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Bis zum Ende der Welt

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Faith Seed Jacob Seed John Seed Joseph Seed OC (Own Character) Rookie / Junior Deputy
14.04.2019
24.03.2020
14
46.718
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01.05.2019 4.463
 
Kapitel 1
Das erste Abendmahl


-1-
Der Herr spricht: Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege
und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.
2. Mose 23, 20


Sie leuchtete, wie ein Engel, umhüllt in göttliches Licht. Zarte Gesichtszüge umrahmt von blonden Locken. Das Kleid, in strahlendem Weiß, verschwamm mit dem Licht der Deckenlampe, als Iris ihre Augen öffnete. Diese Frau war so schön, das warme Lächeln verhieß Hilfe und Vertrauen. Iris ließ einfach los, ihre Augen schlossen sich erneut, in dem Moment wo ein seltsamer grüner Hauch ihr den Schmerz nahm, der von ihrem Bein nach oben in den Rest ihres Körpers kroch.



„Aufwachen, “ – Ihr Kopf pochte stark, aber ihr Körper fühlte sich federleicht an. Der Schlaf wie auf Wolken, das Erwachen wie in der Hölle. Plötzlich spürte sie wieder jeden kleinen Knochen und Muskeln in ihrem Körper und als sie ihre Augen öffnete, brannte sich das Deckenlicht auf ihre Netzhaut. Stöhnend presste sie sich die Hände auf das Gesicht, in der Hoffnung das Licht ausblenden zu können. „Ich habe dir Wasser gebracht.“ Die Stimme war hoch, aber nicht unangenehm. Eher wie ein melodischer Singsang, als ein quietschen. „Wer bist du?“ Iris Stimme klang fremd für sie selbst, rau und schwach. Trockener Schweiß stand noch auf ihrer Stirn, Schlucken war schwer.

Eine zarte Hand schob sich zwischen ihren Nacken und das Kissen, half ihr sich leicht aufzusetzen. Kaltes Glas traf auf ihre spröden Lippen und gierig nahm sie ein paar Schlucke, ehe sie zurück ins Bett sank. Vorsichtig probierte Iris ihre Augen erneut zu öffnen und sah wieder die junge Frau aus ihrem Traum. Dieses Mal ohne das strahlende Licht aber noch immer wunderschön. „Ich bin Faith, ich habe dein Notsignal gehört und konnte dich doch nicht sterben lassen.“ Faith, wie schön ihr Name war – passend zu ihrem Äußeren. Vorsichtig drehte Iris ihren Kopf und sah sich in dem Zimmer um. Alles war ordentlich, nicht verrottet. Warmes Licht des Tages flutete durch ein Fenster in den Raum und ein paar weiße Blumen rankten sich an der Wand entlang, als wäre das Haus mit der Natur verwachsen.

„Dankeschön“, murmelte Iris leise und setze sich erneut auf, dieses Mal um ihren verspannten Nacken zu strecken. „Ich kann dir leider nichts als Entschädigung geben.“ Wieder lachte Faith auf, hell und glockenklar. „Was wäre ich für eine Christin, wenn ich einer Seele in Not nicht ohne Gegenleistung helfen würde? Wie ist dein Name?“ Die Wochen die Iris bereits in Hope Country war, hatten sie gelehrt, dass die Christen hier anders waren. Sie war bei weitem nicht gläubig, bezeichnete sich selbst als Agnostikerin aber hatte nie etwas gegen Gläubige gehabt. Doch die Frequenzen die sie in den letzten Wochen aufgeschnappt hatte, vertraten alles andere als christliche Werte. Mehr oder weniger hatte sie sich zusammenreimen können, dass aus einer christlichen Gruppierung eine extremistische Organisation entstanden war. Wahrscheinlich war Damian auch deswegen hierher geschickt worden.

