnaubte, Iris hätte fast gelacht, hätte John nicht noch weiter gesprochen: “Außerdem wollte ich unsere kleine Sünderin fragen, wann sie endlich zur Taufe kommt.” Sanft spannte Iris ihren Körper an, sie hatte fast vergessen, dass sie noch nicht wirklich ‘dazu gehörte’. “Vermisst du mich etwa in deinem teuren Haus, John?”, bevor sie sich stoppen konnte hatte sie die Worte bereits ausgesprochen und bereute sie fast sofort. Je länger sie bei den Seeds war, desto weniger fürchtete sie sich. Aber die Seeds waren gefährlich - das durfte Iris nicht vergessen. Beide Seeds blieben sehr still, ehe John den Kopf zur Seite legte und wieder so falsch lächelte.

“Es war schön dich stöhnen zu hören, als ich dir deine Sünden auf die Haut geschrieben habe. Das vermisse ich, ja. Wollen wir das noch einmal wiederholen? Du hast mir viel verraten aber vielleicht finde ich ja noch mehr.” Iris wurde etwas blasser und sah zur Seite. Sie wusste wann sie still sein musste. Jacob brummte leise, dann überblickte er das Gelände. Die meiste Zeit über handelten die Peggys ganz autonom, Jacob tauchte nur ab und an auf und kontrollierte die Zustände. Zufrieden mit der Situation drehte er sich zum Haus. “John, lass uns drinnen reden.” John warf ihr einen gespielt entschuldigenden Blick zu. “Ich muss dich leider verlassen, aber wir sehen uns ja beim Essen.” Iris sah ihm hinterher und musterte sogar kurz seinen Hintern. John war ein gut aussehender Mann - schade, dass sein Charakter so hässlich war.

Kaum dass sie weg waren, wurde Iris von einem Peggy angeschrien, der etwas höher im Rang war. Zwar hielten sich alle zurück ihr wirklichen körperlichen Schaden zuzufügen, dennoch hatte Jacob allen klar gemacht, dass sie nicht mit Samthandschuhen zu behandeln sei. Iris war sich sicher, es ging nur darum sie zu brechen. Irgendeine militärstrategie um Soldaten gefügig zu machen. Doch sie war kein Soldat und sie hatte nicht vor sich zu wehren. Zumindest in keinem Ausmaße, das den Seeds gefährlich werden könnte. Jacob kannte ihre Absichten und doch zwang er sie immer wieder zu ihrer körperlichen Grenze. Gehörte das zum Training? Würde sie bald zu kopflosen Marionette, wenn sie ein bestimmtes Lied vernahm? Vielleicht war sie ja auch nur paranoid und Jacob machte es einfach nur Spaß sie zu quälen. Wenn sie so darüber nachdachte - dass würde am Besten zu ihm passen.
Review schreiben