„Dankeschön“, wiederholte Iris ihre Worte erneut, kurz angebunden, da sie nicht wusste, was sie ansonsten sagen sollte, „Ich bin Iris.“ Vielleicht war Faith auch eine von diesen Fanatikern, wobei sie so unschuldig aussah. Faith schüttelte ihren Kopf, die blonden Locken hüpfen fröhlich um ihr Gesicht. „Mach dir keine Sorgen, du kannst dich gerne für einige Zeit hier ausruhen, der örtliche Arzt hat dich behandelt und das Gift neutralisiert.“ Mit nachdenklichem Blick verfolgte Iris die junge Frau, wie sie sich erhob und einmal drehte. Das Kleid tanzte um ihre schlanken Beine, ihre Füße waren nackt. Irgendwie machte Faith ganze Äußere Iris nachdenklich. Niemand konnte in ihrem alter so unschuldig sein, oder? „Ich habe dir Kleidung gebracht, dort ist das Bad und wenn du die Tür nimmst und den Gang nach unten gehst, dann ist da die Küche. Essen ist bereits fertig. Lass die Zeit.“ Fröhlich zeigte Faith auf die verschiedenen Türen, dann wurde Iris mit ihren Gedanken alleine gelassen.

Still saß Iris noch ein paar Sekunden bewegungslos im Bett. Diese Gastfreundschaft in einer Zeit des Krieges verwirrte sie, machte sie skeptisch. Trotzdem würde sie vorerst nichts sagen. Dankbar war sie allemal. Mit schmerzenden Gliedern kletterte sie aus dem Bett, nahm die Kleidung, die auf einem Stuhl lag und bewegte sich ins Badezimmer. Fließendes Wasser hatte sie seit Wochen nicht mehr gesehen, sie konnte sich förmlich selbst riechen. Mit einem Blick in den Spiegel bemerkte Iris erst wie schrecklich sie aussah. Wangen schmutzig, Lippen trocken und aufgeplatzt. Mit einer Hand gingt sie sich durch die braunen Locken, blieb aber mit den Fingern an einigen Knoten hängen. Ihre braunen Augen waren dunkel unterlaufen und wirkten glanzlos. Diese Situation hatte sie gefühlt 2 Jahre altern lassen. Seufzend legte sie ihre Kleidung auf das Waschbecken und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser spülte den Dreck der letzten Wochen zusammen mit ihrer Anspannung den Abfluss hinab.

Mit dem vorhandenen Shampoo machte sie sich sauber und entknotete ihre Haare. Wie lange genau sie im angenehmen Nass stand wusste sie nicht, aber als sie seelisch bereit war weiter zu machen, kletterte sie raus und trocknete sich ab. Die bereitgestellte Kleidung entpuppte sich als ein sehr schlichtes graues Kleid. Iris‘ Geschmack traf es nicht, sie zog es trotzdem an. Als sie in den Spiegel sah, fühlte sie sich schon viel besser, sauber und entspannt. Dennoch wie eine Kirchenmaus. Die Kleidung passte einfach nicht zu ihr. Als ihr Magen knurrte, wurde sie an die Einladung zum Essen erinnert. Iris straffte ihre Schultern und machte sich dann auf den Weg. Die Wand im Flur war aus Beton, es fühlte sich eher an wie ein Bunker als ein Haus. Trotzdem wanden sich weiterhin weiße Blumen am Stein entlang. Der Geruch entspannte sie auf eine komische Art, die sie sonst nur von Alkohol kannte. Genau konnte sie es jedoch nicht beschreiben.

Als sie die Küche betrat roch sie sofort einen angenehmen Geruch, der ihren Magen erneut zum knurren brachte. Faith saß auf einem Stuhl, sprach in ein Satellitentelefon und sah mit einem angespannten Gesichtsausdruck auf die Tischplatte vor sich. Als die Blonde die Anwesenheit von Iris bemerkte, schwenkte ihr Ausdruck von angespannt zu fröhlich innerhalb weniger Sekunden. „Bruder, ich muss auflegen. Mein Gast ist aufgetaucht. Ja. Wir sprechen Morgen. Bitte mach dir keine Gedanken, ich erledige die Aufgabe und melde mich wieder.“ Wieder dieses Lächeln, während Faith sie ansah. Iris war sich nicht sicher wie viel mehr hinter diesem Lächeln steckte aber sie würde ihrer Gastgeberin nicht vor den Kopf stoßen, nicht nachdem sie vermutlich ihr Leben gerettet hatte.

„Was ist mit den Kosten für den Arzt? Wie kann ich dafür aufkommen?“, fragte Iris und setzte sich Faith gegenüber, welche nur den Kopf schüttelte. „Keine Sorge, meine Familie kann es sich leisten. Lass uns essen und in der Zeit erzählst du mir, was dich nach Hope Country bringt?“ Iris war misstrauisch aber was sollte schon großartig passieren. Faith stellte zwei Teller auf den Tisch, vollgeladen mit Rührei und Kartoffeln, ihr Blick neugierig und abwartend - also erzählte Iris von den Bürgerkriegen, den Bomben im Ausland, ihrer Furcht vor dem Atomkrieg und den Wunsch mit ihrem Bruder zu fliehen. Faith schien nicht erstaunt zu sein, als hätte sie das meiste schon gewusst, aber in ihren Augen schwebte Mitleid. Ob echt oder nicht konnte Iris nicht erkennen.

„Ich kann verstehen wie es ist, sich eine starke Familie zu wünschen. Ich nehme an, dein Bruder ist der Junior Deputy?“ Die Frage überraschte Iris und sie stocherte mit ihrer Gabel etwas in ihrem Rührei umher. „Du hast meine Funksprüche gehört nehme ich an? Ich hatte gehofft, dass er sich bei mir meldet.“ Faith nickte nur zustimmend. „Ich muss zugeben, dein Bruder hat mir und meiner Familie einige Probleme bereitet“, sprach sie ruhig und Iris Augen lösten sich von ihrem Teller und schnellten zu der blonden Dame vor ihr. „Was soll das heißen? Du kennst meinen Bruder? Was für Probleme?“ Faith winkte ab, lächelte nur. „Ich kenne ihn nicht persönlich aber er wollte meinen Bruder festnehmen. Seit dem streift er umher und mischt sich in all unsere Angelegenheiten ein.“

Also gehörte Faith doch zu den Fanatikern. Ihr Bruder war es, warum Damian noch nicht wieder Zuhause war. Doch was genau hielt ihn ab? Er könnte es doch einfach gut sein lassen. „Mein Bruder wird schon seine Gründe haben“, antwortete Iris kurz angebunden und stand auf, ihr Stuhl kratzte etwas stärker als nötig über den Boden. „Bleib doch noch, ich hoffe meine Worte haben dich nicht verärgert. Das war nicht meine Absicht.“ Aber was war dann ihre Absicht? „Haben sie nicht, ich würde nur lieber meinen Bruder suchen gehen.“ Faith schenkte ihr ein sanftes Lächeln und erhob sich ebenfalls, kam um den Tisch herum auf Iris zu. „Bitte, bleib noch eine Nacht. Mein Bruder kommt morgen zu Besuch. Ich bin mir sicher, er kann dir helfen deinen Bruder zu finden. Wir hätten beide etwas davon.“

Da war also ihre Absicht. Aber was genau erhoffte sie sich davon? Wenn sie wirklich zu den Fanatikern gehörte, dann waren sie gefährlich. „Ich würde lieber alleine nach ihm suchen, danke für alles.“ Das enttäuschte Gesicht von Faith brachte Iris zum Schlucken. Seufzend streckte Faith eine Hand aus und pustete über diese – als würde sie einen Luftkuss verteilen. „Es tut mir leid, es ist zu unser aller Besten.“ Ein grüner Hauch benebelte Iris Sinne, dann wurde alles Dunkel.



-2-
Ich, der Herr, sehe bis auf seinen Grund, ich kenne die geheimsten Wünsche der Menschen.
Ich gebe jedem, was er aufgrund seiner Taten verdient hat.
Jeremia 17, 10


Iris erwachte ein weiteres Mal im Bett von Faith, dieses Mal jedoch in Panik. Schnell klopfte sie ihren Körper ab, als würde sie nach Wunden suchen – aber alles war wie es sein sollte. Was war das für ein Rauch gewesen? Aufgeregt sah sie sich im Zimmer um, aber keine Sicht von Faith. Schnell stand Iris auf, lief zu Tür und rüttelte an der Klinke. Eingeschlossen. Wie wild hämmerte sie an das Holz. „Lass mich raus, du Schlampe!“ Vielleicht war es nicht die beste Idee sie zu beleidigen aber Adrenalin war eine ziemliche Droge. Ihr Fluchtinstinkt war in dem Moment größer als ihr Verstand und ihre Zurückhaltung.

Wie lange sie auch gegen die Tür hämmerte und schrie, es half nichts. Entweder Faith ignorierte sie oder war gerade nicht da. Erschöpft durch das ganze Schreien ließ sie sich auf das Bett fallen, erschrak jedoch, als eine Stimme hinter der Tür erklang. „Der Zorn liegt wohl in der Familie.“ Eine angenehme, ruhige Männerstimme. Das Umdrehen eines Schlüssels in einem Schloss. Das Knarren der Tür. Panisch trat Iris die Flucht hinter das Bett an, dass sich zumindest irgendetwas zwischen ihr und der Tür befand. Dann betrat er den Raum. Sie musste ihn noch nie gesehen haben, um zu wissen, dass er jemand besonderes war. Seine Aura war angsteinflößend, sein Blick warm und trotzdem berechnend. Seine Haltung entspannt aber gleichzeitig bereit zum Angriff. Ein Mann der Wiedersprüche, ein lebendes Paradox.

Iris blieb hinter dem Bett stehen, angespannt, sorgenvoller Blick auf den Mann gerichtet. „Ich denke meinen Zorn ist verständlich, nachdem ich betäubt und eingesperrt wurde.“ Iris hatte das Bedürfnis ihren Wutausbruch zu verteidigen, doch der Mann schenkte ihr nur ein müdes Lächeln. „Ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Schwester aber ich hatte ihr gesagt, ich würde dich gerne sprechen, mein Kind.“ Mein Kind. Wie förmlich das klang. „Und Sie sind?“, fragte Iris argwöhnisch und blieb an der Stelle stehen, während Joseph die Tür hinter sich schloss und sich in einen freien Stuhl an der Wand setzte. Er wirkte überrascht, als hätte er nicht erwartet, dass sie ihn nicht kennt. „Verzeih. Joseph Seed, die meisten nennen mich den Vater.“ Kurz blieb er still, sein Blick durchbohrte Iris. „Setz dich, ich würde gerne etwas mit dir bereden.“

Seine Stimme war ruhig, aber hatte einen Nachdruck, dem sie nicht wiedersprechen wollte. Also tat sie wie geheißen und setzte sich auf das Bett, schaute ihn argwöhnisch an. „Ich habe deine Funksprüche schon eine Weile verfolgt, ich weiß wer dein Bruder ist und ich könnte dir helfen ihn zu finden, wenn du mir hilfst.“ Iris wusste nicht genau wie sie reagieren sollte. Gehörte er zu dieser extremistischen Organisation? Viel hatte sie über das Radio auch nicht mitbekommen. Vielleicht waren diese Leute auch gar nicht so schlimm? Sie konnte es noch nicht einschätzen. „Wie könnte ich Ihnen denn helfen?“ Sachlich bleiben, das war ihr einziger Schutz. Joseph Seed lächelte, ein ehrliches Lächeln. „Dein Bruder hat mir und meiner Familie große Probleme bereitet. Er ist vom rechten Weg abgekommen und kämpft für seine Überzeugungen. Ehrenhaft aber sein Zorn lässt ihn treiben.“

Joseph empfand also, dass ihr Bruder falsch lag. Aber womit? „Ich muss ehrlich sein Mister Seed. Ich bin nur hierhergekommen um meinen Bruder zu holen und zu gehen. Ich weiß nicht was zwischen Ihnen passiert ist oder warum hier ein kleiner Krieg herrscht aber im Rest der Welt ist es nicht viel besser. Vielleicht wissen sie es noch nicht aber Amerika steht kurz vor einem Krieg und wenn es soweit ist, möchte ich bei meiner Familie sein. Mein Bruder ist alles was ich noch habe. Egal was zwischen Ihnen und meinem Bruder passiert ist, lassen Sie mich einfach gehen und sobald ich meinen Bruder finde, verschwinden wir einfach. Er wird keine Probleme mehr bereiten.“ Sie wollte mit ihrem Bruder reden, wissen was er von der ganzen Sache hielt – ihm vertraute sie mehr als einem wildfremden Mann, egal wie gut dieser mit Worten umgehen konnte.

Joseph blieb still, dachte eine Weile über ihre Worte nach. „Ich wusste, dass es bald so weit sein würde. Dafür haben wir uns lange vorbereitet. Bunker gebaut, Leute rekrutiert. Dein Bruder mischt sich in unsere Angelegenheiten ein aber ich bin ihm nicht böse. Ich möchte ihm nur den richtigen Weg weisen, mein Kind. Wenn er sich unserer Sache anschließen würde, dann könnten wir gemeinsam den Garten betreten.“ Es war als hätte Joseph alles ignoriert, was sie ihm angeboten hatte. „Mein Bruder versucht schon lange den deinen zur Buße zu bewegen. Wir machen hier etwas Gutes, wir retten Leben. Für dich und deinen Bruder ist ein Platz in unserem Bunker übrig, ihr müsstet nur Treue zeugen.“ Bunker? Iris wurde hellhörig. Sie könnten einen Platz im Bunker bekommen, wenn die Bomben wirklich fallen sollten? Sie und ihr Bruder?

„Ich bin nicht christlich, Mister Seed“, antwortete Iris langsam, ließ sich jedes einzelne Wort auf der Zunge zergehen. Als Joseph aufstand und langsam auf sie zukam, wurde sie panisch – doch er nahm nur ihr Gesicht zwischen seine großen Hände und zog ihre Stirn gegen die seine. „Alles zu seiner Zeit. Die Wege Gottes sind unergründlich auch dich wird er irgendwann erreichen. Aber er hat dich auf den meinigen Weg platziert, damit wir uns gegenseitig helfen.“ Sein warmer Atem strich über ihr Gesicht, dann lehnte er sich wieder zurück und lächelte sie überzeugt an. „Lass mich dir von meinem Projekt erzählen, du sollst dir deine eigene Meinung bilden. Begleite mich.“



Iris war sich nicht sicher, wie viel sie den Worten von Joseph trauen konnte und trotzdem; alles was er sagte machte Sinn. Die Gesellschaft war verkommen, zu spät um sie zu retten. Krieg stand bevor und Gott hätte ihm gesagt, er solle so viele Menschen retten, wie es in seiner Macht stand. Er hätte begonnen mit dem Bau von Bunkern und dem Erwerb von dem Land dafür. Menschen die sich ihm nicht anschließen wollten, durften gehen. Doch ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt. So zumindest stellte er es da.

Zusammen gingen sie durch die kleinen Straßen, immer wieder stoppen Menschen und begrüßten Joseph, beteten ihn förmlich an. Die Liebe war spürbar, doch es füllte Iris auch mit Unbehagen. Es war mehr als Liebe, fast schon Unterwerfung. „Viele Einheimische haben sich uns angeschlossen, andere kämpfen noch bis heute gegen uns. Angeleitet von deinem Bruder.“ Joseph blieb vor einer kleinen Kirche stehen und sah auf Iris hinab. „Ich sehe den Zweifel in deinen Augen und weiß nicht wie ich dich davon überzeugen kann. Wir wollen nur das Beste für die Menschen hier und auch nachdem dein Bruder so viele von unseren Leuten getötet hat, steht ihm noch die Tür zum Garten offen. Zusammen könnten wir die Erlösung erreichen.“

An den Garten Eden glaubte Iris nicht aber sollten die Bomben fallen, dann wäre es gut einen Bunker zu haben. Doch wie weit konnte sie Joseph vertrauen? Irgendwie hatte sie das Gefühl, er glaubte selbst was er erzählte, doch wann würde sich alles ändern? Wann würde er seine Meinung ändern und sie zwingen, dass zu tun was er wollte? Wie gerne sie die Meinung ihres Bruders jetzt hören würde. Warum kämpfte er so unerbittlich gegen Joseph, während hier noch immer alles so friedlich wirkte? Sie wusste Damian konnte Zornig sein aber er würde nie grundlos Menschenleben nehmen – oder?

„Was ist, wenn ich mich weigern würde? Hier, jetzt?“ Iris stellte die Frage langsam, wollte klar machen, dass es nicht ihre endgültige Entscheidung war. Wie würde er reagieren? Joseph lächelte, doch selbst durch die Gläser seiner Sonnenbrille erkannte sie, dass das Lächeln nicht seine Augen erreichte. „Es stände dir natürlich frei zu gehen, doch wärst du dann hier nicht mehr willkommen.“ Es schwang eine kälte in seiner Stimme mit, die Iris Körper zum Erzittern brachte. Sie hatte die Drohung vernommen. „Wenn ich also ja sage, was wäre meine Aufgabe?“

Joseph stellte sich mit dem Rücken zur Kirche und sah nach oben in den Himmel, wie immer wählte er seine Worte wohl überlegt. „Meine Geschwister führen je ein Gebiet von Hope Country. Dein Bruder probiert sie zu töten. Du darfst dich frei bewegen, dir stehen alle Mittel zur Verfügung aber du musst ihn dazu bringen, sich uns anzuschließen. Zusammen könntet ihr euch taufen lassen. Ihr währt willkommen in den Reihen der unseren.“

Langsam drehte er sich wieder zu Iris und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände, hob ihr Kinn so an, dass sie ihn ansehen musste. „Du bist zwiegespalten aber dein Herz sitzt am rechten Fleck. Du musst uns aus freien Stücken wählen, dann wird sich das Tor zum Garten für dich öffnen. Es sterben zu viele durch Gewalt. Verbring ein Essen mit meinen Freunden, meiner Familie und mir. Lerne meine Geschwister kennen, unser Projekt. Schnell wirst du verstehen, was der richtige Weg ist.“ Sie konnte nicht antworten. Er ließ ihr eine Wahl aber sie konnte schon ahnen, was passieren würde, sollte sie die aus seiner Sicht falsche Entscheidung treffen. Langsam nickte sie. „Zeig mir mehr.“



-3-
Du aber geh jetzt und leg dich zur Ruhe! Am Ende der Zeit wirst du auferstehen.
Dann wird dir das Leben zuteil, das Gott für alle bestimmt hat, die ihm treu geblieben sind.
Daniel 12, 13


Die kleine Gemeinde in der sich Joseph niedergelassen hatte war schön, unberührt und doch sah man überall Fehler. Wie in einem Wimmelbild, kamen die kleinen Feinheiten nicht auf den ersten Blick zum Vorscheinen – hübsche weiß gestrichene Fenster, ordentlich gepflegte Blumen, Munitionskisten. Es wirkte wie ein Wiederspruch; glückliche Leute, liebevolle Nachbarn, doch schulterten alle Gewehre und in weiter Entfernung hallten knallende Schüsse durch das Gebirge. Iris fühlte sich wie ein Alien, gefangen an einem fremden Ort zu dem sie nicht gehörte.

Die Sonne ging bereits unter, den Tag hatte sie mit Joseph verbracht. Er stellte ihr Menschen vor, gläubige Anhänger – doch waren sie unschuldige Lämmchen oder kaltblütige Extremisten? Je länger sie mit den Leuten sprach, desto mehr vermischte sich ihr schwarz-weiß denken zu einem kalten grau. Es war leicht Leute in Schubladen zu stecken, etwas mit gut oder schlecht abzustempeln aber das Leben war leider nicht immer so einfach.

Sie verkniff sich eine voreilige Entscheidung und trotzdem war ihr bewusst; die Leute hier glauben an das, was Joseph predigte. Es war kein Vorwand, um ein anderes Ziel zu erfüllen. Alle hier waren fest überzeugt, dass der Untergang bevorstand und Joseph ihr Hirte war, die Person, die Schutz und den Eintritt in den Garten Eden bieten konnte. Doch Joseph war mehr, als die Fassade, die er zu zeigen bereit war. So viel war Iris sich sicher.



Als ihr die meisten Anwesenden vorgestellt wurden, half sie ein paar Bewohnern beim Aufbau eines Tisches. Die gereichten Speisen ließen Iris das Wasser im Mund zusammenlaufen, trotz allem verkniff sie sich die Frage, in wie fern Joseph Völlerei vertreten konnte, während andere Menschen hungerten. Auch mit Faith unterhielt sie sich, während sie gemeinsam den Tisch deckten. Faith entschuldigte sich, dass sie Iris gegen ihren Willen festgehalten hatte, Iris entschuldigte sich, Faith als Schlampe bezeichnet zu haben. Auch wenn Faith Aktion nicht gerechtfertigt war, war das Mädchen doch so freundlich. Selbst wenn diese Unschuld gespielt war, Iris fand sie sympathisch.

„Wie alt bist du eigentlich? Du und deine Brüder?“, fragte Iris, während sie Geschirr verteilte. Faith drapierte weiße Blumen auf dem Tisch, tanzte barfuß um die Stühle. „Ich bin 24“, begann Faith und nannte das Alter ihrer Brüder, ehe sie die Frage zurückwarf und Iris nach ihrem Geburtsdatum fragte. Drei Brüder sofort, Iris ließ ihre Gedanken schweifen und vergaß Faith Frage für eine Weile, ehe das blonde Blumenkind ihr auf die Schulter tippte. „Aufwachen, Liebes.“ Iris räusperte sich, antwortete schließlich: „Ich bin 29, mein Bruder 34. Wobei es sich manchmal anfühlt, als wäre ich die Ältere.“ Faith lächelte, die kleinen Lachfältchen um ihren Augen wurden stärker und Iris musste sofort zurück lächeln – selbst wenn Faith die perfekte Schauspielerin sein sollte, Iris fühlte sich bei dem jungen Mädchen wohl.

Faith Blick wanderte jedoch über Iris Schulter, ehe sie das Gespräch weiterführen konnten. Für einen kurzen Moment hatte Iris das Gefühl, das Faith Lächeln schwächer wurde, ehe sie wieder zu strahlen begann wie zuvor. Eine Täuschung? Wer weiß. „Bruder Jacob, Bruder John!“ Fröhlich tänzelte Faith neben Iris vorbei auf die neuen Ankömmlinge zu. Auch Iris drehte sich langsam um, sah wie Joseph mit zwei weiteren Männern auf den Tisch zukam.

Der eine hätte in ihrem Teeny-Zimmer sicher auf einem Boygroup Plakat verewigt an einer Wand hängen oder die neuste Mode in einer Zeitschrift präsentieren können – strahlendweiße Zähne, ordentliches Auftreten, Ausstrahlung von einem Fuckboy, der mit seiner Selbstsicherheit noch nie auf die Schnauze gefallen war. Der Andere gekleidet in Tarnmuster, einer allgegenwertigen Aufmerksamkeit, gewählte Bewegungen sowie einem Gesicht geziert von angsteinflößenden Narben und einem kaltem Blick - die Personifikation des Menschen, von dem Eltern ihre Kinder warnen. „Wenn er dich bei der Hand nimmt und dich mitnehmen will, dann schreist du um Hilfe!“

In Gedanken musste Iris ein Lachen unterdrücken, spürte dann jedoch den Blick des Soldaten auf sich. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, sein Blick war einschüchternd und doch war es der Fuckboy, der sich als erstes bewegte und auf Iris zukam. „Joseph hat bereits von dir erzähl!“ Wie Joseph zuvor, breitete Fuckboy seine Arme aus, während er auf Iris zutrat. „Ich bin John. Wie angenehm dich kennenzulernen.“ Mit einem gekonnten Lächeln, legte er seine Hände auf ihre Schultern, beugte sich vor und deutete einen Kuss auf ihrer rechten und linken Wange an, verweilte dann jedoch mit seiner Wange eine Weile neben ihrer. „Ich freue mich schon, deine Taufe zu erleben.“ Seine Worte ließen einen eiskalten Schauer über Iris Rücken laufen.

Er machte einen Schritt zurück, als Joseph näher kam. „Iris, angenehm“, erwiderte sie, ließ sich ihre Nervosität jedoch nicht anmerken. John trug Prada, Hochmut also. Die Familie schien fleißig Sünden zu sammeln, obwohl sie doch so gläubig waren. Der Soldat blieb mit verschränkten Armen vor der breiten Brust neben Joseph stehen. Er hob sein Kinn etwas an und nickte Iris zu, brummte dann in einer dunklen Baritonstimme: „Jacob.“ Wie die Seeds so vor Iris Standen, fühlte sie sich etwas fehl am Platz. Jeder wirkte auf seine Art angsteinflößend, doch alles versteckt hinter einer undurchdringlichen Fassade. Joseph war es, der die angespannte Stille durchbrach. „Es werden gleich noch ein paar Ausgewählte erscheinen, heißt sie willkommen. Doch nun setzen wir uns erstmal.“

Er nahm Iris bei den Schultern und drückte sie auf den Platz neben sich, mit einer ausbreitenden Geste seiner Hände, wies er auch seine Geschwister an sich zu setzen. Erst dann fiel Iris auf, dass die Stühle nur auf einer Seite des Tisches verteilt waren, innerlich schüttelte sie den Kopf. Die Seeds waren eine komische Familie und nun zwischen ihnen zu sitzen, als sei Iris bereits ein Teil davon, machte sie nervös. Sie saß zwischen Joseph und Jacob, während der jüngere der zwei Brüder ein ruhiges Gespräch mit Faith begann, sah der Rothaarige Iris ungeniert an. Sein kalter Blick durchbohrte sie, suchte nach etwas, irgendwas. Seine Hand lag auf einem großen Jagdmesser, das an seinem Gürtel befestigt war und Iris schluckte. War das ein Instinkt von ihm oder eine stille Drohung? So oder so, Iris drehte den Kopf beiseite und beobachtete lieber Joseph.



Abendmahl, anders konnte man es nicht bezeichnen. Joseph hatte noch ein paar seiner besten Männer eingeladen, was scheinbar eine große Ehre war, da sie ihrem Prediger förmlich aus der Hand fraßen, während er Bibelzitat nach Bibelzitat rezitierte. Eins musste man ihm lassen, er war gut mit Worten und seine Ausstrahlung war charismatisch. Es war kein Wunder, das er so viele Jünger um sich hatte versammeln können. Jünger war der richtige Ausdruck, etwas anderes fiel Iris für diese blinde Verehrung nicht ein. Trotzdem war zwischen diesem fanatischen Denken Fetzen von Wahrheit. Moralisch konntest Iris seine Handlungen nicht rechtfertigen aber seine Standpunkte trotz allem verstehen.

Das Essen verlief träge und Iris fand keine Ruhe, Nervosität ließ sie angespannt auf ihrem Platz sitzen, ihren gefüllten Teller hatte sie kaum angerührt. Gezwungenermaßen hatte sie ab und an Worte mit den anderen gewechselt, wenn sie angesprochen wurde, hatte die meiste Zeit der Gespräche jedoch nur gelauscht, sich ihre eigene Meinung gebildet. Eine Meinung die sie lieber nicht laut äußern würde, nicht zwischen dieser Familie, nicht während die meisten Personen an diesem Tisch bewaffnet waren – alle außer ihr.

Iris wollte nicht Teil dieser Organisation werden, wollte sich nicht taufen lassen und schon gar nicht gegen Menschen kämpfen, die nur ihr Grund und Boden verteidigten. Zwar wirkte Joseph auf den ersten Blick vernünftig, aber es war eine Besonnenheit in seiner Stimme, die Iris zögern ließ. Sie war noch nicht lange in Hope Country aber dieser Krieg fand nicht ohne Grund statt und sie vertraute ihrem Bruder Damien, auch ohne seine Meinung gehört zu haben. Er Kämpfte gegen die Seeds und darauf vertraute sie.

Der Sonnenuntergang tauchte das Feld, auf dem sie ihr Mahl veranstalteten, in ein tiefes rot. Die Jünger begannen bereits aufzuräumen, während sich Joseph zu Iris drehte und sie anlächelte. Freundlich, doch so viel mehr. „Also mein Kind, wozu hast du dich entschieden?“, hörte sie die Stimme des Vaters, doch sie vernahm auch den kalten Blick von Jacob in ihrem Rücken, sah das gefährliche Grinsen von John vor sich und spürte Faith beruhigende Berührung an ihrer Schulter. Man hat immer eine Wahl, in jeder Situation des Lebens, doch manchmal wurde sie stärker Beeinfluss als man sich wünschte. Diese Familie war entweder Iris Tod oder ihre Rettung vor dem Untergang.
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